Jesus – ein Steuerberater?

Markus 12, 13 – 17

13 Und sie sandten zu ihm einige von den Pharisäern und von den Anhängern des Herodes, dass sie ihn fingen in seinen Worten.

Sie, die Leute des Synhedrium, lassen nicht locker. Sie suchen nach Möglichkeiten, ihn in seinen Worten zu fangen. Sie wollen Jesus Fallen stellen, damit er sich um Kopf und Kragen redet. Deshalb kommen jetzt einige von den Pharisäern und von den Anhängern des Herodes. „Die Beteiligung der Herodianer fällt auf; sollen Römerfreunde und Römerfeinde gegen ihn Hand in Hand arbeiten?“ (W. Grundmann,  aaO.  S. 326) Es kann aber auch schlicht heißen: die religiös und politisch Mächtigen greifen ihn jetzt an. Und er, Jesus, steht zwischen allen Fronten. Den einen verdächtig, weil das Volk ihn als Messias zu verehren scheint – das bringt die Staatsmacht auf den Plan. Den anderen nicht mehr nur verdächtig. sie wissen es längst, dass er ein Ketzer ist, der weg muss. Jetzt machen sie – Tempelhierarchie und Staatsgewalt – gemeinsame Sache. Ein Hinweis darauf dass die Situation sich zuspitzt.

 14 Und sie kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen, sondern du lehrst den Weg Gottes recht. Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen?

             Das Gespräch wird eröffnet. Mit einer ehrerbietigen Anrede: Meister. διδσκαλε Als „Lehrer“ ist er anerkannt, aber nicht als der Gesandte, nicht als der geliebte Sohn (1,11; 12,6). Es folgen Schmeicheleien, die dick aufgetragen wirken: Jesu Unabhängigkeit wird betont. Er redet niemand nach dem Mund. Und du lehrst den Weg Gottes recht. Statt lehrst recht kann man lesen: lehrst in Wahrheit. Das griechische ληθς heißt wortgetreu „wahrhaftig, ehrlich  ohne verheimlichendes Täuschen, zuverlässig.“(Gemoll, aaO. S. 32)

             Es ist absurd: Sie sagen, was die christliche Gemeinde von Jesus glaubt. Aber sie selbst sagen es nur als Fallensteller, nicht als Glaubende. So treten sie – die Leser des Evangeliums sollen das doch wohl merken –  im Grunde neben die unreinen Geister, die auch sagen: „Du bist Gottes Sohn.“ (3,11), aber auch nicht glauben.

Endlich rücken sie mit ihrer Frage heraus: Wie ist das mit der Steuererhebung? Muss man sie zahlen? Hinter der Frage steckt: „Es geht um die Anerkennung des Kaisers als Herrscher.“ (W. Klaiber, aaO. S. 228) Die Steuer an den Kaiser, an Rom  ist für die Juden zur Zeit Jesu eine Last, die sie schmerzt, nicht nur des Geldes wegen, sondern weil sie ihnen ihre Unfreiheit immer wieder vor Augen führt.

Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? Das klingt, als würden sie wirklich für sich persönlich seine Empfehlung suchen, seinen Rat brauchen, um die eigene Unsicherheit zu bewältigen. Wir sind auf Dich und Dein Urteil angewiesen. Die Falle ist klug, listig gestellt. Bejaht Jesus die Steuer, so bringt er das Volk gegen sich auf. Verneint er sie, so kann man ihn beschuldigen: Er ruft zum Steuerboykott auf – und damit würde er ein Fall für die Römer.

15 Er aber merkte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Was versucht ihr mich?

             Jesus hört die Frage und durchschaut sie. Sie ist nicht die Frage der Fragenden. Die haben sie für sich selbst längst beantwortet. „Die Pharisäer hatten sich dahingehend entschieden, dass sie die Steuer zahlten, mag sie auch von ihnen als eine von Gott dem Volk auferlegte Last betrachtet worden sein.“(J. Gnilka, aaO.  S. 152) Es geht ihnen also nicht mehr um eine Klärung für sich selbst, sondern – und das ist ihre Heuchelei πκρισις – nur darum, Jesus zu versuchen.

τ με πειρζετε; – warum versucht ihr mich? Markus verwendet hier – bewusst doch wohl – genau das Wort, mit dem er am Anfang des Evangeliums die Versuchungen Jesu durch den Satan geschildert hatte. Damit ist klar: die ihn so fragen, treten in die Fußspuren des Versuchers in der Wüste.

 Bringt mir einen Silbergroschen, dass ich ihn sehe! 16 Und sie brachten einen. Da sprach er: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. 17 Da sprach Jesus zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Und sie wunderten sich über ihn.

             Jesus bleibt Herr der Lage. Eine Münze, einen Silbergroschen  lässt er sie holen und sich zeigen. Doch wohl auch, weil er damit demonstrieren kann, dass er selbst jedenfalls keine hat. Sie aber bringen eine. Und nun fragt Jesus: Was ist das für ein Bild und eine Aufschrift  auf dieser Münze? Mit Bild und Aufschrift ist die Herkunft der Münze zu klären. „Der Silberdenar ist eine Münze, die Macht- und Kultsymbol in einem ist.“(W. Grundmann, aaO.  S. 327) Zeigt sie doch den Kaiser mit dem Lorbeerkranz, als Gottheit und die Aufschrift nennt ihn Pontifex Maximus – Oberster Brückenbauer, Priester.

Sie können die Münze identifizieren, weil sie ihnen nicht fremd ist. Sie kennen das Bild und die Umschrift auf der Münze. Sie haben keine Wahl, als zu sagen: Das Bild des Kaisers. Damit aber ist die Sache entschieden. „Die Gegner Jesu haben den Reichsdenar in der Tasche, obgleich er das Hoheitszeichen des Kaisers trägt. Sie haben darum kein Recht, dem Reichsoberhaupt aus politischen Gründen den Steuertribut vorzuenthalten.“(E. Stauffer, Die Botschaft Jesu, damals und heute, Bern-München 1959, S. 106) Diese Münze ist römisch und gehört dem Römer. Gebt ihm, was ihm gehört.

Aber Jesus wäre nicht Jesus, wenn er nicht das andere dazu sagt: Gebt Gott, was Gottes ist. Er hat in diesem Gespräch nicht nur eine ihm gestellte Falle geschickt vermieden. Sondern er hat  ihnen das gesagt, was seine Botschaft von Anfang an ist: Das Reich, das nahe gekommen ist, fordert den Menschen, endlich Gott zu geben, was ihm gehört: Glauben. Liebe. Hoffnung. Sich mit dem eigenen Leben ganz in Gott zu gründen. Sind sie doch dazu berufen, als Bild Gottes in dieser Welt zu leben, sein Erbarmen und seine Güte abzubilden im Umgang mit allem, was lebt.

 Zum Weiterdenken

Das ist, weit über das Gespräch damals hinaus, die Herausforderung Jesu auch an uns: Trefft eure Lebensentscheidungen so, dass sie der Art Gottes entsprechen. Seiner Art, die sich erbarmt, die sich der Armen annimmt, die Schutzlosen in Schutz nimmt, die keinen verloren gibt. Werdet Bilder des barmherzigen Gott in einer Welt, die oft so unbarmherzig und gnadenlos mit denen umgeht, die unten sind.

Hinter der Szene taucht die weitergehende, ernsthafte Frage auf, gültig bis zu uns heute. Gibt es für den Zugriff des Staates in die Gestalt des Lebens eine Grenze? Es gibt, so sagt der Herr Jesu, einen Anspruch des Staates, der zu Recht besteht. Wer vom Staat profitiert, muss ihm auch Solidarität entgegenbringen. Es gibt aber auch die Grenzen: Gebt Gott, was Gottes ist. Der Zugriff des Staats hat seine Grenze da, wo die Freiheit der Kinder Gottes im Spiel ist.

Ich formuliere für mich ins Unreine, Ungefähre: Der Staat kann das Versammlungsrecht einschränken. Er wird das in Zeiten von Corona sogar tun müssen, Davon sind auch Gottesdienste betroffen. Aber der Staat überschreitet seine Grenze, wenn er Gottesdienste verbietet.Täglich, von Montag bis Sonntag ist unsere Kirche ab Donnerstag, dem 19. März in der Zeit von 10 – 18 Uhr für alle geöffnet, um zu beten und inne zu halten. Im Kirchenraum finden wir Gebete und Texte, die unsere persönliche Andacht unterstützen können. Wir sammeln Gebetsanliegen und bringen diese stellvertretend vor Gott.“(Gemeinderundbrief 1-2020, Kirchengemeinde Dortelweil) Diese Art Gottesdienste kann der Staat nicht  verbieten! Darum wünsche ich mir an dieser Stelle den tapferen, öffentlichen Widerspruch kirchenleitender Menschen gegen plakative Verbote von Gottesdiensten.

In der Spur dieses Wortes Gebt Gott, was Gottes ist, das die Verpflichtung gegen Gott in einen scharfen Kontrast zur Verpflichtung gegenüber der Forderung Roms stellt, sagt Petrus zusammen mit Johannes:  „Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott.“ (Apostelgeschichte 4,19) Und weil einmal ja keinmal ist, sagt Petrus es dann gleich noch einmal, nicht mehr als Frage, sondern als klare Position: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Apostelgeschichte 5,29)

Es ist gut, sich einzugestehen: Wir haben uns mit dieser so klaren Aussage als christliche Kirchen oft schwergetan. Bis auf diesen Tag. Und oft genug wohl dem Staat mehr gehorcht, mehr zugestanden, als es gut und geboten war. Wir sind – als Kirchen – anpassungsbereiter, als es unser Botschaft und unserer Seele zuträglich ist. Gebe Gott, dass wir tapfer sind, wenn wir zu einem Gehorsam gefordert werden, zu einem Verhalten, das der unbedingten Zugehörigkeit zu Gott widerspricht.        

 

Heiliger Gott, lehre mich die klare Unterscheidung, die mich Bürger sein lässt und Christ, mich meine Bürgerpflichten ernst nehmen lässt, aber auch meine Christenrechte.

Gib Du mir den Mut, auch mein Bürgersein nicht abzulösen von Deinem Willen, Deinem Wort, dem Vertrauen auf Dich. Hilf mir dazu, dass ich in einer säkularen Welt durchhalte, dass ich Deine Güte abbilde, dass ich Dein Erbarmen lebe, dass mich kein Gesetz des Staates davon befreit, Deinen Willen zu suchen und zu tun. Amen