Gottes Antwort auf den Hass

Markus 12, 1- 12

1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden:

             Ihnen – das sind nach dem Textzusammenhang die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten. Jesus hat also das Gespräch mit ihnen noch nicht abgebrochen, sie noch nicht abgeschrieben.  Er sucht sie weiter. Deshalb redet er zu ihnen in Gleichnissen. παραβολα. Es ist an ihnen, wie sie diese Geschichte hören und verstehen.

 Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.

 Jeder der Zuhörer Jesu hat mit diesen ersten Worten Wirklichkeit vor Augen. So geht es in Israel zur Zeit Jesu. „Weite Teile Galiläas, der Meggidoebene und des Jordangrabens waren von der Perserzeit an Großgrundbesitz, teilweise in königlicher Hand, mit dem verdiente Beamte oder Freunde belehnt wurden.“(J. Gnilka, aaO.  S. 144) Solcher Grundbesitz wurde verpachtet – oft an Weinbauernkollektive.

Aber auch das andere wird wohl mitgehört –  die prophetische Überlieferung, die im Volk lebendig ist: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.“(Jesaja 5, 1-2)Wie im Weinberglied des Jesaja geht es auch im Gleichnis Jesu um die Erwartung der Frucht. Und diese Nähe macht sofort deutlich: Hier wird nicht nur gegenwärtige Erfahrung erzählt. „Hinter dem Weinbergbesitzer wird Gott erkennbar, der mit der Erwählung des Volkes die Heilsinitiative ergreift.“(J. Gnilka, aaO.  S. 145)Und er hat, wie im Weinberglied alles getan, damit der Weinberg Frucht bringen kann.

Danach geht er ins Ausland. In die Fremde. Es gibt eine Zeit, in der Israel sich gottverlassen vorkommt. Gott ist wie ausgewandert. Verstummt. Nicht mehr greifbar. Und der Weinberg ist so den Weingärtnern überlassen. Zu treuen Händen. Das ist nicht nur Zumutung, das ist auch Zutrauen. So ist es mit dem Leben: „Man hat etwas anvertraut bekommen, daraus geht hervor, dass man für das Anvertraute verantwortlich ist; und also muss man die Verantwortung auch wahrnehmen.“(E. Drewermann, aaO, S. 240)

  2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs nähme. 3 Da nahmen sie ihn, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort.

             Erntezeit. Der Besitzer des Weinbergs sendet, um seinen Anteil zu erhalten. Die Pacht. „Ein bestimmter Anteil des Ernteertrags war an den Grundherrn abzuführen.“(J. Gnilka, ebda.) So kennen es die Zuhörer – und müssen doch gerade deshalb instinktiv über den Fortgang erschrecken. Das Pächterkollektiv verweigert die Zahlung. Warum? Kein Wort dazu. Keine Bitte um Aufschub, keine Bitte um Nachlass, weil die Ernte schlecht ausgefallen wäre. Das könnte man ja verstehen. Aber es gibt keinen Grund. Mehr noch und schlimmer: „Der Knecht empfängt an Stelle der erwarteten Früchte Schmach und Prügel.“(J. Gnilka, ebda.) Solchen Widerstand gegen anstehende Pachtzahlungen soll es in Galiläa immer wieder gegeben haben.

Hier trennt sich Jesu Gleichnis vom Weinberglied. In ihm sucht der Weinbergbesitzer nur vergeblich nach Frucht. Hier dagegen stößt seine Suche auf offenen Widerstand. Allerdings – im Ergebnis ist es gleich: Keine Frucht.

 4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5 Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie.

Es ist, als könnte der Mann in der Ferne nicht glauben, was da geschieht. Als würde er es nicht wahrhaben wollen, wie sie mit seinen Leuten umgehen. Was für eine „Geduld und Langmut des Herrn, aber auch, was für eine Widerspenstigkeit der Winzer.“(J. Gnilka aaO. S. 146) Verständlich ist dieses Verhalten des Grundherren nicht. „Welcher Gutsbesitzer würde das hinnehmen und unter diesen Umständen immer neu versuchen, ohne Zuhilfenahme staatlicher Gewalt seine Außenstände einzutreiben?“(W. Klaiber, aaO. S. 223)

             Aber spätestens hier, in dem rabiaten Umgang mit den Gesandten – die einen schlugen sie, die andern töteten sie – wird deutlich: Jesus erzählt eben nicht nur Zeitgeschichte, sondern er deutet im Gleichnis Geschichte Israels, die „gewaltsame Ablehnung der Profeten“(J. Gnilka, ebda). Dabei ist die Beobachtung wichtig: mit dieser Sicht stellt sich Jesus nicht gegen Israel. Sondern er ist eine Stimme unter anderem, die so auf früheres Verhalten schauen: „Auf diese Weise werden die Sendung und das Geschick der Propheten beschrieben, wie es auch im selbstkritischen Rückblick in Israel gesehen wurde.“(W. Klaiber, ebda.)

  6 Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn; den sandte er als Letzten zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen.

             Einen hat der Herr noch. Den eigenen geliebten Sohn. υἱὸν γαπητν. Es sind die gleichen Worte, die die Himmelsstimme bei der Taufe Jesus ausspricht: υἱὸς γαπητς (1,11). Diese Wortwahl macht es schon deutlich: Jesus spricht von sich selbst. Das ist sein Selbstbewusstsein: ich bin der eine geliebte Sohn. Gesandt, um die Frucht für den Herrn einzusammeln.

 7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg.

           Sie aber, die Weingärtner sehen ihn und planen den Mord an ihm. Wenig vor dem Gleichnis hatte es geheißen: sie trachteten danach, wie sie ihn umbrächten. (11,18) Jetzt erzählt Jesus im Gleichnis diese Planungen. Und deckt das heimliche Motiv auf: „Mit der Gewalttat meinen sie, ihre Privilegien festschreiben zu können.“(J. Gnilka aaO. S. 147)  Sich endgültig in den Besitz des Weinbergs setzen zu können. Wo kein Erbe ist, ist auch kein Anspruch mehr. So ist ihre Rechnung.

Draußen, vor dem Weinberg werfen sie den Leichnam hin. Draußen vor der Stadt, auf dem Hügel Golgatha wird Jesus sterben. Es ist mit Händen zu greifen: „Das Schicksal Jesu wird verständlich als ein typisches Prophetenschicksal. Immer war es so, dass die Boten Gottes abgewiesen wurden, ermordet wurden, ausgestoßen wurden. Wie also sollte es in seinem Leben anders sein?“ (E. Drewermann, aaO. S. 235)

  9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.

             Das ist die Antwort: Jetzt wird der Herr des Weinbergs kommen. Und er wird Gericht halten. Es bleibt nicht ungesühnt. Die Langmut und Geduld dieses Herren ist nicht blind. Und auch nicht grenzenlos. So wie Gott nach unendlicher Geduld doch Jerusalem der Zerstörung preisgegeben hat, so wird er auch hier, am Ende, die Konsequenz ziehen.

             „Diese Antwort verkündet den Führenden Israels das Gericht.“(W. Grundmann, aaO.   S. 324) Und doch: Diese Antwort ist völlig ungeeignet, um eine Enterbung Israels als Weinberg Gottes zu begründen. Nicht der Weinberg wird verworfen, sondern die Winzer, die ihn sich gewaltsam aneignen wollten, werden ersetzt. „Die Geschichte des Weinbergs geht weiter mit anderen, mit einem neuen Gottesvolk, das aus Juden und Heiden besteht und in der Sendung und Tötung des Sohnes begründet ist.“  (J. Gnilka ebda.)  

 10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«?

             Das Gleichnis ist fertig erzählt. Ein Schriftwort wird hinzugefügt. Jesus richtet es an die Mitglieder des Synhedrium, die sich als Erbauer Jerusalems fühlen: „Erbauer Jerusalems, das ist das große Synhedrium, welche sitzen und erbauen durch jede Frage.“  (Midrasch Hohel 1,5, zit. nach W. Grundmann, aaO., S. 324) Ihnen sagt Jesus: Was ihr verwerft, der,  den ihr verwerft, der ist in Wahrheit der Eckstein. Er wird von Gott her bestätigt werden.

 12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.

            Das Gleichnis Jesu ist angekommen. Sie haben verstanden. Sie haben verstanden, dass  er ihnen Mordpläne unterstellt, dass er sie anklagt und ihnen das Gericht Gottes ansagt. Was folgt daraus? Nichts weiter, als dass sie ihren Plan weiter verfolgen. Jetzt erst recht.  Aber da ist keine Bereitschaft zur Umkehr, zum Umdenken, zum Innehalten. Nur ihre Furcht vor dem Volk, das auf diesen Nazarener so große Stücke hält, hindert sie noch am Handeln. So räumen sie das Feld. Bis auf Weiteres.

Zum Weiterdenken

Es muss nachdenklich machen: dieses Gleichnis wird zur Anklage, die zwar gehört wird, aber keine Umkehr bewirkt. Es ist, als würde im Gegenteil der Hass und die Bereitschaft zum Töten verfestigt im Denken. Wir werden es ihm zeigen, diesem Gutmenschen aus Nazareth. Kann es sein, dass die öffentliche Anklage: Was euch treibt, ist der Hass, die Gier nach Macht und das Spiel, das ihr spielt, ist ein Spiel, das sich am Hass nährt – dass diese Anklage kontraproduktiv ist. Sie verstärkt nur, was da in Seelen im Gang ist.

Wenn das so ist, dann zeigt sich darin das Problem unserer Zeit: Der Versuch, Hass-Botschaften dadurch zum Schweigen zu bringen, dass man sie als unmoralisch aufdeckt und nachweist, dass sie keinen Anhalt in der Realität haben und die, die sie senden, so zur Umkehr zu bewegen, geht irgendwie ins Leere. Hass braucht keinen „vernünftigen“ Grund- er ist seine eigene Wahrheit. Man muss damit rechnen, dass die Aufdeckung dieses Mechanismus zurückfällt auf den, der so aufklärt.

 

Herr Jesus, bewahre uns vor der Versuchung, uns als die Herren Deiner Kirche aufzuspielen. Bewahre uns vor der Versuchung, nur unseren  Willen und unsere Sicht gelten zu lassen. Bewahre uns vor der Versuchung, Dein Reich mit Gewalt an uns zu bringen.

Bewahre uns auch vor der Illusion, dass wir den Hass dadurch überwinden könnten, dass wir ihn öffentlich sichtbar machen. Deine Antwort auf den Hass, der Dir entgegen schlägt, ist der Weg ans Kreuz. Die Liebe, die bis zum Äußersten geht. Amen