Wer steht hinter Dir?

Markus 11, 27 – 33

27 Und sie kamen wieder nach Jerusalem. Und als er im Tempel umherging, kamen zu ihm die Hohenpriester und Schriftgelehrten und Ältesten 28 und sprachen zu ihm: Aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Macht gegeben, dass du das tust?

             Der Weg führt sie weiter. Wieder nach Jerusalem, wieder in den Tempel. Als wäre nichts gewesen? Oder als wollte er sehen, ob sich seit gestern etwas geändert hat? Sein Kommen bleibt nicht verborgen. Hohenpriester und Schriftgelehrte und Älteste gehen auf ihn zu, stellen ihn, indem sie ihn fragen. Es ist ein Fragen, das ihn in Frage stellen soll.

             Wer steht hinter Dir? Auf wen kannst du dich berufen? Wer hat dich beauftragt? Es geht um die Art seiner Vollmachtξουσα – und um ihre Quelle, ihre Herkunft. Jesus „soll zu einem Bekenntnis seines Sendungsbewusstsein herausgefordert werden.“ (J. Gnilka, aaO.  S.138) Es geht, so denke ich, nicht nur um eine Rechtfertigung der Tempel-Aktion, sondern umfassender um die Frage, woher er sein ganzes Wirken legitimiert.

Sie, die so fragen, wissen genau: Wir stehen nicht hinter ihm. Von uns hat er seine Autorität nicht. Wenn er antwortet, wird er sich auf irgendwelche obskuren Leute berufen müssen, die ihn gelehrt haben. Auf Sektierer, Sondergrüppler und absonderliche Grübler, die es ja reichlich in der Zeit gibt. Oder er beruft sich auf Gott. Dann aber können wir noch einmal ein „Zeichen vom Himmel (8,11) fordern, wie er es schon einmal verweigert hat. Sie wissen sogar: wir haben längst schon unser Urteil gefällt: Er muss weg. Wir stehen gegen ihn.

29 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich will euch eine Sache fragen; antwortet mir, so will ich euch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue. 30 Die Taufe des Johannes – war sie vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir!

             „Jesus geht auf sie ein – „wie das jüdischer Diskussionspraxis entspricht“ – mit einer Gegenfrage.“(W. Klaiber, aaO. S. 222) Und verspricht ihnen Antwort über die Herkunft seiner Vollmacht, wenn sie ihm antworten.

Dann legt er ihnen seine Frage vor: Was ist die Taufe des Johannes – menschliches Machwerk oder vom Himmel? Hinter der Frage wird der christliche Standpunkt erkennbar, „nach dem der Täufer der Vorläufer Jesu ist, der durch die Übernahme der Taufe die Vorläuferrolle des Johannes in gewisser Weise bestätigte.“(J. Gnilka, aaO.  S. 139)

Für Leserinnen und Leser des Evangeliums ist die Antwort auf die Frage Jesu ohnehin längst gegeben: „Wie geschrieben steht im Propheten Jesaja: »Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.« »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!« (1,2-3)Johannes gehört in das Evangelium von Jesus Christus hinein. Er ist von Gott gesandt.

Antwortet mir! ποκρθητ μοι. apokrithete moi. Das klingt ziemlich streng, harsch. Wie eine unausweichliche Forderung. Der Gefragte fordert von den Fragenden ihre Antwort und entlässt sie nicht in die Sicherheit: wir sind die Fragensteller.

  31 Und sie bedachten es bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 32 Oder sollen wir sagen, sie war von Menschen? Doch sie fürchteten sich vor dem Volk. Denn sie meinten alle, dass Johannes wirklich ein Prophet sei.

             „Die Gegenfrage Jesu bringt die Synhedristen in arge Verlegenheit.“(J. Gnilka, ebda.) Man sieht es förmlich, wie sie beieinander stehen, die Köpfe zusammenstecken, beratschlagen, tuscheln – alles Zeichen ihrer Ratlosigkeit.

Was sollen sie auch sagen? Erkennen sie Johannes an, steht die Anfrage vor ihnen: Aber ihr habt euch nicht taufen lassen – warum? Ihr habt ihm nicht geglaubt. Ihr habt seinen Umkehrruf missachtet. Oder aber sie bestreiten, dass er ein Bote Gottes war – und widersprechen so dem, was das Volk denkt. Es sind taktische Überlegungen, die sie anstellen, ohne jedes Fragen nach einer größeren Wahrheit, ohne innere Überzeugung. „So stehen sie als Opportunisten da.“(J. Gnilka, aaO. S. 141)

In diesen Getuschel wird es überdeutlich: es geht ihnen gar nicht um die Klärung der Vollmacht Jesu. Es geht ihnen nicht darum zu wissen, ob hinter ihm die göttliche Macht steht. Ihnen geht es nicht um die Macht des Himmels, sondern um ihre irdische Macht. So sehr sie auch als Hohenpriester und Schriftgelehrte und Älteste die Aufgabe und das Recht haben, geistliche Prozesse zu klären, zu beobachten und zu beurteilen – ihr Getuschel macht deutlich, dass sie nicht ihre Aufgabe erfüllen wollen, sondern einzig und allein ihre Macht behaupten.

33 Und sie antworteten und sprachen zu Jesus: Wir wissen’s nicht. Und Jesus sprach zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.

             Das Gespräch findet ein vorläufiges, jähes Ende. Sie verweigern eine Antwort. Mit der Ausrede, die ihnen vielleicht am schwersten fällt: Wir wissen’s nicht. Leitende Menschen, so meine Lebenserfahrung, gestehen sich nicht gerne ein, dass sie etwas nicht wissen. Und darum auch nicht urteilen und handeln können. Sie geben nur sehr ungern zu: wir sind überfordert. Es wird ihnen – Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten bitter schwer fallen, so zu reden: Wir haben keine Ahnung.

Weil Jesus es spürt, dass diese Antwort nicht aus einem Nicht-Wissen, sondern aus einem Nicht-Antworten-Wollen kommt, verweigert auch er seine Antwort. Zieht sein Angebot zur Auskunft über die Quelle seiner Vollmacht zurück. „Denn er kann nicht damit rechnen, dass sich diese Leute ernsthaft mit seinem Anspruch auseinander setzen, von Gott bevollmächtigt zu sein.“(W. Klaiber, ebda.)Wo es keine Bereitschaft gibt, sich auf die Worte Jesu einzulassen, wird es auch keine Einsicht in sie geben.

Zum Weiterdenken

Die Fragen bleiben offen, die Antworten stehen aus. Was an Jesus zu sehen ist: Nicht jede Frage muss umgehend beantwortet werden. Man kann sie auch offen halten und offen stehen lassen. Die Frage nach der Vollmacht Jesu wird allerdings überhaupt nicht von ihm beantwortet werden. Sie findet ihre Antwort erst später, nach der Kreuzigung. In der Auferweckung Jesu von den Toten. Da sagt Gott durch sein Tun: Ich stehe hinter ihm, der am Kreuz verworfen worden ist. Ich sage mein Ja zu allem, was er in meinem Namen gesagt und getan hat, zum Weg seines Lebens. Seine Vollmacht ist aus dem Himmel, von mir, dem ewigen Gott, seinem Vater.

Es ist die langsam gewachsene Einsicht der biblischen Tradition: Erkennen hat es mit Hingabe zu tun.  Mehr noch: Die Hingabe ist regelrecht die Voraussetzung dafür, dass es zu einem Erkennen überhaupt kommen kann. Es gibt in Sachen des Glaubens diesen bindenden Zusammenhang zwischen Erkennen und der Bereitschaft, sich festzulegen. Wer sich alle Optionen offenhalten will, der wird nichts erkennen. Das ist der Konflikt mit der Erkenntnis-Theorie der Wissenschaften. Die fordert die objektive Distanz und das möglichst weitgehende Ausschalten aller subjektiven Elemente. An dieser Stelle stehen sich Glaube und Wissenschaft gewissermaßen unversöhnlich gegenüber. Die Erkenntnis-Theorie des Glaubens eignet sich nicht für die Wissenschaft, die Erkenntnis-Theorie der Wissenschaft nicht für den Glauben.

 

Mein Gott und Herr. Gib Du mir Mut und Klarheit. Leite Du mich, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, auch wenn sie nichts mehrheitsfähig sind. Bewahre mich vor der inneren Leere, die nichts mehr hat, was ihr heilig ist.

Mache Du mich einfältig, im Glauben fest, in der Wahrheit kühn, im Umgehen barmherzig. Bewahre mich vor der Kälte, die andere abkanzelt und aburteilt, nur die eigenen Interessen kennt und wahrt und dabei die Liebe schuldig bleibt. Amen