Habt Glauben

Markus 11, 20 – 25

 20 Und als sie am Morgen an dem Feigenbaum vorbeigingen, sahen sie, dass er OKverdorrt war bis zur Wurzel. 21 Und Petrus erinnerte sich und sprach zu ihm: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.

 Am Tag danach, dem dritten Tag, den Tag des Einzuges mitgezählt, kommen sie wieder an dem Feigenbaum vorbei. Und sehen ihn verdorrt.Von der Wurzel her“ so wörtlich statt: bis zur Wurzel. Aus diesem verdorrten Baum wird kein Leben mehr kommen. Das Fluchwort Jesu hat sich erfüllt. Petrus bestätigt es – und bestätigt damit nur, dass Jesu Wort wirkt, was er sagt.

 22 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer!, und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen würde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen.

         Geht Jesus auf die Worte des Petrus ein? Auf sein Staunen über die prompte Erfüllung des Fluches? Mit dem Verdorren des Baumes scheint das Fluchwort über Israel erfüllt: Es hat keinen Platz mehr, keine Funktion mehr in der Heilsgeschichte Gottes. Es ist ein fruchtloses Volk geworden. Die Folgerung daraus: Andere, die Christ*innen nehmen jetzt den Platz Israels ein.  Jahrhundertelang haben die christlichen Kirchen genauso gedacht.

Mir scheint dass Jesus dieses hier nicht ausgesprochene, nur angedeutete Denken schon im Ansatz erstickt, abwehrt.  Seine Antwort an Petrus ist nicht wirklich Antworten. Er nimmt Petri Worte zum Anlass zu einer Grundsatzbelehrung in Sachen Glauben. Die Frucht, die Gott sucht, die ich suche – am Feigenbaum und auch bei euch ist: Habt Glauben an Gott! χετε πστιν θεο. Habt Vertrauen auf Gott. Fasst Vertrauen zu Gott. Habt Gottvertrauen. Das ist mehr als: glaubt, dass es Gott gibt. „Das Entscheidende ist, auf Gott und seine Möglichkeiten zu vertrauen.“(W. Klaiber, aaO.  S. 217)Nur dann kommt es ja zu realen Schritten des Glaubens, zu Worten, zu Taten, zu anderem, neuem Verhalten.

Dieser Glaube, dieses Vertrauen auf Gott kann Berge versetzen. Hindernisse aus dem Weg räumen. Er scheitert nicht an den Schwierigkeiten, die das Leben nur zu reichlich zu bieten hat. Es ist ein Glaube, der am Widerstand wächst. „Die Wendung „Berge versetzen“ oder „“Berge entwurzeln“ war sprichwörtlich für eine unmögliche Aufgabe.“(W. Klaiber, ebda.) Einmal mehr zeigt es sich, wie Jesus anknüpft an das, was man im Volk so sagt. „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“(Römer 12,12) Was Paulus ganz ohne Bild sagt, wird hier ins Bild gesetzt. Aber in ein Bild, das in aller Welt begreiflich ist.

 24 Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil werden.

             Aus diesem Vertrauen zu Gott lebt das Beten. Erwachsen Worte, unausgesprochen oder laut geworden, gestammelt und gesungen, manche auch einfach nur geseufzt. In diesem Vertrauen ereignet sich Empfangen. „Ist der Glaube Gott zugewendetes Vertrauen, so ist das Gebet Ausdruck dieses Glaubens. Im Gebet lernt der Betende, den Willen Gottes erkennen, bejahen und um seine Erfüllung bitten.“(J. Gnilka, aaO.  S. 135) Es ist ein Satz, der die gleiche Weite atmet wie die Worte aus der Bergpredigt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“(Matthäus 7,7) Eine Weite, die aus dem Vertrauen auf den Vater im Himmel lebt. Aus dem Vertrauen, dass er gerne gibt, wenn seine Leute ihn bitten.

25 Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen. 26 »Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird euer Vater, der im Himmel ist, eure Übertretungen auch nicht vergeben«

Die Unterweisung zum Beten geht weiter. Jetzt, indem sie die Betenden an die verweist, gegen die sie etwas haben. Eine Klage, einen Vorwurf. Etwas, was sie voneinander trennt. Sich zu dem vergebenden Gott wenden schließt die andere Zuwendung mit ein, die zum Bruder, zur Schwester, die auf das eigene Vergeben angewiesen ist.  „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“(Matthäus 6,12) lehrt Jesus sein Volk beten.

Immer noch keine Idylle. Immer noch auch der Widerstand gegen ein Gebet, das weltvergessen nur sich selbst und den eigenen Seelenfrieden sucht. Beten nach Jesus ist eben nicht nur der reine Akt der Selbstfindung. Die Worte hier, auch wenn der V. 26 erst in späteren Handschrift zu finden ist, weisen darauf hin: „Das Gebet ist fruchtlos bei einem gestörten Verhältnis zum Nachbarn oder Bruder.“(J. Gnilka ebda.) Beten im Sinn und Geist Jesu nötigt dazu, die Verhältnisse untereinander in Ordnung zu bringen, nötigt zu Schritten der Versöhnung und Vergebung.

Man kann es leicht übersehen: Hier wird das Thema der Fruchtlosigkeit noch einmal aufgegriffen. Es gibt einen fruchtlosen Glauben, ein fruchtloses Beten – nämlich immer dann, wenn wir dem Menschen neben uns die Vergebung verweigern, die Versöhnung verweigern, die bedingungslose Liebe schuldig bleiben. Dann werden wir – ob Juden, Moslems, Hindus, Atheisten oder  Christen zum fruchtlosen Feigenbaum.

 Zum Weiterdenken

In Zeiten wie diesen, wo ein Virus ein ganzes Land lahm legt und in Furcht und Schrecken fallen lässt, werden die Worte Jesu zur Herausforderung: Berge ins Meer versenken durch festen Glauben. Das Befehlswort des Glaubens bringt so etwas fertig. Kann man dem Virus befehlen und er stürzt sich ins Meer?Ist das dann der bewährte, von Jesus angesprochene Glaube?

Wer hat in diesem März 2020 noch nicht die exponentiell ansteigende Infektionskurve gesehen – ein ins Unendliche wachsender Berg, dem niemand gewachsen sein wird. Und dahinter die andere Möglichkeit – durch ein Bündel vom Maßnahmen abgeflacht ein Hügel. Schon noch schlimm, aber kein Schreckensbild mehr. Schritte des Vertrauens. Das ganze Bündel an Maßnahmen auf sich nehmen im Vertrauen, dass die, die sie vorschlagen, nach bestem Wissen und Gewissen handeln. So könnte dem hohen Berg Einhalt geboten werden, auch wenn er nicht gleich ins Meer stürzt. Die Zauberformel, die den Berg verschwinden lässt, gibt es wohl nicht. Aber die Vertrauensformel, dass viele kleine Leute durch ihr Verhalten etwas beitragen können zum Abtragen des Schreckensberges. Das ist nicht die schlechteste Weise, mit dem Wort Jesu umzugehen.

Es fällt schon auf: Nur hier, in der Mahnung zum wechselseitigen Vergeben, spricht Jesus nach dem Markus-Evangelium von Gott als „eurem Vater im Himmel“. Das wirkt auf mich, als würde im eigenen Vergeben für uns wahrhaftig erfahrbar, dass Gott nicht ein ferner Gott, irgendwo in den Weiten des Alls oder im Jenseits ist, sondern der nahe, väterlich-mütterliche Gott. Es ist die menschliche Nähe der Vergebung, der Versöhnung, die auch die freundliche Nähe Gottes glauben und erfahren lässt.

Vom Bethaus Tempel kommen Jesus und seine Jünger her und er führt sie jetzt in ein Beten, das den Tempel als Ort überschreitet. In ein Beten über alle Worte hinaus. Aber eben in ein Beten, das immer die Versöhnung sucht. Mit denen, die mir lieb sind und auch mit denen, die mir nicht so lieb sind.

 

Heiliger Gott, Du willst unser Vertrauen. Du willst Dich uns schenken, damit wir begreifen, dass Du uns gut bist. Du suchst unser Vertrauen, damit wir Zuflucht finden bei Dir, unser Fragen und Verzagen vor Dich bringen, unsere Angst vor Dir aussprechen, der alle Ängste trägt, unsere Sehnsucht Dir hinhalten. Du suchst unser Vertrauen, damit wir Schritte der Versöhnung wagen lernen, damit wir über unsere engen Grenzen hinaus finden, hin zu denen, die mit uns leben. Amen