Nur ein Feigenbaum

Markus 11, 12 – 19

 12 Und am nächsten Tag, als sie von Betanien weggingen, hungerte ihn. 13 Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit für Feigen.

            Der nächste Tag ist da. Sie brechen auf aus Betanien  auf den Weg nach Jerusalem. Auf dem Weg sieht Jesus einen Feigenbaum. Und weil ihn hungert, sucht er ihn ab nach Früchten. Sein Hunger zeigt – ein Mensch, wie alle Menschen.  Wenn der Hunger plagt, beginnt die Suche nach etwas Essbarem. Aber da sind keine Feigen, nur Blätter. Denn es war nicht die Zeit für Feigen. Sucht Jesus also zur falschen Zeit Frucht – er weiß doch, dass  jetzt diese Zeit nicht ist? Überschätzt er gar seine Bedeutung? „Auch Jesus kann nicht zur Unzeit verlangen, dass ein Feigenbaum Frucht trägt.“(E. Drewermann, aaO. S. 193)

 14 Da fing Jesus an und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das.

        Es klingt wie Verärgerung, ist aber wohl doch mehr als nur Ausdruck einer Enttäuschung. „Ach, es geht mir wie einem, der Obst pflücken will, der im Weinberge Nachlese hält, da man keine Trauben findet zu essen, und ich wollte doch gerne die besten Früchte haben!“(Micha 7,1) So klagt Gott über seine vergebliche Suche nach Frucht bei seinem Volk.

Um wie viel härter aber ist dieses Wort Jesu. Es ist nicht Klage, sondern Fluchwort. Erst recht erschreckend, wenn es wirklich gilt: „Dieser Baum ist sein Volk.“(P. Schütz, aaO.  S. 397) Was wäre das für ein Fluch aus dem Mund dessen, der das Erbarmen Gottes in Person ist und lebt: Fruchtlos in Ewigkeit. Und ich weiß nicht so recht, ob ich mich so beruhigen kann: „Damit ist kein Urteil über den einzelnen Israeliten gefällt, aber im heilsgeschichtlichen Sinn ein Schlussstrich unter die Geschichte Gottes mit seinem Volk gezogen.“(J. Gnilka, aaO.  S. 125) 

Wahr daran könnte sein: Man muss – nach dem Kommen Jesu – nicht mehr Israelit werden, um Teil zu gewinnen am Heil Gottes. Die Frucht, die den Hunger nach Leben stillt, kommt aus seinen Händen und nicht mehr aus der Zugehörigkeit zu Israel.       

 15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an auszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trage. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.

Der Weg führt in den Tempel. Dort startet eine Aktion, die nur mühsam zu erklären ist als „Folge seiner Beobachtungen am Vorabend“(W. Klaiber, aaO. S. 215) Wortlos fährt Jesus zwischen das Treiben im Tempel. Er bringt den ganzen Betrieb zum Erliegen. Gewaltsam und bedrohlich. Eine Aktion, die so völlig außerhalb der sonstigen Verhaltensweisen Jesu liegt. „Es ist das einzige Mal im ganzen Neuen Testament, dass Jesus vor lauter Zorn handgreiflich wird – eine unglaubliche Szene, die niemand ersinnen oder vermuten würde, stünde sie nicht ausdrücklich in allen vier Evangelien aufgezeichnet.“ (E. Drewermann, aaO. S. 204)Im Tempel ist an diesemTag kein sanfter Jesus am Werk.

       „Was Jesus tat, war mehr prophetische Zeichenhandlung als flächendeckende Säuberung.“(W. Klaiber, ebda.) Jetzt erst, gewissermaßen im Nachgang zur Aktion wird aus dem Mund Jesu die Erklärung geliefert. Bemerkenswert, dass dieser Satz von Markus so eingeleitet wird: er lehrte und sprach zu ihnen. Jesus will, das sein Tun verstanden werden kann. Er sieht das Bethaus Gottes  verwandelt in eine Räuberhöhle. Vorsichtig, wie wir heute sind, würden wir wohl sagen: in ein Geschäftszentrum. Oder anders gesagt: Das Ziel Gottes mit seinem Haus ist durch menschliches Versagen verfehlt, entstellt. Es geht Jesus also um die Wiederherstellung des ursprünglichen Tempel-Sinnes.

Wie ist diese ganze Aktion zu verstehen? Eine Möglichkeit: sie markiert das Ende  des Tempels, sie ist „Ausdruck der Abschaffung seines Kultes.“(J. Gnilka, aaO.  S. 129) Dann hätten wir hier nur eine immerhin historisch bedeutsame Erinnerung vor uns.

Die andere Möglichkeit sieht so aus. Jesus dringt darauf: Der Tempel ist und bleibt das Bethaus. Das Haus, in dem Menschen sich zu Gott hinwenden, weil er sich zu ihnen gewandt hat. Das gilt über den Jerusalemer Tempel hinaus. Für alle Synagogen, für alle Kirchen. Vielleicht sogar für alle Moscheen?

Eine bleibende Folgerung aus diesen Worten Jesu: „Das ist die Kirche: Ort des Gebetes. Ja sie ist, wie es der alte Sprachgebrauch weiß, das Gebet selbst. Ich gehe in die Kirche, das heißt; Ich gehe in das Gebet. Das also ist der Urbegriff der Kirche. Nach ihm ist alles auszurichten, was in der Christenheit von der Kirche gelehrt und in der Kirche gelebt wird.“ (P. Schütz, aaO.  S. 398)

18 Und es kam vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und sie trachteten danach, wie sie ihn umbrächten. Sie fürchteten sich nämlich vor ihm; denn alles Volk verwunderte sich über seine Lehre.

Auch wenn merkwürdigerweise die Tempel-Polizei nicht eingegriffen hat, spricht sich das Geschehen doch rasch herum. Es kommt auch vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten und bestärkt sie nur in ihrem schon lange gefassten Plan Jesus zu beseitigen. Ihn umzubringen. Die Absicht von früher, wie sie ihn umbrächten, πς ατν πολσωσιν (3,16) wird wortgetreu wiederholt. Sie sind seit den Anfängen Jesu in ihrem Denken über ihn keinen Schritt weiter gekommen.

Was sie allerdings in ihrem Vorhaben paradox bestärkt, ist das Volk. Sein Verhalten Jesus gegenüber. Dass es sich über seine Lehre verwunderte. Darüber außer sich geriet. Es nicht fassen konnte. Die Lehre, die seine Worte und seine Taten in gleicher Weise sind, hat es in sich, darin, dass sie über die eigenen, engen Grenzen hinaus führt. Nicht unbedingt in Ekstase, wohl aber in ein grenzenloses Staunen. Es ist dieser Zulauf zu dem Lehrer Jesus und seiner Lehre, διδαχή, die ihn zur Gefahr für die Tempelhierarchie werden lässt.

Gerade dieses Verwundern des Volkes birgt in der Sicht der Tempel-Hierarchie große Gefahren in sich: „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“(Johannes 11, 47-48) Die Folgerung: Jesus ist nicht nur ein harmloser Narr aus Galiläa. Er ist zum Fürchten in seinem Zulauf. Darum: Weg mit ihm.

19 Und abends gingen sie hinaus vor die Stadt.

          Der Tag ist um, die Nacht kehrt wieder. Es war genug an diesem Tag. Sie treten den Rückweg an, nach Betanien.

Zum Weiterdenken

 Zum Feigenbaum ohne Frucht: „Gott selber hat Israel gepflanzt wie einen erlesenen Feigenbaum; Gott selber hat sich in Israel an die menschliche Geschichte gebunden, so als stünde sein eigenes Wohl und Wehe zugleich mit ihm auf dem Spiel; und es ist Gottes sehnsüchtiges Verlangen, dass sein Volk Frucht tragen möge; es besitzt eine Wahrheit, von der die Welt leben könnte, und es gibt weit und breit keinen Ersatz dafür… Tatsächlich sieht denn auch der Feigenbaum Israel sehr vielversprechend aus unter dem Schirm seiner Blätter, und man muss schon nahe genug herangehen, getrieben von wirklichem Hunger nach Nahrung, um den Betrug zu bemerken: dass dieser Baum überhaupt nur Blätter treibt, um die Nahrung zu verweigern… Gott könnte kommen, wann immer er wollte, er käme stets zur Unzeit.“(E. Drewermann, aaO. S. 192f.)  Diese Gedanken berühren sich mit der Frage, wie sie im anderen Evangelium von Jesus überliefert ist: „Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?“(Lukas 18,8) Die Suche Jesu nach den Feigenfrüchten ist symbolbefrachtet. Es geht um die Früchte des Glaubens. So gelesen geht es dann auch nicht mehr um die Szene an diesem Morgen auf dem Weg nach Jerusalem. Die ganze Szenerie weitet sich zu uns heute hin: Wie steht es mit unserem Glauben als Frucht?      

Seltsam: Es gibt keine Aufforderung, diese Aufräum-Aktion Jesu fortzuführen. Sie ist allein Jesu Tat, singulär auf seinem Weg. Wenn dieses Geschehen eine Bedeutung für unsere Existenz als Christ*innen haben kann, dann so: Weil ich möchte, dass der Tempel Gottes keine Räuberhöhle ist, sondern ein Bethaus, räume ich bei mir selbst auf. „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ (1. Korinther 6,19) So also fängt das Reinigen des Tempels bei mir selbst an. In meinem Geist und Sinn. Tempelreinigung in unserer Verantwortung und auch nach unseren Möglichkeiten: Die Gedanken ablegen, die zur Gewalt drängen, die andere rasch verurteilen, die unversöhnlich sind. Die sich selbst zum Maß aller Dinge machen und alle anderen abwerten. Dem Chaos im eigenen Herzen entgegenwirken. Solche Tempelreinigung heißt in der Sprache der kirchlichen Tradition: Buße.

 

Mein Gott, was wirst Du bei uns finden? Nur schönen Schein, nur die Vorspiegelung von Frucht, nur Blätter,die nicht nähren?

Jesus, wir haben uns zu lange beruhigt, dass Deine Gerichtsworte ja nicht uns meinen, nur Israel. Wir aber sind auf der sicheren Seite, weil wir ja zu Dir gehören.

Gib uns Deinen Geist, der Frucht in unserem Leben werden lässt. Gib uns die Leidenschaft der Liebe zu Gott, zu dem Nächsten, die sich nicht beruhigt über dem eigenen Tun. Gib Du uns den Geist Deiner Hingabe, der den Tod nicht fürchtet, weil er das Leben liebt. Amen