Wie soll ich dich empfangen?

Markus 11, 1 – 11

1 Und  als sie in die Nähe von Jerusalem kamen, bei Betfage und Betanien an den Ölberg, sandte er zwei seiner Jünger 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und alsbald, wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet es los und führt es her! 3 Und wenn jemand zu euch sagen wird: Was tut ihr da?, so sprecht: Der Herr bedarf seiner, und er sendet es alsbald wieder her.

             „Vor ihm liegt die Königsstadt. Die Stunde ist gekommen, da er in sie einziehen wird, ihr König.“ (P. Schütz, aaO. S. 397) Aber jetzt steht er erst am Rand, bei den Dörfern, am Ölberg. Von dort sendet er zwei seiner Jünger in das Dorf, das vor euch liegt. Der Name des Dorfes tut nichts zur Sache. Jesus sendet sie mit einem Auftrag, der wirkt, als sendete er sie in eine vorbereitete Situation. Als wüsste er schon alles, was sie vorfinden werden, was nun werden soll. Es ist, wie es sich schon in den Leidensansagen gezeigt hat: der Weg vor ihm ist irgendwie gebahnt.

Matthäus wird ausdrücklich sagen: Damit die Schrift erfüllt wird. „Nach Sacharja 9,9 reitet der messianische Friedenskönig, der Streitwagen, Rosse und Kriegsbogen vernichtet und den Völkern den Frieden bringt, auf einem Esel, dem Fohlen einer Eselin.“(J. Gnilka, aaO. S. 116) Markus verzichtet auf solch einen Hinweis auf die Schrift.

             Auffällig ist die Botschaft an jemand, der die Jünger fragen könnte: Der Herr bedarf seiner, und er sendet es alsbald wieder her. Er rechnet also damit, dass diese Rekrutierung eines Reittieres nicht unbemerkt bleiben wird. πλος ist das Füllen. Ob es ein Esel ist, ist damit nicht gesagt. Das wissen wir nur aus Matthäus und aus dem alttestamentlichen Zitat. Markus begnügt sich wie Lukas mit dem Füllen. Auffällig dagegen ist anderes: Nur hier im Markus-Evangelium verwendet Jesus die Bezeichnung der Herr, κριος für sich selbst. Andere nennen ihn so. Aber er nur hier. Weil das, was jetzt geschehen wird, zeigen wird, wer er ist?

Und, selbst auch wenn er so seine Hoheit betont, gilt gleichzeitig: Er ist verlässlich und eignet sich nicht fremdes Eigentum an. Es ist nur eine Leihgabe, die er erbittet. Rückgabe-Vertsprechen eingeschlossen. 

 4 Und sie gingen hin und fanden das Füllen angebunden an einer Tür draußen am Weg und banden’s los. 5 Und einige, die da standen, sprachen zu ihnen: Was tut ihr da, dass ihr das Füllen losbindet? 6 Sie sagten aber zu ihnen, wie ihnen Jesus geboten hatte, und die ließen’s zu.

            Die Zwei, es ist nebensächlich, wer sie sind, gehen hin und finden alles, wie es Jesus ihnen gesagt hatte. Auch das bestätigt sich: Die irritiert Nachfragenden, die wissen wollen, was hier vor sich geht mit dieser Eselsbeschlagnahmung durch fremde, nicht autorisierte Personen, offensichtlich Privat-Leute, geben sich mit der Auskunft der Jünger zufrieden. Die beiden Jünger geben den Worten Jesu gemäß Auskunft. Auch wenn nicht klar ist, dass sie ausdrücklich sagen:  Der Herr bedarf seiner. Der Rückverweis auf Jesus genügt.

 7 Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Und viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere aber grüne Zweige, die sie auf den Feldern abgehauen hatten.

             Das Füllen wird Jesus zugeführt und „es beginnt eine eigentümliche Demonstration.“ (W. Klaiber, aaO. S. 210) Es wirkt wie Überschwang und aus dem Augenblick geboren. Da ist nichts lange vorbereitet, nichts geprobt. Nicht einstudierte Rollen nach Worten der Schrift. Eine Inszenierung aus dem Hier und Jetzt. Aber selbst in den so zurückhaltenden, nüchternen Worten des Markus ist noch die Freude des Augenblicks spürbar.

9 Und die vorangingen und die nachfolgten, schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! 10 Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna in der Höhe!

             Diese Freude findet dann auch Worte. Wie aus heiterem Himmel, durch nichts, was unmittelbar zuvor gesagt wird, begründet. Auch nicht durch das Reiten auf dem Füllen. „Nun erkennt ihn das fromme Volk. Es jauchzt nun der uralte Königshymnus auf zwischen den Mauern der Stadt.“(P. Schütz, ebda.) Es ist der alte Gruß, der den Pilgern gilt, nicht von vornherein ein Gruß an den Messias: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch, die ihr vom Hause des HERRN seid.“(Psalm 118,26)  

             Im Mund der mit Jesus Ziehenden wird jedoch mehr daraus als ein Begrüßungswort an Pilger. „Der messianische Akzent wird verstärkt.“(W. Klaiber, aaO. S. 211) Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hier wird eine Ahnung hörbar, spürbar, sichtbar: Mit dem Kommen des Davids-Sohnes kommt auch das Reich Davids.

Aufgenommen wird dieser Jubel im Lied, das wir  nur als ein Adventslied wahrnehmen, für die eine Jahreszeit, das aber in Wahrheit ein Lied für den großen Advent, die Ankunft des Herrn ist.

Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!                                                 Gründe nun dein ewges Reich, Hosianna in der Höh!                                      Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk!                                                                           F.H.Ranke, 1826, EG 13

             Es ist so: „Wir haben es mit einer christlichen Bildung zu tun, die die messianische Davidssohnschaft zur Voraussetzung hat.“(J. Gnilka, aaO. S. 118)– auch wenn im ganzen Markus-Evangelium Jesus nie ausdrücklich „Sohn Davids“ genannt wird. Aber so sind die Evangelisten: sie treiben Verkündigung nicht einfach nur dadurch, dass sie „bibeltreu“ zitieren, sondern dadurch, dass sie die biblischen Texte neu in ihre Zeit hinein lesen.

  11 Und er ging hinein nach Jerusalem in den Tempel und er besah ringsum alles, und spät am Abend ging er hinaus nach Betanien mit den Zwölfen.

Merkwürdig: die eben noch gejubelt haben, sind aus der Erzählung verschwunden. Nur noch Jesus ist im Blick. Wie ein Tourist, so mag es scheinen, durchwandert er die Stadt und den Tempel. Er sieht sich alles an. „Der Herr nimmt, was ihm  gehört, in Augenschein.“(W. Grundmann, aaO. S. 305) Als er genug gesehen hat, verlässt er die Stadt wieder. Zusammen mit den Zwölfen kehrt er in Betanien ein. Er braucht die Stadt nicht als Nachtquartier. Sie wird ihn brauchen, später. Morgen ist ein neuer Tag.

Zum Weiterdenken

Es ist ein merkwürdiges Schweigen in der Art, wie Markus diese Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem überliefert.  Er verzichtet auf jede Deutung des Geschehens. Es bleibt auch in der Schwebe, ob es sich um eine spontane Aktion oder eine geplante Demonstration handelt. Es ist, als würde er sich einreihen in die Jubelnden, von der der Ausleger sagt: „Jedoch – es ist in sich schon unklar, ob wenigstens die Leute, die Jesus in diesem Moment zujubeln, ihn richtig verstehen.“(E. Drewermann, aaO. S. 169)Ob sie wissen was sie da tun, mit ihrem Psalmengesang.

Allerdings ist es vielleicht ja wirklich so:  Wissen denn die, die sonntags in der Kirche singen, wirklich, was sie da singen? Oder singen sie über ihr Verstehen und Begreifen hinaus? Wer weiß denn schon, wenn er in Sachen Glauben da Wort nimmt so wie unsereiner, ob er nicht über sein Verstehen und Begreifen hinaus spricht. Ob er den Mund nicht voller nimmt, als es ihm von seinen Erfahrungen her zukommt und zusteht? Vielleicht ist das ja eine Wesensart des Glaubens, dass er in seinem Reden und Singen, in seinen Zeigen und Zeugen Grenzen der eigenen Existenz übersteigen muss?

Markus jedenfalls erzählt nur, fast als wüsste er selbst nicht, wie er mit diesem Überlieferungsstück umgehen soll, das ja doch der Auftakt der Passionserzählungen werden wird. Aber verschweigen will er das Ereignis auch nicht.   

 Wissen wir es besser, wenn wir singen:

„Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein; dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.“             G. Weissel  1642, EG 1

 

Mein Gott, der Jubel des Einzugs damals ist bis heute nicht verebbt. Wir singen immer noch Lieder, die von der Freude an Deinem Kommen künden. Wir strecken uns heute noch Dir entgegen, warten auf das  Kommen, in dem Dein Reich offenbar wird für alle Welt.

Bis dahin aber leben wir und laden Dich ein, in der Hoffnung, dass Du kommst, in der Hoffnung auch, dass wir Dich recht empfangen, auch wenn wir Dich bis heute nicht wirklich verstehen. Amen