Freiwillig?!

Markus 10, 32 – 34

 32 Sie waren aber auf dem Wege hinauf nach Jerusalem und Jesus ging ihnen voran; und sie entsetzten sich; die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich.  

Der Weg hinauf nach Jerusalem geht weiter. Anders gesagt: Jerusalem als Ziel des Weges kommt immer näher. „Hinauf nach Jerusalem ist ein feststehender Ausdruck für die Wallfahrt zum hochgelegenen Jerusalem und zum Tempel.“(W. Klaiber, aaO. S. 198) Er erlaubt aber keine präzise Bestimmung des Wegabschnittes, auf dem sie sind. Jesus führt die Gruppe an. Sie, Jünger, nicht nur die Zwölf, gehen hinter ihm her.

Es ist kein Weg wie jeder andere. Es ist eine innere Unruhe, die über dieser Gruppe und ihrem Weg liegt. Geplagt von einem Gemisch aus Staunen, Ängsten, Furcht und Entsetzen. Woher diese Mischung kommt, ergibt sich nicht aus dem vorangehenden Text. „Ein tiefes Staunen, dass sich die Dinge so gewandt hatten und wie sie sich wohl weiter gestalten und welchen Ausgang sie nehmen werden, lag auf ihrer Seele.“(A. Schlatter, Die Evangelien mach Markus und Lukas, Erläuterungen zum NT 2, Calw 1969, S. 112) So gelesen nimmt der Satz die Reaktionen vorweg, die die nachfolgenden Worte Jesu auslösen werden.

Und er nahm abermals die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren werde: 33 Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. 34 Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.

             Auf dem Weg nimmt er aus den Vielen, die mitgehen, abermals die Zwölf zu sich,  besonders, und sagt ihnen, was auf ihn – und damit auch auf sie – zukommt. Es ist „das dritte und letzte Mal, dass Jesus auf sein Leiden hinweist, wie wenn er Stufe um Stufe bei seinem Weg hinauf nach Jerusalem die Empore eines Opferaltars besteige, der unvermeidbar auf ihn wartet.“(E. Drewermann, aaO. S. 129)

             Seine Ankündigung zeigt: Jesus geht diesen Weg im klaren Wissen, dass es ein Weg ins Leiden ist. Er macht sich nichts vor über das, was ihn erwartet: die Konfrontation mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, das Todesurteil durch die Juden. Er weiß, was das bedeutet: „Im Namen von Religion und Frömmigkeit, von Gesetz und Glaubenslehre, von Moral und Überlieferung abgelehnt und verworfen zu werden.“(E. Drewermann, aaO. S. 132) Die Auslieferung an die Römer – sie sind die Heiden -, die Erniedrigung durch Spott und Hohn und dann der Tod sind nur noch die Folgen dieser Entscheidung der eigenen Leute. Er wird zum absoluten Außenseiter im eigenen Volk.

παραδώσουσιν ist ein Verbform des theologischen Schlüsselwortes παραδίδωμι „hingeben, übergeben, überliefern, zur Verurteilung überantworten.“(Gemoll, aaO. S. 571) Mit diesem Wort beschreibt Paulus die Auslieferung, die Gott über die Menschen verhängt, die sich von ihm und seinem Wort abgewendet haben. So wird sich auch Jesus die Konsequenz seines Weges vollziehen: Er, der „sich über die Autorität des Mose stellte und dabei doch nur eines Zimmermanns Sohn aus Nazareth war, musste unausweichlich mit den Frommen und den Mächtigen und ihren Gesetzen in Konflikt kommen und in diesem Konflikt menschlich gesehen unterliegen.“ (J. Moltmann, Der gekreuzigte Gott, München 1972, S. 124) Sein Überantwortet-Werden an die Heiden ist ein Verworfenwerden durch das eigene Volk. Er wird zum absoluten Außenseiter, zum Ausgestoßenen im eigenen Volk.

Es gibt, das zeigt diese dritte Leidensansage, für Jesus kein Ausweichen vor diesen Weg. Geht er ihn deshalb freiwillig? Oder geht er ihn, gezwungen durch eine Gehorsamsforderung, die für ihn unausweichlich ist? Da ist kein äußerer Zwang. Es gibt keine Stimme vom Himmel, die sagt: auf, nach Jerusalem, ins Leiden. Aber auch das geht mir zu weit: „Der vorangehende Jesus, der aus eigenem Entschluss dieses Ziel anstrebt, und die hinter ihm her ziehende Gefolgschaft setzten den Gedanken der Nachfolge ins Bild und verdeutlichen, dass Nachfolge Jesu Gang zum Leiden ist.“ (J. Gnilka, aaO. S. 96)

 Mich stört, dass Jesus nach dieser Auslegung zielbewusst das Leiden „anstrebt“. Ja, er geht nach Jerusalem, ja, er weiß, was ihn erwartet, aber er ist kein selbstgeleiteter und fehlgeleiteter Märtyrer. Es dürfte stimmen: „Jesus wollte nicht leiden; er wollte es am wenigsten „freiwillig“. Er wollte mit seiner Botschaft von Gott ganz im Gegenteil so viel Glück und Freiheit vermitteln als irgend möglich.“(E. Drewermann, aaO. S. 130) Auf dem Weg mit dieser Botschaft nimmt er Richtung Jerusalem, im Wissen, dass er damit seinem Sterben entgegen geht. Er geht seinen Weg und es wird geschehen, was geschieht. In dem allem erfüllt sich der Weg Gottes. „Das schuldhafte Vorgehen der Menschen und Gottes Vorauswissen fügen sich ineinander, ohne dass sich die Freiheit Gottes und die Freiheit der Menschen gegenseitig aufheben würden.“  (J. Gnilka, ebda.)

 Am Ende der Leidensansage der Lichtblick: und nach drei Tagen wird er auferstehen. Das ist kein Trostpflaster, hebt auch den Schmerz des Leidens nicht auf. Der Blick auf die Auferstehung mildert nichts an der Härte des Weges vorher. Jesus wird zerbrochen, erniedrigt, „entmenscht“ werden. Opfer zum Wegschauen. Aber hinter dem Tod eröffnet sich ein neuer Horizont. Vielleicht darf man sagen: Es ist der Glaube Jesu, dass nicht Menschen, sondern der Vater im Himmel das letzte Wort über ihn sprechen wird.

Das alles kündigt Jesus denen an, die mit ihm voll Entsetzen und Furcht unterwegs sind. Es wäre nur zu verständlich, wenn dies als Reaktion hier noch einmal wiederholt würde.  Aber im Gegensatz zu den ersten beiden Leidensansagen notiert Markus hier keine Jünger-Reaktion, kein Unverständnis, keinen Widerspruch, keine Furcht. Es sei denn, man liest die nachfolgende Szene  als Reaktion auf seine Ansage. 

Zum Weiterdenken 

Es fällt ja auf, dass Markus keine direkte Reaktion der Zwölf erzählt. Weil sie es nicht mehr hören können? Weil sie innerlich abgestumpft sind? Weil sie auch das Hoffnungs-Signale – nach drei Tagen auferstehen nicht mehr wirklich wahrnehmen? Vielleicht sind die Jünger ja wie die spätere Gemeinde, wie wir? Wir haben das alles schon so oft gehört, dass wir davon gar nicht mehr bis in die Gefühlsebene hinein angerührt werden, womöglich erschüttert. Wir nehmen es zur Kenntnis – das ist der Weg der Passion. Es scheint, hier wird etwas deutlich von dem Abstand, der zwischen Jesus und denen, die da hinter ihm hergehen, besteht, der auch zwischen ihm und uns besteht. Unser Nachfolgen ist, wenn überhaupt, ein Nachfolgen auf Abstand.

 

Jesus, ob ich anders reagiert hätte? Ob ich versucht hätte, Dir diesen Weg auszureden? Ob ich nicht doch innerlich gedacht hätte: Jetzt ist es Zeit zum Aussteigen. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich Deine Worte höre und es ist genauso gekommen, wie Du es gesagt hast. Du hast es gewusst. Du hast diesen Weg auf Dich genommen. Im Nachhinein sehe und sage ich: aus Liebe zu uns. Es scheint, Deine Liebe hat Dir keine Wahl gelassen. Darum danke ich Dir für Deine Liebe und für Deine Klarheit. Amen