Wie denn nun?

1.Korinther 14, 26 -40

 26 Wie ist es denn nun, Brüder und Schwestern?

Paulus hat die Grundlagen geklärt. Jetzt fährt er fort und fragt nach einer Praxis des Gottesdienstes, die diesen Grundlagen entspricht. Vielleicht ist es ein bisschen voreilig, hier sofort von Gottesdienst zu reden, „zumal fraglich ist, ob an allen Orten dieselbe Gottesdienstform vorauszusetzen ist, ja, es überhaupt schon feste liturgische Ordnungen gegeben hat.“ (W. Schrage, aaO.  S. 444) Es besteht durchaus die Gefahr, dass wir unsere Vorstellungen von Gottesdienst und Gottesdienstordnung in die Worte des Paulus hineinlesen.

Also ein wenig vorsichtiger formuliert: Was zu tun ist, diese Frage bezieht sich auf Zusammenkünfte der Gemeinde. Wahrscheinlich kommt man der Wirklichkeit in Korinth näher, wenn man an große Hauskreise denkt, an Gruppen, die sich relativ spontan in einem Raum versammeln, an Zusammenkünfte, die nicht einer so strengen Ordnung folgen, wie sie unsere Gottesdienst-Ordnungen darstellen. In denen sich Ordnungen erst herauskristallisieren müssen

Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!

Soviel wird schon sichtbar: Da kommen Menschen zusammen, die etwas einzubringen haben und die nicht darauf warten, dass nur einer oder zwei das Wort führen. Jeder bringt etwas ein – der eine einen Psalm, der andere etwas Lehrreiches, der dritte eine Einsicht, eine Offenbarung. Andere reden in Zungen und wieder andere legen das Gehörte aus. Kurz, es ist eine höchst aktive Beteiligung, die hier sichtbar wird. So geht es zu und durchaus nicht nur ausnahmsweise, es scheint vielmehr „eine gewisse Regelmäßigkeit der genannten Phänomene vorausgesetzt.“ (W. Schrage, ebada.)

Das Ziel: Erbauung. οἰκοδομή. Oikodome. Streng genommen heißt das „Hausbau“. Das Bild vom Hausbau wird urchristlich gern verwendet, sowohl im Blick auf den Einzelnen und sein Lebenshaus als auch im Blick auf den Bau der Gemeinde. „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“ (Matthäus 7,24) mahnt Jesus. So schwingt es ja auch bei Paulus schon weiter vorne mit: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. (3, 11 – 13) Die Versammlungen der Gemeinde bauen an diesen Bau weiter mit.

27 Wenn jemand in Zungen redet, so seien es zwei oder höchstens drei und einer nach dem andern; und einer lege es aus. 28 Ist aber kein Ausleger da, so schweige er in der Gemeinde und rede für sich selber und für Gott.

             Aus dieser lebhaften Beteiligung ergibt sich Ordnungsbedarf.  Darauf geht Paulus ein – und begrenzt zunächst die Zahl derer, die in Zungen reden – höchstens drei. Und: nicht alle durcheinander, sondern einer nach dem anderen. Voraussetzung aber, um der Zungenrede überhaupt Raum zu geben, ist, dass jemand da sein soll, der auslegen kann. „Wenn niemand anwesend ist, der das Charisma der Deutung hat, soll der Zungenredner von vornherein schweigen und sein Charisma zu Hause wirken lassen.“ (C. Wolf aaO.  S.139)

Diese Hinweise zur Ordnung lassen erkennen, dass Paulus die Zungenredner nicht als entrückt, ekstatisch oder nicht mehr ansprechbar sieht. Sie sind ansprechbar. Sie bleiben der Ordnung gegenüber erreichbar.

29 Auch von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die andern lasst darüber urteilen. 30 Wenn aber einem andern, der dabeisitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der Erste. 31 Ihr könnt alle prophetisch reden, doch einer nach dem andern, damit alle lernen und alle ermahnt werden. 32 Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan.

Im Grunde wiederholt Paulus jetzt, was er über die Zungenrede gesagt hat, auch im Blick auf die prophetischen Beiträge. Auch die Propheten sollen der Ordnung folgen. Auch sie sollen nicht unbegrenzt der Gemeinde Weisungen geben, Eindrücke mitteilen. Und: wenn eine neue Offenbarung erfolgt, hat der, der zuvor gesprochen hat, zu schweigen. Kein Chaos, kein Durcheinander. Es ist wichtig: die Propheten können das alles steuern. Sie sind nicht hilflos ausgelieferte Lautsprecher. Um dieses Steuern der „ prophetischen Beiträge“ geht es Paulus, wenn er auf geordnete Reihenfolge besteht.

Denn das Ziel ist ja nicht, dass alle ihre Gaben betätigen und deshalb zufrieden sind. Sondern das Ziel ist, dass alle lernen und alle ermahnt werden. Einsichten gewinnen und neuen Mut. Zuversicht und Glauben. „Christliche Gemeinde ist immer auch eine Lerngemeinschaft.“ (W. Klaiber, aaO. S.232) Ich füge gerne hinzu: und eine Ermutigungsgemeinschaft.

Beides aber, so kann man hier lernen, geschieht nicht nur so, dass einer das Charisma, die Gabe des Lehrens und Ermutigens hat – sondern Lernen und Ermutigen erwächst aus den Beiträgen der Gemeinschaft. Aller, die zusammengekommen sind.

Man muss es nicht ausdrücklich sagen: Unsere Gottesdienste sind von dieser Wirklichkeit – alle bringen sich ein, lehrend, singend, betend, tröstend, mit einem Wort, mit einer Einsicht – weiter entfernt als so mancher ein wenig argwöhnisch betrachtete Hauskreis und so manche Gruppe, die sich im Gemeindehaus trifft.

So muss ein Festmahl sein. Jeder bringt etwas ein.                                                    Jeder nimmt etwas mit.                                                                                                            Ein Törtchen, ein Wörtchen, ein Lied.                 G. Schöne, CD Lieder 1993

Was wären das für Gottesdienste, die diesem Bild vom Festmahl, zu dem jede und jeder beiträgt, auch nur annäherungsweise nahekämen!

Ich bleibe hängen an dem Satz: Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Ich bin kein Prophet, nicht einmal einer, der besonderen Weitblick hat. Aber ich kenne das, dass es mit mir durchgeht, dass ich in einer Gruppe eben nicht geduldig bin, nicht gut fähig, mich in meinem Rededrang zurück zu halten. Deshalb höre ich in diesem Satz eine Herausforderung: Du bist nicht ausgeliefert an deine Einsichten, an deine Art, an diene Emotion. Du kannst und sollst dich selbst kontrollieren. Du musst nicht in einen Wortschwall ausbrechen, weil du glaubst, dass du es besser weißt oder gar allein. Dass Dein Eindruck stimmt.

Das also hätten ich und meinesgleichen zu lernen: Manchmal auch zu schweigen, anderen den Raum zu ihrem Reden zu lassen, den sie brauchen, auch wenn sie langsam sind. Noch einmal das anzuhören, was vielleicht nicht ganz so weiterführend ist. Sich hintenan zustellen mit den eigenen Beiträgen. Das ist harte Arbeit an sich selbst, solche Einsichten in die eigene Lebenspraxis zu integrieren, ihnen zu folgen in Gruppen und Kreisen.

33 Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.

Warum ordnet Paulus die Zusammenkünfte so sorgsam? Weil es der Art Gottes entspricht. Gott ist kein Freund des Chaos. Der Unordnung. Ἀκαταστασία, akatastasia – kann auch „Unbeständigkeit, Verwirrung, Aufruhr“ (Gemoll aaO. S.174) bedeuten. Unser Wort „Kataster“ leitet sich, auch wenn es so ähnlich klingt, von diesem griechischen Wort nicht ab. Leider. Dahinter steht das mittellateinische catastrum, capitastrum. Die Kopfliste für die Steuerpflichtigen. Wir brauchen Ordnungen, die uns helfen, dem Chaos zu entgehen, die uns entlasten für die Zeiten, in denen es drunter und drüber geht. Es sind die guten, nicht die starren Ordnungen, die den Spielraum auch für Kreativität freihalten, auch für das Wirken des Geistes.

Paulus könnte im Rückgriff auf die Schöpfung begründen. Schon da erweist sich Gott als der, der der Unordnung, dem Chaos, dem „Tohuwabohu“ (1.Mose 1,29) entgegentritt. Aber Paulus sagt nun gerade nicht: Gott sei ein Gott der Ordnung – so gerne das auch heutzutage unterstellt wird. Sondern er ist ein Gott des Friedens. Ein Gott, dem an einem heilsamen und heilvollen Miteinander liegt. εἰρήνη, eirene, Frieden ist ja nichts anderes als das griechische Wort, das der Jude Paulus für den Schalom Gottes verwendet. Das große Ziel der Welt. Dieser kommende Friede soll sich schon abbilden in den irdischen Zusammenkünften der Gemeinde. Wie viel mehr ist damit gemeint als nur eine Gottesdienst-

Wie in allen Gemeinden der Heiligen 34 sollen die Frauen schweigen in der Gemeindeversammlung; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. 35 Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden. 36 Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist’s allein zu euch gekommen?

Ein Abschnitt, der wilde Debatten verursacht. Nicht nur von Frauen her, auch unter Männern. Die einen sagen: Das kann nicht von Paulus sein und entlasten ihn so. Anderen zeigt Paulus hier sein wahres Gesicht als einer, der ein schwieriges Verhältnis zu Frauen hat. Der sie für Menschen zweiter Ordnung hält.

Die Worte stehen im Widerspruch zu früheren Sätzen, in denen Paulus die Mitwirkung von Frauen voraussetzt: „Eine Frau aber, die betet oder prophetisch redet mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist gerade so, als wäre sie geschoren.“ (11,5) Nicht dass Frauen prophetisch reden und beten stellt Paulus in Frage, sondern nur wie sie es tun. Von daher befremdet das unbedingte Schweigegebot.

Die Begründung ist doppelt: so halten es alle anderen Gemeinden. Und: Es ist einfach nicht üblich. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden. Das hört sich nach Rücksicht auf die heidnische Umwelt an. „Nicht nur der Arm, sondern nicht einmal das Wort der züchtigen Frau soll öffentlich sein und sie soll die Stimme wie eine Entblößung scheuen und unter den Menschen draußen behüten.“ (Plutarch, zit. nach W.de Boor, aaO. S. 247)

Das also sind die Argumente: alle machen es so, sogar die Heiden. Frauen haben nichts in der Öffentlichkeit zu melden. Es liegt auf der Hand, dass Paulus manchmal mit dem Zusammenhalt und der Übereinstimmung in den Gemeinden argumentiert. Sich auf das beruft, was üblich ist. Es liegt aber auch auf der Hand, dass dieses rigide Redeverbot sich mit dem beißt, was sonst von Paulus zu hören ist über die Mitwirkung der Frauen an der Arbeit in der Gemeinde. Weiß er doch immerhin von einer Apostelin namens Junia in höchster Ehrfurcht zu reden (Römer 16,7)

37 Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt, der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe. 38 Wer aber das nicht erkennt, der wird auch nicht erkannt.

Das wirkt wie eine große Keule: Wer mir widerspricht, meine Worte nicht anerkennt, in ihnen nicht das Gebot des Herrn wahrnimmt, der ist auf dem Holzweg. Wer wirklich vom Geist Gottes geführt wird, der wird in dem, was ich, Paulus schreibe, den Geist erkennen. Gegen eine solche Beweisführung gibt es keine Argumente mehr. Entweder folgt man ihr oder man lehnt sie rundweg ab.

Woran Paulus liegt, ist unmissverständlich klar zu machen: „Was ich vorgetragen habe, ist keine Privatmeinung.“ (C. Wolf, aaO. S. 145) Auch nicht nur einfach Mehrheits-Position. Sondern es so, dass Paulus mit seinen Worten dem „Gott des Friedens“ (14,33) dient.

Ich denke darüber hinaus: Es geht Paulus hier nicht nur darum, seinen Worten über die Ordnung der Zusammenkünfte Nachdruck zu verleihen, sondern es geht ihm um ein grundsätzliches Verstehen seines Briefes. Er ringt darum, dass die Gemeinde seine Wegweisungen als das anerkennen, was sie in den Augen des Paulus sind: als ein Weitergeben der guten Weisungen Gottes.

39 Darum, liebe Brüder, bemüht euch um die prophetische Rede und wehrt nicht der Zungenrede. 40 Lasst aber alles ehrbar und ordentlich zugehen.

Als hätte er das Gefühl, ein wenig harsch geschrieben zu haben, schlägt er am Ende versöhnliche Töne an. Zum dritten Mal nach 12,31 und 14,12 : ζηλοῦτε. Eifert, Bemüht euch. Paulus ist weit entfernt davon, die Gaben gering zu achten Er möchte, dass sie die Gemeinde reich machen. Und möchte, dass sie geübt werden, gebraucht zum Nutzen aller. In guter Ordnung.

Zum Weiterdenken

Weil der gesamte Abschnitt in Sprachstil und Wortwahl, nicht nur im Inhalt, doch Paulus fremd erscheint, halten viele Ausleger diese Sätze für eine spätere Zufügung. Von einem, der meint, Paulus müsste doch Ordnung geschaffen haben und dazu gehört eben, dass die Frauen die Gemeinde nicht durch Zwischenrufe und Zwischenfragen verwirren. Ich neige dazu, diese Ansicht – später Zusatz – zu teilen.

Die weitergehende Frage heißt allerdings, ob damit denn der ganze Abschnitt erledigt, irrelevant für uns ist. Bei uns heute dürfen die Frauen reden, beten, lehren, Gemeinde leiten. Hier hilft die Überlegung, dass Paulus sich auf die Umwelt und ihre Maßstäbe beruft – und eben nicht auf göttliche Weisung und göttliches Gebot. Es gibt Entscheidungen für das Umgehen und Leben in der Gemeinde, auch im Gottesdienst, die zeitbedingt fallen und nicht von Ewigkeitswert sind. Manchmal sogar beeinflusst durch Entwicklungen im Umfeld der Gemeinde, die durchaus nicht vom Glauben geleitet sind. Wir dürfen also für das Leben in der Gemeinde Entscheidungen fällen, die sie den Anschluss an Entwicklungen der Zeit halten lassen. Auch wenn sie mit heiligen Traditionen zu brechen scheinen.

Wichtig ist freilich, dass wir unser Verhalten heute durchdenken und es nicht einfach nur machen wie alle. Es braucht die Begründungen, die der Sicht des Glaubens gerecht werden, die der einzelnen Bibelstelle durch das gesamtbiblische Zeugnis ihren Stellenwert lassen, aber gleichzeitig die Freiheit für andere Entscheidungen heute festhalten. Begründungen also, die beispielsweise unser heutiges Verhalten in der Gemeinde auf die Gleichebenbildlichkeit von Mann und Frau in der Schöpfung zurückführen, auf die Gleichheit der Erlösten in Christus, auf den einen Geist, der in beiden, Männern und Frauen wirkt.

Ein bisschen barmherzig möchte ich aber auch mit Paulus – oder einem späteren Zusatz-Schreiber – umgehen. Er hat ja in einem seiner Spitzensätze zur Sprache gebracht, was zum Thema eigentlich zu sagen ist: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesu.“ (Galater 3,28) Nur das weiß ich aus eigenem schmerzhaftem Erleben, dass es unglaublich schwer ist, einen theologische Grund-Satz herunterzubrechen in die Alltagsgestalt der Gemeinde, auch gegen Sitte und Gewohnheit, gegen das Urteil der Umwelt.

Es dauert, bis eine Einsicht aus der Höhe der Gottesgedanken – Theologie – in den Niederungen des Alltags verankert ist, so dass sie die Richtung des Lebens beeinflusst. Es ist beklagenswert: wir bleiben so oft weit hinter dem zurück, was wir im Glauben verstanden zu haben glauben. Dieser Riss im Leben steht gegen uns, klagt uns an. Nicht nur Paulus. Es ist hart, das zu sehen.

Mein Gott, manchmal habe ich nichts als Dein Wort, kein Argument mehr, schon gar kein Beweismittel, nur  was ich von Dir gehört habe, was ich aus dem Evangelium verstanden habe.

Es ist gut, dass Du uns alle Machtmittel nimmst, mit denen wir Druck ausüben könnten, um unsere Sicht des Glaubens, unsere Wahrheit durchzusetzen, gegen die Wahrheit, die andere von Dir empfangen haben.

Deine Wahrheit ist leise, machtlos, aber nicht ohnmächtig. Deine Wahrheit gewinnt Herzen, Wo und wann Du willst.

Hilf Du mir dazu, die Ohnmacht des Wortes auszuhalten, Vertrauen zu lernen, dass Du Dein Wort nicht leer lässt, sondern es bestätigen wirst, wo und wann Du willst. Amen