Vom Maßstab für unser Reden

1.Korinther 14, 20 – 25

20 Liebe Brüder und Schwestern, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Bosheit geht; im Verstehen aber seid erwachsen.

Der Katechismus ist eine Basis-Unterweisung in den Wissens-Gegenständen des Glaubens. Aber auch wer das alles weiß, was im Katechismus steht, ist noch nicht im Glauben unterwiesen. Dazu braucht es ein Verstehen des Herzens. Das erhofft sich Paulus für seine Korinther. Dazu will Paulus ermutigen – sich nicht einfach nur irgendwelchen Gefühlen oder Atmosphären hinzugeben, sondern durchaus den Verstand, das Verstehen zu nützen, um zu unterscheiden. Paulus will den durch sein Verstehen unterscheidenden Gottesdienst-Teilnehmer.

21 Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.« 22 Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.

Es ist eine Gerichtsansage an Israel, auf die Paulus jetzt zurückgreift. Weil Israel die Worte der Propheten verachtet und sich nicht rufen lässt, wird es andere Worte zu hören kriegen, andere Sprachen. Aber auch durch diese fremden Zungen werden sie sich nicht rufen lassen. Sie werden diese Sprachen hören und doch nicht hören, weil sie eben nichts verstehen.

Genauso verhält es sich mit der Zungenrede. Sie wirkt keine Umkehr, weil sie nicht verstanden wird von den Unkundige und Ungläubigen. Aber diese Feststellung ist kein Vorwurf gegen die Ungläubigen, sondern ein Vorwurf gegen die, die sich selbst in ihrer Zungenrede gefallen und nicht verstehen wollen, dass die Ungläubigen Worte brauchen, die sie verstehen können. „Durch die Glossolalie (Zungenrede) wird den Ungläubigen der Weg zum Glauben und zum Bekenntnis zu Gottes Gegenwart vielmehr gerade verlegt.“ (W. Schrage, aaO.  S.408) Darum sagt die Zungenrede den Ungläubigen nichts. Sie ist ein unverständliches, seltsames Phänomen, mehr nicht. Sie wird so lediglich zu einem Zeichen, das ihren Zustand, nicht zu verstehen und nicht zu glauben, manifestiert.

23 Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen?

Paulus könnte zurückgreifen auf das Wort, das er aus Jesaja angedeutet hat: „Zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw kaw (Jesaja 28,11) Unverständliche Kinder-Gestammel. Gelalle. Würde nicht einer, der in so eine Versammlung mit solchen Wortfetzen gerät, nur noch den Kopf schütteln können? Darauf kommt es dem Apostel an, dass eine*r, der/die kein Insider ist, aus dem Gottesdienst nicht kopfschüttelnd heimgehen muss mit dem Gedanken: Sie spinnen. Alle. Eine Wirkung, die einen Zugang zum Glauben öffnet, geht davon jedenfalls nicht aus! Sagt Paulus in der Einseitigkeit, in der er manchmal redet.

24 Wenn aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; 25 was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, dass Gott wahrhaftig unter euch ist.

Dem gegenüber ist es die prophetische Rede, die die Wirklichkeit des menschlichen Herzens aufdeckt. Das kennzeichnet das prophetische Reden, „dass es den Besucher ins Gewissen trifft und er sein Innerstes erkannt und aufgedeckt sieht.“ (W.de Boor aaO. S.241)

 Es ist mir ein bisschen zu kurz und zu schnell gedacht, wenn ich lese: „Die Prophetie… hält ihm in Form einer Gerichtsrede seine Sünden vor und fordert ihn zur Umkehr auf.“ (C. Wolf, aaO. S. 137) Ich kann in diesen Sätzen auch das andere gut lesen: Da wird ein Mensch plötzlich seiner tiefen Sehnsucht nach Gott gewärtig. Da spürt er auf einmal, wie sehr er angewiesen ist auf die Liebe, die ihn nicht fallen lässt, was immer auch gegen ihn sprechen mag. Da begreift einer, was er vorher nie begriffen hat, dass die Unruhe seines Herzens erst gestillt ist, wenn er zur Ruhe findet in Gott.

„Indem Menschen mit der Wahrheit über sich selbst konfrontiert werden, begegnen sie der Wirklichkeit Gottes und bekennen: In der Gemeinde ist Gott gegenwärtig.“ (W. Klaiber, aaO.  S. 228) Es geht Paulus nicht zuerst und auch nicht ausschließlich darum, dass einer oder eine über seiner und ihrer eigenen Schuld verzagt und sich dann unterwirft, sondern dass ihn oder sie die Gegenwart Gottes so anrührt, dass er, dass sie gar nicht mehr anders kann als niederfallen und anbeten.

 So, wie wir es ja gerne auch einmal im Gottesdienst singen:

Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten                                                                            und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitten.                                                                                                              Alles in uns schweige                                                                                                                 und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt, wer ihn nennt,                                                                                            schlag die Augen nieder;                                                                                                   kommt, ergebt euch wieder.          G. Tersteegen 1729, EG 165

Zum Weiterdenken

Was Paulus über die Zungenrede sagt, gilt für alles Reden im Gottesdienst! Maßstab für das Reden muss der sein, der nicht eingeweiht ist. „Im Übrigen kann man nur der Verallgemeinerung zustimmen, hier einen Angriff des Paulus auf alles gottesdienstliche Reden in Insidersprache herauszuhören, das sich um die am Rande und die draußen nicht bekümmert und mit selbstgenügsamer Fertigkeit einer esoterischen Sprache oder gar eines christlichen „Jargons“ sich bedient, dem gegenüber ein Fremder sich hoffnungslos draußen fühlen muss.“ (W. Schrage, aaO. S. 402)

Es sind kritische Worte, die bis heute uneingeschränkt gelten und nichts an Gültigkeit verloren haben. Die Sprache der Kerngemeinde, aber auch die Sprache der christlichen „Profis“, schließt oft genug aus. Umgekehrt gilt auch: die milieuspezifische Sprache, der sehr spezielle Musikgeschmack, auch die kulturelle Eigenart irgendeiner gemeindlichen Gruppe ist oft eine unübersteigbare Barriere für die, die im Gottesdienst Heimat und Zuflucht suchen, weil sie sonst immer alleine sind. Wo immer es so zugeht, ist mit Paulus die Frage nach der Liebe zu denen zu stellen, die den Platz des Uneingeweihten innehaben.

Einmal mehr: Biographie. Sie spielt eine eminent wichtige Rolle zum Verstehen biblischer Texte. Sie prägt unser Vorverständnis, ob und wie wir den Texten trauen. So ist es mir gegangen, Zufallsgast bei einem Pfingstreffen, unbeleckt von aller frommen Prägung, wie sie dem Pietismus eignet. Da hat einer gepredigt, verstehbare Worte gesprochen. Und plötzlich habe ich es gespürt: Hier wird mein Leben verhandelt. Ich komme in diesen Worten vor mit meinen Ängsten, Hoffnungen, Heimlichkeiten. Ich komme vor und bin eingeladen ich mit neuen Augen zu sehen – wertgeachtet, mehr geliebt, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. Von der letzten Instanz der Welt. Gott selbst. Dax war der eine Augenblick, der mir einen Weg geöffnet hat, zu mir selbst und ins Leben hinein. Was für ein Glück, dass mir Unkundigen – διτεϛ – dies damals widerfahren ist.

Die ganze Auseinandersetzung des Paulus mit dem Thema „Zungenrede“ ist eminent wichtig. Gerade für uns heute, eine Volkskirche auf dem Rückzug, befasst mit dem mehr oder weniger unfreiwilligen und noch nicht akzeptierten Rückbau. Weil zwar die Glossolalie, mit der Paulus sich hier herumschlägt als Phänomen aus unseren Kirchen – abgesehen von ein paar pfingstlichen Gemeinden – verschwunden ist.

Aber das dahinter liegende Problem ist eine bleibende Frage an uns als Kirchen: An wem richten wir unser Reden aus? Dient es nur uns selbst – zur Selbstbestätigung? Dient es nur einem kleinen Kreis, meinetwegen der Kern-Gemeinde, die heute auch immer mehr schrumpft, um sie mit vertrautem Vokabular bei der Stange zu halten? Dient es nur der innerkirchlichen Verständigung, womöglich gar nur dem Nachweis: Ich kann auch theologisch gelehrt, geistlich tiefgehend daher reden? Oder dient es wirklich dem, der zur Gemeinde kommt, weil er sucht und fragt, weil ihm um Trost bange ist, weil er eine Sehnsucht in sich trägt, von der er hofft, dass wir in der Kirche, in der Gemeinde ihr eine Richtung zeigen können. Gar nicht unbedingt, dadurch, dass wir Antworten parat haben und verteilen, sondern darin, dass wir mit ihm das Suchen und Fragen – nach dem Gott hinter allem – aushalten.

Herr Jesus, lass Du die vielen Worte, die wir machen, durchsichtig werden, durchklingend werden für Dein Wort, Deine Stimme, Dein Reden. Lass Du in den vielen Worten spürbar werden, wie Deine Liebe uns sucht, Deine Treue uns hält, Dein Erbarmen uns zurecht bringt.

Gib Du, dass unser Leben nicht unsere Worte Lügen straft. Amen