Über alle Worte hinaus

  1. Korinther 14, 6 – 19

6 Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?

Immer noch: Zungenreden. γλώσσαις λαλῶν, glosseis lalon. Irgendwie kommt Paulus aus einer sanften Polemik gegen das Reden in Zungen nicht wirklich heraus. Wobei es wichtig ist: er denkt über diesen Reden nicht aus einer grundsätzlichen Skepsis – die bleibt den späteren Kirchen vorbehalten, die so unkontrollierbare Phänomene doch eher fürchten als fördern. Seine Skepsis hat allerdings dies im Blick, dass die Gemeinde vor allem anderen geistlichen Gut verständliche Worte braucht. Vielleicht könnte man auch sagen: Gesunde Lehre. Vernünftige Theologie.

Es wirkt wie Erinnerung an die Anfänge der Gemeinde: Sind sie etwa in Korinth dadurch Gemeinde geworden, dass Paulus in fremden Sprachen gelallt hat? Und wenn er jetzt wieder käme – würden sie dann auf ihn hören, wenn er in Zungen spräche? Sie würden doch gar nichts verstehen! Nur Gott im Himmel und Paulus selbst hätte etwas davon.

Nein, was die Gemeinde braucht, ist anderes: Worte der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre. Nur damit kann doch die Gemeinde wirklich nach vorne gebracht werden. Wenn es um die größeren Gaben (12,31) geht, so gilt bei Paulus: Die Gabe, die den meisten in der Gemeinde dient, also den normalen Leuten, das ist die größere Gabe. Und nicht die Gabe, die dem, der sie „hat“ und „ausübt“, Ansehen einbringt. Hier nun: Was alle akustisch und vom Wortlaut her auch inhaltlich verstehen können, das hat Vorrang.

7 So verhält es sich doch auch so mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt wird? 8 Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten?

Paulus nimmt sich selbst in seinen Worten ernst, indem er Vergleiche sucht, die seine Leute in Korinth verstehen können. Musikstücke leben von ihrer Klarheit. „Nur durch eine klare und deutliche Tongebung kann man Melodie und Rhythmus erkennen und das, was gespielt wird, nachvollziehen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 223) Erst recht gilt das für Signalrufe, wie sie beim Militär eingesetzt werden. Unerkennbare Signale stiften nur Verwirrung.

9 So auch ihr: wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. 10 Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt und nichts ist ohne Sprache. 11 Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein.

Genauso verhält es sich mit der Zungenrede. Sie ist in den Wind gesprochen. Ihre Botschaft kommt nicht bei den Menschen an. „The answer is blowin´ in the wind.“ (B. Dylan) Das ist populär seit über 50 Jahren, gern gesungen, hier bei Paulus schon vorgeformt. „Der Zungenredner und die Gemeinde stehen einander gegenüber wie zwei Leute, die sich nicht verstehen.“ (H.D. Wendland, aaO. S. 126) Wieder die Erfahrung auch der Korinther: ohne Dolmetscher steht man vor fremden Sprachen völlig hilflos da. Man versteht nichts und wird nicht verstanden.

12 So auch ihr: da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut.

Jetzt zieht Paulus eine Art Zwischenfazit, holt noch einmal tief Luft. Es ist in Ordnung, dass ihr euch um die Gaben des Geistes bemüht, nach ihnen strebt, um sie ringt – aber achtet darauf, dass ihr das Ziel aller Gaben nicht aus den Augen verliert: die Gemeinde soll erbaut werden. Erbauung der Gemeinde, οἰκοδομὴτῆς ἐκκλησίας, oikodome tes ekklesias, ist die Absicht, in der Gott seine Gaben schenkt. Daran allein misst sich ihr Wert, ob sie diesem Ziel dienen. Wenn sie nur eine Art „Heiligenschein“ bei denen erzeugen, die sie gebrauchen, ausüben, hat sie Gottes Zweck versäumt.

13 Wer also in Zungen redet, der bete, dass er’s auch auslegen könne. 14 Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist; aber was ich im Sinn habe, bleibt ohne Frucht.

Weil es den Korinthern offenkundig so wichtig ist, weil diese Gabe für sie so sehr im Vordergrund steht, bleibt Paulus immer noch am Thema. Und nennt eine Bedingung dafür, wie das Reden in Zungen in der Gemeinde praktiziert werden kann, damit es der Gemeinde nützt. Wer diese Gabe übt, ausübt, der bete, dass er’s auch auslegen könne. Διέρομαιm, dieromai – „ausfragen, erforschen“ (Gemoll, aaO. S. 215) Der Verstand soll eben nicht ausgeschaltet werden und ausgeschaltet bleiben. Es braucht mein eigenes Verstehen meiner Worte, damit auch die anderen im Gottesdienst verstehen können und nicht nur der Himmel seine Freude daran hat.

15 Wie soll es aber sein? Ich will beten mit dem Geist und will auch beten mit dem Verstand; ich will Psalmen singen mit dem Geist und will auch Psalmen singen mit dem Verstand. 16 Wenn du Gott lobst im Geist, wie soll der, der als Unkundiger dabeisteht, das Amen sagen auf dein Dankgebet, da er doch nicht weiß, was du sagst? 17 Dein Dankgebet mag schön sein; aber der andere wird dadurch nicht erbaut.

Es ist eine indirekte Auslegung dessen, was Zungenreden ist: „Beten“, „“lobsingen“, „segnen“, „danksagen“, davon ist allein die Rede.“ (W.de Boor, aaO. S. 236) Das hat alles sein Recht – und ehrt Gott. Und doch: Es gibt Menschen in der Gemeinde, die das nicht verstehen, die dieser Sprache unkundig sind. ἰδιώτης. Idiotesist der Laie, der Nicht-Fachmann. der Nicht-Eingeweihte.“ (W. Schrage, aaO. S. 403) Er, sie hört Laute, aber sie sagen ihm nichts. Er muss sich vorkommen wie ein Idiot.

18 Ich danke Gott, dass ich mehr in Zungen rede als ihr alle. 19 Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.

Erstaunlich: Paulus praktiziert Zungenrede. Mehr als ihr alle. Er hat diese Gabe – und sie ist ihm offensichtlich nicht peinlich, sondern wichtig. So wichtig, dass er Gott dafür dankt! Es geht nicht an, sich auf Paulus zu berufen, wenn man diese enthusiastischen und ekstatischen Erfahrungen aus dem Leben der Christen am liebsten verbannen möchte.

Nur, das steht für Paulus außer Frage: der eigentliche Platz für diese Gabe ist nicht der Gottesdienst aller, sondern die Anbetung des Einzelnen. Am besten auch allein und ungestört. Im Gottesdienst, wenn alle zusammen sind, geht es ihm um das Miteinander. Darum liegt das Gewicht für ihn auch auf dem Reden mit meinem Verstand. Um Worte, die den anderen erreichen und ihm zum Verstehen des Glaubens dienen. Um Worte, die unterweisen: κατηχήσω Unser „Katechismus“ kommt von da her. Ein Wort, das wir, paradox genug, insidermäßig gebrauchen, aber in den seltensten Fällen erklären.

Der Schlüssel zum Verstehen, zur Mühe um das verständlich Reden, ist von Paulus vor diesem Abschnitt in Kapitel 13 ausführlich benannt und beschrieben worden: es ist die Liebe. Die Liebe zu denen, an die die Worte gerichtet werden. Wenn sie spüren, dass sie geliebt werden, geachtet, wertgeschätzt, dann werden sie auch zuhören – und verstehen. Die Liebe lässt nach Worten suchen, die den Zugang zum Verstehen eröffnen könnten.

Zum Weiterdenken

Es ist eine persönliche, amüsante Erinnerung: Vor Jahren, bei einem Interview zu Karfreitag und Ostern für den Hessischen Rundfunk fragt mich die junge Frau, die das Interview führte: „Herr Lenz, wenn Sie beten, denken Sie auch dabei?“ Meine Antwort: „Wie soll ich denn beten ohne zu denken?“ Wahr ist: Es gibt Beten über den engen Horizont des eigenen Denkvermögens hinaus. Aber auch solches Beten ist kein Beten ohne Sinn und Verstand. Es sprengt nur seine „engen Grenzen“. (E. Eckert, 1981, EG 584)

Es ist unverkennbar: Paulus hat ein kritisches Verhältnis zur Zungenrede. Das stellt mich vor die Frage: Wo trifft diese Polemik des Paulus in unsere Zeit heute? Nur eine Möglichkeit will ich andeuten: Es gibt eine kirchliche Sprache, die für den nicht gewohnten Gottesdienst-Besucher eine völlige Fremdsprache ist. Das fängt bei den Liedern an, die gesungen werden. Viele sind Lieder wie aus einer anderen Welt. Das geht manchmal über die Lesungen – aus „Luther“, aus der „Bibel in gerechter Sprache“ weiter. Und das ist nicht zuletzt auch eine Anfrage an die Predigtsprache. Nicht die einzelnen Wörter, wohl aber die Art, wie wir denken und argumentieren, wir Prediger. Manchmal überfällt mich die Angst, auch auf der Kanzel: Ich spreche eine Sprache wie aus längst vergangenen Zeiten, wie aus versunkenen und unzugänglich gewordenen Welten.

Wahr ist daran ja: die Werte der Welt, in der wir leben, die auf uns einwirkt, sind schon lange nicht mehr bestimmt von den Vorstellungen, wie sie bei Paulus, in den Evangelien und vor allem in der Botschaft von Jesus Christus aufleuchten. Erst wenn ich weiß und annehme, dass es hier Brückenschläge braucht und nicht mehr naiv voraussetze: Wir sind uns ja im Grundsätzlichen einig, kann Übersetzungsarbeit, das Dolmetschen neu anfangen. Dann lohnt es auch, „dem Volk aufs Maul zu schauen“, weil man ihm dann nicht mehr nach dem Mund redet, sondern ihm eine fremde Botschaft zumutet. Wenn wir nur sagen wollen, was alle sich ohnehin selbst sagen, dann müssen wir nicht mehr vom Evangelium verständlich reden. Dann können wir bei den himmlischen, unverständlichen Gesängen bleiben.

 

Mein Gott, es ist schön, Dich zu loben – manchmal wortlos, manchmal mit einem tiefen Seufzer, manchmal mit Worten, die ich mir von anderen leihe.

Es tut gut, das Herz vor Dir auszuschütten -manchmal wortlos, manchmal mit einem tiefen Seufzer, manchmal mit Worten, die ich mir von anderen leihe.

Und es tut gut, mit den andere zusammen zu sein, die an Dich glauben, die verstehen, was mich bewegt, weil sie meine Worte verstehen, mit denen ich mich an Dich wende im Lob, in der Klage. Im Gebet aus der Tiefe meines Herzens. Amen