Nur leere Hände empfangen

1.Korinther 14, 1 – 5

 1 Strebt nach der Liebe!

             Die Kapiteleinteilung in unseren Bibelausgaben lässt manchmal zu wünschen übrig. Sie ist nicht heilig, gewiss auch nicht unfehlbar. Darum darf sie auch kritisch befragt werden. Dieser Satz passt, so sehe ich es, wunderbar als Abschluss zum Hohenlied der Liebe – 1. Korinther 13. Die Zuordnung zu Kapitel 14 ist wohl ausgelöst durch das „strebt“, Δικετε, dem dann gleich ein „bemüht euch“, „eifert“, folgen wird. Als Eröffnung des Nachfolgenden wirkt er gleichwohl irgendwie schräg. Es sei denn, man liest alles, was folgt, unter diesem Vorzeichen. Dann macht es freilich Sinn: Alles, was jetzt gesagt werden wird, steht immer noch unter dem Vorbehalt: Ohne Liebe ist alles nichts.

 Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet!

Seltsam: der gleiche Paulus schreibt hier, der zuvor so oft seine Skepsis hat sichtbar werden lassen. Jetzt: Müht euch! ζηλοῦτε, wie schon in 12,31. Streckt euch aus nach den Gaben des Geistes. „Das „Streben“ ist kein eigenmächtiges Sich-Einüben, sondern ein Bemühen, das sich im Gebet äußert.“(C. Wolf aaO.  S. 130) Die beiden so eng aufeinander folgenden Imperative unterstreichen: Man darf die Gaben des Geistes „haben“ wollen! Mit aller Macht. Man kann, darf und soll sich für den Geist und seine Gaben öffnen.

Unter den außerordentlichen Gaben des Geistes – um die geht es hier – ist die Gabe des prophetischen Redens besonders erstrebenswert. Die Begründung für diese Vorzugsstellung liefert Paulus anschließend nach.

 2 Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn:  im Geist redet er Geheimnisse. 3 Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. 4 Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde.

             Der Vorzug der prophetischen Rede ergibt sich aus dem Vergleichen und ist schlicht in ihrer Richtung begründet. Das Reden in Zungen hat seinen Adressaten in Gott. die prophetische Rede dagegen richtet sich an die Zuhörer*innen, sie kommt den Nächsten und der Gemeinde zugute. Menschen in der Gemeinde werden stabilisiert, getröstet und ermutigt. Vor allem auch dadurch, dass sie ihrer Zukunft bei Gott vergewissert werden – das wäre ja im engeren Sinn prophetischer Zuspruch.

Die andere in Korinth hoch geschätzte Gabe,  Zungenreden – oder Sprachengebet, wie man auch sachgemäß übersetzen kann –  wendet sich demgegenüber  ausschließlich an Gott. Es bleibt für die Menschen, die es miterleben, unverständliches Gelalle. Lautmalerisch nahe: λαλν γλσσῃ. Nur Gott hat etwas davon – könnte man salopp sagen. Und natürlich, so trägt Paulus nach: Zungenreden erbaut den, der es „macht“. Der erhebt sich dabei über seine engen Grenzen. Der sieht – so würde ich sagen – den Himmel schon ein wenig offen.

Eine persönliche Erfahrung aus den frühen 70-er Jahren lässt mich weiter denken. Damals habe ich in einer Pfingstgemeinde das Sprachengebet miterlebt, ein Singen über den Horizont hinaus. Ich habe nichts verstanden, es war wohl auch nichts zu verstehen, aber ich bin bis heute davon tief berührt. Und darum weit entfernt von der Skepsis, die ich bei den meisten evangelischen und auch katholischen Zeitgenossen gegenüber diesem Phänomen des Sprachengebetes und Zungenredens beobachte.

Aber es ist typisch Paulus: Wichtiger als das Abheben in den Himmel ist ihm das Aufheben der Nächsten, die Zuwendung zu denen, die da sind – Armen, Geplagten, Sorgenvollen. Der Ernstfall des Glaubens ist in der Zeit nicht der himmelhochjauchzende Lobpreis, sondern die tief demütige diakonische Zuwendung zur Gemeinde. „Zu den Geringsten meiner Brüder.“(Matthäus 25,40) 

             Prophetische Rede – das ist in diesem Sinn: Platzanweisung bei denen, die es nötig haben. Da wirst du gebraucht. Da gehe hin. „Es war offenbar etwas Ähnliches wie unsere Predigten, wie ja auch die alttestamentliche Prophetie ihr Schwergewicht nicht in einer Voraussage der Zukunft hat, sondern in der Deutung des göttlichen Willens in der Gegenwart.“(E. Stange, aaO. S. 40) Prophetische Rede nach Paulus steht so ganz in der Tradition der Propheten: Sie sagen das Wort in die Zeit hinein, das einen neuen Weg weist – hier eben, so lese ich Paulus, den Weg zu den Geringen in der Gemeinde.

 5 Ich wollte, dass ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch reden könntet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, damit die Gemeinde dadurch erbaut werde.  

Es ist ein starker Satz, auch ein wenig überraschend: Wie wäre das, wenn alle in Zungen reden könnten? Wie, wenn alle prophetisch reden könnten? Offensichtlich hat Paulus nicht wirklich Angst davor, dass das zu einem großen Durcheinander führen könnte. Zu chaotischen Verhältnissen in der Gemeinde. Wichtig ist ihm vor alle, dass der Gebrauch der Gaben, welcher auch immer, der Gemeinde nützt. Das die Gaben aufbauen und nicht abbauen,  ermutigen und nicht entmutigen. Ob die Gemeinde aufgebaut wird, ob die Gabe der οκοδομή, dem Gemeindeaufbau dienen, das ist der Maßstab, den Paulus anerkennt und akzeptiert.

Es ist für das Verstehen des ganzen Abschnittes über die Geistesgaben wichtig: Paulus kommt nie aus der Haltung der Abwehr heraus. Aus einer Haltung, die sagt: wir brauchen doch nur das „Normal-Programm“. Paulus kommt von einer Sicht her, die in der Tat die Gemeindeglieder alle begabt sieht mit Gaben. Alle sollten sich so geistreich beschenkt erleben können. Daran freilich liegt ihm zentral: „Was diese Gabe an hilfreicher Erfahrung schenkt, soll möglichst allen zugute kommen.“(W. Klaiber, aaO.  S. 222) Nur: aus den unterschiedlichen Gaben darf keine Wertigkeit abgeleitet werden. Wer die eine Gabe hat, der ist besser, näher an Gott, geliebter bei Christus. Nein, alle sind gleich geliebt – die Geistreichen und die Armen im Geist.

 Zum Weiterdenken

             Bei einigen Aufenthalten in Italien bin ich immer wieder auch in der Scala di Priori gewesen – dem großen Regierungs-Gebäude von Perugia. Für diesen repräsentativen Bau hat Arnolfo di Cambio im 14. Jahrhundert eine Skulptur geschaffen – „donna orante“ – betende Frau. Ich bin mehrfach an ihr vorbei gelaufen, ohne ihr Beachtung zu schenken: Zu klein und unscheinbar unter großen Kunstwerken – vielleicht 70cm breit und 40cm hoch.

Diese Skulptur sagt: Du bist Dir nie selbst genug. Du wirst nie nur in Dir selbst ruhen können. Du kannst Dein Leben nicht so abrunden, dass Du nicht angewiesen bleibst. Du wirst immer eine bleiben, der/die  über sich selbst hinaus fragen, suchen, sich ausstrecken muss. Du wirst immer einer sein, der andere braucht, die Dir die Hände füllen. Und: Du wirst immer einer sein, der sich nach Gott ausstreckt. In dieser Skulptur steckt ein großartiges Versprechen: Du wirst, was Du empfängst. Du wirst, was Du von Gott in deine Hände und dein Herz gelegt bekommt. Du wirst heil, weil Gott dir sein Heil schenkt. Du wirst barmherzig und kannst barmherzig werden, weil Gott dir sein Erbarmen schenkt. Du wirst gerecht und kannst anderen gerecht werden, weil Gott sich dir recht sein lässt. Es sind die leeren Hände, die Gott füllt – mit seinen Gnadengaben.

 

Herr Jesus., gib Du mir die richtigen Worte, die Dich loben, den Vater im Himmel preisen, Deine Ehre vermehren. Gib Du mir die Worte, die meinen Zeitgenossen verstehen, die trösten können, aufrichten, ermutigen, die verständlich zum Glauben einladen.

Gib Du mir, dass ich Deine Worte höre, in mich aufnehme, mich Deiner leisen Stimme anvertraue und dann weitergebe, was ich von Dir empfangen habe. Gib Du mir die leeren Hände, Deine Gaben zu empfangen. Amen