Was bleibt!

1.Korinther 13, 8 – 13

8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird.

             „Die Charismen vergehen, aber die Agape bleibt.“(H.D. Wendland aaO.  S. 119).  Es ist bemerkenswert: Die Gaben, auch die größten Gaben sind Gaben für die Zeit, für den Weg durch die Welt. Die Liebe aber ist keine Gabe für die Zeit, sondern sie ist ewig. Anders gesagt: Liebe hat Ewigkeitsqualiät. Was aus der Liebe geschieht, geht nie verloren „Sie ist die Substanz der Ewigkeit. Willst du in deinem Leben Ewigkeit haben, dann liebe.“(W.de Boor, aaO.  S. 223)

 Bei dieser Aussage stocke ich ein wenig, weil ich glaube, dass wir uns damit überfordern. Unsere zwischenmenschliche Liebe ist nicht von dieser Qualität, sie ist ärmer, hinfälliger, sie trägt, zum Schmerz so vieler, die Zeichen des Verfalls und der Vergänglichkeit an sich. Das gilt für die Liebe, wie wir sie der Ehe zurechnen genauso wie der Liebe, die Freunde verbindet, die Eltern mit Kindern verbindet. Wir haben es oft damit zu tun, dass unsere Liebe an ihre Grenzen kommt, dass sie stirbt und – schrecklich – sich manchmal gar in Hass verwandelt.

Doch – es bleibt bei Paulus diese so unfassbar große Sicht: die Liebe, die an die Liebe Gottes in Christus angeschlossen ist, die bleibt. Immer und ewig. Diese Liebe aber ist Geschenk und wird nur da wirksam, wo wir die leeren Hände geöffnet Gott hinhalten, dem väterlichen und mütterlichen Gott, der uns in Jesus seine Liebe zeigt.

Ist es dem gegenüber schlimm, dass die Gaben zeitliche Gaben sind, dass sie aufhören werden? Paulus rückt mit diesen Worten Wertigkeiten zurecht. Was in Korinth so hoch geschätzt wird, fast schon wie ein Zeichen der Vollendung angesehen wird – prophetische Reden, Zungenreden, Erkenntnis – das ist alles nur für die Zeit. In der Ewigkeit Gottes überflüssig. Nicht nur, weil es noch nicht perfekt ist, sondern weil es dann einfach damit vorbei ist.    

9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

             Alles Leben ist Fragment. Bruchstück. Das gilt für unser Wissen, das gilt für unser Glauben. Das gilt für unser Reden. Auch für das prophetische Reden. Das gilt auch für unser menschliches Lieben. Weil wir noch nicht am Ziel sind, ist alles im-perfekt, unvollkommen. Stückwerk.

Harte Worte – aber zugleich doch befreiend. Befreiend im Blick auf den Perfektionismus-Wahn. Auf die Vollkommenheitsideen. Befreiend auch deshalb, weil es erlaubt, das Stückwerk des eigenen Lebens in Blick zu nehmen, ohne sich dadurch klein zu machen. Und es gilt ja doch: „Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“(Blaise Pascal)

Ausgesprochen sorgfältig formuliert Paulus auch hier: wenn das Vollkommene kommen wird. Das Vollkommene kommt auf uns zu. Es ist nie und nimmer unser Produkt. Es wird uns gewährt. „Es ist die endgültige Begegnung mit der Wirklichkeit Gottes, die alles andere verschwinden lässt. Weil die Sonne aufgeht, darum erlöschen alle Lichter.“(K. Barth zit. W. Klaiber, aaO. S. 216) Das Vollkommene meint demnach nicht irgendeinen Zustand, sondern diese Begegnung – Gott sehen, Gott schauen.  Es ist urchristliche Hoffnung:  „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“(1. Johannes 3,2) Diese Hoffnung teilt Paulus.

11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war.

             Um deutlich zu machen, was er meint, greift Paulus Erfahrungen auf. So spricht er von sich selbst und bietet den Korinthern an, dass sie zustimmen: das verstehe ich. Kinder sind Kinder und niemand erwartet von ihnen ein Denken, wie es einem Erwachsenen zusteht. Deshalb denken sie doch – aber eben anders. Noch nicht so erwachsen.

Wir heute sind vorsichtig: wir sind dafür, dass manches, was kindlich war, erhalten bleibt und nicht abgelegt wird, abgetan, weil es die harte Erwachsenenwelt weicher macht. Aber darum geht es Paulus nicht. Sein Blick richtet sich darauf, dass niemand ernsthaft völlig im Denk-Stadium eines Kindes bleiben kann und auch bleiben will. Das wäre nicht angemessen. So sind auch unsere Denkweisen dem nicht angemessen, was als das Vollkommene kommen wird. Sie werden überholt.

 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

             Daneben tritt das zweite Bild. In einem Spiegel sieht man nur indirekt. Seitenverkehrt auch. Vielleicht verzerrt. Vielleicht nur schemenhaft. So ist es mit unserem Sehen in der Zeit. Keine und keiner sieht Gott direkt. Unverhüllt. Das würden wir nicht aushalten. Darum ist unser Sehen unfertig, unser Erkennen nur Bruchstück.

Das ist eine große Herausforderung an alles Reden über Gott, über Christus, über den Glauben. Nie kann ich alles sagen. Nie fassen meine Worte und mein Glauben die ganze Wahrheit Gottes. Immer muss ich im Blick behalten, dass mein Reden zurück bleibt hinter der Wirklichkeit Gottes. Dass es nur Stückwerk ist, nur Gestammel.

Vielleicht gab es in Korinth Christen, die von sich glaubten, dass ihre Gotteserkenntnis schon am Ziel sei. Ihnen widerspricht Paulus. Auch die tiefste Erkenntnis ist nur ein Anfang, nur ein Sehen in einem dunklen Bild.

Heißt das, sich resigniert damit abfinden: Alles ist recht? Du sagst deine Meinung, ich sage meine Meinung. Oder eben damit: nichts Genaues weiß man nicht. Und wer von Gott etwas zu wissen meint, nimmt den Mund zu voll.

Paulus ist nicht unterwegs als einer, der seine Meinung über Gott unters Volk bringen will. Er ist innerlich gewiss: In Jesus Christus begegnet mir die Liebe Gottes. Begegnet mir Gott so, dass ich mich für immer und ewig darauf verlassen kann. Und doch weiß er: Ich bin mit meinem Erkennen noch nicht am Ziel.

Auch seine Begegnung mit dem Auferstandenen entwerten die Sätze des Psalms nicht als  sinnlos, wertlos. In dieser Begegnung vor Damaskus hat sich sein Leben verwandelt, weil er der Wahrheit Gottes in Person begegnet ist. Und einen anderen wird er auch nicht am Ende der Geschichte sehen, wenn der erhöhte Christus wiederkommt.

HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                                Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                               du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                           Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                  und siehst alle meine Wege.                                                                                                       Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                                 das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                  Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                         und hältst deine Hand über mir.                                                                                      Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,                                                        ich kann sie nicht begreifen.                                      Psalm 139, 1 – 6

             Nicht davon lebt unser Glauben, dass wir Gott ganz erkannt, begriffen, verstanden hätten, sondern dass er uns erkannt hat, uns in seine Liebe nimmt und sich in dieser Liebe nicht beirren lässt.  Daraus aber erwächst Gewissheit bei Paulus: wir sind unterwegs zu einem Erkennen, wie ich erkannt bin. Zu einem Sein vor Gott, mit Gott, in Gott, auf das kein Dunkel, kein Schatten mehr fällt.

13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

             Haben sie in Korinth so gefragt: Was bleibt? Haben sie deshalb die Charismen so hoch geachtet, weil sie dachten: Das garantiert gewissermaßen Ewigkeit? Paulus antwortet – auf die gestellte oder auch nicht gestellte Frage: Was bleibt – Glaube, Liebe, Hoffnung.

Das Vertrauen auf Gott findet in der Ewigkeit seine Vollendung. Die Liebe wird auch dann das Band sein, das Gott mit seinen Menschen verbindet. Und die bewährte Hoffnung auf dem Weg durch die Zeit behält ihr Recht. Das größte aber ist die Liebe – weil sie aus Gott kommt und zu ihm führt. „Die opfernde, sich hingebende Liebe Christi ist es, die im Handeln der Gemeinde Gestalt annehmen soll.“(H.D. Wendland aaO. S. 123)Weil sie in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat, Hand und Fuß und weil sie es sich leisten kann, in der oft allzu menschlichen Liebe ihr Bruchstück zu finden, ihr Spiegelbild.

Zum Weiterdenken

Wir können ja nicht aufhören, weiter zu denken. Wir können nicht aufhören, weiter zu fragen. Wir stehen immer neu vor der Aufgabe, wenn der Horizont eng wird, Antwort zu versuchen: Was kommt hinter dem Horizont? Paulus weiß, dass er in seinem Antworten nur ein Tastender ist. Aber er weiß auch – es wird alles daran hängen, dass am Ende die Liebe bleibt. Dass wir nicht in ein Dunkel aus Nichts stürzen, sondern eingehüllt werden in das Licht der Liebe. Im Gegenüber zu ihm, der die Liebe ist. Bei Johannes klingt die Antwort auf die Frage, was bleibt so: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“(Johannes 1, 13)

 

Was wird bleiben von meinen Gedanken, von meinen Plänen, von den kleinen und großen Hoffnungen? Was wird bleiben von meinem Tun? So frage ich manchmal, mein Gott. Falsch  gefragt, sage ich mir selbst und frage doch so. Du überholst alles Fragen durch Deine Liebe. Du nimmst mir alle Angst vor dem „vergeblich“ durch Deine Liebe. Deine Liebe bleibt und sie verwandelt das bisschen Liebe in der Zeit, zu dem ich fähig bin, in ein Samenkorn Deiner Ewigkeit. Amen