Aufeinander angewiesen

1.Korinther 12, 12 – 26

 12 Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus. 13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt. 14 Denn auch der Leib ist nicht ein  Glied, sondern viele.

             Paulus bleibt bei seinem Bild: Der Leib ist einer, eine Einheit, Ganzheit. Aber diese Ganzheit besteht aus vielen Gliedern. Alle Organe des Leibes sind ein Organismus. Das kann jede und jeder an sich selbst sehen, erfühlen, ertasten. Das ist unsere Wahrnehmung. Wenn es jetzt weiterginge: so ist es auch mit der Gemeinde, wäre es ein schlichter, sinnvoller Vergleich.

Aber Paulus fährt fort: so auch Christus. Er redet von Christus als einem Leib. „Die Gemeinde wird also nicht nur mit einem Leib verglichen; vielmehr ist sie der Leib Christi.“ (W. Klaiber, aaO.  S. 201) Sie ist es, weil er, Christus selbst, sie dazu macht.

Das sprengt unsere gewohnten Denkkategorien. Mit dem Vergleich kommen wir noch einigermaßen gut zurecht. Aber mit dieser Wirklichkeit, die Paulus behauptet, haben wir es schwer. Wir sehen die Organisation Kirche, die Organisationsform Kirchengemeinde. Aber dass verborgen in. mit und unter diesem so allzu menschlichen Gebilde Christus präsent sein soll in der Welt, das ist unserem Denken eine harte Zumutung.  Sie wird uns nicht erspart.

Diesem Leib sind die Christinnen und Christen eingefügt, hinein getauft durch den einen Geist – unabhängig davon, wo sie herkommen, unabhängig davon, welchen sozialen Status sie haben. Unabhängig auch von ihren moralischen Qualitäten. Alle haben Anteil an dem einen Geist, mit dem sie getränkt sind. Mit hinein getauft signalisiert Paulus: Christsein ist immer ein Hinzukommen, nicht der freie Zusammenschluss irgendwelcher religiös begabten, christlich geprägten Leute.

Dass der Leib lebendig nur so ist, dass er ein Organismus mit vielen Gliedern ist, schließt ein, „dass es abgestorbene Glieder und passive Mitgliedschaft in einem lebendigen Leib wesensmäßig nicht geben kann.“ (W. Schrage, aaO.  S. 221) Das ist gerade auch als nüchterne Feststellung eine große Anfrage an die Art und Weise, wie mancherorts Christsein gelebt wird, ohne jede Kirchenbindung, ohne jeden lebendigen, nachhaltigen Kontakt zu den Brüdern und Schwestern.

 15 Wenn nun der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum gehöre ich nicht zum Leib! gehört er deshalb etwa nicht um Leib? 16 Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum gehöre ich nicht zum Leib! gehört es deshalb etwa nicht zum Leib?

             Es scheint, als ginge Paulus jetzt auf Selbst-Wahrnehmungen, Selbsteinschätzungen innerhalb der Gemeinde ein. Da gibt es die, die sich nicht gleichwertig fühlen. Die sich von anderen unterschätzt erfahren und sich deshalb auch selbst unterschätzen. Abwerten. Das ist ja ein Mechanismus, der bis heute funktioniert. Weil andere mich klein machen, abwerten, übernehme ich diese Sichtweise auf mich selbst und mache mich selbst kein. Entwerte mich selbst. Seine Antwort: „Auch Gemeindeglieder mit unterschätzten Funktionen sollen sich gegenüber angeblich höher Qualifizierten nicht verstecken müssen oder ausgeschlossen fühlen.“ (W. Schrage, aaO.  S. 223)

17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? 18 Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat. 19 Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib? 20 Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.

             Paulus treibt die Argumentation geradezu widersinnig weiter: Was, wenn der Leib nur ein Organ wäre, nur Auge, nur Gehör. Bis heute leuchtet das ein: „Der ist ja nur Kopf“ sagen wir und meinen einen am Leben behinderten, weil er nur denken kann, nicht fühlen, nicht spüren, nicht den eigenen Körper erfahren. Was für ein merkwürdiger Leib, wo alles nur ein Glied wäre. Nur zu wahr: „Das ergäbe ein Monstrum und keinen lebensfähigen Leib.“ (W. Schrage, ebda.)

Im Rückgriff auf die Schöpfung weiß Paulus: Der Schöpfer hat es gut gemacht, wunderbar, zum Staunen schön, dass er den Leib des Menschen so geschaffen hat, wie wir ihn erfahren.  Gott sei Dank, kann man da nur sagen. Und – was für den Leib eines Menschen gilt, wunderbar, zum Staunen schön, das gilt auch für den Christusleib. Für die Gemeinde. Zum Staunen schön. Gott sei Dank für seine Gabe.

 21 Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. 22 Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächer erscheinen, die nötigsten; 23 und die uns weniger ehrbar erscheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und die wenig ansehnlich sind, haben bei uns besonderes Ansehen; 24 denn was uns ansehnlich ist, bedarf dessen nicht.

           Jetzt wendet sich Paulus, deutlich erkennbar, einer anderen Gruppe in der Gemeinde zu. Er „wendet sich an die sich vollendet dünkenden Pneumatiker und warnt sie vor Überheblichkeit.“ (C. Wolf, aaO. S. 109) An die, die sich reich begabt wissen. Ausgestattet mit Talenten. Angesehen, weil sie wichtige Funktionen wahrnehmen. Für die manche in der Gemeinde nur Fußvolk sind, auf die sie im Grunde für die Vertiefung des eigenen Glaubens auch verzichten könnten.

Dieser Überheblichkeit stellt Paulus seine Sicht entgegen: Gerade die schwächeren Glieder sind die nötigsten. Wird doch an ihnen sichtbar, wie Gott ist: „Was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist.“ (1,27) Diese Sicht hält Paulus auch jetzt durch. Und führt sie weiter zu denen, die nicht zum Vorzeigen taugen. Die mit dem Leben nicht zurechtkommen, die an den alltäglichen Dingen scheitern. Die man gern im Hintergrund lässt.

An ihnen und dem Umgang mit ihnen muss sich zeigen, ob die Gemeinde sich vom Geist Christi leiten lässt! „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“ (Markus 10,43-44) Überspitzt könnte man sagen: die Aushängeschilder der Christengemeinde sind nicht die herausragenden Köpfe, die Hochbegabten, die Prominenten, sondern die, die im Schatten stehen.

 Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, 25 auf dass im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder einträchtig füreinander sorgen.

             Es ist die Absicht des Schöpfers der Gemeinde, des Herrn, dass sie vielfältig ist, Starke und Schwache, Arme und Reiche, Hochbegabte und solche, die irgendwie nur mitlaufen. So sollen sie miteinander umgehen, dass die Einheit leitet, dass keine Spaltungen seien. Wieder σχίσμα, Schisma – das Problem, das die Gemeinde in Korinth belastet. Für Paulus steht fest: „Streit über Wichtigkeit und Bedeutungslosigkeit einzelner Glieder kann es nicht geben, weil jedes von Gott seine eigene Würde und Funktion hat und alle aufeinander angewiesen sind.“ (C. Wolf, ebda.)

 26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.

             Das ist der Weg der Heilung, auf dem die Spaltungen überwunden werden.  Es geht um die Fürsorge füreinander, um wechselseitiges Tragen.  Wobei schon gilt: Damit das Leiden eines Gliedes von den anderen mitgetragen werden kann, muss es auch sichtbar gemacht werden, mitgeteilt werden. In dieser Hinsicht sind wir in vielen Gemeinden einigermaßen zurückhaltend.

„Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu;
man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh.
Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste,
doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn.“                                                                                     G. Tersteegen 1738, EG 393

Diese wechselseitige Fürsorge und Anteilnahme und Anteilgabe ist ein Weg, der in die Freude führt. Nicht nur bei Einzelnen, sondern in der ganzen Gemeinde.

Zum Weiterdenken

 „Vorhang auf für alle, die im Schatten stehn,                                                                 die täglich irgendwo zu einer Arbeit gehen,                                                                     die sich nicht im Applaus der anderen baden                                                                   sondern hilflos durch das Leben waten                                                                              für den Vater, der vor Sorgen nicht mehr schlafen kann,                                         Bühne frei für die Mutter ohne Mann.“                                                                                            C. Bittlinger, LP Jeder Mensch braucht einen Menschen, Abakus 1983

             Man kommt kaum darum herum: die Wirklichkeit unserer Kirchen ist eine andere.  Die am und im Leben gescheitert sind, sind allenfalls die Objekte unserer Fürsorge, aber sie sind nicht unsere Vorzeige-Figuren. nicht die Leuchtfeuer. Sie stehen nicht für die Exzellenz-Offensive, an der unsere Kirchen genesen sollen. Wir schmücken uns nicht mit den kleinen, ein wenig verwahrlosten Dorfkirchen, die erdnah sind, klein, oft sonntags ziemlich leer, ein bisschen wie aus früheren Zeiten stehen geblieben, sondern mit den großen Leuchtfeuer-Standorten. Liebfrauenkirchen Dresden, Kölner Dom. Paulus hat eine andere Sicht – auf die Menschen, auf die Gemeinde.

 

Mein Gott, Du willst uns miteinander, aufeinander angewiesen, füreinander fürsorglich. Du willst, dass wir nicht im Alleingang leben, dass wir nicht einsam mit unserem Glauben unterwegs sind, nicht einsam im Himmel ankommen wollen.

Ich danke Dir für die Brüder und Schwestern, die anders sind als ich, an denen ich mich manchmal reibe, die mich manchmal in Frage stellen, die mich aber oft genug auch tragen, mich auch ertragen. Gib Du, dass wir aufeinander achten, sorgsam und liebevoll aus Deiner Liebe. Amen