Über alle Schranken hinweg

1.Korinther 11, 27 – 34

  27 Wer also unwürdig von dem Brot isst oder von dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn.

             Das ist ein Satz, der viel Skrupel und Angst ausgelöst hat. Der die Praxis der Kirche tief beeinflusst hat: Vor der Feier des Mahles muss man sich würdig machen – beichten, nichts essen und trinken, nicht mit dem Ehepartner schlafen. Das alles so glaubte man, macht tendenziell unwürdig. ἀναξίως. Da ist aus einer verfehlten Art und Weise, das Mahl zu feiern plötzlich ein Qualitätszustand der Feiernden gemacht worden. Man kann als Person unwürdig sein

Was für eine verhängnisvolle Verschiebung. „Nur solche sollten das Mahl empfangen, die dafür „würdig“ sind. Dieses Missverständnis hat unendlich viel Scheu, wenn nicht gar Angst erzeugt, das Abendmahl zu empfangen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 186f.) Verstärkt noch durch eine Praxis, die Mahlfeier an den Gottesdienst nur anzuhängen, nur für die wenigen, die sich dazu berechtigt fühlten. Und dann am besten auch nur ganz selten.

 28 Der Mensch prüfe aber sich selbst, und so esse er von diesem Brot und trinke von diesem Kelch. 29 Denn wer isst und trinkt und nicht bedenkt, welcher Leib es ist, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.

            Selbstprüfung ist angesagt: Bin ich würdig? Bin ich innerlich auf Empfangen eingestellt? Entspricht mein Leben den Wertmaßstäben Gottes? So ist das jahrtausendlang wohl gelesen und auch verkündigt worden und hat entsprechend Angst gemacht. Aber: „Die Unwürdigkeit ist nicht – wie man sich das früher oft vorgestellt hat und wie es bis heute nachwirkt – die fehlende moralische Disposition oder innere Einstellung des einzelnen Mahlteilnehmers zum Sakrament.“ (W. Schrage, aaO.  S. 48) Wenn nur die „Würdigen“, nur die Reinen das Abendmahl mitfeiern dürften, es wäre von Jesus nicht gestiftet worden und es dürfte bis heute nicht ein einziges Mal gefeiert werden!

Paulus geht es um anderes: Das Mahl ist das Mahl, das mit Christus und untereinander verbindet. Zu einem Leib werden lässt. Das die Unterschiede – sozial, in der Herkunft und im Geschlecht begründet – überwindet und zweitrangig macht. Wer aber in der Praxis des Mahles an diesen Unterschieden festhält, sie durch die Art der Feier gar als gültig regelrecht zementiert, der missbraucht das Mahl. Der isst und trinkt sich zum Gericht.  

Das also ist unwürdig essen und trinken: wir bleiben unter uns. Wir schließen aus der Mahlgemeinschaft aus. Wir lassen nur die zu, die sind wie wir selbst. Noch einmal anders. Es geht nicht um individuelle Verfehlungen in der Vergangenheit des Einzelnen. Die werden ja gerade in der Einladung an den Tisch des Herrn unter seine Vergebung gestellt. Sondern es geht um die Bereitschaft, sich durch das Mahl zu einer neuen Praxis in der Zukunft führen zu lassen – als Gemeinschaft am Tisch des Herrn und dann eben auch als eine Gemeinschaft im Alltag.

Das macht Paulus auch in seinem Sprachgebrauch deutlich: Wer den Leib des Herrn nicht achtet – wenig später wird er die Gemeinde genau so nennen – Leib Christi (12,27) – der mag Abendmahl feiern, so hochliturgisch er nur will – es ist eine Feier, die sich gegen ihn wendet. Ihm zum Gericht wird. Nicht der Umgang mit den Elementen, Brot und Wein, sondern der Umgang mit den Brüdern und Schwestern ist es also, der die Feier des Mahles würdig oder unwürdig macht.

Noch einmal: Ob das Mahl, das gefeiert wird, Herrenmahl ist oder nicht, diese Entscheidung liegt nicht in der Vergangenheit der Einzelnen, sondern in der Zukunft des Miteinanders. Für Paulus ist die Sache klar: Was die Korinther feiern, mit ihren Grüppchen, ihren wechselseitigen Ausgrenzungen, ihrer sozialen Kälte, ihrer Selbstbezogenheit, ist kein Herrenmahl. Sein hartes Urteil: „Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn.“ (11, 20) wird hier noch einmal bestätigt.

Darin sollen die Korinther sich selbst prüfen – als Einzelne und auch als Gemeinde. δοκιμάζω – „prüfen, untersuchen, erforschen“ (Gemoll, aaO. S. 223) Hier hat das Wort dokumentieren seinen Ursprung – es geht um die Feststellung, dass etwas in Ordnung ist, dass es sich so und nicht anders erhält. Und dann eben aus solcher Selbstprüfung zu einer neuen Praxis finden. Als einzelne und als Gemeinde. Hier darf sich keiner hinter gemeindlicher Praxis verstecken. Hier gibt es kein Herausreden, sondern nur nüchterne Selbstprüfung.

  30 Darum sind auch viele Schwache und Kranke unter euch, und nicht wenige sind entschlafen. 31 Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet. 32 Wenn wir aber von dem Herrn gerichtet werden, so werden wir gezüchtigt, auf dass wir nicht samt der Welt verdammt werden.

             Die falsche Praxis hat tiefgreifende Folgen.  Dem Leser heute stockt der Atem, scheint es doch so, als würde Paulus einen Zusammenhang herstellen: Wo das Abendmahl so entleert wird, greifen Krankheit und Schwäche, ja gar der Tod um sich. Eine Möglichkeit zum Verstehen ist, dass er darin wirksam sieht, was er zuvor gesagt hat: Wer das Abendmahl so am Kern vorbei feiert, der isst und trinkt sich selber zum Gericht.

Wahrscheinlich ist es sinnvoll, so zu verstehen: „Paulus möchte der Gemeinde zeigen, dass aus ihrem Fehlverhalten eine krankmachende Atmosphäre entsteht.“ (W. Klaiber aaO.  S. 188) Dem kann man entgegenwirken, wenn man sich selbst richtet, sich dem Abendmahl gemäß verhält. Wenn man die Gemeinschaft lebt, die im Mahl gefeiert wird.

Dieses sich selbst prüfen und selbst richten – ich würde lieber sagen: neu ausrichten – nimmt das Gericht Gottes nicht vorweg, aber es nimmt ihm den Charakter als Verdammungsgericht. Es bleiben Korrekturen, es bleiben auch Defizite – aber sie führen nicht zu einer Verwerfung zusammen mit der Welt. Was Paulus hier sagt und als Praxis nahelegt, „dient der Gemeinde als Warnung, als Ruf zur Umkehr; und es bewahrt sie damit vor der Verurteilung im Endgericht.“ (C. Wolf, aaO.  S. 96)

 33 Darum, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander. 34 Hat jemand Hunger, so esse er daheim, auf dass ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das andre will ich ordnen, wenn ich komme.

Weil es Paulus auf eine veränderte Praxis ankommt, wird er jetzt ganz praktisch. Aufeinander warten. Nicht: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das ist noch einmal „ein ziemlicher klarer Hinweis darauf, dass das Hauptproblem darin bestand, dass einige aus der Gemeinde – und zwar die wohlhabenden Mitglieder- schon früher zusammen kamen und schon gegessen hatten, wenn die anderen sich nach getaner Tagesarbeit hungrig einfanden.“ (W. Klaiber, aaO.  S. 189) Den Hunger, wenn es ihn denn gibt, angemessen zuhause stillen. Aber besser eben durch das Warten aufeinander, durch das Mahl miteinander sichtbar machen: Wir gehören zusammen. Alle. Ohne Unterschied. Männer, Frauen, Arme, Reiche, Sklaven, Freie, Christen aus jüdischer Herkunft und frühere Heiden.

Das alles sind keine Geschmacksfragen, sondern es ist ernst: wo das Wesen des Abendmahls verfehlt wird durch die Art, wie es gefeiert wird, durch die Praxis rund um das Abendmahl, wird das nicht folgenlos bleiben. Vor diesen Folgen, dem Gericht, will Paulus durch sein Mahnen bewahren.

Alles andere wird sich auch später noch gut regeln lassen. Ordnen. Aber dies ist jetzt vordringlich und duldet keinen Aufschub. Weil es im Mahl des Herrn um ein Grundelement im Leben der Gemeinde geht.

 Zum Weiterdenken

Es sind Gedanke, Fragestellungen über den Text hinaus: Wie wirken dieses Worte des Paulus, mit denen er die Praxis des Herrenmahles in Korinth tadelt?  Wie wirken sie auf uns heute, in einer Zeit, in der jeder nach seiner Fasson selig werden darf, jeder doch seine Meinung haben darf. Mein Eindruck: Wenn Paulus heute so redete, handelt er sich bei uns harsche Kritik ein: Er ist anmaßend, setzt seine Sicht absolut, er lässt die anderen nicht gelten. Er macht sie klein. Er ist ein Extremist, ein Radikaler in Sachen Glauben. Und wenn wir heutzutage etwas fürchten, dann Leute, die den Glauben radikal, von Grund auf, ernst nehmen.

Ich bin eher auf der Seite des Paulus: Wer sieht, dass der Karren auf einen Abgrund zurollt, der muss ihn umsteuern, muss die Handbremse ziehen. Der darf nicht einfach alles so laufen lassen. Ich wünsche mir in meiner Kirche auf allen Ebenen eine ehrliche Debatte mit heißen Herzen darüber, wo es Fehlentwicklungen gibt. Innere Fehlentwicklungen, im Weitergeben des Evangeliums. Wo wir nicht mehr Gott in Christus in der Mitte haben, nicht mehr den Ruf: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ (2. Korinther 5,20) Wo wir uns mit einer Feld-Wald-Wiesenfrömmigkeit und einem diffusen: „Wir haben doch alle den gleichen Gott“ zufriedengeben, uns mit einer abnehmenden Kirchlichkeit irgendwie arrangieren und abfinden. Wo der Ruf zum Glauben exotisch wird, so wie er es bei Paulus auch war. Ich für meine Person will mich damit nicht abfinden.

Aber ich sehe noch eine weitere, grundsätzliche Schwierigkeit. Wir gehen mit Texten um, die in einer völlig von unserer Situation unterschiedenen Situation geschrieben sind – für kleinste, überschaubare Gemeinden, für Gemeinschaften, in denen wirklich einer den anderen kennt und braucht. Für Gruppen, die in viel stärkerem Maß ein gelebtes Miteinander haben als wir es in den Groß-Gruppierungen der Volkskirche kennen.

Es ist fast zwangsläufig, dass bei uns das Mahl vor allem liturgisch betrachtet wird. Die Gemeinschaft des Mahles besteht im Händereichen. Wenn die Hände dann nach dem Mahl wieder gelöst sind, geht jede und jeder wieder seines/ ihren Weges. Mein Alltag verbindet sich nicht mit dem Alltag der anderen, die Mahl teilhaben. Wir ersetzen Wirklichkeit durch Symbol.

Ich sehe das und bin völlig ratlos, wie sich an dieser Stelle etwas ändern soll, wie ich dazu beitragen könnte, dass sich etwas ändern könnte. Mein Traum von einer Gemeinschaft, die trägt, stärkt, stützt, die ihre Mitte im Mahl miteinander hat, kommt mir eben nur wie ein Traum vor. Schön, aber nicht real. Hier und da in Kommunitäten aufleuchtend. Aber die Wirklichkeit vor Ort ist deprimierend anders.

 

Heiliger Gott, Du schenkst Dich uns. Du teilst Dich an uns aus. Du nimmst uns in die Gemeinschaft mit Dir hinein. Wie viel auch immer gegen uns sprechen mag.

Gib Du, dass wir Dein Vertrauen zu uns nicht ins Leere laufen lassen, dass wir Dir antworten mit unserem Vertrauen zu Dir, mit unserer Zuwendung zum Nächsten, mit unserer Akzeptanz gerade auch denen gegenüber, die uns fremd sind, mit denen wir uns schwer tun.

Gib Du, dass wir Dein Mahl würdig feiern, uns darauf einlassen, dass wir im Teilen von Brot und Wein eins werden, auch mit denen, von denen uns viel zu trennen vermag, Herkunft und Sitte, Denken und Glauben. Über alle Unterschiede hinweg -Deine Hingabe verbindet uns. Amen