Das schwierige Miteinander

1.Korinther 11, 17 – 22

 17 Dies aber gebiete ich euch: Ich kann’s nicht loben, dass ihr nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren zusammenkommt. 18 Zum Ersten höre ich: Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich’s. 19 Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, auf dass die unter euch offenbar werden, die bewährt sind.

             Eben noch hat Paulus die Gemeinde gelobt. Aber dabei kann er nicht bleiben. Sondern er muss erneut den Finger in die Wunden legen – wie schon am Anfang seines Briefes. Fast so, als wäre er nicht weitergekommen.

„Ich habe gehört“ sagt Paulus und beruft sich so auf sichere Informationen. „Die mündliche Quelle, auf die die Informationen des Paulus zurückgehen, ist nicht genauer zu bestimmen, wird aber wohl mit den Informanten aus 1,11 identisch sein.“ (W. Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/3, Neukirchen 1999, S. 19) Über den Versammlungen, den Gottesdiensten der Gemeinde liegt ein Schatten. „Über ein Fernbleiben von Gemeindeveranstaltungen ist nicht zu klagen.“(W.de Boor, aaO. S. 187) Aber auch wenn viele kommen, so kommen sie doch nicht zusammen. Sie bleiben in ihren Gruppen und Grüppchen, in ihrer sozialen Situation gefangen. Das nennt Paulus Spaltungen. σχίσματα. Schismata. Es ist das Wort, das wir für tiefgreifende, schmerzhafte Trennungen unter den Kirchen gebrauchen, nicht für harmlose Meinungsverschiedenheiten.

Die Gegensätze – hier Paulus-Leute, da Apollos-Anhänger, dort noch einmal andere – und zusätzlich die sozialen Unterschiede haben sich so verhärtet, dass es nicht mehr zu einem wirklichen Miteinander kommt.

Es mutet an wie der Versuch, aus einer Not eine Tugend zu machen, wenn er dann noch hinzufügt, solche Spaltungen – diesmal das noch stärkere Wort αἱρέσειςHäresien – müssen sein. Sie gehören als Element der Bewährung dazu. Denn immerhin: dass es so in Korinth steht, wird auch zeigen, wem denn nun wirklich die Einheit der Gemeinde am Herzen liegt, wer darum ringt, dass sie nicht auseinanderfliegt, sondern zusammen auf dem Weg Christi bleibt. Wer nicht das Seine sucht, sondern das Heil der Anderen.

Die Worte Jesu jedenfalls zeigen einen anderen Weg, der auch für die Feier des Abendmahls wichtig ist: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe.“ (Matthäus 5,23-24) Das ist ursprünglich auf den Gang zum Opferaltar bezogen, aber es ist doch auch gleichermaßen gültig für den Gang zum Tisch des Herrn! Der Weg zum Abendmahl fängt nicht erst im Gottesdienst an, der Weg zum Abendmahl führt über die Versöhnung mit dem Nächsten, dem Bruder, der Schwester.

20 Wenn ihr nun zusammenkommt, so hält man da nicht das Abendmahl des Herrn. 21 Denn ein jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg, und der eine ist hungrig, der andere ist betrunken. 22 Habt ihr denn nicht Häuser, wo ihr essen und trinken könnt? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.

            Das zeigt sich auch in der Feier des Abendmahls. Jetzt wird Paulus ganz hart: So wie ihr eben nicht mehr zusammenkommt, sondern in Gruppen bleibt, ist das, was ihr feiert, nicht mehr das Abendmahl des Herrn. Es mag tausendmal kultisch korrekt sein, liturgisch stimmig – die Vorbehalte gegeneinander machen die Gemeinschaft in der Gemeinde zunichte.

Er führt die Unterschiedlichkeit vor, die in der sozialen Herkunft begründet ist. Die einen kommen von zuhause, schon zuvor durch die häusliche Mahlzeit satt und wohl genährt. Die anderen kommen – von der Arbeit? –  hungrig, erschöpft. Wieder andere kommen gar betrunken.

„Vermutlich steht es so, dass die Begüterten schon vor dem Erscheinen der anderen ihre mitgebrachten und erleseneren Spesen verzehrten oder für die gemeinsame Mahlzeit nur Reste übrigließen.“ (W. Schrage, aaO. S. 24) Das alles womöglich noch mit dem Argument: Es gehe ja den anderen gar nicht verloren – denn die Mahlfeier würde ja anschließend doch liturgisch sorgfältig und ordentlich gehalten.

Das ist für Paulus das Ärgernis: Aus dem gemeinsamen Mahl über soziale Grenzen hinweg wird so ein Kultmahl, das keine soziale Grenze mehr zu überwinden sucht, weil es sie ignoriert, das sich mit der Grüppchenbildung in der Gemeinde abfindet. Es ist nicht nur „soziale Kälte“, die Paulus hier kritisiert. Es ist das völlige Fehlen von sensibler Wahrnehmung der Lebenssituationen derer, die nicht viel oder gar nichts haben. Dazu kann Paulus sich nicht positiv stellen, das kann er nicht loben.

An dieser Stelle ist Paulus sehr hart und klar: wenn es sich so verhält, dass einige einzelne Glieder der Gemeinde missachten, die anders unterwegs sind als sie selbst, dann, so sein Urteil, verachtet ihr die Gemeinde Gottes. Das ist mehr als nur Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegenüber den Habenichtsen. Es gefährdet durch die verweigerte Gemeinschaft das Zentrum der Gemeinde, ihre Zusammengehörigkeit.

Es ist ja auch eine Verweigerung gegenüber dem Weg Christi, der sich gerade mit den Armen und Hungrigen identifiziert: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Wie könnte man ihm gegenüber rechtfertigen, dass man sich von den Armen und Hungrigen, den Sklaven und Geplagten, den Niedrigen in der Gemeinde distanziert?

Zum Weiterdenken

In unserer Zeit wird alles untersucht und oft auf den wissenschaftlichen Punkt gebracht. Was Paulus hier beschreibt, klingt nach Verhalten, wie es die Milieu-Theorie heutzutage beschreibt. Man bleibt unter sich, weil man den gleichen sozialen Status hat. Man hat wohl auch gemeinsame Vorlieben, Verhaltensweisen, gemeinsame Werte. Sie dienen dem Zusammenhalt nach innen und der Abgrenzung nach außen. Man weiß, wer dazu gehört. Diese Gruppenbildung führt wie von selbst zu innen und außen, zu Zugehörigkeit und Ausgrenzung.

Von diesem Denken sind auch christliche Gemeinden nicht frei. Es ist gruppenspezifisch. Und doch sagt Paulus: so geht es im Leib Christi nicht. Er will ein Miteinander aus einer anderen, geistgewirkten Wirklichkeit heraus. Aus einer Wirklichkeit, die soziale Unterschiede nicht überspielt und negiert, sondern sie ernst nimmt und darum gegensteuert. Die sich an denen orientiert, die auf der Schattenseite stehen und ihnen hilft. Auch darum schreibt er diesen Brief nach Korinth und wird dieses Thema noch länger in seinem Brief traktieren. Aus dieser Fragestellung können sich die Gemeinden Jesu auch heute nicht entlassen, wenn sie das bleiben wollen: Gemeinde Jesu.

Mein Herr Jesus, es ist nicht so einfach mit dem Miteinander, mit der Gemeinschaft. Manche sind mir fremd, befremden mich durch ihr Verhalten, durch ihr Reden, durch ihr Denken, schon durch ihr bloßes Aussehen und Auftreten. Und es gehört wohl zur Wahrheit: Ich bin ihnen auch fremd und oft genug eine Zumutung. Es ist nicht so einfach mit mir.

Gib Du uns immer neu, dass wir beieinander bleiben, dass wir die Grenzen überwinden, die in unser Herkunft und unseren Gewohnheiten, unseren Vorlieben liegen und ihren Grund haben auch in dem, was wir nicht mögen, wo wir gerne Abstand halten.

Gib uns Deinen Geist, der uns über alle Grenzen hinaus zusammen führt und zusammen hält. Amen