Vom Geschenk, frei zu sein

1.Korinther 10, 23 – 11, 1

 23 Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. 24 Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient.

             Paulus kommt zurück auf das Schlagwort, das in Korinth eine große Parole ist. Auf das Wort, an dem ihm selbst auch so viel liegt. Alles ist erlaubt. „Wir dürfen tun, was uns gefällt, auch das unmöglichste der Welt.“ (Liederbuch Fontäne) Im Griechischen wird es deutlicher als im deutschen Text: Im Πάντα ἔξεστιν steckt die ἐξουσία, die Vollmacht, die Macht von oben. Es geht um die Freiheit, die aus der Macht Christi kommt. Aus seiner Gewalt. „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ (Matthäus 28,18) 

             Und doch: diese Erlaubnis, die Macht hat ihre Grenze in der Frage nach der Wirkung. Wer nach der Freiheit sucht und fragt, muss schon richtig fragen: „Die ganze Fragestellung ist falsch, wenn ich nur nach meiner eigenen Freiheit, nach meinem eigenen Dürfen und Können frage.“ (W.de Boor, aaO.  S. 173) Paulus proklamiert keine schrankenlose Freiheit, sondern eine Freiheit zum Guten. Eine Freiheit, die aufbaut. Eine Freiheit, die anderen zugutekommt, die dem anderen dient.

 25 Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst und prüft es nicht um des Gewissens willen. 26 Denn »die Erde ist des Herrn und was darinnen ist« (Psalm 24,1). 27 Wenn euch einer von den Ungläubigen einlädt und ihr wollt hingehen, so esst alles, was euch vorgesetzt wird, und prüft es nicht um des Gewissens willen.

             Das ist eine Aufforderung zu unbekümmertem Umgang mit dem Alltag. Macht euch keine Skrupel. Keine Nachforschungen über die Herkunft des Fleisches – weder auf dem Markt noch bei der Einladung. Ihr macht nichts falsch, wenn ihr esst, was man euch vorsetzt. „Es ist unwichtig, ob das Fleisch aus den Tempeln kommt oder nicht.“ (C. Wolf. aaO.  S 59)

Für uns heute: seid nicht so schrecklich eng, wenn es um die Herkunft dessen geht, was euch vorgesetzt wird. Fragt nicht, ob es von glücklichen Kühen und freilaufenden Hühnern stammt. Wenn ihr die Angaben auf Lebensmittel-Packungen lest, ist das o.k. aber nicht heilsrelevant. Beschwert also nicht euer Gewissen im Übermaß.

„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“ Mit solchen Worten bin ich aufgewachsen und habe ich lange gelebt. Ich denke oft darüber nach, dass wir – meine Frau und ich – uns in unseren jungen Jahren nicht so viele Gedanken gemacht haben. Wir sind naiv gewesen, was die Zahl unserer Kinder angeht, was die möglichen schädlichen Belastungen von Lebensmitteln angeht. Unsere Kinder durften trotz Tschernobyl auf die Wiese und wir haben nie Becquerels gemessen. Ich lese bis heute keine Angaben über Inhaltsstoffe bei Lebensmitteln. Ob der Schwarzwälder Schinken aus dem Schwarzwald kommt, interessiert mich im Grunde für mich selbst genauso wenig wie die Frage, wo meine T-Shirts gefertigt werden. Ich halte es mit Paulus: ich muss nicht alles wissen. Ich muss nicht überall auf Forschungsreise gehen. Detektiv-Arbeit leisten.

28 Wenn aber jemand zu euch sagen würde: Das ist Opferfleisch, so esst nicht davon, um desjenigen, der es euch gesagt hat, und um des Gewissens willen.

             Anders verhält es sich, wenn einer sagt: Weißt du auch, was du da isst? Weißt Du, woher Deine Klamotten kommen, dass da Sklavenarbeit mit drinsteckt und den Preis drückt? Wenn einer das Fleisch deklariert: Opferfleisch – dann sagt Paulus; nicht essen. Denn dann wird es zur Gewissenfrage. Auch wenn der Hinweisgeber kein Christ ist, sondern ein Heide. Den anderen Fall, den des verunsicherten Christen, hatte Paulus ja schon früher verhandelt (8,7-13).

Hier also kommt es zur Irritation des Heiden – nimmt der Christ etwa doch am fremden Opferkult teil? Um diese irritierte Situation für das Verhalten der Anderen zu vermeiden, kann der Verzicht auf das Essen des Fleisches geboten sein. Es ist das Gewissen der Anderen, das von mir Rücksichtnahme verlangt – nicht, weil er sie einfordert, auch nicht, weil er meine Freiheit als naiv entlarvt.

 29 Ich rede aber nicht von deinem eigenen Gewissen, sondern von dem des andern. Denn warum sollte ich meine Freiheit urteilen lassen vom Gewissen eines andern? 30 Wenn ich mit Danksagung am Mahl teilnehme, was soll ich mich Lästerer nenne lassen wegen etwas, wofür ich danke?

             Noch einmal stellt Paulus klar: die Rücksicht auf das fremde Gewissen ist Rücksicht auf das fremde Gewissen. Sie hat nichts mit dem eigenen Gewissen zu tun. Mit der eigenen Freiheit – diesmal steht da ἐλευθερία, weil es nicht um die Freiheit vor Gott geht. Sondern um die eher banale Freiheit in Sachen Ernährung.

Da ist dem Paulus etwas anderes wichtig: die Danksagung. Das Dankgebet. „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.“ (1. Timotheus 4,4) In dieser Weite will Paulus umgehen mit dem, was ihm vorgesetzt wird. Das macht ihn unbekümmert gegenüber jüdischen Reinheitsvorschriften und gegenüber der Frage nach der korrekten Herkunft seiner Lebensmittel.

 31 Ob ihr nun esst oder trinkt oder was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.

Aus dem bisher Gesagten zieht Paulus jetzt eine Art Summe: Hauptsache ist die Ehre Gottes. Essen und Trinken oder eben auch Nichtessen und Nichtrinken – alles zur Ehre Gottes. Gott wird geehrt, indem wir seine Gaben dankbar empfangen.

Vielleicht ist das eine seltsame und heilsame Herausforderung in einer Zeit, in der man sich eher im Vorbeigehen ernährt. Cafe to go. Brötchen auf die Hand. Fast food. Hauptsache, es geht schnell. Nein, sagt Paulus, erst die Danksagung macht aus dem Nahrungsmittel eine Gabe Gottes, eine Wohltat.

Ich habe es noch als Kind gelernt, weil ich es unaufdringlich, aber doch nachdrücklich und einprägsam von den Eltern gelehrt worden bin:

Wer ohn´ Gebet zu Tische geht, wer ohn´ Gebet vom Tisch aufsteht                         Der ist dem Ochs und Esel gleich und der kommt nicht ins Himmelreich.                                                                                L. Harms

Es ist wahr, dass da auch fragwürdige Theologie mittransportiert werden mag, so als würde das Gebet den Weg zum Himmelreich auftun und nicht die Gnade Gottes, als wäre Beten die Heilsbedingung schlechthin: Aber es ist zugleich doch richtige Erinnerung: Erst im Danken kommt es wirklich zum Empfangen.  Wird aus dem, was auf dem Tisch steht, Gabe des gütigen Gottes.

 32 Erregt keinen Anstoß, weder bei den Juden noch bei den Griechen noch bei der Gemeinde Gottes, 33 so wie auch ich jedermann in allem zu Gefallen lebe und suche nicht, was mir, sondern was vielen dient, damit sie gerettet werden

Noch einmal: Kein Anstoß. Kein Skandal. Nicht nach außen und nicht nach innen: weder bei den Juden noch bei den Griechen noch bei der Gemeinde Gottes. Provozieren ist keine sonderlich gute Idee, wenn man Menschen für die eigene Sache gewinnen will. Stattdessen so leben, dass andere, Juden und Griechen davon angezogen werden, nicht abgestoßen. Neugierig ermutigt zum Nachfragen. Paulus bleibt dabei: Ich bin in meiner Lebenspraxis nicht an meiner Freiheit orientiert, sondern an denen, mit denen ich unterwegs bin. Dass ich ihnen vielleicht Lust zum Glauben mache, dass meine Art zu leben dazu dient, damit sie gerettet werden.

             Es mag ermüdend sein, für uns heute ein wenig nervig, aber es ist für Paulus so: alles, was er sagt und tut, was er lässt und praktiziert, steht unter diesem Vorzeichen: Anderen den Weg zum Glauben offen zu halten.  Weil sie sonst in die Irre gehen, sich verlaufen ins Nichts und Nirgendwo. Es ist die Sicht des Paulus: „Es geht ohne Gott in die Dunkelheit.“ (M. Siebald)

11,1 Folgt meinem Beispiel wie ich dem Beispiel Christi!

             Es ist kein Hochmut, der Paulus das sagen lässt: Ahmt mich nach. Sondern es ist sein großer Wunsch, dass die Christen in Korinth sich an seiner Lebenspraxis ein Beispiel nehmen. Dass sie herausfinden aus einem ständigen Sich-selbst-in-die-Mitte-Stellen, nur die eigene Person sehen, nur die eigene Freiheit. Stattdessen wünscht er sich, dass sie den anderen zum Maß der eigenen Freiheit machen, dass sie füreinander da sind, dass sie die Schwachen stärken und die Zweifelnden ermutigen. Dass sie wie Paulus am Beispiel Christi lernen, die Verlorenen zu suchen, sich zu verschenken, sich zum Diener aller zu machen.

μιμητα, mimetai – Nachahmer sollen sie in Korinth werden. Nachahmer des Paulus, so wie er ein Nachahmer Christi ist. Allein darin ist Paulus ein Beispiel für die Gemeinde, dass er Jesus nachfolgt, sein Leben an ihm orientiert, ihn nachahmt in der Hingabe und der Liebe. 

Zum Weiterdenken

Es lohnt, den letzten Satz des Paulus einmal sorgfältig zu bedenken, weil er ein religionspädagogischer Leitsatz erster Güte ist. Glaube lernt sich wesentlich durch Nachahmen. Das Kind faltet die Hände, weil es das Händefalten bei denen sieht, die für es Autorität sind- Vater, Mutter, Opa, Oma. Ohne diese anschaulichen Beispiele bleiben alle Sätze über Glauben Theorie, blass und lebensfern. Jesus lehrt seine Jünger Glauben, indem er mit ihnen durch das Land geht und sie sehen, was er tut. Wie er lebt. Wie er Kranken begegnet. Wie er mit Hunger und Durst umgeht. Wie er sich im Sturm verhält. Wie er auf Feindseligkeiten antwortet. Und schließlich: Wie er den Weg ans Kreuz auf sich nimmt.

            Es ist der Zusammenhang zwischen seinen Leidensansagen, der dann auch die Worte über die Nachfolge unter dem Kreuz möglich macht, glaub-würdig. „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. Da sprach er zu allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach.“( Lukas 9, 33-23) Alle Nachfolgeworte sind Ruf ins Nachahmen. In die imitatio christi.(Thoms von Kempen)

Man kann sich alle Vorträge über den Sinn das Glaubens, über seine Kraft sparen, wenn es nichts am Vortragenden zu sehen gibt. Wenn er nicht in seiner Lebenspraxis zeigt, wie Glaube geht.

 

Aus aktuellem Anlass: Es kann kein Zweifel sein – wer sich auf den Weg hinter Jesus her macht, der kann nur entsetzt sein über mörderische Gewalt, wie sie in Hanau gegen Menschen geübt worden ist, die „Fremde“ sind, weil sie nicht die gleiche Herkunft wie die Mehrheitsgesellschaft haben. Der Glaube an Christus ist ein Glaube, der die Grenzen zwischen den Völkern, den Rassen (gibt es diese Grenzen eigentlich wirklich oder nicht nur in der Einbildung?) aufheben will.  Paulus schreibt nach Galatien: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, ihr seid allesamt einer im Christus.“(Galater 3,28) Das ist die Vision der einen Welt wie sie im Glauben gesehen wird. Wir sind noch weit weg davon. Aber diese Vision verpflichtet uns – über alle Unterschiede hinweg.

 

 Gott. Ich tauge nicht zur Freiheit. Mir und anderen mache ich das Leben eng. Mir und anderen mache ich Vorschriften, Auflagen, Gesetze. Von kleinauf bin ich das so gewöhnt. Wo es langgeht wird uns gesagt im Kindergarten,  in der Schule, in der Lehre und im Betrieb, in der Zeitung und  im Fernsehen, in der Ehe und natürlich auch in der Kirche.

Alles ist mir erlaubt. Alles steht mir offen. Alles kann ich gestalten. Ich höre es und kann es nicht glauben. Unglaubliches Alles. Ich wage diese Freiheit nicht, die Du mir zutraust. Ich traue anderen nicht mit ihrer Freiheit, die Du ihnen zutraust.

Herr lehre uns Deine Freiheit, die nicht festhält, sich selbst nicht und die anderen nicht. Lehre uns Deine Freiheit, die aus dem Glauben kommt, die nichts misstrauisch an sich reißen muss.

Muss ich Freiheit gar nicht gelehrt werden? Sie ist da und ich darf sie einfach ergreifen – leben, wie Du sie schenkst.

Aber wenn ich zu viel Angst habe, sie zu ergreifen, dann lehre Du mich Deine Freiheit des guten Wortes, des freien Blickes, der offenen Hand, des weiten Herzens. Lehre uns Deine Freiheit und lass uns dazu mit Dir auf dem Weg bleiben, damit aus Deiner Freiheit unsere Freiheit wird. Amen