Abstand, um Himmels willen, Abstand

1.Korinther 10, 14 – 22

 14 Darum, meine Lieben, flieht den Götzendienst!

             „Flieht die Unzucht“ (6,18) hatte Paulus zuvor geschrieben. Jetzt: Flieht den Götzendienst. Eine Mahnung an Leute, die ihm wichtig sind, die er lieb hat. Hat Paulus Sorge, dass sie die Begegnungen mit den früheren Göttern in Korinth auf die leichte Schulter nehmen? Paulus hat es ihnen sagen wollen, dass Selbstsicherheit in Sachen des Glaubens gefährlich ist. Weil sie zur falschen Sicherheit werden kann. „Weil Hochmut vor dem Fall kommt und Heilsverlust droht“ (W. Schrage, aaO.   S. 435) – ist Fliehen geboten.

Mit dem Götzendienst – εἰδωλολατρία – gibt es kein Spielen, sondern nur Abstand. Das griechische Wort deutet darauf hin: Hier geht es um die Warnung vor der Teilnahme an heidnischen Kultmählern. Am fremden Gottesdienst würden wir vielleicht sagen. Am Kult im fremden Tempel. So richtig multireligiös fasziniert hört sich das nicht an. Ob Paulus das heute anwenden würde auf die Feier im buddhistischen Tempel oder die Teilnahme am islamischen Freitags-Gebet?

 15 Ich rede doch zu verständigen Menschen; beurteilt ihr, was ich sage.

             Aber Paulus will nicht einfach nur warnen, auch nicht befehlen. Er sucht die Verständigung mit verständigen Menschen. Er spricht sie in Korinth als urteilsfähige Leute an. Alles Warnen, alles Mahnen kann ja nie die eigene Entscheidung, das eigene Urteilen ersetzen oder überflüssig machen. Gehorsam in Sachen des Glaubens, nur weil der Apostel gesprochen hat, ist nicht das Ding des Paulus. Was er im Folgenden sagt, sollen sie also nicht unkritisch und kritiklos hören, sondern sich wie besonnene Leute dazu verhalten. Das Ziel ist, die Korinther „zu eigenen, rechten Urteil ihres Glaubens zu aktivieren.“ (W. Schrage, ebda.) In unserem Sprachgebrauch heute: Paulus versucht, sie wie mündige Christen zu behandeln und sie dadurch auch zu mündigem Christsein zu ermutigen.  

 16 Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?  17 Denn ein Brot ist’s: So sind wir, die vielen, ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Paulus greift auf Gottesdienst-Erfahrungen zurück und auf Wendungen, die den Korinthern aus dem Gottesdienst vertraut sind. In der Feier des Mahles, im Teilen des Kelches und des Brotes wird Gemeinschaft. Sie entsteht, wird sichtbar, spürbar. Schmackhaft. κοινωνία, Koinonia, Gemeinschaft untereinander, aber vor allem Gemeinschaft mit Christus. Darum auch die steilen Wendungen: Gemeinschaft des Blutes Christi; Gemeinschaft des Leibes Christi.

Die Vulgata übersetzt das eine Wort κοινωνία mit zwei unterschiedlichen Worten – einmal communicatio und zum anderen Mal participatio. Das mag darauf hinweisen, dass Gemeinschaft eine aktive Seite hat und eine passive – Gemeinschaft untereinander und empfangene, geschenkte Gemeinschaft mit Christus.

Für Paulus ist zentral: In dieser Feier, im Segen des Kelches, im Brechen des Brotes – und beide Mal doch wohl: im Vollzug des Teilens – sind wir ein Leib, auch wenn wir viele bleiben. Die Teilhabe an Christus macht eins. Mit ihm, in ihm, und so auch untereinander.

 18 Seht an das Israel nach dem Fleisch! Welche die Opfer essen, stehen die nicht in der Gemeinschaft des Altars? 19 Was will ich nun damit sagen? Dass das Götzenopfer etwas sei? Oder dass der Götze etwas sei? 20 Nein, sondern was man da opfert, das opfert man den Dämonen und nicht Gott. Nun will ich nicht, dass ihr mit den Dämonen Gemeinschaft habt.

Jetzt lenkt Paulus den Blick weg von der Herrenmahl-Feier auf das, was sie in Korinth auch kennen. Irritierenderweise auf Israel nach dem Fleisch.  Gemeint ist wohl das Israel, wie er es gerade zuvor (10, 7 – 9) beschrieben hat – murrend, widerspenstig, ungläubig. Ihr Opfern löst die Gemeinschaft mit Gott und wird zum Götzendienst – so wie es die Geschichte vom Goldenen Kalb zeigt, die er ja zuvor schon zitiert hat: „Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest. Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.“ (2. Mose 32, 5-6) Das ist nicht mehr Gottesdienst, sondern Götzendienst.

Genauso gut aber hätte Paulus auch die Praxis am heidnischen Tempel nehmen können, sieht er doch das abtrünnige Israel wie die Heiden. Immer geht es darum: Die Teilnahme am heidnischen Kult, das Mitmachen am fremden Kultmahl ist keine Harmlosigkeit, sondern es eröffnet Gemeinschaft. Es zieht hinein in die Gemeinschaft der Dämonen – so wörtlich im Griechischen. Was auch immer wir uns unter Dämonen vorstellen mögen – die dunkle Seite der Macht oder sonst irgendwelche Wirklichkeiten, irdisch und überirdisch.

Paulus bestreitet die Macht und Wirklichkeit der Götter, sie sind ihm Nichts –  „Wir wissen, dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen“ (8,6) –  aber er sieht doch, dass die Teilnahme am heidnischen Kult mit diesem Nichts verbindet. Ihm Macht über das eigene Leben einräumt und zugesteht. Das aber will Paulus ausdrücklich nicht. Keine Macht den Götzen! ist seine Parole und darum plädiert er so überaus energisch für Abstand von allem fremden Kult. „Weit davon entfernt, den heidnischen Kult aufklärerisch für Hirngespinst und Hokuspokus zu halten, sieht Paulus vielmehr eine ernste Gefahr.“ (W. Schrage, aaO. S. 445) Man wird durch die bloße Teilnahme womöglich zum Genossen der Dämonen und verspielt die Gemeinschaft mit dem Herrn.

21 Ihr könnt nicht zugleich den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; ihr könnt nicht zugleich am Tisch des Herrn teilhaben und am Tisch der Dämonen. 22 Oder wollen wir des Herrn Eifersucht wecken? Sind wir stärker als er?

 „Niemand kann zwei Herren dienen“ (Matthäus 6 24) sagt Jesus im Blick auf den Herrschaftsanspruch des Geldes. Paulus sieht ebenfalls ein schroffes Entweder-oder. Entweder der Kelch des Herrn oder der Kelch der Dämonen. „Ein sorgloses Hin und Her der Christen zwischen dem Herrn und den Dämonen ist unmöglich.“ (C. Wolf, aaO.  S. 57)

             Es ist dann redlicher Weise zu fragen, ob hier als aktuelle Anfrage nur das Besuchen und Kokettieren mit anderer Religion und fremdem Kult zu sehen ist. Nahe liegt mir, auch das zu sehen, dass man sich mit den gesellschaftliche  angesehenen Dämonen einlässt wie der Gier, dem Erfolgsstreben, dem Kampf um die besten Plätze, der absoluten Dominanz des ökonomischen Denkens, dem „weiter, immer weiter“. Und weniger gesellschaftlich angesehen, aber doch auch weit verbreitet dem Hass auf alles Fremde, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid, dem neu aufblühenden Nationalwahn.

             Auffällig: Paulus warnt vor der Eifersucht des Herrn – Sie zu wecken meint seinen Zorn zu reizen. Es ist eine Erinnerung: der Herr sucht die ungeteilte Hingabe, das ganze Herz. Das gilt schon für Israel. „Ich bin der HERR; dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus er Knechtschaft geführt hat. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (2. Mose 20,2-3) Es gilt auch für die Christen und den Glauben an den Vater Jesu Christi. Für das Vertrauen auf Christus. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6) Halbherzigkeit ist nicht das, was Christi ganzer Liebe, die bis zum Äußersten geht, entspricht. Nicht die Dämonen sind zu fürchten – da weiß Paulus sich im Recht: sie sind nichts – aber die Eifersucht Gottes ist zu fürchten. Weil sie dazu führen kann, dass Gott sich abwendet. Daran erinnert doch das Geschick der Wüstengeneration Israels, das Paulus schon die ganze Zeit den Korinthern vorgehalten hat. Man kann die Gnade Gottes durchaus auch leichtfertig vertun.

Es ist ein Stück Ironie, das Paulus fragen lässt: Sind wir stärker als er? Trauen wir uns das wirklich, der Eifersucht der suchenden Liebe Gottes so zu begegnen, dass wir sie für gleichgültig halten?

Zum Weiterdenken

Wenn man hier nicht einfach nur historische Auseinandersetzungen sehen will, sondern es dem Text zugesteht, dass er eine offene Seite in unsere Zeit hin hat – warum sonst lesen wir ihn? – wird man danach zu fragen haben, was das für uns bedeutet, die gerne einmal aus kulturellem Interesse, aber auch aus religiöser Neugier in den Tempel und Gottesdienst anderer Religionen gehen. Die auch einmal damit experimentieren, wie sich das wohl anfühlt – mit Gong und Räucherwerk, mit „Allah akbar“ und einer tibetanischen Gebetsmühle. Paulus kennt an dieser Stelle keine religiöse Toleranz.

 

 

Halte Dich ganz an mich, so habe ich es gehört von Dir, mein Jesus. Sieh nicht auf die anderen, die dich rufen. Laufe nicht den vielen Stimmen nach, die Dich verlocken.

Ich danke Dir, dass Du mich ganz bei Dir hältst, Dich schenkst im Brot und Wein, mich beschenkst mit Brüdern und Schwestern, mich nicht alleine durch das Leben irren lässt. Ich danke Dir für Deine Liebe, die ich Tag um Tag schmecken darf, in der ich geborgen bin. Amen