Lernen aus der Schrift

1.Korinther 10, 1 – 13

 1 Ich will euch aber, Brüder und Schwestern, nicht in Unwissenheit darüber lassen, dass unsre Väter alle unter der Wolke gewesen und alle durchs Meer gegangen sind; 2 und alle sind auf Mose getauft worden in der Wolke und im Meer 3 und haben alle dieselbe geistliche Speise gegessen 4 und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.

             Ein neues Thema? Oder bleibt es doch für Paulus das gleiche Thema, nur diesmal anders angegangen? Es ist ein langer Gedanken-Weg bis hierher, auf dem Paulus sich mit der Lebenshaltung und der Glaubens-Sicht der Korinther auseinander setzt. „Die falsche Freiheit verbindet sich in Korinth mit einer falschen Sicherheit und Unbekümmertheit.“ (W.de Boor, aaO. S. 162)Um eine heilsame Erschütterung dieser Sicherheit – Luther würde das „securitas“ nennen im Unterschied von der „certitudio“, der Gewissheit – geht es Paulus jetzt. Dabei hält er daran fest – was er jetzt schreibt, schreibt er Brüdern und Schwestern. In früheren Übersetzungen nur „lieben Brüdern“.

Unsere Väter – πατέρες ἡμῶν, patres hemon – das darf man nicht so eng sehen, als wären jetzt in Korinth nur die Christen angesprochen, die einen jüdischen Hintergrund haben. Paulus „setzt ganz selbstverständlich voraus, dass alle Christen in die Familie des Volkes Gottes aufgenommen sind.“ (W. Klaiber, aaO. S. 152) Darum ist die Geschichte Israels eben auch die Vorgeschichte der Christen aus den Heiden und sind die Väter Israels eben unsere Väter.

Im Hintergrund der Argumentation des Paulus steht: „Dass sich Wüstenzeit und Messiaszeit, Mose und Messias entsprechen, ist jüdische Tradition.“ (W. Schrage, aaO. S. 391) Darum kann Paulus an der Wüstenzeit deutlich machen, wie Geschehen in seiner Gegenwart zu verstehen ist. Zugleich deutet er an: Schon in der Wüstenzeit ist Christus der, von dem das Leben ausgeht – der Fels aber war Christus. Wie das zu denken sein soll, macht uns heute Schwierigkeiten, auf die Paulus nicht wirklich eingeht, so wenig wie es auch das Johannes-Evangelium mit seinem Denken in Kategorien der Prä-Existenz tut. Nur dass es so ist, dass er eine Gegenwart Christi in der Welt vor dessen Leben in der Zeit denken kann, das zeigt sich hier.

Diese Sicht teilt er mit anderen in der ersten Christenheit. „In Christus ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.“ (Kolosser 1, 16) – „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.“ (Johannes 1,10)So hat diese Glaubens-Einsicht auch den Weg in das christliche Bekenntnis gefunden: Wir glauben „an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen.“ (Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel, EG 805)

Es ist eine eigenwillige Sicht auf den Durchzug. Alle in der Wolke, alle im Meer, alle auf Mose getauft, alle haben Anteil am Manna und alle haben vom Wasser aus dem Felsen getrunken. Es sind Geschichten, die zum Grundbestand der Erzählungen Israels gehören, die von der Fürsorge Gottes erzählen. Fünfmal in wenigen Worten alle – πάντες,  pantes. Damit wird das Gewicht dieser Aufzählung deutlich. Darauf kommt es Paulus an: diese Fürsorge haben alle erfahren. Diesen Weg der Freiheit aus der Knechtschaft sind alle gegangen.

  5 Doch an den meisten von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie sind in der Wüste umgekommen.    

Es kommt ein Doch. Ἀλλ᾽, all´. Leicht zu übersehen. Diese so wunderbare Erfahrung der Fürsorge Gottes hat nicht zu einem Verhalten geführt, dass das Wohlgefallen Gottes ausgelöst hätte. So wie Paulus die Geschichten der Fürsorge Gottes andeutet, so könnte er auch die Geschichte vom verweigerten Vertrauen des Volkes andeuten. Vom Murren, vom fehlenden Glauben, von der Widerspenstigkeit. Dass sie in der Wüste bleiben, dahingerafft, ist die Folge ihres verweigerten Glaubens: „Alle die Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich getan habe in Ägypten und in der Wüste, und mich nun zehnmal versucht und meiner Stimme nicht gehorcht haben, von denen soll keiner das Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe; auch keiner soll es sehen, der mich gelästert hat.(4. Mose 14, 22-23)

6 Das ist aber geschehen uns zum Vorbild, damit wir nicht am Bösen unsre Lust haben, wie jene sie hatten.

Das ist das Ziel der Worte des Paulus: Warnung. An ihrem Schicksal in der Wüste sollen die Korinther sehen, dass falsche Sicherheit in den Untergang führt. Dass die Lust am Bösen Verderben gebiert. Es ist eine überaus ernsthafte Warnung, sagt sie doch: Weder die Taufe noch das Essen und Trinken der geistlichen Speise und des geistlichen Trankes bewahren wie von selbst vor der Lust am Bösen. Taufe und Herrenmahl immunisieren nicht automatisch gegen alle Gefährdungen des Glaubens. Was an den Vätern geschehen ist, die doch alle zu Gottes geliebtem Volk Israel zählten, ist „Vorbild“ – im Sinn einer Negativ-Folie. Diese τύποι, „Typen“ sollen die Christen nicht nachahmen. Vorbilder. nicht zum Nachmachen, sondern um diesen Weg zu meiden.

 7 So werdet nicht Götzendiener, wie einige von ihnen es wurden, wie geschrieben steht (2.Mose 32,6): »Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu spielen.« 8 Auch lasst uns nicht Hurerei treiben, wie etliche von ihnen Hurerei trieben: und an einem einzigen Tag kamen dreiundzwanzigtausend um.

             Es folgt eine Aufzählung des „typischen“ Verhaltens. Der Väter. Götzendiener waren sie, wie es sich im Tanz um das Goldene Kalb (2. Mose 32, 6) zeigte; sie trieben Hurerei – „Und Israel lagerte in Schittim. Da fing das Volk an zu huren mit den Töchtern der Moabiter; die luden das Volk zu den Opfern ihrer Götter. Und das Volk aß und betete ihre Götter an.“ (4 Mose 25,1-2) Das alles bleibt nicht ungestraft, nicht folgenlos.

9 Lasst uns auch nicht Christus versuchen, wie etliche von ihnen taten und wurden von den Schlangen umgebracht. 10 Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber. 11 Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild.

            Schwieriger ist das Nächste zu verstehen: die Warnung an die Korinther steht voran. Lasst uns nicht Christus versuchen – aber dann folgt der Satz: wie etliche von ihnen taten. Die aktuelle Situation wird mit Hilfe der Vergangenheit interpretiert. Es gibt in Korinth die Gefahr, dass Christus versucht wird. Worin diese Gefahr besteht, sagt Paulus allerdings nicht ausdrücklich. Wobei es schon wichtig ist – dem alle – πάντες wird hier das etlicheτινες, tines – gegenüber gestellt.

Ich überlege: In Korinth besteht die Gefahr, dass Christ*innen in ihrem Enthusiasmus sich nur noch als „Sieger“ sehen wollen, dass sie den Weg der Leiden ablehnen, der in Wahrheit nüchtern zu erwarten steht. Paulus sieht den Weg der Christ*innen als einen Leidensweg. Dem aber wollen sie sich in Korinth entziehen Sie sind nicht mehr bereit, die Leiden in der Nachfolge Christi zu ertragen. Weil ihnen dieser Weg der Leiden nicht passt, der Weg als Sieger aber versperrt ist, drohen sie zu murren und in die Auflehnung gegen die Wege Gottes zu geraten. Dieses Sich-Auflehnen gegen den Weg Gottes nennt Paulus Christus versuchen. Korrekt müsste man sagen: den Herrn versuchen, denn da steht im griechischen Text in den älteren Handschriften nicht χριστός,Christus, sondern κύριος, kyrios.

Der Hinweis auf die Schlangen zeigt, an welche Erzählung Paulus denkt. „Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.“ (4. Mose 21, 4 – 6) Das Murren des Volkes gegen Gott und gegen Mose ist in den Augen des Paulus Murren gegen Christus, ein Versuchen Christi.

Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist. 12 Darum, wer meint, er stehe, soll zusehen, dass er nicht falle. 13 Bisher hat euch nur menschliche Versuchung getroffen. Aber Gott ist treu, der euch nicht versuchen lässt über eure Kraft, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende nimmt, dass ihr’s ertragen könnt.

            Jetzt wird Paulus noch einmal unmissverständlich deutlich: diese Geschichten sind Warnung in die Gegenwart hinein. In die Gegenwart, in der das Ende der Zeiten anbricht. Es ist das Schriftverständnis des Paulus, das sich hier zeigt: Es geht in der Schrift nie nur um geschehene Geschichte. Alle Schriften zielen vielmehr darauf, das Verhalten heute in Übereinstimmung mit dem Heilswillen Gottes zu bringen. Sie wollen nur eines – das Vertrauen darauf stärken, dass Gott treu ist. πιστὸς δὲ ὁ θεός, pistos de ho Theos. Glaubwürdig, zuverlässig treu

Die Warnungen wollen der falschen Sicherheit wehren, der securitas. Der Sicherheit, die sich auf das eigene Tun gründet, auf das, was man organisieren kann, selbst zu bewerkstelligen. Wer auf sich selbst vertraut, auf die eigene Standfestigkeit, mag zusehen, dass er nicht falle. „Wer diese Gefahr des Fallens nicht ernst nimmt und sich bereits ungefährdet am Ziel wähnt, fällt nur umso leichter und sicherer.“ (W. Schrage, aaO. S.409)

Bis jetzt war ja noch alles zum Aushalten, dass ihr’s ertragen könnt. πειρασμὸς ἀνθρώπινος, peirasmos anthropinos– menschliche Versuchungen, fügt Paulus an. Leiden und Schmerzen, Ängste und Sorgen, „die den Menschen als solchen treffen und in seiner Kreatürlichkeit und Begrenztheit begründet sind.“ (W. Schrage, ebda) Aber in den kommenden Zeiten des Endes wird es wohl härter werden. Da kommen die Versuchungen anderer Art: „Ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen… Denn es werden sich erheben falsche Christusse und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, sodass sie die Auserwählten verführen würden, wenn es möglich wäre.“ (Markus 13, 13.21)

In diesen Zeiten zählt nicht die eigene Standhaftigkeit, so wichtig sie auch sein mag. Was dann wirklich hält: Aber Gott ist treu. Er kennt seine Leute. Und so, wie er jedem das Maß des Glaubens (Römer 12,3) zuteilt, das für ihn erträglich ist, so lässt er auch keinen maßlos versuchen über die Kräfte hinaus. Er, Gott, setzt den Versuchungen ihre Grenze. Eine Überzeugung, wie sie sich auch im Evangelium finden lässt:  „Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.“ (Markus 13,20) Die Fürsorge Gottes hat in den Versuchungen kein Ende, sondern sie macht, dass ihr’s ertragen könnt.

Am Ende wird so aus der Warnung etwas anderes, nämlich der Zuspruch der Treue Gottes, ein Ruf in das Vertrauen, dass Gott seine Hand über seine Leute hält und dass er sie festhält. Das glaubt Paulus und so sagt Paulus, „dass es hier letztlich nicht auf menschliche Tüchtigkeit ankommt, sondern auf Gottes Treue, die den Glaubenden vor dem Abfall bewahren und zur Vollendung führen will.“ (C. Wolf, aaO. S. 49)

 Zum Weiterdenken

Es ist die Differenz, die wir merken und ernst nehmen müssen: Paulus liest seine hebräische Bibel so ganz anders als wir, viel unmittelbarer und viel mehr durchsichtig auf Christus hin.  So sieht Paulus in Gott schon Christus gegenwärtig, auch in den Schriften der Väter. Genauer: nicht nur in den Schriften, sondern in dem Geschehen, von dem die Schriften erzählen. Paulus kennt die Angst nicht, die wir heutzutage haben, dass unsere Art, die hebräische Bibel zu lesen, Israel gegenüber übergriffig sein könnte. Er hat, als Jude, der er herkunftsbedingt ist und bleibt, diese Sorge nicht, dass er Israel seine Bibel wegnehmen würde. Die Frage, die sich daraus ergibt: Dürfen wir in der gleichen Weise wie Paulus mit den Schriften und dem, was sie erzählen, umgehen? Müssen wir es sogar, weil wir sonst den Anschluss an die Wahrheit des Glaubens verlieren, die sagt: Christus war schon immer mit im Spiel Gottes.

Es ist Trost pur: Gott aber ist treu. Gott überfordert uns nicht Gott weiß, wann es mit unseren Belastungsgrenzen eng wird. Gott weiß, wie weit wir uns trauen können. Wir selbst wissen das oftmals nicht. Es ist ein harter Lernprozess, sagen zu üben: Das kann ich nicht mehr. Ja, es gibt großartige Erfahrungen mit Gott. Ja, es gibt es wirklich, dass man den Himmel für einen Augenblick offen stehen sieht. Aber dann mutet Gott den Lernweg zu, dass das Leben kleiner wird, die Kraft schneller verbraucht ist, dass man vieles nicht mehr „einfach so“ kann. Dann aber ist Gott treu, dass er zur Einsicht hilft, die dem Leben dient, die aus der Versuchung heraus führt.

 

 

Lieber Herr Jesus, Du willst, dass wir mit Dir leben. Das sagt sich so einfach, ist aber manchmal nur ein Tasten und Suchen, manchmal auch ein ratloses Irren. Aber doch liegt Dir daran, dass wir beständig bei Dir bleiben, dass wir uns festmachen an Deinem Wort, dass wir nicht eigensinnig unsere Wege und unseres Weges gehen.

Gib Du, dass in den vielen Fragen des Lebens Dein Wort uns leitet, uns den Weg zeigt, uns zum Durchhalten hilft, dass wir uns immer neu Dir anvertrauen. Amen