Vom Sport lernen: Glaubwürdig leben

  1. Korinther 9, 24 – 27

24 Wisst ihr nicht: Die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber nur einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.

Ob Paulus wirklich Gast bei den Spielen auf dem Isthmos in Korinth war? Ein regelmäßiger Stadion-Besucher? „Sport war in der antiken Gesellschaft mindestens so populär wie in der unsrigen…Es ist denkbar, dass Paulus bei seinem Aufenthalt in der Stadt die Spiele von 51 n. Chr. miterlebt hat.“(W. Klaiber aaO. S. 149) Notwendig zum Verstehen seiner Bilder aber ist der Stadiongast Paulus nicht. „Bilder aus dem Sport wurden in der antiken Philosophie oft verwendet.“(C. Wolf aaO. S. 34)Es reicht also, dass Paulus hier auf populäre Vergleichsmaterialien zurückgreift, von denen er denkt, dass seine Leser sie sofort verstehen.

Als erstes: Alle rennen um den Sieg, selbst wenn ihn nur einer gewinnen kann. Der Siegespreis im Sport, in der Arena geht nur an einen. Der Siegespreis beim Lauf des Glaubens geht an jeden, der diesen Lauf auf sich nimmt und durchhält. Darin hinkt der Vergleich: der Lauf des Glaubens ist kein Wettlauf. Es ist eher wie beim Marathon oder bei Triathlon: Es geht um das Hemd, das jeder, der ans Ziel kommt, erhält, auf dem steht: „Finisher.“

Ich greife die Parallelisierung des Paulus auf: Es ist schön, laufen zu können ‑ diesen Satz möchte ich übertragen auf unseren Glauben. Dann heißt das zunächst einmal: es ist schön, glauben zu dürfen! Es ist einfach gut für mich, jeden Morgen neu wissen und glauben zu dürfen, dass dieser neue Tag ein Tag aus Gottes Hand ist, dass alle Aufgaben dieses Tages Aufgaben sind, die Gott mir stellt, dass alle Schwierigkeiten an diesem Tag zu Gott gebracht werden dürfen. Alles kann ich vor Gott bringen.

Ob Paulus geahnt hat, dass sein schiefes Bild vom Wettlauf verheerende Folgen haben könnte? Dass es zu einem Wettlauf in Sachen Glauben führen könnte: Wer ist der Frömmste, der Heiligste? Dass es einen Überbietungswettbewerb auslösen könnte? Glauben als eine Art religiöser Hochleistungssport? Paulus will nur die Anstrengung der Christen, die Hingabe an den Weg um des Zieles willen. Die „Nebenwirkungen“ hatte er nicht im Blick.

25 Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.

Verzicht um der Ziele willen ‑ dies ist für den Sportler fast eine Selbstverständlichkeit. Wenn er sich auf einen großen Wettkampf vorbereitet, dann muss er in dieser Zeit auf manches verzichten. Dinge, die er sonst gerne einmal tun würde, werden hier einem anderen Ziel untergeordnet. Verzichtet auf alles„Jeder, der am Wettkampf teilnimmt, πντα γκρατεεται der muss auch in der Trainingszeit mit ihrer Schinderei wie ein Sportler leben.“ (W. Schrage, aaO. , S.364) Abstinet“ steht da im lateinischen Text der Vulgata. Das kennen wir von der Abstinenz, der Enthaltsamkeit. Jeder Sportler weiß: Siege werden in der Vorbereitung gewonnen, nicht erst im Wettkampf. Das rechtfertigt die Selbstdisziplin, die Konzentration auf das Kommende, den Verzicht im Hier und Heute.

Das alles aber für vergänglichen Ruhm. Statt der Goldmedaille von heute gibt es damals den Lorbeer-Kranz, der vier Wochen später verwelkt ist. Wie viel mehr also lohnt sich die Abstinentia, Verzicht, das sich selbst Beschränken, Entsagen, wenn das Ziel der unvergängliche Kranz ist?

Wo ist das Verbindungsglied? Jesus fragt einmal: „Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?“(Lukas 9,55) Christsein stellt in Herausforderungen: Du musst um Deines Glaubens willen den Mut haben, Entscheidungen zu fällen; Du musst um Deines Glaubens willen den Mut haben, in Deinem Leben klare Linien zu ziehen.

Ich nenne zwei Trennungen, die für mich eindeutig sind. Ich kann nicht dem vergebenden Heiland Jesus Christus angehören wollen und einem anderen seine Schuld unbarmherzig nachtragen. Ich kann nicht für mich von Gott Vergebung erwarten und sie dem verweigern, der an mir schuldig geworden ist. Der Groll, den ich auf einen anderen im Herzen trage, der trennt mich nicht nur von ihm, sondern auch von Gott.

Die andere Trennung: ich kann nicht zu Jesus gehören wollen und zugleich die Wahrheit verachten oder sie mir zurechtbiegen. Wer zu dem König der Wahrheit gehören will, der muss an vielen Stellen dem taktischen Umgang mit der Wahrheit, dem Verschweigen, dem Argumentieren mit der Notlüge in unserer Zeit widersprechen.

26 Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse;

Paulus bleibt beim Bild vom Lauf. Für ihn gilt nicht: Der Weg ist das Ziel. Sondern alles hängt am Ziel, am Ankommen. Dieses Ziel aber, sagt Paulus, ist nichts Nebelhaftes, auf unklare Signale hin. So das Wort δλως, das aus der Schiff-Fahrt genommen ist. Unklare Seezeichen, die den Kurs verlieren lassen.

In Korinth haben sich manche schon am Ziel geglaubt und deshalb gefragt: Brauchen wir Christen überhaupt noch ein Ziel für unseren Lauf? Ich lege Paulus mit seinem gewissen, klaren Ziel einmal sehr schlicht aus: Ich laufe dem entgegen, dass ich bei Gott sein darf. Ich laufe dem entgegen, dass ich einmal das Angesicht Jesu Christi sehen darf, das Angesicht voller Liebe zu mir. Ich laufe dem entgegen, dass da für mich ein Platz vorbereitet ist an der Festtafel Gottes.

Als Heinrich VIII. von England (1491-1547) auf dem Totenbett lag, ließ er seinen Hofnarren kommen. Hofnarren sind Menschen, die in spaßiger Form die Wahrheit sagen dürfen, die einem sonst niemand mehr sagt. Der Hofnarr kam ins Sterbegemach. Der König sagte: „Freund, ich muss jetzt gehen.“ „Wohin?“ fragte der Narr. – „Das weiß ich nicht.“ „Wann kommt Ihr wieder?“ – „Ich komme nicht wieder.“ „Wer geht mit Euch?“ – „Niemand.“ „Habt Ihr Euch denn auf diese Reise vorbereitet?“ – „Nein.“ Da nahm der Narr seinen Narrenstab und seine Narrenkappe, warf sie auf das Bett des Königs und erklärte: „Majestät, Ihr habt mir einmal gesagt, ich solle den Narrenstab dem Menschen geben, der ein größerer Narr sei denn ich. Ihr seid es, denn Ihr geht jetzt und wisst nicht wohin und habt keinen Begleiter.“ Dann verließ er den Palast und ward nie wieder gesehen. Da ließ der König von den Lakaien, die da standen, Wein bringen. Er trank den Pokal aus, warf ihn auf den Boden und sagte: „Nun ist alles hin, die Krone, der Wein und die Seligkeit.“

Darauf käme alles an, glaubt Paulus, das Ziel zu kennen, dem es entgegen geht, damit man nicht in die Irre läuft.

ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, 27 sondern ich schinde meinen Leib und bezwinge ihn, dass ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Jetzt wechselt der Apostel das Bild – von der Leichtathletik zum Faustkampf. Mann gegen Mann. Aber der, den er bekämpft, ist er selbst. Der eigene Leib. Einmal mehr steht da σμα. Aber nicht Askese um der Askese willen, auch nicht aus Leibfeindlichkeit heraus. Er „möchte sich selbst beherrschen statt von den Wünschen und Begierden des eigenen Körpers versklavt zu werden.“ (W. Klaiber, aaO. S. 150) Er überlässt die Führung seines Lebens nicht den leiblichen Bedürfnissen, will Paulus wohl sagen, Bedürfnissen, die so leicht überborden können, sondern ordnet alles vom Ziel her. Es geht ihm, so meine Worte, um eine geistliche Existenz. Um ein Leben aus der Kraft des Geistes.

Alles um der Glaubwürdigkeit willen. Damit sein Leben nicht sein Reden Lügen straft. Damit die Art, wie er lebt, nicht dem widerspricht, was er predigt. Darum ja auch will er seine Freiheit bewahren und sich nicht finanzieren lassen. Darum ringt er um einen Lebensstil, der seine Worte stützt. Man darf nicht Wasser predigen und Wein saufen. Man darf nicht Gnade predigen und selbst hemmungslos auf das Recht setzen und seine Rechte einfordern. Man darf nicht vom zielbewussten Leben predigen und selbst sesshaft werden und nicht mehr zum Aufbruch bereit.

Zum Weiterdenken

Sind wir als Kirchen noch auf der Laufbahn? Wollen wir noch, wie Paulus, Menschen gewinnen? Stellen wir uns noch der Frage, ob die Wahrheit Gottes wirklich so schillernd ist, wie man es uns heute einreden will: Jeder hat seine Wahrheit. Es ist eine große Gefahr: Um der Anerkennung willen verzichten wir auf die Auseinandersetzung – wir erfinden das Spiel, in dem alle gewinnen und übersehen, dass wir so alle womöglich den Weg der Wahrheit verlieren. Wenn es denn doch nur eine Wahrheit gibt und nur einen Weg.

Es ist eine Krux der Kirche von heute: Immobilien machen immobil. Wer soll der Kirche noch den Aufbruch glauben, wenn sie so an ihren Besitztümern hängt, an den Privilegien vergangener Zeiten? Und es ist der „Kampf“, der dem einzelnen Christen und der einzelnen Christin abverlangt wird, nicht einfach mitzulaufen in der großen Menge, nicht einfach die Verhaltensmuster der Zeit zu übernehmen, das, was „man“ so macht. Sondern eben darum zu ringen, dem Weg hinter Jesus her treu zu bleiben, auch wenn es an manchen Stellen die Askese, den Verzicht erfordert.

 

Herr Jesus, Hilf Du, dass wir so leben, dass unsere Worte nicht unglaubwürdig werden durch unser Tun. Hilf Du, dass man es uns glauben kann: Wir sind unterwegs zu Dir, in Dein Vaterhaus, dass man auch glauben kann: Wir wollen keinen zurück lassen

Hilf Du uns, dass unsere Liebe glaubwürdig ist, mit der wir denen begegnen, die wir auf dem Weg neben uns finden. Amen