Auf dem Weg zu allen

  1. Korinther 9, 19 – 23

 19 Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf dass ich möglichst viele gewinne.

Die Unabhängigkeit von Ersatzleistungen der Gemeinde unterstreicht, was für Paulus entscheidend ist: Ich bin frei von jedermann. Unabhängig. Niemandem verpflichtet – außer dem Herrn Jesus und seiner Gnade. „Es geht Paulus um einen Lebensstil, der ganz dem Evangelium entspricht und sich deshalb ganz den Menschen zuwendet.“(W. Klaiber aaO. S. 144) Nicht Autarkie um der Autarkie willen. Frei, λεθερος ist Paulus. Das ist ja sein Thema schon seit der ersten Frage: Bin ich nicht frei?

Diese Freiheit aber hat ihre Spitze darin, dass Paulus jedermann zum Knecht wird. Genauer; sich zum Knecht macht. δολωσα. Einmal mehr klingt hier das griechische Wort δολος, Sklave an. Die Freiheit des Paulus ist kein Selbstzweck. Sondern sie hat jedermann im Blick. Den Anderen. Man könnte auch sagen: den Nächsten. Den potentiellen Bruder, die potentielle Schwester.

Alle steht da im Griechischen. Um möglichst viele zu gewinnen. Hier beschreibt Paulus seinen missionarischen Impuls. Er will Menschen gewinnen. Am liebsten alle, aber immerhin möglichst viele. Wie weit ist das entfernt von einer kirchlichen Wirklichkeit, in er ich auch heute noch ständig zu hören bekomme: „Wir wollen nicht missionarisch sein.“ Allen kirchlichen Strategie-Papieren zum Trotz.

Für Paulus aber ist das sein Antrieb: Menschen gewinnen. κερδαίνω, „jemand gewinnen, geneigt machen.“(Gemoll, aaO. S. 433) Das Wort „begegnet sonst vor allem im geschäftlichen Bereich für Profitmaximierung der Geschäftsleute.“(W. Schrage, aaO. S. 339) Es hat also durchaus einen Beigeschmack. Übernommen wird es dann ein Wort der urchristlichen Missionssprache, getragen von der Überzeugung, dass Christus gewinnen das Leben gewinnen ist – die schöne Ewigkeit Gottes. Genau dieses Wort gebraucht Paulus für sich selbst und sein Lebensziel – „dass ich Christus gewinne“(Philipper 3,8)

Diese Sätze des Paulus haben Martin Luther spürbar inspiriert, so dass er sie an den Anfang einer Schrift gestellt hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ (M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen 1520, Luther Deutsch Bd 2, Göttingen 1981, S. 251)

20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin -, damit ich die, die unter dem Gesetz sind, gewinne.

Um also Menschen zu gewinnen, lässt Paulus sich auf sie ein. Passt er sich ihnen an, gleicht er sich ihnen an, lebt er wie sie. Wird er einer wie sie. Juden wie ein Jude. Wobei – das musste er nicht werden. Das war er ja von seiner Herkunft her. Den Leuten unter dem Gesetz wie einer unter dem Gesetz. Auch das war er einmal, von seiner prägenden Frömmigkeit her. Paulus muss also seine Vergangenheit nicht leugnen, er darf sie vielmehr positiv ins Spiel bringen.

Dahinter steht eine Grundüberzeugung: wer sich nicht auf die Menschen einlässt, hat ihnen auch nichts zu sagen. Wer nicht in ihre Kultur eintritt, in ihren Lebensstil, der wird sie nicht erreichen und schon gar nicht gewinnen. Wobei man es sich klar machen muss – hier geht es nicht um ein taktisches Spielen mit kulturellen Versatz-Stücken. Es geht um wirkliches Eintauchen in die Lebenswirklichkeit der anderen. Es sind die gleichen Überzeugungen, die heute wieder durchdiskutiert werden in der Frage, ob und wie die christliche Verkündigung über die engen Mauern des kirchlichen Milieus hinauskommen kann.

21 Denen ohne Gesetz bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin im Gesetz vor Christus -, damit ich die ohne Gesetz gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne.

Die Aufzählung des Paulus ist nicht vollständig. Sie knüpft bei denen an, die schon für die Gemeinde in Korinth im Blick sind: Juden, Leute, die das Gesetz immer noch hochhalten, Heiden, Starke, Schwache. Sie können sich darin wiederfinden und verstehen: der Apostel hat sich an uns orientiert, weil es ihm um uns ging und geht. Aber er geht dann doch den Schritt weiter – über den engen Rahmen des Gesetzes hinaus. Er ist offen auch für die, die mit dem Gesetznichts anfangen können, für die Regeln immer irgendwie mit Scheitern verbunden sind. Ideale und Gesetze sind gut für die, die sie halten. sie sind nicht gut für die, die an ihnen scheitern. Die sich als die Schwachen fühlen, schwach – σθενής, asthenes – denen ständig die Luft ausgeht, weil sie nicht packen, was „man“ doch packen muss, um anerkannt zu werden. Auch auf sie lässt sich Paulus ein, weil er weiß, wie das ist: scheitern mit den eigenen Idealen.

Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich an ihm teilhabe.

Anpassung an alle. In allem. Mehrfach: πάντα, panta. Paulus geht aufs Ganze. Ist das nicht Selbstaufgabe – und schlimmer noch: Preisgabe des Evangeliums? Trifft dieser Vorwurf den Paulus: Du bist einer, der standpunktlos unterwegs ist, das Mäntelchen nach dem Winde hängt, den Leuten nur sagt, was sie hören wollen. Das ist ja der Vorwurf, der bis heute erhoben wird, wenn Verkündiger dahin gehen, wo die Menschen sind – ins Theater, ins Kino, auf den Sportplatz, wenn sie im Karneval auftreten oder sich bei Volksfesten unters Volk mischen. Alles nur Anpasser.

Paulus allerdings weiß: „Ein Evangelium ohne Grenze ist auch ein Evangelium ohne Grund, ohne Kraft, ohne Wahrheit. Wo es kein Nein gibt, das gibt es auch kein Ja.“(W. Schrage, aaO. S. 347) Paulus sagt eben nicht zu allem Ja und Amen- Aber er sagt an allen Orten immerzu das Evangelium: dass in Jesus Christus die Gnade Gottes erschienen ist, dass in ihm der Weg zu Gott geöffnet wird, dass es den Verzicht auf die Selbstrechtfertigung, den Verzicht auf das Vertrauen auf die eigenen Leistungen, auch die eigenen frommen Leistungen braucht, um dieser Gnade teilhaftig zu werden. Wer sich das nicht gefallen lässt – das Evangelium von der geschenkten Gnade – der bleibt unter dem Nein.

„Das Evangelium ist eine heilvolle Macht, eine Botschaft, die dazu drängt, mit Menschen geteilt zu werden. Wer am Evangelium teilhaben will, muss sich auch in seine Bewegung zu den Menschen mitnehmen lassen.“(W. Klaiber, aaO. S. 148) Indem Paulus dieses Evangelium unaufhörlich und überall sagt, austeilt, lebt, wird er seiner teilhaftig, wird es zur Prägung und zum Fundament seines Lebens. Oder anders gesagt: Paulus selbst ist sein erster Predigthörer. Der Erste, der seine Verkündigung annimmt und sich von ihr bestimmen lässt.

Zum Weiterdenken

Dass Paulus sich so auf Menschen einlassen kann, ihnen so entgegen kommen kann, hat eine Voraussetzung: er ist sich selbst losgeworden in der Bindung an Christus. Selbstlos geworden. Er ist in allem sich Hingeben gehalten. Er muss keine Angst mehr haben, sich selbst zu verlieren, weil er sich in die Hände Christi gegeben hat. Sich ganz auf die anderen einlassen, ihnen einer werden wie sie – das geht nur, wenn die Frage der eigenen Identität nicht mehr das Maß aller Dinge ist. Nur wer gehalten ist, muss sich nicht mehr selbst halten. Weil Paulus fest gebunden ist, kann er so frei sein, allen alles zu werden.

Convivenz – geteiltes Leben ist das Leitwort in der Missionsdebatte von heute. Wo es das geteilte Leben nicht gibt, werden auch die mitgeteilten Worte fruchtlos, mögen sie noch so richtig und noch zu gut gemeint sein. Wo es kein Miteinander der Tränen und der Freude gibt, des Wartens und der Angst, kann man sich alle Worte sparen. Ich glaube, dass an genau dieser Stelle der kritische Schwachpunkt der volkskirchlichen Wirklichkeit liegt. Sie läuft nicht wirklich auf geteiltes Leben hinaus. Sie ersetzt Nähe durch Info-Post. Sie begnügt sich mit der Kirchensteuer und der gelegentlichen Teilnahme am Gottesdienst. Das aber ist nicht Teilnahme am Leben. Das ist nicht die Gemeinschaft der Tränen und Hoffnung, der Sorgen und Freuden, von der Paulus spricht. Dazu braucht es das Miteinander als Alltagsgestalt. Wenn ich ehrlich bin: vor dieser Alltagsgestalt der Nähe schrecke ich auch oft genug zurück.

Übersetzt ins Heute heißt das: eine Kirche, die dauernd Angst um ihren eigenen Bestand hat, kann nicht selbstlos sein, nicht wirklich auf die Welt, wie sie ist, zugehen. Und Christen, die nicht wissen, dass sie gehalten sind, dass Christus sie hält, können sich nicht auf die einlassen, die mit dem Glauben nichts (mehr) am Hut haben. Ihnen einer zu werden wie sie setzt voraus, dass ich mich nicht selbst halten muss, meine Identität sichern. Dass ich mich gehalten weiß.

 

Mein Jesus, Du bist einer geworden wie wir, damit wir Dir Deine Liebe glauben, damit wir Dir glauben, dass der Vater uns gut ist, dass das Vaterhaus uns offen steht, dass wir willkommen sind.

Hilf Du doch, dass wir den Menschen nicht so begegnen, dass sie glauben, sie müssten erst werden wie wir, bevor sie Dir recht sind. Lass uns ihnen begegnen in der Liebe, die Du uns entgegen gebracht hast. In Deiner entgegenkommenden Liebe. Amen