Ich bin so frei

  1. Korinther 9, 13 – 18

 13 Wisst ihr nicht, dass, die im Tempel dienen, vom Tempel leben, und die am Altar dienen, vom Altar ihren Anteil bekommen? 14 So hat auch der Herr befohlen, dass, die das Evangelium verkündigen, vom Evangelium leben sollen.

Es ist ein Verweis auf übliche Praxis: wer am Tempel arbeitet, lebt auch von den Erträgen des Tempels. Das ist in Israel sorgfältig durch die Einrichtung des Zehnten geregelt. Das werden sie in Korinth aber genauso von allen Tempeln der Götter Griechenlands kennen. Priestersein am Tempel ist nicht ausschließloch ein Ehrenamt, sondern auch ein Broterwerb.

Noch zusätzlich als Begleitargument: Das wäre in völliger Übereinstimmung mit den Befehlen des Herrn, sich vom Evangelium zu nähren! Das ist die letzte, die höchste Autorität – eine Weisung des Herrn. Beim Suchen nach diesem Befehl kann man darauf stoßen: „In demselben Haus aber bleibt, esst und trinkt, was man euch gibt; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.“(Lukas 10, 7) Worte Jesu aus der Aussendungsrede an seine Jünger.

15 Ich aber habe von alledem keinen Gebrauch gemacht. Ich schreibe auch nicht deshalb davon, damit es nun mit mir so gehalten werden sollte. Lieber würde ich sterben – meinen Ruhm soll niemand zunichte machen!

Paulus aber hat dieses Recht nicht beansprucht. Er will es auch in Zukunft nicht beanspruchen. Wer seine Zeilen liest, könnte ja auf die Idee kommen; Jetzt wird er gleich die Rechnung präsentieren. Jetzt wird er für die Zukunft Forderungen stellen. Das aber kommt nicht in Frage.

Lieber sterben als sich bezahlen lassen, als aus der Verkündigung des Evangeliums einen Broterwerb machen. Ist das nur überzogen? Womöglich nur persönliche Eitelkeit? So könnte man ja diese Floskel lesen: meinen Ruhm soll niemand zunichte machen! Nur, dass Paulus ja nicht damit hausieren geht, dass er unentgeltlich unterwegs ist, spricht dagegen. Es scheint vielmehr so zu sein: Es steht für ihn mehr auf dem Spiel, nämlich sein ganzes Sein als Apostel. Das ist ja sein Ruhm. Ich bin kein Lohnarbeiter. Ich bin Diener, Sklave Jesu Christi.

16 Denn dass ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich’s freiwillig, so wird es mir gelohnt. Tue ich’s aber unfreiwillig, so ist mir doch das Amt anvertraut.

Das unterstreichen diese Worte: auf Paulus liegt eine unausweichliche Notwendigkeit. Geradezu ein Zwang. „Er kann gar nichts anderes mehr sein als Bote Gottes.“(C. Wolf , aaO. S. 29) Es ist das gleiche Geschick, das die Propheten erleben: Der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der HERR redet, wer sollte nicht Prophet werden?“(Amos 3,8) Vielleicht noch näher: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“ (Jeremia 20,9)

Es ist keine unausweichliche Zwangslage, in der Paulus steckt, auch kein unabänderliches Fatum, das über ihn verhängt worden wäre. Ich muss es tun.  νάγκη γάρ μοι ἐπίκειται. Wörtlich:  Ein Zwang, eine Nötigung liegt auf mir.   Diese νγκη – Notwendigkeit – ist der Wille Gottes, dass Paulus das Evangelium sagen soll, die Gnade ausrufen, die geschenkt ist. Das hat er ihm anvertraut, das hat er ihm auferlegt. Bei Lukas klingt das so: Dieser Paulus „ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel.“(Apostelgeschichte 9,15)

Diesem Auftrag kann Paulus sich nicht entziehen. Darum trifft die Übersetzung im Kern zu: „Gott zwingt mich dazu.“ (K. Berger/C. Nord, aaO. S. 98) In diesem Auftrag sieht er mit eingeschlossen: Kein Lohn, keine Bezahlung. Es ist sein Amt. Da steht im griechischen merkwürdiger Weise οκονομα, Ökonomie, Haushalterschaft, Verwaltung, nicht das sonst übliche διακονία. Diakonie, das Paulus an anderer Stelle – etwa im Römerbrief – Hat jemand ein Amt, so versehe er dies Amt.“ (Römer 12,7) – gerne für Dienst und Amt verwendet. Paulus ist Gottes Ökonom, darin, dass er seine Heilsordnung weitertragen soll. In diesem Auftrag an ihn zeigt sich Gottes Vertrauen auf Paulus.

18 Was ist denn nun mein Lohn? Dass ich das Evangelium predige ohne Entgelt, sodass ich von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.

Vielleicht darf man sagen: dieses Vertrauen des Herrn ist Paulus Lohn genug. Dass Christus ihn würdigt, sein Bote zu sein, Dass er ihn würdigt, für ihn unterwegs zu sein, in der Welt, anspruchslos, aber mit dem Anspruch: ich rufe zum Glauben. Bedürfnislos, aber mit dem Bedürfnis: ich will die Gnade Gottes verkündigen, die im Christus Hand und Fuß, ein Gesicht gewonnen hat. „Der Lohn des Paulus besteht also gerade darin, ohne Lohn zu arbeiten und das Evangelium ohne Entgelt und Gegenleistung zu predigen.“(W. Klaiber, aaO. S. 142) Weil so auch für ihn selbst das Evangelium bleibt, was es ist: unverdientes Geschenk.

Zum Weiterdenken

Es geht um äußerliche Unabhängigkeit und zugleich um die innere Unabhängigkeit. Man kann in diesen Worten unangemessenen Stolz und Trotz des Paulus lesen: er will sich nicht helfen, nicht unterstützen lassen, weil er frei sein will. Er will niemand irgendwie verpflichtet drin, auf niemand angewiesen. Nur so ist er auch innerlich unabhängig. Keiner kann ihm aufgrund finanzieller Abhängigkeit Vorschriften machen, was und wie er verkündigen soll. Aus der äußeren Unabhängigkeit folgt für Paulus auch die innerliche Unabhängigkeit. Um dieser innerlichen Unabhängigkeit willen verzichtet er auf sein Recht am Evangelium.

Es ist insgesamt eine seltsame Argumentation. Störend, weil der Apostel so auf seinen Status beharrt. Weil er, der angeblich auf alle Apostel-Rechte verzichtet, doch gleichwohl durch sein Fragen und Argumentieren Anerkennung einfordert. Kann es sein, dass es einfach misslich ist, in so einer Lage das Gefühl zu haben, für sich selbst sprechen zu müssen? Es ist, in meinen Augen, eine große Entlastung, dass ich als Pfarrer/Pfarrerin nie in Lohnverhandlung eintreten musste, dass ich auch nie um mein Sozial-Prestige fürchten musste, dass ich in den allermeisten Gemeinden davon ausgehen konnte: Ich werde als Bote des Evangeliums geachtet werden. Ich genieße einen hohen Vertrauensvorschuss – von Gott her sowieso, aber auch von den Menschen her. Was für ein Geschenk!

            Nur, so einfach ist es auch nicht. Die Unterstellung der Volkskirche, oft genug gehört, an die Freikirchen ist, das ihr System der Kirchensteuer-Finanzierung verhindert, dass Pfarr-Personen von dem einzelnen Geldgeber abhängig werden könnten, Das ist der Einwand gegen die Spenden-Finanzierung der Freikirchen: Was, wenn einem großen Geldgeber missfällt, was der Predigersagt – zum Beispiel zum fairen Umgang, zu Auswüchsen des Kapitalismus,  zur -Geschlechter-Problematik. Wenn man weiß, dass er dann den Geldfluss stoppen könnte, wird man dann noch tapfer sein und sagen, was man denkt und für richtig hält? Meine Erfahrung: ich habe drei Jahren auf dieser Spenden-Basis gearbeitet und nie auch nur von ferne den Versuch der Beeinflussung erlebt.

Auf der anderen Seite: auch in der kirchensteuerfinanzierten Volkskirche entsteht ein Meinungsklima. Entstehen Denkmuster für theologische und ethische Fragen. Das ist dann die große Frage, die sich auch in der scheinbar gesicherten Situation einer finanziellen Freiheit sellt: Bin ich innerlich so unabhängig, dass ich auch gegen die Meinungsmehrheit in „meiner“ Kirche vertreten werde, was ich als die mich bindende Wahrheit des Evangeliums, auch in ethischen Fragen erkannt habe?

Mein Herr und Heiland, Du willst uns frei in allem, was wir sagen, in allem, was wir leben. Du machst uns frei, weil wir es wissen: Wir sind Dir recht.

Wir müssen unsere Freiheit nicht einklagen, keine Rechte verteidigen, nichts einfordern. Du allein genügst. Amen