Unbekümmert und versorgt

1. Korinther 9, 1 – 12

1 Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unsern Herrn, gesehen? Seid nicht ihr mein Werk in dem Herrn? 2 Bin ich für andere kein Apostel, so bin ich’s doch für euch; denn das Siegel meines Apostelamts seid ihr in dem Herrn.

Regelrecht Stakkato-mäßig schießt Paulus seine Fragen auf die Korinther ab. Ob er im Ernst Antworten erwartet? Es ist ja manchmal so: Man fragt, aber in Wahrheit steckt in jeder Frage eine Aussage. Also: Ich bin frei. Ich bin Apostel. Ich habe den Herrn Jesus gesehen. Ihr seid mein Werk in dem Herrn.

Es ist schon so: „Dieser Gedankengang ist sehr polemisch formuliert.“(C. Wolf aaO. S. 18) Nicht zuletzt entsteht dieser Eindruck der Polemik, weil diese Reihe von insgesamt 16 (!) Fragen die Korinther mehr und mehr in die Enge treiben muss, weil immer nur eine Antwort bleibt: Ja, Paulus, so ist es. Sie können es ja nicht bestreiten: er ist der, der das Evangelium als Erster nach Korinth gebracht hat.

Paulus ist, das weiß er selbst, nicht überall der „Pionier-Missionar“ gewesen. Es gibt andere Apostel neben ihm. Mancherorts mögen ihn auch Christen, die das Evangelium von einem anderen Apostel empfangen haben, irgendwie kritisch und skeptisch sehen. Manche bestreiten ihm auch den Apostel-Titel, weil er Jesus nicht als den gesehen hat, der in Galiläa und Judäa geheilt und gepredigt hat. Paulus erfüllt eben nicht die Anforderungen, die etwa der Evangelist Lukas an einen Apostel stellt: So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“(Apostelgeschichte 1,21-22) Paulus aber hat Jesus „nur“ als den Christus, „nur“ als den Auferweckten und Erhöhten gesehen. Vor Damaskus. Dieses Sehen damals aber hat Wirkung – bis zu seinem Leben heute.

Die erste Frage ist die Überschrift und das geheime Thema des ganzen Abschnittes: Bin ich nicht frei? Οκ εμ λεθερος; fragt Paulus – und verteidigt damit seine Vollmacht, seine Freiheit, seine „Rechte“ der Gemeinde gegenüber. Auch, wie es sich zeigen wird, seine Freiheit, auf diese Rechte zu verzichten.

Mich beschäftigt eine sprachliche Beobachtung. Die Korinther reden gerne von ihrer Freiheit, ihren Möglichkeiten als ξουσα, Exousia, als etwas, das der Macht Christi entspricht. Vollmacht. Eine geistliche Kraft. So wird normalerweise auch die Macht und Vollmacht von Aposteln beschreiben.

Paulus aber wählt hier mit λεθερος ein eher umgangssprachliches, profanes Wort, keine religiös bestimmte Vokabel. Es könnte also so sein, dass er schon durch die Wortwahl zeigen will: Wir reden über Vorletztes. Und: wir reden nicht über die Vollmacht, von der ihr so groß zu reden wisst, sondern eine Etage tiefer – über Freiheit in alltäglichen Dingen. Zugleich aber wird auch gelten: Freiheit, frei sein ist für Paulus kein Nebenthema. Es ist für ihn zentral mit dem Evangelium verknüpft. Christus hat befreit – von der Herrschaft der Sünde, von der Unterwerfung unter das Gesetz, von der Abhängigkeit von menschlichen Autoritäten. So ist die Freiheit, seine Freiheit für Paulus geradezu ein Kennzeichen des Evangeliums. Wenn man so will – ein identity marker der jungen Gemeinde, so wie Gebot, Sabbat und Reinheit die identity marker der jüdischen Glaubensprägung sind.

3 Denen, die mich verurteilen, antworte ich so: 4 Haben wir nicht das Recht, zu essen und zu trinken? 5 Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die andern Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?

Das ist ja wohl der Vorwurf: Paulus fehlt es an Vollmacht! An Freiheit. Der Vorwurf trifft ihn auch deshalb, weil er so bescheiden auftritt. Weil er keine Ansprüche macht. Weil er sich kein Freiheit nimmt. Er traut sich nicht, sagen seine Kritiker und meinen zu wissen: er traut sich nicht, weil er nicht kann, weil es ihm am Recht dazu fehlt, eben doch auch der Anteil an der Vollmacht der Apostel. Er war ja nicht dabei bei dem Sendungsauftrag Jesu an seine Jünger. „Die Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch.“(Matthäus 10, 5 – 8) Darum ist er eben auch kein richtiger Apostel.

Haben wir nicht das Recht, zu essen und zu trinken? Gemeint ist wohl eher vordergründig, nicht was man ist, sondern wer dafür aufkommt: „Das Essen auf Gemeindekosten. Das wird durch das zusätzliche Trinken bestätigt. Gemeint ist also der Lebensunterhalt, für den bei Aposteln und Evangelisten normalerweise die Gemeinden aufkamen.“(W. Schrage, aaO. S. 291)Noch einmal, so denken die Kritiker: Wäre Paulus ein „richtiger“ Apostel, so würde er sich dieses Recht doch nehmen! In gleicher Weise müsste die Gemeinde auch für seine mitreisende Ehefrau aufkommen. Das entfällt, weil Paulus unverheiratet unterwegs ist- ein Umstand, der irritierend genug ist bei seiner Herkunft aus dem jüdischen Volk, wo Ehe sozusagen zu den Grundpflichten eines Mannes gehört. Die anderen Apostel jedenfalls sind nicht allein unterwegs und sie fordern den Unterhalt auch für ihre Frauen selbstredend ein.

6 Oder haben allein ich und Barnabas nicht das Recht, nicht zu arbeiten? 7 Wer zieht denn in den Krieg und zahlt den eigenen Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seiner Frucht? Oder wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde? 8 Sage ich das nach menschlichem Gutdünken? Sagt das nicht auch das Gesetz? 9 Denn im Gesetz des Mose steht geschrieben (5. Mose 25,4): »Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.« Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen?

Der dritte Themenkomplex: Paulus – und mit ihm Barnabas – verzichten auf den Unterhalt durch die Gemeinde, weil sie ihre Lebenshaltungskosten selbst erarbeiten. Sie haben einen normalen „Broterwerb“ und leben nicht von dem; was ihnen die Verkündigung „einbringt“. Das Recht dazu – diesmal steht da ξουσα, Vollmacht – hätten sie auf jeden Fall. Das zeigt die Lebenserfahrung. Mehr noch: Das zeigt die Schrift. So steht es im Gesetz – hier verwendet Paulus das Wort νμος und signalisiert so höchste Verbindlichkeit.

Es ist so, dass die Fürsorge Gottes für seine Leute, erst recht für seine Apostel diese Ordnung verfügt. Würde Paulus das also einfordern für sich, so würde er nur göttliches Recht einfordern. Weil Gott sich doch nicht nur um Ochs und Esel kümmert. Wenn Gott aber für das Vieh durch Tierschutzbestimmungen sorgt, sollte er nicht auch und erst recht für seine Boten sorgen?

10 Oder redet er nicht überall um unsertwillen? Denn um unsertwillen ist es geschrieben: Wer pflügt, soll auf Hoffnung pflügen; und wer drischt, soll in der Hoffnung dreschen, dass er seinen Teil empfangen wird. 11 Wenn wir für euch Geistliches säen, ist es dann zu viel, wenn wir Leibliches von euch ernten wollen? 12 Wenn andere dieses Recht an euch haben, warum nicht viel mehr wir?

Ganz steil wird es jetzt. Paulus beruft sich auf Gott, auf sein Reden. Nicht nur auf alte Worte der Schrift. Es ist von Gott her nur recht und billig, wenn Paulus als Antwort auf seine Verkündigung von den Korinthern versorgt wird. Das wäre wahrhaftig nicht zu viel verlangt.

Aber wir haben von diesem Recht nicht Gebrauch gemacht, sondern wir ertragen alles, dass wir nicht dem Evangelium von Christus ein Hindernis bereiten.

Aber λλ– dieses aber im Deutschen klingt nach Gegensatz. Gemeint ist jedoch ein stolzes: allein, jedoch wir haben von diesem Recht nicht Gebrauch gemacht. Wir – das ist Paulus mit Barnabas, vielleicht auch mit seinen sonstigen Weggefährten. Sie haben ihr Recht – wieder ξουσα – nicht beansprucht. Aus dem einen Grund: um dem Evangelium nicht im Weg zu stehen. Damit keiner sagen kann: sie machen das alles ja nur als Broterwerb. Sie müssen ja so reden, weil sie davon leben. Bis heute ist das ein Einwand gegen die Botschaft des Evangeliums, die „Profi-Christen“, wie es Pfarrerinnen und Prediger nun einmal sind, zu hören bekommen.

Zum Weiterdenken

Das klingt alles weit weg. Wer macht heutzutage noch die Akzeptanz eines Predigers daran fest, dass der sich ordentlich bezahlen lässt? Es ist eher umgekehrt. Es wäre ein Schritt in die Glaubwürdigkeit, auf die Privilegien zu verzichten. Sich nicht als Pfarrer so gut bezahlen zu lassen. Man wäre als mittelloser Prediger näher bei den kleinen Leuten, Armen, Obdachlosen, Menschen, die auf die Tafeln angewiesen sind.

Vielleicht aber ist auch das ein Missverständnis? Es geht um eine glaubwürdige Lebensführung und die macht sich nicht in erster Linie an Gehaltsfragen fest. Sondern eher daran, ob der Umgang mit Menschen in der Gemeinde etwas wiederspiegelt von der Liebe Gottes, von der Aufmerksamkeit für den Schmerz, von der Bereitschaft, sich den ungelösten und vielleicht auch unlösbaren Fragen derer zu stellen, die noch den Weg zu ihrem Pfarrer/ihrer Pfarrerin finden. Die Menschen interessiert heute nicht so sehr, was ein Pfarrer verdient oder wie er im Vergleich zu anderen aus der Zunft dasteht. Sie interessiert, ob er für sie da ist. Ansprechbar. So wie Paulus für die Gemeinde in Korinth ansprechbar war.

 

Mein Jesus, ich bin gut versorgt. Meine Kirche hat versprochen, für mich zu sorgen und hat es auch gehalten. Ich musste nie für meinen Lebensunterhalt sorgen. Dafür bin ich bis auf diesen Tag dankbar

Ich hoffe und bete, dass meine Sicherheit mich nicht verführt hat, den Leuten nach dem Mund zu reden, dass mein Einkommen mich nicht gehindert hat, wahrzunehmen, wie es anderen geht, Ärmeren, Übersehenen, weniger von Glück Begünstigten.

Gib Du mir, dass mein Predigersein nie dem geschuldet ist, dass ich dafür bezahlt worden bin, sondern dass es immer aus der Liebe zu Dir kommt. Dass es auch immer zur Liebe zu Dir ruft. Amen