Die Grenzen der Freiheit

  1. Korinther 8, 7 – 13

7 Aber nicht alle haben die Erkenntnis. Einige essen’s als Götzenopfer, weil sie immer noch an die Götzen gewöhnt sind; dadurch wird ihr Gewissen, weil es schwach ist, befleckt.

Es ist ein weiter Weg vom Kopf bis ins Herz, auch vom Wissen bis zum Gewissen – συνεδησις. Die richtige Erkenntnis: Es ist nur ein Gott ist nicht gleich in der Tiefe der eigenen Seele so verankert, dass die ständige Präsenz von Tempeln, Götterstatuen, Tempelfesten gleichgültig wird. Paulus könnte auch sagen: Eine Erkenntnis ist erst dann zum Ziel gekommen, wenn sie das Handeln bestimmt. „Was sie rational durchaus erkannt haben, hat nicht die Kraft, auch ihre Gefühle und ihre halb- oder unbewussten Reaktionen zu beherrschen.“(W. Klaiber, aaO. S. 129) Solange Leute in der Gemeinde noch mit schlechten Gefühl und Gewissen ihr Fleisch essen, weil es für sie immer noch kultisch verunreinigt, Götzenopfer ist, solange ist mit der Erkenntnis noch nichts an Freiheit gewonnen.

8 Aber Speise macht´s nicht, wie wir vor Gott stehen. Essen wir nicht, so fehlt uns nichts, essen wir, so gewinnen wir nichts.

Salopp gesagt: Unser Essverhalten bringt uns Gott nicht näher aber auch, und das ist genau so wichtig, nicht von ihm weg. Es ist vor Gott kein Thema. Nach Rom wird Paulus schreiben: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist.“(Römer 14,17) Das schreibt der gleiche Paulus, der sehr wohl weiß, dass die Bilder der Vollendung auch bei Jesaja auf das große Festmahl hindeuten im Reich Gottes. „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig. (Jesaja 25, 6 -7) Der vielleicht auch das Wort Jesu kennt, das in der Gemeinde überliefert ist „Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes…. Und wie mir mein Vater das Reich bestimmt hat, so bestimme ich für euch, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.(Lukas 22, 15-16. 29-30) Nebensächlich ist also Essen und Trinken auch wieder nicht.

9 Seht aber zu, dass diese eure Freiheit für die Schwachen nicht zum Anstoß wird!

Im deutschen Text kann man es nicht gleich sehen: Wo die Luther-Übersetzung „Freiheit“ sagt, steht im griechischen ξουσα, Exousia, das Wort, das wir sonst gerne mit Macht, Vollmacht wiedergeben. Paulus greift weit zurück, auf einen früheren Satz im Brief: „Alles ist mir erlaubt“(6,12), wo er die Verbform für das griechische Wort verwendet hat. Es geht also nicht um Verbote, nicht um unerlaubte Praxis. Sondern es geht darum, ob der Gebrauch der eigenen Rechte, Vollmachten, Erlaubnisse an irgendeiner Stelle mit einem anderen Wert in Konflikt geraten kann. Diese Möglichkeit sieht Paulus dann gegeben, wenn das eigene Handeln in Freiheit andere irre macht im Glauben, ihnen Anstoß bereitet, sie ins Stolpern bringt. Sie aus dem Tritt bringt.

10 Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, im Götzentempel zu Tisch sitzen sieht, wird dann nicht sein Gewissen, da er doch schwach ist, verleitet, das Götzenopfer zu essen? 11 Und so geht durch deine Erkenntnis der Schwache zugrunde, der Bruder, für den doch Christus gestorben ist.

Damit es ganz unmissverständlich ist, wird Paulus konkret: Du lässt es dir im Tempel schmecken und ein anderer sieht es und wird dazu verleitet, es dir gleich zu tun. Aber er kann eben nicht sagen: Ich bin so frei! Er macht mit, aber mit schlechtem Gewissen. Was aber mit schlechten Gewissen getan wird, so die Logik des Paulus, zerstört das Vertrauen auf Gott, lässt Misstrauen an die Stelle des Glaubens treten.

Ist das denn so schlimm? könnte jemand fragen. Ja, sagt Paulus, denn es hat dramatische Folgen: die Freiheit, die eine richtige Erkenntnis des Glaubens ist, wird zum Stolperstein, zur Zerstörung des Glaubens für den, der die Taten dieser Freiheit nachahmt, aber innerlich nicht frei ist, sondern in seinem Vertrauen auf Christus blockiert wird. „πλλυσθαι bezeichnet den definitiven Heilsverlust.“(C. Wolf, aaO. S. 14) Wer so die Freiheit des Anderen, Starken, mit schlechten Gewissen nachahmt, fällt aus dem rettenden Glauben heraus. Das ist der Vorwurf: Deine Freiheit richtet den Schwachen zugrunde. Weil er nicht aus Glauben handelt, aus dem tiefen Vertrauen, sondern in den Unglauben gerät, in die Angst vor Christus.

Es gibt den berühmten Satz: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenken, sich zu äußern“(Rosa Luxemburg: Breslauer Gefängnismanuskripte zur Russischen Revolution. Textkritische Ausgabe. Manuskriptdruck. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte. Heft 2. Hrsg. K. Kinner und M. Neuhaus. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e. V. 2001.) Das ist nahe an Paulus, der die Freiheit der Starken begrenzt sieht durch den Respekt vor der kleineren, engeren Freiheit der Schwachen, durch das ängstliche Gewissen. Anders gesagt: Das Korrektiv für den Gebrauch der Freiheit ist die Liebe. Weniger großartig: die Rücksichtnahme. Der Respekt vor dem anderen.

12 Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern und Schwestern und verletzt ihr schwaches Gewissen, so sündigt ihr an Christus. 13 Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nimmmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.

Paulus scheut sich nicht zu signalisieren: Wer die eigene Freiheit höher stellt als die Rücksichtnahme auf das schwache Gewissen der Brüder und Schwestern, der sündigt an ihnen. Und sündigt damit an Christus. Der beschädigt damit beides – seine Beziehungen in der Gemeinde und seine Beziehung zu Christus. Wenn sündigen das ist, dass ich mich isoliere, dass ich mich verfehle – so die ursprüngliche Bedeutung des griechischen μαρτάνω: am Ziel vorbei schießen – dann kann mich also der Gebrauch der Freiheit, der Vollmacht, der ξουσα ohne Liebe in die Irre führen, von Christus weg. Wenn das so ist, bindet Paulus sich selbst – dann lieber nie mehr Fleisch.

Zum Weiterdenken

Paulus hat keine Angst vor einer Art Tyrannei der Schwachen, die mit Drohungen die anderen zum Verzicht auf ihre Freiheit erpressen könnten. Es kann aber auch kein Zweifel sein: Paulus sieht das größere Recht bei der Freiheit, der Weite, der Großzügigkeit, weil sie näher an dem ist, wie er Gott sieht: großzügig, weitherzig, voll unendlicher Güte. Das entspricht Gott mehr als die ängstliche Enge, die dauernd darauf sieht, ob sie nicht doch etwas falsch macht, die Wege Gottes verfehlt. Die unbekümmerte Freiheit ist der Logik Gottes näher, sie hat mehr theologisches Recht als die Angst, die Enge, die verweigerte Lebenslust der Schwachen. So könnte Paulus auch singen wie ein Sänger unserer Zeit:

Begrenz mich bitte nicht mit deiner Angst                                                                         die dir die Freiheit raubt von dir zu geben                                                                          indem du auch von mir verlangst                                                                                   derselben Angst den selben Raum zu geben.                                                                                         C. Bittlinger, CD auf der Grenze 1995

Paulus verweigert uns und sich auch ein Regel, eine Maßgabe, in der es heißt: Im Zweifelsfall müsst ihr immer so entscheiden. Es ist nicht sein Weg, ein Gesetz aufzurichten, das die Freiheit und die Liebe in ein gesetzmäßig ausgewogenes Verhältnis bringt. Paulus erspart uns in dieser Verweigerung nicht die Mühe, selbst Entscheidungen zu finden.

Für sich selbst hat er aber entschieden. Darum kommt er am Schluss mit einer Ich-Botschaft: Ich für mein Teil. Er will sich selbst binden, weil er sagt: höher als alle vermeintliche und tatsächliche Freiheit steht die Liebe. Später wird er dazu noch viel mehr zu sagen haben.

Was damals für das Götzenopferfleisch gilt, gilt auch heute – für die Frage vegetarisch – vegan – Bio – Fleisch aus Massentierhaltung oder nur vom Bauernhof aus der Region. Es macht uns in den Augen Gottes weder besser noch schlechter.

Das ist kein billiger Ausweg aus der Frage, wie man sich einigermaßen bewusst ernährt. Ob nicht weniger Fleisch angesagt ist. auch der Verzicht auf Produkte, die unter höchst fragwürdigem Umgang mit dem fleischliefernden Vieh, ob Hühner, Gänse, Schweine, Rinder „produziert“ worden sind. Schon das Wort „produziert“ will mir schwer über die Lippen. Das verlangt eigene Entscheidungen. Aber es sind Entscheidungen im Vorletzten, nicht solche, in denen die Gottesbeziehung auf dem Spiel steht. Da relativiert Paulus – und es ist eine wohltuende Relativierung. Ich muss keine Sorgen haben, dass ich mir das ewige Heil versehentlich „verfressen“ könnte.

 

Mein Jesus, Du Heiland der Bedrängten und Betrübten, der Ängstlichen und Zaghaften, der Fragenden und Suchenden, der Skeptiker und Zweifler. Lass mich so leben, dass ich keinen bedränge, keinem ein schlechtes Gewissen mache, nicht mit Forderungen, die er nicht erfüllen kann, weil sie nicht zu seinen Möglichkeiten passen; nicht mit Freiheiten, die ihn überfordern, weil er innerlich so frei nicht ist.

Gib Du mir, dass ich allen in Deiner Liebe begegne, die jeden und jede auf dem eigenen Weg mit Dir zu Dir glauben kann. Amen