Was auf den Tisch kommt…

  1. Korinther 8, 1 – 6

1 Was aber das Götzenopfer angeht, so wissen wir, dass wir alle die Erkenntnis haben. Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf. 2 Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. 3 Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.

Noch ein Thema, zu dem sie aus Korinth an Paulus Fragen haben. Wie geht man mit dem Fleisch um, das aus den Tempeln stammt? εδωλοθτος Götzenopferfleisch. Kultisch geschlachtet für Jupiter, Mars, etc. Paulus benennt das Thema und geht erst einmal nicht darauf ein, sondern macht Anmerkungen zum Stichwort „Erkenntnis“. γνσις. Gnosis. Es ist wohl ein Satz aus Korinth, den er zitiert: wir alle haben die Erkenntnis. Die Einsicht. Salopp formuliert wir wissen doch alle Bescheid. Wobei es schon klar ist: Es geht hier um die Einsichten des Glaubens! Damit kennen wir uns aus, sagen sie in Korinth. Nicht zuletzt wohl deshalb, weil es in Korinth, auch außerhalb der Gemeinde, philosophische Strömungen gibt, die Erkenntnis als den Weg schlechthin betrachten.

Offensichtlich hat Paulus gleichwohl mit diesem Satz seine Probleme. Das zeigt sich an seiner Kritik: Dieses Bescheidwissen bläht auf. Es verführt zur Selbstüberschätzung und Überheblichkeit. „Wer nur stolz auf die eigene Erkenntnis blickt und auf andere von oben herab schaut, die diese Erkenntnis nicht haben, verfällt der Anmaßung und Selbstgefälligkeit.“(W. Klaiber aaO. S. 125)Darum stellt Paulus dem Wissen, der Erkenntnis die Liebe gegenüber. Die Liebe ist von anderer Art, nicht selbstbezogen, sondern auf den anderen bezogen. Sie stärkt und baut auf.

Das andere Argument: Wer sich so auf sein eigenes Erkennen beruft, hat noch nicht verstanden, dass es Wichtigeres gibt. Wichtiger ist, dass Gott uns erkannt hat. ἔγνωσται ὑπ᾽ αὐτοῦ. Mit diesem Denken ist Paulus ganz auf der spur, die er gelernt hat:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.                      Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;                                                             prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.“                  Psalm 139, 5-6.23

Das gibt unserem Leben Halt und Tiefe, dass Gott weiß, wer wir sind, wie wir sind und sich doch zu uns stellt. Wer sich so selbst erkannt weiß, der wird gar nicht anders können als Gott lieben. Das aber, so Paulus, ist eigentlich Gott erkennen: ihn lieben. Es sind in der Tat Gedanken, wie sie aus dem jüdischen Mutterboden paulinischen Denkens erwachsen: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“(5. Mose 6,5) Darin ist er sich ganz mit seine jüdischen Brüdern und Schwestern einig!

4 Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen. 5 Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, 6 so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.

Jetzt kommt Paulus wieder auf die Frage der Korinther zurück. Der Hintergrund des Problems ist, „dass das meiste Fleisch, das man vom Metzger auf dem Markt kaufen konnte, von Tieren stammte, die in irgendeiner Weise unter heidnischen Opferzeremonien geschlachtet worden waren, so dass jede Einladung zu Bekannten oder Freunden, jeder Fleischkauf mit der Frage konfrontieren konnte, ob solches heidnischen Göttern geopferte Fleisch von Christen gekauft und gegessen werden dürfte.“(W. Schrage, aaO. S. 216)

Über all das aber schreibt Paulus jetzt noch nicht, sondern treibt „Theologie“. Wir wissen doch – ihr in Korinth und ich – dass es keine Götzen gibt. οὐδεὶς θεὸς εἰ μὴ εἷς Keinen Gott, nur den Einen. „Keinen sonst“(K. Berger/C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S.96) Auch das hat Paulus aus seiner jüdischen Tradition gelernt:Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir.“(Jesaja 45,5) Von daher hält er alle Götter, und mögen sie noch so zahlreiche Tempel in Korinth und anderswo haben, für „Nichtse“. So haben es auch die Korinther von ihm gelernt. Es mag nur so wimmeln an Götterbildern, Göttervorstellungen, Opferstellen – das alles hat für die Christen keine Bedeutung. Es wird auch stimmen, dass viele Herren sich aufführen, als wären sie Götter. Aber in Wahrheit sind sie doch nur „Herrlein“, angemaßt und aufgeblasen.

Aber: damit ist das Thema noch nicht erledigt. „Götzen und Dämonen ist nach Paulus nicht mit Aufklärung und Religionskritik beizukommen. Die Annahme, sie allein dadurch erledigen zu können, ist in seinem Sinn naiv“(W. Schrage, aaO. S. 238) Es braucht mehr, anderes als diese aufgeklärte Sicht.

Darum auch stellt Paulus diesem großen Götterhimmel die Einsicht des Glaubens entgegen, die einzig wahre Erkenntnis, die ihn trägt und leitet: wir haben wir nur einen Gott, den Vater und einen Herrn, Jesus Christus. Mehr noch: durch ihn, den Vater und den Sohn, sind alle Dinge. Er ist der Schöpfer. Durch ihn sind wir – ich lese so weiter: durch ihn sind wir, was wir sind – Christen. Menschen, die zu ihm, Jesus Christus, gehören. In dieser Argumentation erweist sich Paulus erneut als Jesaja-Leser: „So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.Ich bin der HERR, der alles schafft, der den Himmel ausbreitet allein und die Erde fest macht ohne Gehilfen.“(Jesaja 44,6. 24)Bei dem Propheten ist das eine durchgängige Betrachtungsweise: Gott, der Herr, der Schöpfer ist nur einer. Neben ihm ist kein Platz für andere Götter.

Vielleicht greift Paulus mit seinen Worten Wir haben doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn auf ein in der Gemeinde gängiges Bekenntnis zurück. „Als Sitz im Leben ist am ehesten der Gottesdienst zu vermuten.“(C. Wolf , Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 7/2; Berlin 1982, S. 10) So würde Paulus das, was die Gemeinde kennt, nun in der konkreten Sachfrage als Argumentation nützen und so zu einem Verstehen helfen, was solche Sätze des Glaubens im Alltag bedeuten.

Es ist die Zugehörigkeit zu dem wahren Gott, dem einen Gott, zu Jesus Christus, die die Götter als nichts entlarvt und entkräftet. Diesem Gott, wie sie ihn in Jesus Christus erfahren haben, dürfen die Christen vertrauen und deshalb mutig sein, auch in all den Alltagsentscheidungen. Bei ihm, in ihm entsteht die Freiheit von den Göttern. Von dieser Freiheit und wie sie zu leben ist, auch im Blick auf das Fleischessen, wird Paulus weiter zu reden haben.

Zum Weiterdenken

Es gibt – so die Erfahrung der Korinther – keinen neutralen Fleischmarkt. Man steht dauernd vor der Frage: Was esse ich? Was kaufe ich? Wir heute haben einen anderen Fleischmarkt, aber häufig die durchaus vergleichbare Frage: Darf ich Fleisch aus Massentierhaltung kaufen und essen? Unterstütze ich durch mein Kaufverhalten diese Art Fleisch-Industrie, die unmenschlich mit Tieren umgeht? Man stelle sich nur vor, man würde an einem Grill-Abend den Gastgeber fragen: Ist dein Fleisch auch wirklich von glücklich geschlachteten Schweinen und Rindern? Man riskiert nicht nur einen Umschlag zur frostigen Stimmung, sondern womöglich auch die Freundschaft.

Bei uns hat sich die Frage, ob wir den Göttern unbewusst opfern, verwandelt in die Frage, ob wir mit dem Fleisch-Konsum die Umwelt schädigen, die Tiere würdigen, die Arbeit der Bauern wertschätzen. Es geht nicht mehr um die Akzeptanz bei Gott, sondern um die Akzeptanz in der Gesellschaft.

 

Ich glaube an Dich, den einen Gott, nur an Dich, mir zum Heiland geworden durch Jesus Christus. Aber ich muss mit so vielen Forderungen umgehen, jeden Tag, die sich gottgleich aufspielen und mein Vertrauen einfordern.

Gib Du mir, dass mir mein Vertrauen auf Dich dazu hilft, auch in den kleinen Dingen Glauben zu bewähren, meine Lebensentscheide an Dir zu orientieren, aus der Erkenntnis des Glaubens einen Weg des Lebens zu finden, auf dem ich Dich über alle Dinge liebe und vertraue und ehre. Amen