Weit weg oder doch eine Hilfe heute?

  1. Korinther 7, 25 – 40

25 Über die Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn; ich sage aber meine Meinung als einer, der durch die Barmherzigkeit des Herrn verlässlich ist.

Wieder differenziert Paulus. Was jetzt kommt, ist meine Meinung. Mit dem, was er schreiben wird, geht er auf eine weitere Anfrage aus Korinth ein. Eine, für die er kein Gebot, keinen Befehl des Herrn – so πιταγή wörtlich – kennt. Jesus hat halt nicht zu allem und jedem etwas gesagt. Darum ist Raum für eigene Urteile und Meinungen. Diesen Raum will Paulus nutzen. γνμη – „Meinung, Vorschlag, Rat.“(Gemoll, aaO. S. 174) Salopp: es ist seine Sicht der Dinge, sagt nicht irgendwer, sondern immerhin Paulus, der sich bislang als verlässlich erweisen hat. Als jemand, der seine fünf sinne beieinander hat.

Für verlässlich steht das gewichtige Wort πιστς – glaubwürdig, vertrauenswürdig und vertrauensgewürdigt. Er vertraut nicht zuletzt auch darauf, dass ihm Vertrauen entgegengebracht wird, seine Vorschläge geprüft werden. Schließlich hat doch der Herr selbst ihm Vertrauen entgegen gebracht in der Barmherzigkeit, mit der er ihn in seinen Dienst berufen hat.

Im ganzen Abschnitt wird es um die Jungfrauen gehen. παρθνοι. Parthenoi können Jungfrauen sein, können aber genauso gut noch ehelose junge Männer sein. Es ist ein bisschen kompliziert, aber der Gebrauch des Wortes im gesamten Abschnitt legt nahe, dass es nicht lediglich um Jungfrauen geht, sondern genauer um Verlobte

26 So meine ich nun, solches sei gut um der kommenden Not willen, es sei gut für den Menschen, in dem Stand zu bleiben, in dem er ist. 27 Bist du an eine Frau gebunden, so suche nicht, von ihr loszukommen; bist du nicht gebunden, so suche keine Frau. 28 Wenn du aber doch heiratest, sündigst du nicht, und wenn eine Jungfrau heiratet, sündigt sie nicht; doch werden solche in äußere Bedrängnis kommen. Ich aber möchte euch gerne schonen.

Der erste Rat des Paulus: es ist nicht verkehrt, ledig zu bleiben. Weil harte Zeiten kommen werden. Weil sich kommende Not schon gegenwärtig ankündigt. Das griechische Wort, das er hier verwendet – νγκη – ist „ein der apokalyptischen Sprache zugeordneter Terminus für die große Enddrangsal.“(W. Schrage, aaO. S. 156) Damit meint Paulus also nicht, dass Christenverfolgungen schon ihre ersten Schatten schon voraus werfen. Sondern er rechnet mit dem Ende der Zeiten, das unmittelbar bevorsteht.

Es ist dieser Gedanke, der uns weit von Paulus trennt. Wir sehen zwar eine Welt, in der es chaotisch zugeht, in der alles außer Rand und Band zu sein scheint. Es wimmelt nur so an Welt- und Umwelt-Problemen. Aber das führt nicht dazu, dass wir das Ende gekommen sehen. Außer den Zeugen Jehovas rechnet niemand mit dem Welt-Untergang. Allenfalls mit dem Absturz in Lebensverhältnisse, die wir uns lieber nicht ausmalen. Wichtiger noch: Diese Welt-Probleme ändern nichts an unserer individuellen Lebenslage. Sie haben keine Bedeutung für die Frage: Heiraten oder nicht, für die Lebensführung im privaten Bereich. Wir feiern unsere Feste, auch wenn im Irak die Selbstmordattentate zunehmen, der Krieg in Syrien immer noch seine Opfer fordert, die Temperaturen und die Meeresspiegel steigen.

An der Stelle ist Paulus anders unterwegs. Er sieht: Das kommende Ende, die Wehen der Zeit wirken sich direkt auf das Leben der Einzelnen aus. Wenn die Welt vergeht, wird das nicht ohne Schmerz sein für die Christinnen und Christen. Man kann das Leben der Einzelnen nicht herausgelöst aus dem Leben, was mit der Welt wird. Dieses Denken teilt Paulus mit den Evangelisten: „Denn in diesen Tagen wird eine solche Bedrängnis sein, wie sie nie gewesen ist bis jetzt vom Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, und auch nicht wieder werden wird. Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.“(Markus 13, 19-20)

In solchen Zeiten haben es die leichter, die ungebunden sind. Und dennoch: Es ist auch dann nicht verkehrt, dass jemand, der für die Ehe versprochen ist – an eine Frau gebunden – dann dieses Versprechen auch einlöst. Man muss nicht Verlobungen auflösen, um die kommenden Zeiten bestehen zu können. Umgekehrt aber gilt auch: Wer heiratet, sündigt nicht, weder Mann noch junge Frau. Nur dies sollen sie wissen: es stehen harte Zeiten der äußeren Bedrängnis bevor.

Hinter den Worten des Paulus steht seine Sorge um die „jungen Leute“. Wissen sie wirklich, auf was sie sich da einlassen? Nicht, weil es mit der Ehe schwierig sein könnte. Es geht nicht um „Last, Sorge und Ungemach des Ehestandes als solchen“.(W. Schrage, aaO. S. 159) Auch nicht weil die Ehe ein Stand minderer Gnade wäre, sondern einfach deshalb, weil Zeiten der äußeren Bedrängnis – θλψις – heraufziehen. Und ihn bewegt die Sorge, dass geteilter Schmerz nicht halber Schmerz ist, sondern sich verdoppelt, geteilte Angst die Angst noch steigert.

Ohne dem Apostel zu nahe zu treten: Paulus weiß offensichtlich nichts von der Tragkraft einer Ehe, dass gemeinsam getragene Lasten. Ängste, Sorgen, Schmerzen auch dazu führen können, dass die seelischen und geistlichen Kräfte wachsen. Er ist halt ein alleinstehender Mann. Das darf man ihm nicht zum Vorwurf machen – aber hier erklärt es einen etwas verengten Blickwinkel.

29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Auch sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; 30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Jetzt nimmt Paulus sein Stichwort der Bedrängnis noch einmal auf, freilich nicht direkt und ausdrücklich Die Zeiten verdichten sich. „Die noch verbleibende Zeit zwischen Auferstehung Jesu und der eschatologischen Vollendung ist zusammengedrängt.“(W. Schrage, aaO. S. 170) In diesen verdichteten Zeiten empfiehlt Paulus eine Lebenshaltung, die so verkürzt wird: haben, als hätte man nicht. Inneren Abstand bewahren. Leben teilen, aber immer wissen: Es ist nicht alles. Besitz ist nicht alles. Und die Welt genießen ist nicht alles.

Über allem, was ist steht das große Zeichen der Vergänglichkeit. Positiver ausgedrückt, das Zeichen des kommenden neuen Äon, der schönen Ewigkeit. Man kann schon darüber nachdenken, ob eine solche Haltung der inneren Distanz nicht beides hat – eine Gefährdung und eine Befreiung.

Die Befreiung besteht darin, dass nichts einen ganz gefangen nehmen kann. Es gibt dann eine innere Unabhängigkeit von den Dingen der Welt. Und der Verlust – sei es der Verlust eines Menschen oder von Besitz, Ansehen, Lebensfreude, stürzt dann nicht mehr in die tiefste Krise völliger Sinnlosigkeit.

Aber umgekehrt: Was, wenn dieser Ratschlag dazu führt, sich auf nichts und niemand wirklich einzulassen? Es gibt ja Menschen, bei denen man das Gefühl hat: Nichts geht sie wirklich an Nichts berührt sie. Sie leben wie unter einer imaginären Glasglocke, die sie von allem abschirmt. Wäre ernsthaft die Ehe mit so einem Menschen auszuhalten? Wäre sein Mitweinen Trost, seine Mitfreude wirklich tiefere Freude?

Es sind wohl solche Fragen, die zu dem Aufschrei des großen Kritikers eines Vertröstungs-Christentums geführt haben: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“(F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra. [Bd. 1]. Chemnitz, 1883., S. 15)

32 Ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid.

Ganz nahe ist Paulus mit seinem Satz bei dem Wort Jesu aus der Bergpredigt. „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“(Matthäus 6,34) Und doch: Paulus will mit seinen Worten die Christen nicht aus der Welt herausreden. Er will aber zu einem Gebrauch der Welt, zu einem Leben in der Welt anleiten, das dem Glauben entspricht. Das nicht sagt, „die Gegenwart sei nichts, die Zukunft alles. Er vertritt aber ebenso wenig die These der Schwärmer, die Zukunft sei nichts und die Gegenwart alles.“(W. Schrage, aaO. S. 173) Er sucht den anstrengenden Weg einer Interims-Ordnung, eines Lebens zwischen den Zeiten.

Wer ledig ist, der sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle; 33 wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens. 34 Und die ledige Frau, und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, dass sie heilig seien am Leib und auch am Geist; aber die verheiratete Frau sorgt sich um die Dinge der Welt, wie sie dem Mann gefalle.

Er nimmt sein Stichwort Sorgen jetzt noch einmal auf. Wer ledig ist, muss um nichts sorgen als um das eigene Leben vor Gott und mit Gott. Wie er mit dem Herrn Jesus über die Runden kommt. Das gilt für Männer und Frauen und Unverheiratete in gleicher Weise.

Dem steht die andere Erfahrung gegenüber: Wer einen Mann, eine Frau hat, der ist an sie gebunden, sorgt für sie, um sie, richtet sich nach ihr. Er hat eine Menge Dinge, die er, einfach, weil er verheiratet ist, zu bewältigen hat. „Es gehört zum Wesen von Partnerschaft und Ehe, von der Zuwendung und vom Wohlergehen des anderen abhängig zu sein.“ (W. Klaiber, aaO. S. 118)Paulus spricht hier nicht von Gefälligkeiten, die man den anderen erweist, sondern von der Lebensnotwendigkeit in einer Ehe.

Das führt zu Halbherzigkeit, zu einem geteilten Herzen. Zur Doppelbelastung, könnte man auch sagen. An dieser Stelle sieht Paulus die Herausforderung, um derentwillen er diese ganze Geschichte verhandelt

35 Das aber sage ich zu eurem eigenen Nutzen; nicht um euch in einem Netz zu fangen, sondern damit es recht zugehe und ihr stets und ungehindert dem Herrn dienen könnt.

Er will nicht, dass sich die Christen in Korinth an dieser Stelle in Gewissensskrupel verfangen. Das sie sich selbst Stricke drehen, sich in Netzen verfangen. Sie sollen die Freude am Glauben nicht verlieren über Fragen, die von manchen einfach hochgespielt werden. Paulus will zu sachlichen Lösungen zurückführen.

36 Wenn aber jemand meint, er handle unrecht an seiner Jungfrau, – wenn die Zeit längst reif ist und es geschehen soll, so tue er, was er will; er sündigt nicht, sie sollen heiraten. 37 Wer aber in seinem Herzen fest bleibt und nicht unter Zwang steht, sondern seinen freien Willen hat, und in seinem Herzen beschließt, seine Jungfrau unberührt zu lassen, so tut er gut daran. 38 Also, wer seine Jungfrau heiratet, der handelt gut; wer sie aber nicht heiratet, der handelt besser.

Um es ganz kurz zu machen; Macht doch, was ihr wollt. Lebt so, wie es euch sinnvoll erscheint. „Geh den Weg, den dein Herz dich führt“, könnte man sagen, wenn es nicht so abgedroschen wäre. Aber das ist in der Tat das, was Paulus wichtig ist: wie der Einzelne, die Einzelne sich in diesen Angelegenheiten entscheidet ist zweitrangig. Dass er sich entscheidet, ist vorrangig. Und am wichtigsten ist, dass man dabei in seinem Herz fest ist. Wir würden vielleicht sagen: dass man mit sich selbst einig ist. Nicht hin und her gerissen. Sondern zu seinen Entscheidungen steht. Das alles kann Paulus auch deshalb sagen, weil er weiß: es geht hier nicht um Heil und Unheil, nicht um Zeit und Ewigkeit, sondern nur um Entscheidungen im Vorletzten.

39 Eine Frau ist gebunden, solange ihr Mann lebt; wenn aber der Mann entschläft, so ist sie frei, zu heiraten, wen sie will; nur dass es in dem Herrn geschehe! 40 Seliger ist sie aber, nach meiner Meinung, wenn sie ledig bleibt.

Noch ein Sonderfall? Oder nur ein Nachtrag, der ihm gerade noch so eingefallen ist? Ehe und Verlobung gelten nur, solange es einen lebenden Partner gibt. Stirbt der Mann, stirbt die Frau, ist alles wieder auf Anfang. Sie ist frei. Er ist frei. Noch einmal sagt Paulus: Besser ist es freilich, sich nicht mehr zu binden. Nicht aus Skepsis gegenüber der Ehe, sondern um der kommenden Zeiten willen, dass das Ende nahe ist.

Ich meine aber: ich habe auch den Geist Gottes.

Das klingt in meinen Ohren fast ein wenig genervt. Es ist aber in Wahrheit ein steiler Anspruch: das, was ich jetzt gesagt habe, ist nicht nur eine x-beliebige Privat-Meinung. So nach dem Motto: „Ich denk´ mal. Ich sag´ mal.“ So wie heute solche Debatten meistens beendet werden: Jeder darf sagen und denken, was er will.

Paulus sagt mehr: Was ich hier gesagt habe, auch als nur meine Meinung, meine Sicht der Dinge, habe ich doch gesagt als einer, den der Geist Gottes leitet. Nur darum auch traut sich Paulus, in solchen existentiellen Fragen zu raten. In die innere Freiheit zu rufen.

Zum Weiterdenken

Die Worte des Paulus machen den heutigen Leser unabweisbar auf den Abstand zwischen dem Apostel und uns heute aufmerksam. Er redet zu Dingen, die bei uns keine Rede wert sind. Er argumentiert so, wie es heute wirklich niemand tun würde, auch der „bibeltreue Christenmensch“ wohl nicht. Hat uns der Apostel also nichts mehr zu sagen? Vielleicht ist es gerade umgekehrt: wir könnten von ihm lernen, dass die Hoffnung auf die Zukunft Gottes, auf die Wiederkunft Christi, auf den Advent geerdet werden will. Darin geerdet, dass wir sie auf unsere realen Lebensverhältnisse beziehen lernen. Dass wir neu fragen lernen: Was lehrt uns diese Hoffnung auf den kommenden Christus im Blick auf unseren Umgang mit Geld und Gut, mit Beziehungen und Planungen, mit Sorgen und Freuden. Geerdete Hoffnung, damit wir konkrete Lebensschritte tun – dazu könnte uns dieser so befremdende Paulus sogar helfen.

 

Mein Gott und Herr, es tut gut zu sehen, dass uns der Weg offen steht zu Entscheidungen wie sie uns entsprechen. Allein bleiben, wenn das unser Weg ist. Mit anderen unterwegs sein, wenn das unser Weg ist. Da ist kein Vorrang und kein Nachteil.

Segne Du die miteinander unterwegs sind in Ehe und Partnerschaft,  in Familien mit ihren Kindern. Hilf ihnen alle Belastungen auf sich zu nehmen, die das Miteinander mit sich bringt.  

Segne Du genauso die allein unterwegs sind, denen ihre Sehnsucht nach einem Menschen manchmal zu schaffen macht, die aber diesen Weg gehen und seine Belastungen zu tragen haben.  Es sind ja so oder so Deine Wege. Segne Du uns alle. Amen