So wie ich bin, so soll es sein

  1. Korinther 7, 17 – 24

17 Doch soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden.

Musste nicht aus dem Neuen, was das Evangelium brachte, ein Umsturz aller Verhältnisse folgen?“(w. De Boor, aaO. S.129) Eine Frage, die sich bis heute immer wieder stellt, die ja auch ernsthaft zu stellen ist: Hat ein neues Verhältnis zu Gott nicht unmittelbar auch Folgen für die Sicht auf das Leben? Für Lebensentscheidungen, die tagaus und tagein zu treffen sind? Für das Alltagsverhalten im Miteinander? Paulus beschreibt ja auch in diesem Brief nach Korinth das Leben der Christen als Leben auf einem neuen Fundament. Und fordert dieses neue Leben auch ein.

Gleichwohl ist es kein Revolutionsprogramm, das jetzt folgt. Kein Umsturz aller äußeren, aller sozialen Ordnungen. „Paulus widersetzt sich dem Gedanken, dass mit dieser (erg. Berufung) zugleich alle sozialen und nationalen Verhältnisse und Bedingtheiten umgestürzt werden müssten.“(H. D. Wendland, aaO. S. 59) Sondern er sieht jede*n an seinem/ihrem Ort berufen, wie der Herr es ihm zugemessen hat. Gott gibt den Glauben nicht ohne Maß, sondern angemessen, auf den angepasst, den er beruft. Wir sind keine unbeschriebenen Blätter, wenn der Ruf Gottes in unser Leben trifft.

Gottes Ruf trifft nicht ins Leere, sondern einen Menschen in ganz bestimmten `Bindungen´.“(E. Stange, aaO. S. 52)Nicht jeder ist durch die Berufung Gottes aus seinem Ort und seinen bisherigen Lebensverhältnissen heraus gerufen. „Keiner soll die Berufung durch den Herrn zum Anlass nehmen, seine äußeren Lebensumstände, seinen Sozialstatus oderseinen Familienstand zu ändern.“(W. Schrage, aaO. S. 134) In einer jungen christlichen Gemeinde, in der davon erzählt wird, wie Jesus mit dem schlichten Wort „Folge mir nach!“ (Markus 1,14 u.a) Menschen aus ihren familiären und sozialen Bindungen gerufen hat, ist das keine kleine Zumutung. Erst recht, wenn es die anderen Stimmen von Enthusiasten gegeben haben mag, die den Ausstieg aus Ehe, Familie und Arbeit als die einzig mögliche und schlüssige Konsequenz des Glaubens gefordert haben.

Paulus hält dem gegenüber daran fest: Gott beruft und begabt unterschiedlich. Jede und jeder bekommt den Glauben und die Gnadengaben individuell zugemessen. So hat er es ja auch später nach Rom geschrieben: jeder soll „maßvoll von sich halten, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“(Römer 12, 3)Es ist das gleiche griechischen Wort – hier wie dort: μρισεν. Also: Lebenskonsequenzen des Glaubens ja – aber an dem Ort, den Lebensumständen, in denen einer, eine berufen ist.

18 Ist jemand als Beschnittener berufen, der bleibe bei der Beschneidung. Ist jemand als Unbeschnittener berufen, der lasse sich nicht beschneiden. 19 Beschnitten sein ist nichts und unbeschnitten sein ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten.

Das, was er kurz allgemeingültig gesagt hat, führt Paulus jetzt an zwei Beispielen durch. Der Jude – Beschnittener – darf Jude bleiben, sein Leben lang. Er muss seine Herkunft nicht verleugnen, seine Vergangenheit nicht wegwerfen, nicht entwerten. Er muss auch nicht ehemaliger Jude werden. Und der frühere Heide – Unbeschnittener – bleibt auch als Christ ein früherer Heide und muss sich nicht nachträglich noch durch eine nachgeholte Beschneidung „jüdisch“ machen. Die Herkunft hat im Blick auf die Zugehörigkeit zu Gott alle Bedeutung verloren. Sie mag das Leben noch durch erlernte Verhaltensmustern bestimmen. Aber für das ewige Heil ist sie unwesentlich geworden.

Was bleibt – überraschend genug: Gottes Gebote halten. Auch für den Glauben gibt es die Geboteντολαί – noch, wenn auch nicht mehr als Heilsweg, wohl aber als nach wie vor gute Lebensordnung. Es gilt, sie zu bewachen und bewahren. τρησις, „Bewachung, Bewahrung, Erhaltung“ (Gemoll, aaO. S.739) ist ein Wort, das aus der Militärsprache kommt und ein Verhalten einfordert, in dem es um ganzen Einsatz geht.

Anders gesagt. Was bleibt ist die Orientierung nach vorne. Nicht wo einer herkommt, zählt, sondern ob einer, eine im Glauben unterwegs bleibt. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein sondern der Glauben, der durch die Liebe tätig ist.“(Galater 5,6)

20 Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.

Zum zweiten Mal die gleiche Aussage. Kein Aussteigen aus dem alten Lebenskontext. Man muss nicht Angst haben, wenn man in den alten Lebensumständen bleibt, dass man dadurch seine Berufung gefährdet oder gar verliert.

Hinter diesem Satz steht ein Denken, mit dem wir heute so unserer Schwierigkeiten haben. Das Denken in Ständen, die unser Leben „gottgewollt“ bestimmen, hat hier seine Wurzeln. Das ist kein typisch christlicher Gedanke, wohl aber einer, der lange Zeit auch das christliche Abendland mit seiner Ständeordnung geprägt und bestimmt hat. Wir heute denken anders. Wir sehen jeden dazu berufen, aus seinem Leben das zu machen, was ihm entspricht, seinen Gaben, seinen Träumen, seinen Sehnsüchten. Und eben nicht nur seiner Herkunft.

Hinter den Sätzen des Paulus, die so seltsam konservativ wirken können – lasst alles in eure Lebensumständen beim alten – steht vermutlich auch seine Naherwartung. Paulus sieht keine lange Zeit der Welt mehr vor sich und den Christ*innen Er rechnet mit der Wiederkunft Christi – bald, sehr bald. Von daher könnte man salopp sagen. Es lohnt nicht mehr, sich um Veränderungen des eigenen Sozialstatus zu mühen, wenn morgen sowieso alles vorbei ist und das ewige Reich der Freiheit anbricht. Es lohnt nicht mehr, nach der relativen Freiheit vom Sklavendasein zu streben, wenn der große Tag der Freiheit vor der Tür steht.

Nur als Anmerkung: In der Lutherübersetzung von 1912 lese ich noch: „Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, in dem er berufen ist.“ Das ist eine Sprachwendung, die mir erklärt, warum bis heute ein Berufswechsel in Deutschland irgendwie doch nicht so ganz ohne Skepsis gesehen wird.

21 Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber. 22 Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi.

Paulus führt eine zweite Beispiel-Reihe auf. Diesmal im Blick auf die sozialen Lebens-Umstände. Wer Sklave – so doch schärfer als das sanfte „Knecht“δολος – ist, darf das bleiben. Aber die Chance der Freilassung soll er ergreifen, wenn sie sich bietet. Und nicht aus Angst vor der dann erforderlichen Eigen-Verantwortung vor der Freiheit zurückschrecken.

Es folgt der Satz, der fast wie eine Relativierung allen Freiheitsstrebens verstanden werden kann: Wirklich frei sind wir sowieso nur in dem Herrn. Und gleich, in welcher Lebens-Situation einer steht, es gilt immer, die Freiheit in Christus so zu bewahren, dass wir seine Diener, Knechte, Sklaven sind.

Paulus kennt keine absolute Freiheit. Keine Autarkie und Autonomie. „Frei ist der Menschen nur als Eigentum seines Herrn, nicht als sein eigener Herr.“ (W. Schrage, aaO. S.142) Ich fürchte, an dieser Sicht haben wir heute heftig zu lernen. Uns an ihr zu reiben, damit wir sie irgendwann und irgendwie als ein eigenes Lebenskonzept akzeptieren können.

Ich will mich nicht davor drücken. Diese Gedanken des Paulus zum Bleiben in dem Stand der eigenen Berufung haben eine entscheidende Rolle gespielt in der kirchlichen Debatte um die Akzeptanz der Homosexualität. Da ist dann aus der sexuellen Orientierung der Stand, die Berufung geworden, in der einer, eine berufen ist. Und so unter der Hand eine göttliche Platzanweisung.

Wenn der einzelne oder die einzelne – homosexuell oder lesbisch orientiert, veranlagt – sich so versteht, dann ist das heute einfach zu akzeptieren. Es ist gut, dass wir das als Gesellschaft nicht mehr bewerten wie in früheren Zeiten. Ob allerdings die Worte des Paulus aus ihrem historischen Zusammenhang, in dem es um religiöse Herkunft und sozialen Status und nicht um sexuelle Orientierung geht, so herausgelöst und umgeformt werden können, da habe ich doch Anfragen und spüre bei mir ein deutliches Unbehagen.

Nicht zuletzt deshalb, weil in der modernen Argumentation aus diesem „Ort der Berufung“ ausschließlich ein Ort des Bleibens wird. Dass es Aufbruch zu neuen, anderen Ufern geben könnte, das wird dann kategorisch abgelehnt. Merkwürdigerweise auch von Leuten, die gerne vertreten, dass Geschlechterrollen nicht naturgegeben sind, sondern sozial gelehrt und gelernt werden.

23 Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. 24  Brüder und Schwestern, bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid.

Es folgt noch einmal die Erinnerung, wie schon früher (6,20): Ihr seid teuer erkauft. „Gegen Barzahlung“ könnte man auch übersetzen. So wie es auf dem Sklavenmarkt üblich ist. Christus hat den Preis für unsere Freiheit direkt entrichtet – am Kreuz. Darum gilt es, diese Freiheit zu bewahren, sich nicht erneut knechten zu lassen. Sich auch nicht von den Sehnsüchten nach vermeintlichen Freiheiten knechten zu lassen. Sich nicht durch die Parolen irgendwelcher Menschen verlocken und in Wahrheit knechten zu lassen.

So ist es einigermaßen schlüssig, dass Paulus jetzt zum dritten Mal innerhalb weniger Worte mahnt: bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid. Nicht der Ausbruch aus dem alten Leben ist gefordert, sondern das Bleiben vor Gott, bei Gott, in Gott – unter den Bedingungen des alten Äon. Also: Leben in der Welt, aber nicht von der Welt und auch nicht einfach wie die Welt.

Zum Weiterdenken

Es gibt eine Berufung, κλη̃σις, die sich aus unseren Lebensumständen ergibt, sozusagen von Natur aus oder von Geburt an. dieser Gedanke des Paulus, den wir an vielen Stellen durchaus relativieren, hat in der Debatte um die Homosexualität ein hohes Gewicht gewonnen. Von diesem Satz her gibt es keine Verpflichtung, seiner „angeborenen Neigung“ zum gleichen Geschlecht widerständig gegenüber zu sein oder gar sie verändern zu wollen. Er wird als theologische Rechtfertigung gelesen: Jede*r soll und darf so bleiben, wie er/sie ist.

Diesen letzten Satz akzeptiere ich, allerdings ohne die Ableitung aus dem Korintherbrief. Denn ob Paulus hier zu Recht als Kronzeuge für diese Denkweise herangezogen wird, ist mir höchst fragwürdig. Ich lese Paulus auch vom Römerbrief her – bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen.“(Römer 1, 26c.27) – anders. Mir käme es daher mutiger vor zu argumentieren: Paulus denkt in Sachen Homosexualität anders als wir. Wir verantworten unsere Sicht heute coram deo, vor Gott, auch wenn wir den großen ersten christlichen Theologen nicht auf unserer Seite haben. Das wäre in meinen Augen biblisches Denken – ich nehme meine Verantwortung vor Gott ganz ernst und verstecke mich nicht hinter den Autoritäten. Alles andere ist Biblizismus aber nicht biblisches Denken.

 

Mein Heiland, es ist eine harte Zumutung, eine große Herausforderung, sich für das neue Leben des Glaubens keinen neuen Ort suchen, sondern ihn da leben, wo uns Dein Ruf getroffen hat. Den Glauben bewähren im Umgang mit denen, die mich immer schon kennen, meine Schwächen, meine Stärken, meine Sehnsucht und meine Angst. Das willst Du von mir.

Gib, dass ich die Orte meiner Bewährung nicht fliehe, sondern an ihn bleibe und dort Glauben lebe, so wie ich es vermag und Du es willst. Amen