Kein Weglaufen um Christi willen

1. Korinther 7, 10-16

10 Den Verheirateten aber gebiete ich – nein, nicht ich, sondern der Herr -, dass die Frau sich nicht von ihrem Manne scheiden soll 11 – hat sie sich aber scheiden lassen, soll sie ohne Ehe bleiben oder sich mit ihrem Mann versöhnen – und dass der Mann seine Frau nicht fortschicken soll.

Weil er schon einmal dran ist: Es gibt auch keine Scheidungspflicht! Was für eine irrwitzige Umkehrung. Das Judentum kennt die Ehepflicht. „Jeder Mensch, der keine Frau hat, ist kein Mensch. (Rabbi Eleazar, um 270)“(E. Fascher, aaO. S. 181) In Korinth gibt es umgekehrt wohl Gruppierungen, die aus Angst vor dem „Verhängnis der Sexualität“ die Scheidung als den Weg zum Leben fordern. Dass Christen hier in der irdischen Wirklichkeit leben wie die Engel. „Sie werden nicht freien noch sich freien lassen.“(Markus 12,35)

Für den Widerspruch gegen solche Forderung beruft sich Paulus ausdrücklich auf den Herrn. Das ist jetzt keine Ermessensache mehr, sondern hier gilt das Wort Jesu: „Was denn Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“(Markus 10,9) Wie sollte auch ein Mensch die Gnadengabe Gottes, das Charisma, das ihm geschenkt ist, widerrufen können, es zurückgeben wollen! Daran hält Paulus unbeirrt fest, obwohl auch ihm schon damals nicht verborgen geblieben sein wird, dass Ehen scheitern können.

Es ist nur oberflächlich gelesen ein gleichwertiger Vorgang für Frau und Mann – Scheidung. Die Realität ist komplizierter: die Frau kann sich scheiden lassen, um die Auflösung der Ehe bitten, der Mann dagegen kann sie wegschicken. Wo es aber doch zur Auflösung der Ehe gekommen ist, weil die Scheidung „unumgänglich ist“(K.Berger/C. Nord, aaO. S. 94) – vermutlich bezieht sich Paulus auf eine konkrete Situation in Korinth -, da ist ein neuer Weg in zweifacher Weise möglich – entweder allein bleiben oder sich wieder versöhnen. „Paulus rechnet damit, dass auch eine zerbrochene Ehe wieder geheilt werden kann.“(W. Klaiber, aaO. S. 104)Ich zögere, nicht nur ein wenig, mir das zur eigenen Sichtweise zu machen, weil ich zu viele in dieser Hoffnung gescheiterte Versöhnungsversuche vor Augen habe.

12 Den andern aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine ungläubige Frau hat und es gefällt ihr, bei ihm zu wohnen, so soll er sie nicht fortschicken. 13 Und wenn eine Frau einen ungläubigen Mann hat und es gefällt ihm, bei ihr zu wohnen, so soll sie ihn nicht fortschicken. 14 Denn der ungläubige Mann ist geheiligt durch die Frau und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den gläubigen Mann. Sonst wären eure Kinder unrein; nun aber sind sie heilig.

Jetzt gibt Paulus wieder eigene Einsicht weiter. Für das, was er sagt, kann er kein Herrenwort anführen. Diese Relativierung der eigenen Worte schafft Freiraum, die Worte des Paulus zu bedenken und eventuell zustimmend zu übernehmen. Das ist sein Kernsatz: Auch unterschiedlicher Glaube ist kein Scheidungsgrund. Wenn der Ehepartner, ob Mann oder Frau es aushält, erträgt, dass der Christ, die Christin ihren Glaubensweg geht, gib es keinen Anlass, sich zu trennen. Jedenfalls: „Die Initiative zu einer Scheidung, wenn sie unausweichlich wird, kann nicht vom christlichen Partner ausgehen.“(W. Schrage, aaO. S. 103)

Mit diesen deutlichen Worten wendet sich Paulus gegen „eine Bunker- oder Abgrenzungsmentalität.“(W. Schrage, aaO. S. 104)Er setzt vielmehr auf die Ansteckungskraft des Glaubens. Gelebter Glaube färbt ab, er eröffnet ein Kraftfeld, das auch auf Nichtchristen wirken kann. Nicht muss, aber kann. Es ist die Hoffnung des Paulus: Die Heiligkeit der Heiligen kann auf die übergreifen, mit denen sie leben. Dafür müssen sie durchaus nicht übergriffig werden, auch nicht in der eigenen Ehe „missionieren“. Es reicht, dass sie leben, was sie sind.

15 Wenn aber der Ungläubige sich scheiden will, so lass ihn sich scheiden. Der Bruder oder die Schwester ist nicht gebunden in solchen Fällen.

Will der heidnische Partner die Scheidung, dann darf man sie ihm nicht verweigern. „Dann ist auch der christliche nicht mehr an die Ehe gebunden.“(H.D. Wendland, aaO. S. 58)Auch als Christ muss ich nicht unbedingt und unbegrenzt um eine Ehe kämpfen, die nicht mehr zu retten ist. Die daran scheitert, dass es keine gemeinsame Basis der Werte und Gefühle, der konkreten Lebenswege mehr gibt.

Zum Frieden hat euch Gott berufen. 16 Denn was weißt du, Frau, ob du den Mann retten wirst? Oder du, Mann, was weißt du, ob du die Frau retten wirst?

Wie kommt Paulus jetzt auf diesen Satz? Zum Frieden hat euch Gott berufen. Die eine Möglichkeit: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Es gibt die Situation, dass das Leben in der Ehe dem andauernden Kriegszustand gleicht. Das ist nicht das, was Gott Menschen mit dem Charisma der Ehe zugedacht hat. Darum mag es ein Schritt in den Frieden sein – den inneren und den äußeren -, wenn solch ein Ehekrieg zu Ende kommt.

Die andere Möglichkeit: Über allen Problemen, die es in einer Ehe geben mag steht der Satz: Ihr seid zum Frieden berufen. Das gilt doch auch in den Kämpfen, die miteinander ausgefochten werden. Nicht die Kämpfe, der Frieden ist das Ziel.

Was aber ist dann mit dem letzten Satz? Ich lese ihn nicht als Resignation, aber auch nicht als eine Aufforderung; durchhalten, weil du ja doch deinen Mann, deine Frau retten könntest – sprich: ihr die Augen für die Schönheit des Glaubens öffnen könntest. Wenn das gelingen soll, dann gibt es nur einen Weg: Alle belehrenden Reden, alles demonstrative Darstellen des Glaubens bleiben lassen.

Σώζω –gesund machen, retten, schützen, heilen“ (Gemoll, aaO. S. 725)Dem Zusammenhang nach geht es in der Abwehr des Paulus nicht um ein zeitliches Retten – man kann seine*n Ehepartner*in vor mancherlei Abstürzen vielleicht doch bewahren, sondern um das Retten für Zeit und Ewigkeit. Das ist allein Gottes Tat, das Privileg des Σωτήρ, des Heiland Jesus Christus. Wir können niemand in die Ewigkeit Gottes retten..

Mit dem anderen leben ohne „Schau her.“ Ohne zwanghaftes Vorzeigen: so sieht der Glaube aus. Auch ohne die ständige Wiederholung: Jesus liebt dich. Denn der Ehepartner, die Ehepartnerin will zuallererst spüren: Mein Mann, meine Frau liebt mich. Wenn der Mann, die Frau, nicht diese Liebe spürt, mit der sie um ihrer selbst willen geliebt wird, ist jedes Wort ein Wort zu viel.

Zum Weiterdenken

Kann es gut gehen mit der Ehe, wenn der/die Eine fromm ist und der Partner/die Partnerin das nicht als gemeinsame Basis teilt? Ich habe aus meiner Zeit als Gemeindepfarrer Kirchenvorsteher*innen vor Augen, die genau das erlebten. Ihr Engagement wurde geduldet, aber nicht innerlich unterstützt. Sie erlebten zuhause eine Menge Skepsis in Sachen Glauben, auch Gleichgültigkeit. Sie haben an beidem festgehalten – an der Ehe und am glauben. Es hat Kraft gekostet.

6 Uhr 40 nach Charin Cross

Eine Bekannte — nennen wir sie Veronika — arbeitete jede Woche von Montag bis Freitag in einem Büro in London. Jeden Morgen fuhr sie zu dem kleinen Dorfbahnhof ihres Wohnorts, um den 6-Uhr-40-Zug nach Charing Cross zu erreichen. Sie hätte nicht un­bedingt diesen Zug nehmen müssen. Der 7-Uhr-Zug hätte ihr denselben Dienst getan, aber Veronika gehörte zu den Leuten, die gerne früh an ihrem Arbeitsplatz ankommen, damit sie genug Zeit haben, sich zu entspannen, bevor sie sich ins geschäftliche Getüm­mel stürzen.

Das Gehalt, das Veronika bezog, entsprach genau der Summe, die sie und ihr Mann Derek brauchten, um beide behaglich leben zu können. Derek war freiberuflicher Bildhauer und arbeitete zu Hause. Sie waren ein außergewöhnlich glücklich verheiratetes Paar Mitte dreißig, nicht nur innig ineinander verliebt, sondern auch sehr gute Freunde — eine ausgezeichnete Reklame für eheli­che Treue.

Die Monate gingen dahin. Im Lauf ihrer täglichen Fahrten nach London ergab es sich, daß Veronika eine Grußbekanntschaft mit einem Mitreisenden begann, der tagein, tagaus denselben Zug nahm wie sie selbst, allerdings erst eine Station später zustieg. Schrittweise, fast unmerklich, begann sich eine Freundschaft zwischen ihnen zu entwickeln, die während der einstündigen Fahrt nach London Tag für Tag inniger wurde. Der Mann, der ihr jeden Tag im Zug gegenübersaß, war kultiviert und charmant, war überhaupt ein sehr anziehender Mann. Veronika musste der Tatsache ins Auge blicken, dass sie jetzt einer überaus seltenen Spezies ange­hörte — sie war eine glückliche Pendlerin! Ihr Herz schlug jedes Mal ein wenig schneller, wenn sie den Zug bestieg und ihrem neuen Freund wieder einmal gegenübersaß. Sie war nahe daran, sich in ihn zu verlieben. Das kommt natürlich bei Ehepaaren nicht selten vor, und in vie­len anderen Fällen hielte ich es für sehr gut möglich, dass Vernachlässigung oder Gedankenlosigkeit von seiten des Ehemannes etwas damit zu tun hatte. Aber Veronika und Derek standen einander sehr nahe und schätzten ihre Beziehung sehr hoch.

Veronika machte sich Sorgen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Nach langem Grübeln beschloss sie, ihren besten Freund um Rat zu fragen — ihren Ehemann. Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, setzte sie sich an einem Samstagmorgen mit Derek bei einem Whisky mit Soda im Wohnzimmer zusammen und erzählte ihm haargenau, was sie empfand. Derek ist einer jener philosophi­schen pfeiferauchenden Typen, die es genießen, über einem Glas Bier zufrieden vor sich hinzusinnen. Er hörte Veronika aufmerk­sam zu, während er gelegentlich an seinem Drink nippte und ver­ständnisvoll nickte. Schließlich kam sie ans Ende ihrer Erzählung, saß nervös auf dem Sofa und wartete, was ihr Gatte wohl sagen würde.

Lange Zeit herrschte Schweigen, dann meldete Veronika sich noch einmal zu Wort.„Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, Derek — sag mir doch, was ich tun soll.“Langsam und bedächtig erhob er sich, schritt hinüber zum Sofa und setzte sich neben seine Frau. Während er ihr den Arm um die Schultern legte, sagte er mit sanfter, aber fester Stimme:„Liebling — nimm den anderen Zug.“

So sah Dereks Lösung aus, und in diesem Fall hat sie auch funk­tioniert. Falls also der 6-Uhr-40-Zug Sie zur Sünde verführt, las­sen Sie ihn abfahren (Sie brauchen die Linie nicht gleich stillzule­gen, das erledigt wahrscheinlich die Britische Eisenbahngesell­schaft im Zuge ihrer nächsten Sparmaßnahme für Sie!) und nehmen Sie den Zug um 7 Uhr. Fahren Sie mit dem anderen Zug.“(A. Plass, Ansichten aus Wolkenkuckucksheim, Moers 1992, s. 19 f)

 

Herr Jesus, ich danke Dir für meine Ehe, für alles Leben und Lieben, für alles Verstehen, für alles Teilen-können des Glaubens, für alle Gemeinschaft in der Hoffnung auf Dich.

Ich bitte Dich für alle Ehen, die es schwer miteinander haben, wo der Glaube kein verbindendes Band ist, sondern irgendwie ein letzte Fremdheit wirkt. Ich bitte Dich für alle Ehen, die es schwer haben unter den Umständen der Zeit. Schenke Du Liebe, die den anderen trägt, die es aushalten kann, dass es ein letztes unteilbares Geheimnis in jedem Menschen gibt, die den langen Atem bewahrt.

Sei Du ihnen Halt, auch denen, die sich Dir nicht anvertrauen können, weil sie Dich und Deine Liebe nicht kennen. Amen