Ehe – Glücks- und Schmerzensquelle

1.Korinther 7, 1 – 9

 1 Nun zu dem, wovon ihr geschrieben habt:

             Es hat Anfragen aus der Gemeinde in Korinth gegeben. Sie sind durch einen Brief zu Paulus gekommen. Es geht um „Dinge der praktischen Lebensführung“(W.de Boor aaO. S. 120) Dafür erhofft man sich in Korinth Wegweisung – und Paulus müht sich, dieser Bitte nachzukommen.

 Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. 2 Aber um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann. 3 Der Mann gebe der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann. 4 Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.

             Wie kommt es zu diesen Fragen? Das wird nicht erklärt. Paulus sagt auch nicht: Was ihr  fragt, ist doch keiner Frage wert. Vielmehr geht er ausführlich darauf ein. Merkwürdig genug ist es allerdings: Es gibt in Korinth offensichtlich nicht nur die, die in Sachen Sexualität ausgesprochen freizügig unterwegs sind. Es gibt auch die anderen,  die ängstlich sind. Die fürchten, dass gelebte Sexualität, auch in der Ehe, nicht gut sein könnte. Es ist die gleiche Quelle – einmal die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leib und zum anderen die Angst vor dem Leib. „In beiden Fällen gelingt es nicht, die leibliche Dimension menschlicher Existenz in das Christsein zu integrieren.“(W. Klaiber, aaO.  S. 99)

Paulus möchte in die Freiheit führen. Darum: Die gelebte Sexualität gehört in die Ehe. Dort hat sie ihren guten Platz und wehrt auch der Unzucht. Sie hilft dazu, dass sich nicht Bilder und Phantasien übermächtig breit machen können. Es hört sich ein bisschen umständlich an, ist aber doch ausgesprochen hilfreich: „Eheliche Gemeinschaft schließt selbstredend leibliche Gemeinschaft ein.“(W. Schrage, aaO.  S. 63) Aber es gibt in der Ehe kein Recht auf die Einforderung eheliche Pflichten. „Keiner der beiden Ehepartner hat einfach das Verfügungsrecht über den eigenen Körper.“(W. Klaiber, aaO. S. 100) Erst recht nicht über den Körper des Anderen, der Anderen. Auch in der Ehe gilt: Nein ist Nein. Beide, Mann und Frau, haben eigene Wünsche, eigene Sehnsüchte, eigene Vorstellung. Beide dürfen wünschen und beide dürfen auch Nein sagen zu den Wünschen des anderen.

  5 Entziehe sich nicht eins dem andern, es sei denn eine Zeit lang, wenn beide es wollen, dass ihr zum Beten Ruhe habt; und dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht versucht, weil ihr euch nicht enthalten könnt. 6 Das sage ich aber als Erlaubnis und nicht als Gebot.

             Was aber nicht sein soll, ist, dass man sich für immer dem oder der anderen verweigert. Es mag solche Zeiten geben. Aber dann sind sie wechselseitig verabredet, erfordern das Einverständnis beider. Solche Fastenzeit kann durch mancherlei bestimmt sein. Als ein Beispiel nennt Paulus Zeiten des Betens. Des Rückzuges, würden wir vielleicht sagen. Der Selbstklärung. Jeder kennt wohl solche Zeiten, wo eine Aufgabe einen so in Beschlag nimmt, dass so wesentliche Lebensvollzüge wie gelebte Sexualität in den Hintergrund treten. 

Es mag sein -hier hat das Buch Tobit für den Rat des Paulus Pate gestanden: „Und sie gingen hinaus und verschlossen die Kammertür. Und Tobias erhob sich vom Lager und sagte zu ihr: Meine Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, dass er uns Barmherzigkeit und Heil schenke. Da stand sie auf, und die beiden begannen zu beten und zu bitten, dass ihnen Heil geschenkt werde. (Tobit 8, 4-5) Wobei es die schöne Anmerkung gibt. „Der lateinische Text berichtet den Befehl des Engels Rafael, dass Tobias und Sara drei Tage und Nächte im Gebet verbringen sollten, bevor sie Ehe vollziehen.“(Luther 2017. S. 983) Ob das im Sinn des Paulus wäre, weiß ich wirklich nicht.

Ich  stimme zu: „Die Tendenz von V.5 ist eindeutig die einer Warnung vor allen asketischen Verstiegenheiten und Bravourstückchen. Wer dem Satan infolge der Überschätzung der eigenen Kraft durch allzu asketische Lebensweise zu entlaufen sucht, läuft ihm nur umso sicherer ins offene Messer und erliegt ihm.“(W. Schrage, aaO.  S. 69)

             Darum ist es auch sinnvoll, dass Paulus seine Wort einordnet: sie sind ein Zugeständnis, kein Befehl. So besser statt Gebot. Weder die Ehe noch die Ehelosigkeit will Paulus befehlen, auch nicht die zwischenzeitliche Abstinenz von ehelichem Verkehr in der Ehe. Da gibt es nichts zu befehlen, genauso auch nicht zu erlauben. Das mögen Eheleute halten, wie sie es untereinander vereinbaren können.

 7 Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.

 Jetzt spricht Paulus von sich selbst. Er lebt ehelos, unverheiratet. Das ist, so sagt er es indirekt, seine eigene Gabe von Gott. χρισμα, Charisma nennt er seine Ehelosigkeit und macht damit deutlich: Das ist keine Verlustgeschichte, sondern der Weg, den Gott mit ihm geht. Er könnte sich das gut für alle Menschen so vorstellen. Aber das ist nicht zwingend.

Wenn ich Paulus folge, so läuft sein Gedanke darauf hinaus: Ehelosigkeit ist, wenn sie denn akzeptiert wird, eine Gabe Gottes. Und Ehe ist, wenn sie denn akzeptiert wird, genauso eine Gabe Gottes. Da gibt es keinen Vorrang und keine Nachrangigkeit und keines von beiden ist eine „Notordnung“.

Warum er dennoch sagt, dass er es lieber hätte, wenn alle so lebten wie er, wird er erst später begründen. Hier liefert er noch keine Begründung für den relativen Vorzug, den er seiner Ehelosigkeit zumisst.

 8 Den Ledigen und Witwen sage ich: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. 9 Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser zu heiraten, als in Begierde zu brennen.

Aber: Wer nicht so leben will und kann, wie es Paulus tut, der soll doch heiraten. Das ist allemal besser als ein Leben in innerer Unruhe zu führen: Soll ich… Soll ich nicht… Noch einmal: „Sexuell enthaltsam leben zu können, ist ein besonderes Charisma, das Gott schenkt.“(W. Klaiber, aaO. S. 103) Dieses Charisma hat nicht jeder. Darum sagt Paulus denen in Korinth, die auf dem Askesetripp in Sachen Ehe unterwegs sind: Wer heiratet, macht nichts falsch. Es ist wohltuend, wie Paulus hier in der Lage ist, den eigenen Weg wirklich als den eigenen Weg zu sehen und zu zeigen. Was für Paulus im Blick auf Ehe und Nicht-Ehe stimmt, muss deshalb noch lange nicht der  Weg für alle anderen ein.

 

Zum Weiterdenken

Man muss von daher wohl auch zumindest skeptisch sein, ob es sinnvoll ist, geistliche Berufe mit diesem besonderen Charisma der Ehelosigkeit sozusagen kirchenamtlich zu verknüpfen. Auf der Basis von Kirchengesetzen. Es ist ja auch tatsächlich eine späte Entscheidung in der Kirchengeschichte, die Ehelosigkeit für Priester verpflichtend zu machen  – und es ist eine Entscheidung, die weite Teile der Christenheit nicht für sich mitvollzogen haben.

Betrachtet man den ganzen Abschnitt, so sieht man einen Paulus, der die Ehe nicht nur ein bisschen wie einen Notbehelf sieht. Heiraten, damit es nicht zum Triebstau kommt. Paulus weiß nichts von der Geborgenheit, der Vertrautheit, nichts vom Glück der Ehe, nichts davon, wie Ehepartner sich wechselseitig tragen, ermutigen, trösten, den Rücken stärken können. Sie ist ihm nur ein Notbehelf, bevor der Herr kommt. Für die, die sich nicht beherrschen können, ihre Sehnsucht und ihren Leib nicht im Griff haben.

Wahrscheinlich darf man dem unverheirateten Mann Paulus aus seiner Unwissenheit keinen Vorwurf machen. Er kann nicht auf die Ehe sehen wie wir, wie ich. Wahrscheinlich ist meine Sicht biographisch geprägt und kulturell vorgeformt. Seit der Zeit der Romantik im 19. Jahrhundert gibt es ein Denken über Ehe und Liebe, das so in der Antike jedenfalls nicht gedacht und nur ausnahmsweise gelebt worden ist. Auch das gilt es zu bedenken: Die Sätze des Paulus haben ihren Hintergrund in der Erwartung der Wiederkunft Christi, wenn nicht heute oder morgen, so doch bald: Darum ist Ehe verzichtbare, weil eine viel schönere Wirklichkeit unmittelbar bevor steht. Von diesem Zeitverständnis der herandrängenden Ewigkeit sind wir heutzutage weit entfernt.

 

 Du heiliger Gott, Du hast Mann und Frau geschaffen, einander gegenüber, einander ein Geschenk. Herr Jesus, ich danke Dir für meine Ehe, für alles Leben und Lieben, für alles Verstehen, für alles Teilen-können des Glaubens, für alle Gemeinschaft in der Hoffnung auf Dich

Ich danke Dir auch für alle Freundinnen und Freunde, die den anderen Weg gehen, ehelos und darin für andere da. Ich danke Dir, dass wir in einer großen Freiheit leben dürfen, jede und jeder in seinem Weg gewiss, dass Du den Weg segnest. Amen