Alles erlaubt

  1. Korinther 6, 12 -20

12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

Mitten in den Begrenzungen und Warnungen das Wort, das den Geist der Freiheit atmet wie kaum ein anderes Wort: Alles ist mir erlaubt. Πντα μοι ξεστι. Und weil es so unglaublich weit ist, wiederholt Paulus noch einmal. Hinter diesem Wort steht Vertrauen zu seinen Lesern und Leserinnen: sie werden dieses Wort nicht missbrauchen. Es deshalb nicht missbrauchen, weil sie die Klarstellung nicht überlesen: Die Freiheit ist an das Gute gebunden. Daran, dass sie lebensfördernd ist. Daran, dass sie nicht zum Selbstzweck und damit zu einer geradezu unheimlichen Fessel wird.

Ich finde die nachfolgende Übersetzung nachdenkenswert: »Alles ist mir erlaubt!« ´Wer so redet, dem antworte ich:` Aber nicht alles, ´was mir erlaubt ist,` ist auch gut ´für mich und für andere`. – »Alles ist mir erlaubt!« Aber es darf nicht dahin kommen, dass ich mich von irgendetwas beherrschen lasse.“(NGÜ) In ihr wird deutlich, dass Paulus einen Satz der Korinther aufnimmt, nicht abweist, aber relativiert, wenn man so will: einbettet in den größeren Zusammenhang: Freiheit kann nie schrankenlos sein. Sie muss sich bewähren an ihren Grenzen, in ihrer Bindung.

„Meine Freiheit kann mich geradezu in Knechtschaft verstricken. Aus der Freiheit wird dann ihr gerades Gegenteil, nämlich Unfreiheit.“(W.de Boor, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1974, S. 114) Wer glaubt, dass die Freiheit keine Schranke hat, keine Grenze, der verliert sie. „Alles zu tun ist kein Zeichen von Freiheit, sondern von Knechtschaft.“(W. Schrage, aaO. S. 38)

οκ γ ξουσιασθσομαι: In dem griechischen Wort steckt die Macht, die Vollmacht mit drin. Die Macht, Ἐξουσία – von der Jesus sagt: Sie ist mir über Himmel und Erde gegeben. (Matthäus 28, 18) Es soll nichts Verfügungsgewalt über mich gewinnen, so dass ich nicht mehr frei bin, sondern besetzt. Unterworfen. Ich bin so frei.“ ist, zur Parole geworden, einer der meist missbrauchten Sätze. Viel zu oft ist man damit in der Abhängigkeit gelandet, vom Alkohol, von Drogen, von Bildern, von Verhaltensweisen, die einen nicht mehr loslassen. Freiheit braucht ein „Wozu“, einen klaren Sinn, eine ethisch verantwortete Richtung, damit sie nicht in der Unfreiheit landet. Ein positives Ziel.

 13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen.

 

Es ist wahr; es gibt leibliche Bedürfnisse. Paulus denkt gar nicht daran, das zu leugnen, Mehr noch: er gibt auch hier Freiheit. „Was wir essen, dient der Ernährung und hat darüber hinaus keine religiöse Bedeutung.“(W. Klaiber, aaO. S. 91)So kann Paulus nur reden, weil die Unterscheidung „rein-unrein“ für ihn nicht mehr an den Nahrungsmitteln festgemacht wird. Nahrungstabus interessieren ihn offensichtlich nicht. „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken.“(Römer 14,17) schreibt er nach Rom. Das ist der Vergänglichkeit unterworfen und hat keine Ewigkeitsbedeutung.

Man kann überlegen, ob er damit nicht manche aus einem skrupelhaften Verhalten heraus führt. Die Angst haben, durch falsches Essen sich vor Gott zu disqualifizieren. In der Zeit heute, in der mancherorts und in manchen Gruppierungen das richtige Essen geradezu zu einen Erkennungszeichen – du gehörst zu uns – und das falsche Essen zu einen Ausschluss-Kriterium wird – mit dir haben wir nichts zu tun – ist das eine ausgesprochen freie und befreiende Position.

Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.

Aber in Wahrheit geht es Paulus nicht um Essen und Trinken. Sondern um den Leibσμα. Mit dem Leib aber kann man nicht umgehen wie mit Lebensmitteln. Es scheint, als hätte Paulus hier Argumente vor Augen, die etwa so klingen: „So wie die Speisen nur für das Verdauungssystem des Menschen wichtig sind, so ist auch die sexuelle Betätigung eine rein körperliche Funktion, die mit dem geistlichen Leben nichts zu tun hat.“(W. Klaiber, aaO. S. 92)

Paulus macht nicht mit bei der Gleichsetzung: ausgeübte Sexualität ist nichts anderes als Essen und Trinken. Der Leib hat halt diese Bedürfnisse. Nein, sagt Paulus und differenziert: Der Bauchκοιλα – ist etwas anders als der Leib σμα. Der Bauch vergeht. Der Leib aber, so wird er später sagen, geht der Auferstehung entgegen. Vielleicht könnte ich auch so unterscheiden: Bauch ist das, was jede und jeder hat. Leib aber ist das, was jede und jeder ist! „Der Mensch hat nicht einen Leib, sondern ist Leib, von dem er sich nicht als etwas ihm Fremdes distanzieren kann.“(W. Schrage, aaO. S. 22) In letzter Konsequenz: Wer sich von seiner Leiblichkeit distanziert, begeht Suizid.

Paulus treibt es auf die Spitze; Der Herr dem Leib. Darum geht es, dass auch in der Art, wie wir mit unserem Leib umgehen das Herrsein, die Herrschaft Christi gelebt wird. Das ist eben nicht nur eine geistige Angelegenheit, sondern das Herr-Sein Jesu meint eben auch Herr-Sein im Blick auf den Leib. Es ist mir völlig unverständlich, wie es geschehen konnte, dass im Hören auf diese Sätze das Christentum sich in Richtungen entwickeln konnte, die den Leib missachten, die sich leibfeindlich gebärden.

14 Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

Hier ist die Brücke geschlagen: Es geht in der Achtung um den Leib um ein Ernstnehmen der Auferstehungswirklichkeit. Weil doch Jesus nicht nur irgendwie geistig auferstanden ist und jetzt im Gedächtnis der Christen weiter west, sondern „Er ist leibhaftig auferstanden.“ Wahrhaftig leibhaftig. Eine andere Vorstellung von der Auferstehung hat bei Paulus keinen Raum. Es ist eine späte Stimme, die Paulus Recht gibt: „Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes.“ F. Ch. Oetinger, Biblisches und Emblematisches Wörterbuch, Heilbronn 1776, S. 407)

15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne!

Von daher bezieht Paulus seine Argumente: Wer als Christ mit Christus zusammen gehört, wer Glied der Gemeinde ist, der ist doch Christi Glied. μλη Χριστο. Teil des Leibes Christi. Teil der Wirklichkeit, die schon mitten in der Zeit der Anbruch der neuen Zeit Gottes ist, der Anbruch des Äons, der in die Ewigkeit ragt. Spürbar ist: „Glied Christi“ ist für Paulus nicht einfach nur ein glücklicher Vergleich, nicht nur ein „Bild“, so wie man auch sagen könnte: Der Christ ist ein Instrument Gottes. Sondern es ist eine Wirklichkeit. Leibhaftig. Wir sind als Christen in Christus einverleibt. Das mag man mystisch nennen. Dann wäre Paulus eben unter anderem auch ein Mystiker. In der Art, wie er das „Sein in Christus“ beschreibt und erfährt, ist das keine ganz abwegige Vorstellung.

Es ist wirklich bemerkenswert: „Merkwürdig und auffallend gegenüber verbreitetem kirchlichen Sprachgebrauch ist, dass die Glieder des Christus-Leibes als Leiber und nicht als Seelen bezeichnet werden. Die Kirche besteht nach Paulus primär aus Leibern, weil Christus vor allem der Herr der Leiber und nicht nur der Herzen, Sinne und Seelen ist.“(W. Schrage, aaO. S. 25) Darum auch kann Paulus sich Kirche nicht als unsichtbar und ortlos vorstellen. Darum hängt er daran, dass Gemeinde sich konkret, leibhaftig versammelt und nicht nur irgendwie seelisch oder geistig einander verbunden ist. Dieses Luftige ist nicht die Vorstellung des Paulus. Sein Denken über die Gemeinde hängt am konkreten Miteinander. In Raum und Zeit. Von Angesicht zu Angesicht. Leibhaftig. Vielleicht hat das Reden von den Seelen dem Vorschub geleistet, dass die leibhaftige Begegnung in wirklichen Räumen immer weniger eine Rolle zu spielen scheint, wenn es um die Frage geht, wie Kirche erlebt und gelebt werden kann und werden muss.

16 Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist „ein“ Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden „ein“ Fleisch sein« (1. Mose 2,24). 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist „ein“ Geist mit ihm.

Geschlechtsverkehr ist keine Nebensächlichkeit. Nicht das Glas Wasser, das den Durst stillt. Die Argumentation des Paulus richtet sich gegen Leute, die Sexualität nur als einfache Triebangelegenheit abtun, die ihr jede tiefer gehende Bedeutung absprechen. Dass gelebte Sexualität ein geheiligter Akt sein könnte – das ist nicht ihre Sicht – wohl aber die des Paulus. Darum widerspricht er ihrer Einstellung, dass der Gang zur Prostituierten doch nichts mit dem geistlichen Leben zu tun hat. Da werden körperliche Bedürfnisse befriedigt. Das dient vielleicht ja sogar der seelischen Gesundheit. Dagegen kann doch ernsthaft keiner etwas sagen. „Der Gang zur Prostituierten wurde in der römisch-hellenistischen Gesellschaft toleriert, nicht selten sogar als hilfreiche Entlastung vom „Sexualdruck“ gepriesen.“(W. Klaiber, aaO. S. 94)

Wie anders dagegen, in den Spuren des Denkens der Väter: Der Verkehr mit einer Frau stellt Einheit mit ihr her. So sagt es schon die Schrift: »Die zwei werden „ein“ Fleisch sein« (1. Mose 2,24).Was aber für die Ehe ein Wort voller Verheißung ist, das ist für die geschlechtliche Betätigung außerhalb der Ehe Bedrohung. Da wird man eins mit dem, zu dem man nicht gehört. Und dieses Einswerden steht im Konflikt zu dem, dass der Christ ein Geist mit Christus ist.

Es geht in diesen Worten nicht um eine Abwertung der Sexualität, schon gar nicht um eine „schmutzige Leibgeschichte“. Im Gegenteil Weil Sexualität eine gute Gabe Gottes ist, folgt sie auch den Ordnungen Gottes: In diesen guten Ordnungen gelebte Sexualität hat ihren Ort in der Ehe. Dort gehört sie hin. Dort darf sie gelebt werden. Im freien Einverständnis der Eheleute. Außerhalb der Ehe wird sie zur πορνεα, zur Unzucht.

18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

Darum gilt es, sich vor diesen Verlockungen zu hüten. Sie zu fliehen. Hier ist nicht Stärke zu demonstrieren, sondern sich schlicht der Gefahr zu entziehen. Paulus macht Ernst damit, dass es eine Verlockung des Sexuellen gibt- ein Hinweis darauf ist die Allgegenwart sexueller Reize in der Werbung und wie damit Geld gemacht wird. Wer sich hier verführen lässt, ist „zugleich Objekt und Geschädigter der Sünde, der davon in seinem Selbst nicht unbetroffen bleibt, sondern sich selbst ruiniert.“(W. Schrage, aaO. S. 31) Es ist nicht erst praktizierte Gewalt und Lieblosigkeit in der Beziehung zur Prostituierten, die diesen Weg zur Sünde macht, sondern einfach das Verlassen des Gebotes Gottes. „Du sollst nicht ehebrechen.“ Aber auch das gilt wohl: Wer seine Sexualität so außerhalb der Liebe auslebt, ohne die liebevolle Beziehung, der versündigt sich an sich selbst, auch an seinem eigenen Leib und seiner eigenen Seele.

Es ist ein Satz, ungewohnt drastisch und knapp, der vor vielen Jahren aufgeschrieben worden ist, der in die Richtung weist, die Paulus am Herzen liegt: „„Koitus ohne Koexistenz ist eine dämonische Angelegenheit.“(K. Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. III/4, Zürich 1957, S. 148) Nicht um zu verteufeln, sondern um zu warnen.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Was für die Gemeinde als Ganze gilt – sie ist der Ort der Gottesgegenwart, das sagt Paulus hier im Blick auf das einzelne Gemeindeglied: Du, euer Leib – Tempel. Gott will in dir wohnen! In dir durch den Heiligen Geist gegenwärtig sein. Nicht der Geist, nicht die Seele – der Leib ist der Ort, in dem Gott wohnen will. σμα. Paulus wählt bewusst dieses Wort Soma, um dem entgegenzutreten, dass man den Leib abwerten kann zugunsten einer seelischen oder geistigen Wirklichkeit.

Der Kaufpreis, den Gott bezahlt hat, ist teuer – das Leiden und Sterben Jesu Christi. Das Zerbrechen seines Leibes. Das Vergießen seines Blutes. Es kostet Gott einen leibhaftigen Weg. Darum verbietet sich alle Missachtung und Abwertung des Leibes.

Es ist umgekehrt: Gott wird erst da wirklich geehrt, wo wir ihn auch mit unserem Leib ehren. Mit Herzen, Mund und Händen, mit den Wegen unserer Füße und den Werken unserer Arbeit.

Zum Weiterdenken

Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in das Kloster zu Clairveaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wusste weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen.

So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. „Was tu ich hier?“ sprach er zu sich, „ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete.“

In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. „Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche“, sagte er vor sich hin, „so will ich doch tun, was ich kann.“ Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Röckchen, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen, vor- und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und springt die kühnsten Tänze, um Gott zu loben. Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen.

Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster seine Tanzsprünge mit angesehen und heimlich den Abt geholt. Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpassten Gebetes wegen gestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Herr, dass hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen.“ Doch der Abt neigte sich vor ihm, küsste ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: „In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne dass unser Herz sie sendet.“ (Nach einer französischen Legende. Aus: Hubertus Halbfaß: Der Sprung in den Brunnen. Eine Gebetsschule, Düsseldorf 1987 )

 

Herr Jesus, Du bist Mensch geworden, einer aus Fleisch und Blut, mit Hoffnungen und Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen, den Bedürfnissen des Leibes unterworfen und doch frei.

Du willst, dass wir Menschen sind, aus Fleisch und Blut, hoffnungsvoll und liebevoll, in unseren Sehnsüchten und Wünschen ehrlich, bestimmt durch Dich, geborgen in Dir.

Ich danke Dir für meinen Leib, für meine Hoffnungen. Ich suche Dich in meinen Ängsten. Ich berge mich in Deinen Schutz. Ich lasse mich leiten von Dir in meiner Sehnsucht. Amen