Recht oder Rechtsverzicht?

1.Korinther 6, 1 – 11

 1 Wie kann jemand von euch wagen, wenn er einen Streit hat mit einem andern, sein Recht zu suchen vor den Ungerechten und nicht vor den Heiligen?

Ein neues Thema. Es ist Paulus zu Ohren gekommen, wie auch immer: In Korinth gibt es Christen, die gegeneinander prozessieren. Und dazu die Gerichte der Stadt aufsuchen. Streit wird nicht untereinander geklärt. Sondern einer zerrt den anderen vor Gericht. Vor Richter, von denen Paulus sagt, sie seien Ungerechte. δικοι. Gemeint ist: Sie sind Heiden. Sie sind „die, die Gottes Gerechtigkeit und Recht insofern missachten, als sie im Ungehorsam gegenüber dem Evangelium verharren. Mit dieser Charakterisierung der Heiden zielt Paulus also nicht darauf, die damalige römische Rechtspraxis als Unrechtspraxis anzuprangern und die Richter als voreingenommen, parteiisch, bestechlich oder ähnlich zu disqualifizieren.“ (W. Schrage, aaO.  S. 406)

2 Oder wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Wenn nun die Welt von euch gerichtet werden soll, seid ihr dann nicht gut genug, über so geringe Sachen zu richten? 3 Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? Wie viel mehr über Dinge des täglichen Lebens.

             Es folgt sofort die Begründung, warum dieser Gang zu den heidnischen Gerichten so unmöglich ist. Die Christen vergessen, dass sie selbst als die Heiligen die Welt richten werden. Sie vergessen, dass sie Anteil an dem Richteramt Christi gewinnen werden. „Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Wiedergeburt, wenn der Menschensohn sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.“ (Matthäus 19,28) Wie widersinnig aber ist, wenn sie, denen das zugetraut und verheißen wird, am Gericht ihres Herrn teilzuhaben, ihrerseits dann den Weg zu den weltlichen Gerichten suchen.

Das wird noch einmal regelrecht überhöht, wenn Paulus sagt: sogar über die Engel werden wir richten. Das ist wohl nicht im Sinn von „Urteilen“ zu verstehen, sondern so, dass die Christen höher sind als die Engel. „Darum sollen wir wohl lernen und mit Ernst bedenken, erstlich, zu was für Ehren wir gekommen in dem, das Christus Mensch geworden ist. Denn es ist eine solche Ehre, dass, wenn einer ein Engel wäre, wünschen möchte, dass er ein Mensch wäre, dass er auch sich rühmen möchte: Mein Fleisch und Blut sitzt über allen Engeln.“(M. Luther, zit. nach: A. Noack, Predigen mit Luther, Brennpunkt Gemeinde Studienbrief P21, Neukirchen, 6.2015, S.4) Man wird sich eingestehen müssen: Uns ist diese Argumentation eher fremd.     

Aber die Folgerung liegt auf der Hand: Wem so viel anvertraut werden wird, sollte der nicht, Einzelne und erst recht die Gemeinde als Ganze, in Alltagsdingen selbst urteilsfähig sein, selbst einen guten Weg finden, um Rechte und Streit zu klären?

 4 Wenn ihr nun über diese Dinge richtet, nehmt solche, die in der Gemeinde verachtet werden, und setzt sie als Richter ein?

             Das aber tun sie in Korinth nicht. Wieder muss man wohl mithören: Ausgerechnet dort, wo die Weisheit so groß geschrieben wird, wo die Einsichten in die himmlischen Wirklichkeiten einen so hohen Stellenwert haben. Überführt das nicht alles Reden über die eigene Weisheit als geradezu lächerlich?

5 Euch zur Schande muss ich das sagen. Ist denn gar kein Weiser unter euch, auch nicht einer, der zwischen Bruder und Bruder richten könnte? 6 Sondern ein Bruder rechtet mit dem andern, und das vor Ungläubigen!  

Wenn stimmt, was die Korinther von sich selbst denken, müsste es doch möglich sein; Menschen in der Gemeinde zu finden, die schlichten können, Recht sprechen, Streit klären. Es müssten sich doch Weise finden lassen, die hier hilfreich sein könnten, wenigstens einer! Es ist wohl wirklich so, dass Paulus an dieser Stelle mit seinen Worten eine „Beschämung der Gemeinde(W. Schrage, aaO.  S. 413)beabsichtigt. Beschämung darüber, wie sehr bei ihnen Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.

7 Es ist schon schlimm genug, dass ihr miteinander rechtet. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen? 8 Sondern ihr tut Unrecht und übervorteilt, und das unter Brüdern!  

Jetzt wird Paulus ganz grundsätzlich: „Schon die Tatsache, dass überhaupt Streitigkeiten vorkommen und auf der Ebene des Rechtes geregelt werden, ist ein die Gemeinde beschämendes Zeichen.“ (W. Schrage, aaO.  S. 415)  Meilenweit sind sie von dem entfernt, was andernorts über die Gemeinde gesagt wird:  „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ (Apostelgeschichte 4,32)

Und weiter sagt Paulus: es würde doch dem Glauben an Christus viel mehr entsprechen, Unrecht einfach zu erleiden, zu erdulden, sich lieber übervorteilen zu lassen. Im Hintergrund stehen Jesus-Worte: „Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“ (Matthäus 5,40-41) stehen wohl auch katechismusartige Bekenntnis-Sätze über Jesus, „der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet,“ (1. Petrus 2, 23) Im Hintergrund steht, was gemeinchristliches Denken damals zu sein scheint: Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.“(1.Petrus 3,17) Wo so gedacht wird, verbieten sich doch Prozesse unter Christen wie von selbst. Es bleibt nur der Weg zur Einigung oder eben zum Rechtsverzicht. Ganz ausgeschlossen aber ist auf alle Fälle, sich ein Recht sichern zu wollen, das in Wahrheit Unrecht ist, weil der Prozessgegner übervorteilt wird.

 9 Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täusch euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch  Knabenschänder, 10 noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch  Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. 11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

             Dem setzt Paulus jetzt die stärksten Argumente entgegen, über die er verfügt: Die Ungerechten sind keine Erben des Reiches. Was er hier verhandelt, ist keine Lappalie. Wer andere zu Unrecht vor Gericht zerrt, verspielt die eigene Zukunft. Das Recht, das ihm als Geschenk Gottes zuteil geworden ist – die himmlische Erbschaft. Das Reich Gottes.

Es folgt ein langer Laster-Katalog. Aufgezählt werden Verhaltensweisen, die vom Reich Gottes ausschließen. Was hier aufgelistet wird, „ist im Sinne einer Drohung gemeint, freilich einer ernstgemeinten, die vor jeder falschen Sicherheit warnt.“(W. Schrage, aaO.  S. 429) Die Ernsthaftigkeit der Drohung wird unterstrichen durch die Erinnerung: so habt ihr gelebt.

Es ist, als würde Paulus erschrocken über sich selbst innehalten. Was macht er da, wenn er manchen in Korinth ihre Vergangenheit vorhält? Es ist gängige Praxis, das im Streit plötzlich alte Vergehen hervorgeholt werden. Die Vergangenheit liefert eine Menge Argumente für die Gegenwart. Irgendeine Leiche hat doch jeder im Keller. Freilich, ausgelöst sind diese Sätze dadurch, dass sie in Korinth rückfällig geworden sind in die alten Verhaltensmuster, das eigene Recht einzuklagen, den anderen vor den Richter zu zerren.

Das Verhalten in Korinth ist so weit weg von den Regeln Jesu, den Weg des Ausgleichs, der Verständigung zu suchen, bevor man vor Gericht landet. „Vertrage dich mit deinem Widersacher sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, auf dass dich der Widersacher nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.“(Matthäus 5, 25) Noch dazu als Wort an die Gemeinde – gleichfalls eine Wegweisung um Ausgleich: Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch zweier oder dreier Zeugen Mund bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.“(Matthäus 18, 15-17) Das alles scheint im Streitfall zeitweilig vergessen oder ungehört, weil es im Kampf ums eigene Recht stört.

Weil Paulus so erschrocken ist über seine Argumentation, rudert er jetzt zurück. Erinnert die Korinther: ihr steht doch jetzt auf einem anderen Fundament. Und erwartet von ihnen, dass sie diesem Fundament gerecht werden. Darum ist seine Erinnerung nicht Vorwurf, nicht der verständliche Zuruf: „Zieht den Balken aus dem eigenen Auge“(Matthäus 7,5), sondern vor allem Erinnerung an die Lebenswende, die sie vollzogen haben. Genauer: in die sie hineingestellt worden sind. Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Dreimal: Passiv! Widerfahrnis. Was ihr neues Leben ausmacht, ist nicht von ihnen erarbeitet worden, sondern Geschenk an sie. Sie sind getauft worden. Sie sind gereinigt worden von ihrer alten Vergangenheit Sie sind Gott recht gemacht worden durch Jesus Christus und damit gerecht.

Sie haben jetzt freien Zugang zu Gott durch den Weg, auf den sie gestellt worden sind, Der Geist wird sie auf diesem Weg leiten. Aber: es ist ihre Aufgabe, nun auch wirklich auf diesem Weg zu bleiben und ihn nicht durch Rechtshändel und Streitigkeiten in der Gemeinde zu verlieren.

Zum Weiterdenken

Alles nur historisch interessant? Eine Herausforderung nur für die Korinther damals? „Paulus betont im Korintherbrief die verändernde Kraft der Gnade und plädiert dafür, sie auch im Alltag mit seinen Schwierigkeiten zur Wirkung kommen zu lassen. Er warnt davor, sie nur für den geistlichen Bereich gelten zu lassen und im täglichen Leben nach den alten, problematischen Normen zu handeln…. In einer Gesellschaft, die daran leidet, dass alle Recht bekommen wollen, bleibt die Mahnung des Paulus aktuell. Ob jeder Rechtsstreit nötig ist ? Prozesse können klären und helfen; aber Prozesse vergiften auch das Leben – das eigene und das anderer.“ (W. Klaiber, aaO. S. 89f.)

Auch das kann man festhalten: Der Lasterkatalog des Paulus wäre in heutige Zeit so nicht mehr vorstellbar. Viel zu moralisch. Geradezu Moralin-übersäuert. Manches, was für Paulus nicht geht, was in seiner Sicht vom Reich Gottes ausschließt, darf heute auf mildere Urteile hoffen. „Geiz ist geil.“ Ehebruch ist Privatsache. Zu viel Trinken allenfalls ein Krankheits-Symptom. Und mit Lästereien kann man heutzutage gutes Geld verdienen und reich und berühmt werden. Räuber – wer ist das in einer Zeit, in der die großen Diebstähle Cum-Ex-Geschäfte sind und in Nadelstreifen stattfinden. Gesellschaftlich abscheulich ist eigentlich nur noch der Kinderschänder – und selbst da bleiben Zweifel angesagt: Nicht jeder, der Kinderpornographie besitzt, spürt auch den harten Arm des Strafrechtes.

Die Worte des Paulus nötigen, sich selbst in den Blick zu nehmen. We ist das bei mir mit dem Recht, dem Recht-haben-wollen? Ich habe noch nie einen Prozess gegen irgendjemand angestrengt. Allerdings damit bin ich noch nicht aus dem Schneider, was den Kampf ums eigene Recht angeht. Wie oft behaupte ich mein Recht, im Gespräch mit meiner Frau. Wie oft kämpfe ich um das letzte Wort. Wie oft fühle ich mich im Recht, wenn ich über die Idioten schimpfe, die mit dem Auto unterwegs sind. Wie oft klage ich über unmögliches Verhalten. Ich bin weit davon entfernt, Unrecht klaglos hinzunehmen, auf mein Recht zu verzichten

Ich suche nicht den Weg vor die Gerichte. Vielleicht ist es noch schlimmer: In meinen eigenen, inneren Dialogen bin ich alles auf einmal: Ankläger, Zeuge und Richter. Eine Berufungsinstanz gegen diese Urteile gibt es nirgendwo.

Will ich das – diese Rolle weiterspielen, bis ans Ende meiner Tage? Bin ich in solchem Rechten einfach dem ausgeliefert, wie ich bin? Aber ich glaube doch mit Paulus daran, dass Menschen anders werden können, neu, anders, weil Gott sie verwandelt. Dass Trieb- und Denkstrukturen verwandelt werden können, Dass der Geist Gottes Verhaltensmuster aufbrechen kann. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“(2. Korinther 5, 17)Glaubte Paulus das nicht, hätte er sich den Brief nach Korinth sparen können. Glaube ich das nicht – wofür predige ich noch – mir selbst und anderen? Wandlungen aber gibt es. Wir Menschen sind veränderbar, wenn auch oft in winzig kleinen Schritten, mühsam gesucht, ängstlich gewagt und nicht ohne Anstrengung. Gott will solche Wandlungen schenken. Wir sollen sie leben.

 

Mein Gott, wir denken uns nichts dabei, jederzeit den Klageweg einzuschlagen, unser gutes Recht einzufordern. Wir haben ja eine Rechtsschutzversicherung. Die sichert kostenfreies Klagen.

Hilf Du, dass wir fragen lernen, ob es unser Recht wert ist, dass wir andere verklagen, ob es der Streit, in dem wir stehen, wert ist, dass er das Miteinander belastet und vergiftet.

Zeige Du uns, mir, wo der Verzicht auf das eigene Recht angesagt ist, weil ich nur so in Deiner Spur bleibe. Amen