Nicht auswandern aus der Welt

  1. Korinther 5, 9 – 13

9 Ich habe euch in dem Brief geschrieben, dass ihr nichts zu schaffen haben sollt mit Unzüchtigen. 10 Damit meine ich nicht allgemein die Unzüchtigen in dieser Welt oder die Habgierigen oder Räuber oder Götzendiener; sonst müsstet ihr ja die Welt räumen.

Es ist kein neues Thema. „Schon in einem früheren Brief, den wir nicht kennen, hatte er die Gemeinde ermahnt, nicht mit den Unzüchtigen zu verkehren.“(W. Klaiber, aaO. S. 80) Auf diesen Brief verweist Paulus zurück, um aber zugleich klarzustellen, wie er nicht verstanden werden soll. Nämlich als eine Warnung, auch nur auf die Straße zu gehen. Oder mit den Menschen des eigenen Umfeldes zu tun zu haben. Oder sich mit Leuten abzugeben, von denen man nicht wissen kann, wie sie sind.

Es ist keine Warnung vor denen, die in dieser Welt unerkannt unterwegs sind – Unzüchtige in dieser Welt oder Habgierige oder Räuber oder Götzendiener. Man sieht es den Leuten ja nicht an, was sie sind. Und sie tragen auch kein Markenzeichen an sich: Achtung, Götzendiener! Weder Aussehen noch Outfit sind an dieser Stelle eindeutig. Nicht jeder, der eine Glatze hat ist ein Nazi und nicht jeder in Springerstiefeln ein Skinhead. Wer ganz sicher sein wollte, dass er nicht mit den falschen Leuten in Berührung kommt, der müsste ja die Welt räumen.

Die Herausforderung an die Christen, auch in einer Hafenstadt wie Korinth, ist eine andere: „In diesem Milieu seine Lauterkeit und Wahrhaftigkeit zu behaupten.“(E. Fascher, aaO. S. 165) Sie zu bewahren auch im Gegenüber zu durchaus fragwürdigen und womöglich zwielichtigen Gestalten. „Kontakt-Sperren zur Welt und Gemeinde-Isolation widersprechen in ihrer Konsequenz der paulinischen Intention und Verkündigung. Die Welt ist das Feld der Bewährung und nicht sich selbst zu überlassen.“(W. Schrage, aaO. S. 389)

Das ist ein wichtiger Hinweis: Paulus will nicht den Rückzug aus der Welt, sondern die Begegnung mit ihr, in der die Christen aber sichtbar werden lassen, aus welcher Kraft und Wirklichkeit sie leben. Sie sollen auf ihre Umwelt zugehen und sich nicht zurückziehen ins Ghetto, also die Welt nicht räumen. Wer das Zeugnis für Christus über die engen oder auch weiten Gemeindegrenzen hinaustragen will, der muss sich auch auf die Begegnungen mit Menschen einlassen, die (noch) nicht so sind, wie es den moralischen Standards der Christen entspricht.

11 Vielmehr habe ich euch geschrieben: Ihr sollt nichts mit einem zu schaffen haben, der sich Bruder nennen lässt und ist ein Unzüchtiger oder ein Habgieriger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit so einem sollt ihr auch nicht essen.

Die Stoßrichtung im Schreiben des Paulus ist eine andere, nicht nach außen, sondern nach innen: Wer in der Gemeinde ist, sich Bruder nennen lässt, auch Schwester, der soll und darf nicht mehr in seinen alten Verhaltensmustern beharren. Paulus macht sich nichts vor: Unzüchtige, Habgierige, Götzendiener, Lästerer, Trunkenbold oder Räuber – das trifft für die Vergangenheit so mancher Gemeindeglieder zu. Sie haben nicht alle immer schon eine blütenreine Weste gehabt. Sondern sie haben eine problembehaftete Vorgeschichte, haben Dreck am Stecken, sind belastete Leute mit zwiespältiger Vergangenheit. Aber sie haben eine Umkehr-Geschichte erlebt. Eine Lebenswende. Das allerdings sagt Paulus deutlich: „Wer sich als Christ ausgibt, kann nicht gleichzeitig oder gar deshalb ein Lasterleben führen.“(W. Schrage, aaO. S. 394)

Paulus liegt viel daran: Jede und jeder, der Christ wird, Christin wird, tut Schritte in ein neues Leben. Aber die müssen auch wirklich getan werden. Das neue Leben aber gibt es nur als Abkehr von dem alten Leben. Es ist nicht damit getan, zu warnen, zu mahnen, sich gewissermaßen auf Abstand zu begeben, den Umgang zu meiden: Sondern wenn einer in diesen alten Verhaltensmustern beharrt, dann muss das Konsequenzen haben: Ausschluss aus der Gemeinde, Ausschluss vom Herrenmahl.

12 Denn was gehen mich die draußen an, dass ich sie sollte richten? Habt ihr nicht die zu richten, die drinnen sind? 13 Die aber draußen sind wird, Gott richten. Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte!

Paulus unterscheidet: Er ist nicht mit der Aufgabe unterwegs, die ganze weite Welt moralisch auf Linie zu bringen Er soll nicht die draußen richten. Er sieht für sich selbst eine Grenze: Er hat die Aufgabe, alle zu rufen. Er hat danach eine zweite Aufgabe an denen, die das Evangelium gehört und aufgenommen haben. Ihnen soll er auf dem Weg Christi Schritthilfen geben. Für die anderen, die sich nicht haben rufen lassen, ist er nicht zuständig. Auch die Gemeinde muss nicht die ganze Welt auf Linie bringen, sondern sie muss darauf achten, dass die in der Gemeinde, die drinnen sind, den Weg Gottes gehen. „Richten“ meint hier: ausrichten, zurecht bringen.

Was für eine Entlastung auch für uns: Wir müssen uns nicht ständig über den moralischen und sittlichen Zustand der Welt ereifern und entrüsten. Die Welt ist, wie sie ist. Das, was uns aufgetragen ist, ist begrenzt: „Nicht einfach wegsehen, wo sich Brüder und Schwestern durch ihr Verhalten in Gefahr begeben; schon gar nicht Fehlverhalten als Freiheit glorifizieren, sondern sich stattdessen in solidarischer Trauer auf die Problematik des anderen einlassen und Hilfe anbieten.“ (W. Klaiber, aaO; S. 82)

Wo aber die Hilfe nicht angenommen wird, wo alle Gesprächs-Angebote und Begleitversuche auf taube Ohren stoßen, da bleibt nur: Verstoßt ihr den Bösen aus eurer Mitte! Aber auch hier wieder ist ein solcher Ausschluss wohl nicht so verstehen, dass damit die Tür ein für alle Mal zugeschlagen wird. „Es geht um ein Nein zur Sünde, das Gottes Ja zum Sünder nicht aufhebt.“ (W. Klaiber, ebda.) Es kann gut sein, dass hier ein Wort Jesu mitklingt, in dem es auch um den Umgang mit denen geht, die von der Linie der Gemeinde abweichen. Nach einem langen Anlauf ist der letzte Schritt: „Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.“(Matthäus 1817) Das heißt aber: Betrachtet ihn wie einen, der das Evangelium noch einmal ganz neu, von vorne hören muss – und sagt es ihm auch so.

Zum Weiterdenken

Mir kommt beim Lesen die gegenwärtige Debatte in den Sinn, ob man denn um des Friedens willen und um der Frage, wie mit Flüchtlingen einigermaßen geordnet umzugehen sei, mit so zwielichtigen, blutbefleckten und durchaus skrupellosen Machtmenschen wie Erdogan, Assad und dem saudischen Königshaus sich überhaupt an einen Verhandlungstisch setzen dürfe. Auch wer das Klima retten will, muss sich mit schwierigen Persönlichkeiten befassen und mit ihnen einen Weg suchen. Wenn man sich nicht aus der Welt der Politik verabschieden will, in der nach Lösungen für schwierigste Fragen gesucht wird, kommt man nicht umhin, zumindest schmutzige, wenn nicht sogar blutbefleckte Hände zu schütteln.

Wir heute haben große emotionale Schwierigkeiten mit Worten wie „Kirchenzucht“ oder „Gemeindezucht“. Wir sehen darin Machtinstrumente, die geeignet sind, Menschen zu disziplinieren, zu maßregeln, klein zu machen. Die Gemeinde, an die Paulus schreibt, hat keine Machtmittel. Ein Ausschluss aus ihr ist nicht die Vernichtung einer bürgerlichen oder gesellschaftlichen Existenz. Sondern der Ausschluss ist der letzte Versuch, deutlich zu machen: Die Bindung an Jesus Christus ist ethisch nicht gleichgültig, sondern sie hat Konsequenzen für das Verhalten: Keine Lügen, keine Gewalt, keine Exzesse, keine Untreue, kein Diebstahl. Wer aber so leben will, weiter leben will, für den kann es keinen Platz in der Gemeinde geben. Da ist eine weite Welt, die für ihn oder sie empfangsbereit ist und offen steht.

Vielleicht ist es ja die Chance einer Kirche auf dem Weg in die Minderheit, dass ihre Urteile über den Lebensstil eines Gemeindegliedes nicht mehr die Vernichtung einer bürgerlichen Existenz mit sich bringen. Sie sind „nur“ gemeindeinterne Urteile. Ohne direkte Auswirkung auf das Standing eines Menschen in der Gesellschaft.

Dahinter steht freilich, was über Jahrhunderte nicht gesehen worden ist: Ethische Werte sind in Kirche und Gesellschaft nicht deckungsgleich und die Kirche ist nicht mehr der Werte-Lieferant der Gesellschaft. Wenn sie es denn jemals war. „Ein berühmter Theologe hat einmal von der „wertlosen Wahrheit“ des christlichen Glaubens gesprochen. Denn der Glaube wäre als Wertegeber missverstanden, denn dann wäre der Glaube nur ein Mittel und die Werte das eigentlich Wichtige.“(J. Wildner in; Gemeindebrief der ev. Kirchengemeinde Schlitz, Dezember 2019 – Februar 2020, S. 2) Die Zeit, in der man Bürgergemeinde und Christengemeinde gewissermaßen deckungsgleich sehen konnte, sind vorbei. Es ist ein mühsamer und schmerzhafter Lernprozess sehen zu lernen, dass es ein notwendige Unterscheidung zwischen drinnen und draußen – ἔσω und ἔξω – gibt. Nur ein Buchstabe macht den Unterschied.

Umkehr fängt zu Hause an. Auf die Frage, was sich an der kirche ändern muss, soll Mutter Theresa geantwortet haben: „Ich und Sie.“ Das macht die Aufgabe umso dringlicher, darum zu ringen, dass es in der Gemeinde einen klaren Kompass für ethisches Verhalten gibt – ob und was mit dem Glauben kompatibel ist. Dieses Ringen ist anstrengend und schmerzhaft zugleich. Distanz zu denen, die weit sind, ist einfach. Distanz und Abgrenzung zu denen, mit denen man alltäglich zu tun hat, belastet und schmerzt, weil sie den eigenen Alltag verändert.

Für die Gemeinde heißt Ausschluss eines Bruders, einer Schwester: Jetzt beginnt neu das Suchen nach Wegen, wie sie wieder zu gewinnen sind. Ein Akt der Gemeindezucht kann nie der Schlusspunkt unter den Weg mit einem Menschen sein. Immer nur eine Art Gedankenstrich – Denkpause. Denn das letzte Wort wird Gott sprechen und nicht die Gemeinde. Sie nimmt auch mit einem Ausschluss von Wort und Sakrament dieses letzte Wort Gottes nicht vorweg.

 

Herr Gott, Du barmherziger Vater im Himmel, lehre Du uns, aufeinander zu achten, im Geist der Liebe miteinander umzugehen, den Irrenden zurecht zu helfen und uns selbst helfen zu lassen, wo wir irren.

Hilf Du uns, dass wir nicht im Geist der Rechthaberei umgehen miteinander, dass wir das Leben in der Gemeinschaft nicht eng machen, dass wir die Weite bewahren und nicht aus Angst nur noch Grenzen ziehen.

Lehre uns Deine Freiheit. Amen