Das letzte Wort zählt

  1. Korinther 4, 1 -5

 1 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.

 Jetzt ist Raum für eine Art „persönlicher Erklärung“. So sieht Paulus sich selbst und so will er auch gesehen werden, als Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Aber das ist nicht eine exklusive Sicht auf Paulus, sondern gilt für alle, die in der Gemeinde aktiv sind, verkündigen, leiten, die Gemeinde bauen helfen.

Ein Dienstmann – „πηρτης ist im profanen Sprachgebrauch der Gehilfe, der Bedienstete, der in untergeordneter Position einem Höherstehenden oder Vorgesetzten zur Hand geht und in dessen Auftrag Anweisungen ausführt.“ (W. Schrage, aaO.  S. 320) Das entspricht dem, dass sich Paulus gerne auch als Knecht Jesu Christi bezeichnet. Ähnlich ist es mit den οκονμοι, den Ökonomen. „Sie haben eine verantwortungsvolle Position, die auch selbstständige Entscheidungen erfordert, für die sie dann aber ihrem Auftraggeber Rechenschaft schuldig sind.“(W. Klaiber, aaO. S. 61)

Paulus betont also, wenn er seine Rolle beschreibt, vor allem die Pflicht zur Rechenschaft. Er ist, wie alle Apostel, nicht auf eigene Rechnung unterwegs, sondern im Auftrag. Sein Auftraggeber – Christus – ist es, vor dem er sich verantworten muss. Damit ist auch klar: er will nicht, dass man ihm – und den anderen Aposteln – eine höhere Rolle zuschreibt, ihn – und sie – als „Herren der Gemeinde und des Glaubens“ sieht. Sie sind nur Dienstleute, nur Verwalter. Das aber sind sie auch wirklich und genau darin auch frei der Gemeinde gegenüber.

Es ist in Vielem, was heute über die Ämter in der Gemeinde geschrieben und gesagt wird, unklar: Wem sind die „Amtsträger“ Rechenschaft schuldig? Der Gemeinde? Dem Dekanat? Der Kirchenverwaltung? Oder doch zuerst und zuletzt dem Herrn Jesus Christus? An der Beantwortung dieser Frage hängt viel, vor allem die innere Unabhängigkeit.

  2 Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. 3 Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.

             Es ist nur recht und billig zu fordern, dass einer seine Aufgabe als Haushalter treu erfüllt. Das erwarten wir. Es ist in den vielen rechtlichen Regelungen, die es in der Kirche gibt, ein Grundelement, darauf zu achten, dass Menschen ihre Arbeit sorgfältig tun. Ob es dabei um die Verwaltung der Sachwerte einer Gemeinde geht oder um den Umgang mit dem geistlichen Gut, das uns anvertraut ist.

Für  treu steht im Griechischen  πιστς. „Glaubwürdig, zuverlässig.“ (Gemoll, aaO. s. 607)Das Wort gehört zu dem Wortstamm πιστεύω ,πίστις alle diese Worte haben es mit Vertrauen zu tun, mit Glauben auch. Es geht also um mehr als dass einer nicht mit der Kasse durchbrennt oder pünktlich zur Stelle ist, „wenn man ihn braucht“(O-Ton in der Bewertung eines Pfarrers) Es geht um den Glauben, darum dass die Haushalter für den Glauben einstehen – mit ihrer ganzen Existenz. „Einen Rabbi, der nicht glaubt, braucht kein Mensch.“ (Leitmayr – Tatort – ein ganz normaler Fall) 

Zugespitzt: eine Gemeinde, in der ich predige, darf von mir keine Glanzleistungen erwarten, auch nicht, dass mit einer Predigt sogleich die Erweckung ausbricht. Aber das darf sie erwarten und auch einfordern, dass ich beim Evangelium bleibe, dass ich nicht irgendwelche Allerweltsweisheit von mir gebe oder den Kommentar zu den Tagesereignissen, der mir im Fernsehen gefehlt hat, jetzt auf der Kanzel nachhole. Von mir als Haushalter der Geheimnisse Gottes wird von meinem Auftraggeber erwartet, dass ich den Gekreuzigten und Auferstandenen als den Grund unseres Lebens und unserer Rechtfertigung bezeuge. Und zwar wenigstens handwerklich solide. So, dass meine Mühe spürbar ist, die ich mir gemacht habe. Treue im Inhalt und Treue in der Arbeit. Das darf von mir gefordert werden. Auch durch die Gemeinde, das Dekanat und die Kirchenverwaltung.

Alles was über diese zu Recht geforderte Treue als Forderung hinausgeht, sagt Paulus, perlt an mir ab. Das mögt ihr verlangen, daran mag euch liegen. Aber das berührt mich nicht. Was ihr über mich denkt, so klingt es hier, ist mir gleichgültig. So wie es ja auch gleichgültig ist, was ich selbst über mich denke.

Paulus also will sich weder von dem Echo der Gemeinde noch von den eigenen Gefühlen über seiner Arbeit abhängig machen. Die Frage, die häufig gestellt wird: Wie geht es dir mit dem, was du jetzt gemacht hast? stößt bei Paulus unverkennbar auf Unverständnis. Das spielt für ihn keine Rolle. Er ist nicht damit beschäftigt, wie er sich fühlt. Oder genauer: Das ist nicht relevant vor Gott. Warum? Man kann sich ja gut fühlen, ganz bei sich sein – und doch vom Weg und Willen Gottes meilenweit geschieden. Es gibt keine Forderung Gottes, die lautete: Erst wenn du ganz authentisch bist, ganz du selbst, und das obendrein auch noch weißt, bist du mir recht.

 4 Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.

            Nur eines zählt, sagt Paulus. Wie der Herr mich sieht. Er hat das letzte Wort. Er allein spricht „das Wort, das tröstet und befreit“(L. Zenettii 1974, EG 382), das mich Gott recht sein lässt. Auch „ein gutes Gewissen (μαυτ σνοιδα) bedeutet noch keinen Freispruch Gottes.“ (E. Fascher, aaO. S. 144)

 Es fällt auf, wie vorsichtig Paulus hier ist. Weil er weiß, dass das Gewissen nicht alle Tiefen des Bewusstseins erforscht? Oder auch, weil er ahnt: Selbst wenn wir alles über uns wissen – man kann sich nicht selbst vergeben. Jedenfalls nicht so, dass es das letzte Wort in der Sache ist. Unser Gewissen ist nicht wirklich eine zuverlässige Instanz weder in seinen Anklagen noch in seinen Freisprüchen.

Aber: Paulus lehnt mit diesen Worten durchaus nicht ab, sich selbst kritisch zu betrachten. Er verweigert auch nicht jede Selbstprüfung oder Selbstkritik. Wie könnte er sonst auch sagen: Ich bin mir zwar nichts bewusst. Das schließt ja den prüfenden Blick auf sich selbst mit ein. Aber diese Selbstprüfungen sind nicht das, worum es Paulus schlussendlich geht.

Sondern ihm geht es darum, dass er sich vor Gott in Verantwortung weiß. Dass er all sein Tun und Reden, sein Laufen und Werben für den Glauben als die Berufung Gottes sieht und damit sich selbst in der Verantwortung vor Gott. Ihm ist er Rechenschaft schuldig und er wird sie von ihm fordern. Aber der, vor dem er sich so zur Rechenschaft gerufen weiß ist ja der, dessen Erbarmen Paulus unumstößlich fest steht. In dessen Liebe er sich geborgen weiß. „Kein freieres Leben ist für mich auf dieser Welt denkbar als dies, dass ich mich vor Gott nicht mehr selbst in ein gutes Licht setzen muss.“(PU. Lenz, Schlitzer Predigten, Schlitz 1986, S. 63) Weil der Richter meines Lebens auch der Retter meines Lebens ist.               

 5 Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.

    Weil das so ist, sind alle menschlichen Urteile Vor-Urteile, die in letzter Instanz irrelevant sind. Daraus resultiert dann auch seine Forderung auf einen Verzicht von solchem Urteilen und Untersuchen. Es steht Christen nicht an, sich als Richter zu betätigen. Es steht ihnen nicht zu, die Urteile Gottes vorweg zu nehmen.

Das wird auch darin begründet, dass erst vor dem Richterstuhl Gottes das Trachten der Herzen offenbar werden wird. Erst vor ihm sind, salopp gesagt, alle Fakten auf dem Tisch, weil er auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist. So begründet Paulus seine Forderung nach Urteilsverzicht sozusagen zweigleisig – einmal damit, dass wir Menschen nie alles wissen. Zum anderen aber auch damit: „Dem Endurteil Gottes haben die Korinther nicht vorzugreifen; das hieße, sich in Christi Richteramt einmischen.“(H.D. Wendland, aaO.  S. 38)

 Zum Weiterdenken

Mich schaudert es bei dem Gedanken, wie oft sich Christen anderen gegenüber dieses letzte Urteil angemaßt haben und sich so des Richteramtes Christi bemächtigt haben. Die Ketzerauseinandersetzungen und Ketzerurteile der Kirchengeschichte liefern an dieser Stelle erschreckend viel Material. Aber auch das gehört ins Bild – das Gerede in Gemeinden, „wo der eine dem anderen den Ruf zerreißt.“(M. Siebald, LP Da steh ich nun 1972) Wo man sich gegenseitig manchmal in wohlgesetzten Worten, den Glauben abspricht.

 

Gott, es ist mir nicht gleichgültig, was andere von mir halten. Manchmal bin ich geradezu gierig nach Anerkennung, einem guten Wort, nach Wertschätzung, die mir auch mitgeteilt wird.

Gott, es ist mir nicht gleichgültig, was ich von mir halten muss. Wenn mein Bild von mir selbst ins Wanken gerät, wenn ich mich selbst nicht mehr leiden kann, wenn in mir nur noch Selbstanklagen sind – das macht mich fertig.

Gott, mir tut gut, wie viel Freiheit, wie viel Unabhängigkeit, wie viel Gelassenheit ich höre in den Worten des Paulus. Ganz gewiss, dass Du das letzte Wort sprichst, kann er mit den vorletzten Worten umgehen, mit den fremden und mit den eigenen, auch mit denen, die urteilen und richten.

Gott, nach dieser Freiheit sehne ich mich. Führe mich dahin, Deinem letzten Wort zu vertrauen, das Du sprichst durch Christus, Richter und Retter zugleich. Amen