Narrheit und Weisheit

1.Korinther  3, 18 – 23

 18 Niemand betrüge sich selbst. Wer unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, der werde ein Narr, dass er weise werde.

             Wer macht das schon: sich selbst betrügen? Aber: es gibt viel Leben in der Selbsttäuschung, sowohl in der Selbstüberschätzung wie in der Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten.  Wir reden uns etwas ein, wir reden uns die Welt und das eigene Leben schön Das macht nicht nur Pippi Langstrumpf.

 „Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune,                           ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“

Das begegnet nicht so selten, dass  Menschen das Bild von sich selbst haben,  weise zu sein in dieser Welt, σοφς– weise, weil man die Weisheit – σοφα – liebt, ein Philosoph, eine Philosophin ist, Weisheitsfreund und Weisheitsfreundin. Weil man glaubt, zu verstehen und erkannt zu haben, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Gemeint ist sicher nicht das Begreifen von Weltzusammenhängen, auch nicht eine Vernunft, die hilft, sich im Alltag zurecht zu finden. Diese Vernunft braucht Paulus wie alle anderen Menschen auch. Auch er wird in Alltagsdingen vernünftig handeln wollen. Sondern die Polemik gilt einer Weisheit, „die das „Fundament“ außer Acht lässt, und das Kreuz Christi ausklammert, sich also an anderen Kriterien orientiert.“(W. Schrage, aaO.  S. 312)

 Tragfähig vor Gott ist nicht diese Weisheit, sondern allein die Narretei, die sich im Vertrauen auf den Gekreuzigten zeigt. Mit diesen Gedanken greift Paulus zurück auf seine früheren Worte über die Torheit des Kreuzes, „in der sich in Wahrheit die Weisheit der Liebe Gottes offenbart.“(W. Klaiber, aaO.  S. 58) Es geht um die Bereitschaft, sich in den Augen der Welt zum Narren zu machen, weltfremd zu erscheinen. Sich außerhalb des Mainstream und der veröffentlichten Meinung wiederfinden zu lassen. In Wahrheit aber sind die Narren Christi die, die weise sind.

19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott. Denn es steht geschrieben (Hiob 5,13): »Die Weisen fängt er in ihrer Klugheit«, 20 und wiederum (Psalm 94,11): »Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.«

             Noch einmal: die Weisheit dieser Welt ist in sich beschränkt. Sie wird zur μωρα, zur Torheit bei Gott, wenn sie diese Selbstbeschränkung nicht sieht, sondern sich verabsolutiert. Das ist die Gefahr, die heute wie früher offen zu Tage liegt: Wir – auch Christen – neigen dazu, nur gelten zu lassen, was einleuchtet, was vor den Kriterien der Vernunft bestehen kann. Oder anders gesagt: was man messen, zählen, wiegen kann. Es gibt ein geradezu grenzenloses Zutrauen zur Leistungsfähigkeit der wissenschaftlichen, enger der naturwissenschaftlichen und technischen Vernunft. Es sind die unbestreitbaren Erfolge dieser Vernunft, die sie gefährden, weil sie dazu führen, dass nur sie gelten soll.

Am Ende aller Wissenschaft steht der Mensch wieder nur sich selbst gegenüber.“(W. Heisenberg) Wer das nicht sieht, sondern glaubt, dass die Erkenntnis des Menschen die Welt als Ganze erfasst, wie sie ist, der betrügt sich selbst, verfängt sich in seiner eigenen Klugheit. Die Skepsis der biblischen Schrift, wie sie sich auch in den beiden Zitaten zeigt, gilt nicht der Vernunft des Alltags, sondern der Versuchung, dass wir „sein werden wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5)Wo immer die Weisheit, Klugheit, Wissenschaft zur letzten Instanz der Welt hochgewertet wird, verfällt sie in Torheit.

Es ist die uralte Sehnsucht, die Weltformel zu entschlüsseln. Dem stellt Paulus sein Nein entgegen. Die Weltformel hat Gott sich selbst vorbehalten. Und er präsentiert sie uns in der Gestalt der göttlichen Torheit, die auf den letzten Platz der Welt hinabsteigt, die sich aus der Welt hinausdrängen lässt auf den Schuttabladeplatz der Zeit, die tief verborgen in das Schreckenszeichen des Kreuzes die Liebe aufstrahlen lässt. „In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.“(Kolosser 2,3)

 Als Albert Einstein gestorben und in den Himmel gekommen war, wollte man ihm wegen seiner großen Verdienste um das Wissen und Forschen einen Wunsch erfüllen. Einstein bedachte sich nicht lange und sagte: „Wenn ich wirklich einen Wunsch frei habe, dann möchte ich doch jetzt in Erfahrung bringen, woran ich in meinem Denken und Forschen immer wieder gescheitert bin.“ Und Einstein erbat sich, von Gott selbst die Weltformel zu hören. Gott begann, eine lange und komplizierte Formel aufzusagen. Einstein hörte aufmerksam zu, stutzte bald, schüttelte den Kopf, wurde immer unwilliger und rief schließlich: „Aber diese Formel ist voller Fehler!“ Da lächelte Gott und sagte: „Ich weiß.“ So viel zur Weltformel und zur Weltweisheit.

 21 Darum rühme sich niemand eines Menschen; denn alles ist euer: 22 Es sei Paulus oder Apollos oder Kephas, es sei Welt oder Leben oder Tod, es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges, alles ist euer, 23 ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.

  Die Schlussfolgerung des Paulus daraus: Es verbietet sich wie von selbst, sich von Menschen abhängig zu machen. Sich auf sie als Schulhäupter stützen zu wollen. Würde Paulus Jesus-Worte zitieren, so könnte er zurückgreifen: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus.“(Matthäus 23, 8-10) Was bei Jesus Warnung an die Jünger und alle wichtigen Leute in der Gemeinde ist, die auf Einfluss aus sind, das wird bei Paulus zur Mahnung an die Gemeinde – macht euch nicht abhängig.

Begründet wird diese Unabhängigkeit noch einmal tiefer: alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes. Weil sie als Christen Menschen sind, die Christus gehören, die in seine Liebe eingehüllt und in ihm alles haben, darum müssen sie nicht Schulen bilden, Konfessionen, sich abgrenzende Religionsgemeinschaften. „Christliche Freiheit schließt eine Abhängigkeit von Menschen aus, auch von Gemeindegründern und anderen verdienten Gestalten der Kirchengeschichte. Sie steht und fällt mit der ausschließlichen Bindung an Christus.“(W. Schrage, aaO.  S. 314)

 Das sind Sätze, die einem konfessionell gebundenen Menschen einiges zumuten. Wie gelingt beispielsweise eine Betrachtung Martin Luthers, die sein Herzensanliegen – die Bindung an Christus – würdigt und gleichzeitig seine unübersehbaren Schwächen, wie die Maßlosigkeit seiner Worte nach so vielen Seiten – Papst, Juden, Hexen – nicht beschönigt. Wie gelingt es, den Bischof von Rom in seiner Autorität zu ehren ohne sich gleichzeitig an ihn zu binden?

Alles ist euer – das ist ein Wort von geradezu atemberaubender Weite. Aber die Weite ist eben nur möglich, weil dieses Wort in die Bindung zurückführt: Ihr aber seid Christi. Aber nicht einmal Christus gehört sich selbst. Er ist Gottes – ich ergänze: Eigentum. Es ist wohl so: Paulus möchte, dass die Korinther freier sind als sie sich gerade aufführen – freier von Paulus, von Apollos, von Petrus, von den Rücksichtnahmen und Ängstlichkeiten. Aber freier werden sie nur sein, wenn sie sich ihrer Bindung immer neu gewiss werden.

 Zum Weiterdenken

Es ist die Bindung an Christus, die frei macht. So hat es wohl auch Augustinus verstanden mit seinem so unglaublich weiten Wort: „Liebe und tue, was du willst.“ „dilige et quod vis fac.“(Augustinus, In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8) Oder mit den Worten des dann doch auch wieder unvermeidlichen Luther, der ja so unendlich viel von Paulus und Augustinus gelernt hat: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan….. Aus dem allem folget der Beschluss, das ein Christenmensch lebt nicht in sich selbst, sondern in Christo und seinem Nächsten, in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe; durch den Glauben fähret er über sich in Gott, aus Gott fähret er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe.“ (M. Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Luther Deutsch, Bd. 2, Göttingen 1981, S. 251, 273)

 

Herr Jesus, an Dich möchte ich mich binden. In Dir bin ich frei, darum suche ich Deinen Willen, binde ich mich an Dein Wort. Gib Du mir, dass ich nicht über Menschen urteile, die anders unterwegs sind als ich, dass ich ihnen in der Liebe begegne, mit der ich geliebt bin von Dir. Amen