Keine Überredung

1.Korinther  2, 10 -16

 10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Es mag sein – die Mächtigen, die Herrschenden sind blind für die Wirklichkeit Gottes in Jesus Christus. Umso mehr zum Staunen: die Korinther, Paulus, die Christ*innen – sie dürfen wahrnehmen, was früher verhüllt war. Ihnen ist es offenbart durch den Geist. πεκλυψεν aufgedeckt, enthüllt. Das griechische Wort hat im Deutschen in der „Apokalypse“ seine lautmalerische Entsprechung gefunden. Nicht aber im Inhalt. Wenn heute einer von apokalyptisch spricht, meinet er katastrophales Geschehen. Paulus dagegen sieht dieses Offenbaren als Öffnen eines Weges zum Heil und heilwerden.

Wenn man also fragt: Was ist denn offenbart worden? So ist wohl als Antwort zu geben: dass in Christus, dem Gekreuzigten das Heil Gottes offenbar ist, dass er die Gnade in Person ist, dass er den Weg zu Gott öffnet. Dass der Weg zu Gott, zum Vater im Himmel frei gemacht ist für jeden, der sich mit Christus auf den Weg macht.

So ist auch die Wendung von den Tiefen Gottes nicht irgendwie ein Hinweis auf die Abgründe Gottes, auch nicht auf sein unergründliches Wesen, sondern schlicht: Gott geht für die Rettung seiner Menschen in die abgründigste Tiefe, bis in den Tod am Kreuz. Das ist das Zeugnis des Geistes über die Tiefe Gottes, dass wir den gekreuzigten Christus erkennen, in ihm den Heiland der Welt.

11 Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes. 12 Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt ist.

Fast könnte man sagen: Paulus spürt, wie er sprachlich abhebt und sucht deshalb nach einer Brücke für unser Verstehen. Er findet sie im Blick auf uns selbst: Letztlich kann nur der einzelne Mensch sich selbst erkennen, verstehen, begreifen. Wie es in mir aussieht, weiß keiner, manchmal ja nicht einmal ich selbst. Aber wenn es doch einer weiß, dann eben ich selbst. Ich bin meiner selbst bewusst.

So ist es auch mit Gott. Wie es in Gott aussieht, um Gott steht, das wissen wir nicht. Das weiß keiner – nur er selbst. „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.“(Matthäus 11,27) Es gibt keinen Weg zu Gott, wenn er selbst ihn nicht öffnet. Alle menschliche Gottsuche muss daran scheitern, dass er anders ist, uns entzogen. Unzugänglich. Daran hält Paulus in allen seinen Briefen eisern fest.

Und setzt dem doch zugleich entgegen: Wir haben den Zugang zu Gott, den er uns geschenkt hat. Durch den Geist – πνεμα. Es ist der Geist Gottes, der uns die Augen für Jesus öffnet. Es ist der Geist Gottes, der uns in ihm, Jesus, den Christus Gottes, den Sohn sehen lässt. Es ist der Geist Gottes, der uns die Gaben Gottes in dem Gekreuzigten erkennen und annehmen lässt: Seine Gnade, sein Erbarmen, seine Gerechtigkeit. Es ist der gleiche Geist Gottes, der die Fülle der Gnadengaben in uns zur Wirkung bringt. „Echte Erkenntnis, die Gottes Geist ermöglicht, erschließt uns Gottes gnädiges Handeln und Schenken in Christus.“(W. Klaiber, aaO. S. 45)

Es ist gewiss kein Zufall, sondern von Paulus gewollt: Im griechischen Wort für geschenkt – χαρισθντα – steckt die Gnade – χάριςals Wort mit drin, Dass Gott gibt, schenkt, ist schon Gnade. Und nie anders zu verstehen. Freie Gabe an uns und nie seine Schuldigkeit. Und auch das ist wohl bewusst von Paulus so formuliert: Der Geist aus Gott öffnet uns nicht die Augen für das Wesen Gottes, für sein unergründliches Sein. Sondern er öffnet uns die Augen für sein Schenken. Gott wird nie anderes erkannt als in seinem Weg und Tun, seinem Erleiden in Jesus Christus.

13 Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.

Um aber dies weitersagen zu können, von diesem Geschenk Gottes reden zu können, braucht es eine andere Sprache als die der menschlichen Weisheit. Andere Worte – gemeint ist wohl: eine andere Logik. Keine andere Grammatik. Auch keine „heiligen“ Worte. Wohl aber Worte und Sprache, die das Staunen widerspiegeln, die Ergriffenheit, die durchsichtig werden für Gott. Dass das geschieht, ist nicht Ergebnis menschlicher Sprachfertigkeit, sondern allein Wirkung des Geistes. „Auch durch eine noch so gute Predigt muss sich der Geist Gottes den Weg zum Menschenherzen bahnen.“(R. Knieling – mündlich überliefert)

14 Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. 15 Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.

Wieder steht Paulus vor der Barriere, mit der er sich als Evangelist und Missionar abkämpft. Es gibt ein Hören der Worte, das aber nicht zum Hören des Herzens wird. Das kein Echo auslöst, keine Transformation des Lebens. „Schön gesprochen“ – aber das war es dann auch.

So hört der natürliche Mensch. ψυχικς νθρωπος. Der Psychiker. Der Mensch, der Leib, Seele und Geist ist. Von Natur aus sind wir unempfänglich für die Wahrheit Gottes, für seinen Geist. Auch in unserem besten Wollen und Empfinden, auch in den Höhenflügen des Geistes. Mit Luther gesprochen: „Es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben.“(M. Luther 1524, EG 299)Das ist eine Sicht, die bis tief in die Kirche hinein heftigsten Widerspruch erfährt, nicht in öffentlichen Worten, sondern im Verhalten. Aber es ist die Sicht, die Paulus mit anderen neutestamentlichen Boten teilt: „Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ (Johannes 3,5)

So denkt Paulus und stellt dieser Sicht den anderen Menschen dagegen. νθρωπος πνευματικός. Den Pneumatiker. Den geistlichen Menschen. Keinen Augenblick lässt Paulus einen Zweifel daran: das ist keine Eigenschaft, die wir von Natur aushaben. Dass der Geist – πνευ̃μα in einem Menschen wohnt, ist Gabe, Anteil am Geist Gottes, nie naturgegebener Besitz. Nie menschlich-natürlich-angeborene Eigenschaft. Dass Menschen zum Glauben kommen ist Geschenk von oben. Wunder. Immer. Bis heute. Was für eine Herausforderung auch in unsere Zeit hinein. Das Entscheidende des Lebens gibt es nur geschenkt, nur als Gabe, nur als Widerfahrnis.

Das ist, nach Paulus die Wirkung der Gabe des Geistes: Geöffnete Augen und daraus resultierend Urteilsfähigkeit. Die Fähigkeit, den Weg Gottes durch die Welt zu erkennen. Seine Spuren zu „lesen“. In allem die Güte des Schöpfers zu sehen und die Liebe des Erlösers.

16 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«?(Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn.

Wieder: Hier wird die Barriere sichtbar, über die keiner hinwegkommt, an der Gott-Suchende scheitern und zerbrechen können. Gott entzieht sich unserem Erkennen und Begreifen. Einmal mehr greift Paulus dazu auf Worte des Propheten Jesaja zurück, der in seine Zeit hinein das Handeln Gottes bezeugt, der sich nach unten beugt, sich der Niedrigen annimmt, der die Großen und Mächtigen links liegen lässt, die Götter als nichts entlarvt. Der in der Geschichte so handelt, wie er es will. Der für sein Werk der Befreiung keine Ratgeber braucht, keine Menschenweisheit, auch keine eigene Stärke bei denen, die er befreien will.

Wie ein Triumphgeschrei klingt es dann: Wir aber haben Christi Sinn. νος steht da und nicht Geist, πνευ̃μα. Ein Wechsel, der in meinen Augen Sinn macht, verhindert er doch eine allzu einfache Gleichsetzung unseres Geistes mit dem Geist Gottes. νος„Sinn, Einsicht, Verstand, Gedanken, Gesinnung, Sinnesart“.(Gemoll, aaO. S. 524) Es sind die Lebensfolgen, auf die es Paulus vor allem ankommt. Sie erwachsen daraus, dass unser Menschengeist angerührt wird vom Geist Gottes, dass wir gleichgesinnt mit Christus werden.

Das meint Christi Geist, der unseren Geist, unseren Sinn berührt: Der Geist, der „die Christen Verstehen lehrt, ist nicht ein Feld-, Wald- und Wiesengeist oder eine naturhaft-magische Enthusiasmus wirkende Potenz, sondern das Pneuma des gekreuzigten Christus, also am Kreuz zu messen und darum unausweichlich ein Kritiker aller eigenen Weisheit und ebenso aller elitären. Letztlich ist nur der vom Geist und von Weisheit erfüllt, der im Glauben an den Gekreuzigten lebt.“(W. Schrage, aaO. S. 267) Diese Worte des Exegeten sind eine Kampfansage gegen alle zu selbstverliebten geistlichen Höhenflüge und ein Trost für allen schlichten Glauben.

Zum Weiterdenken

Der ganze Abschnitt, so lese ich, erklärt den Verzicht des Paulus auf hohe Redekunst, auf rhetorisches Feuerwerk. Weil die Überredung zum Glauben den Weg zum Glauben nicht öffnet, sondern vielmehr versperrt. Weil solche Versuche der Überredung entweder Widerstand hervorrufen oder Unterwerfung hervorbringen. Beides aber steht dem Glauben im Weg. Der Glaube kommt anders – der Geist erfordert leere Hände. Es ist eine überaus große Herausforderung an eine Kirche, die immer noch auf die lehrbare Weitergabe des Glaubens zu setzen scheint. Zu lernen: Der Weg zum Glauben ist weder argumentativ geebnet noch traditionsgesichert – wir haben nichts in Händen. Wir sind immer Empfangende. Darum sind die leeren Hände die angemessene Haltung.

„Dann mit neuem Klingen jauchz ich froh dir zu:                                                          Nichts habe ich zu bringen, alles Herr, bist Du.“                                                                                                     C.F.A. Krummacher 1857, EG 407

Mein Gott, nie werde ich Dich verstehen, nie werde ich Dich ergründen, nie werde ich über das Staunen hinaus kommen. Das aber genügt mir, dass ich sehe, wie Du Dich uns zuwendest in Jesus Christus, wie Du uns in ihm Deine Liebe öffnest, Deine Gnade schenkst, Dein Erbarmen unverbrüchlich zusagst.

In seinem Kreuz glaube ich Deine Liebe, Dein Erbarmen. Danke, dass Du mir diesen Glauben  ins Herz gelegt hast, Dich mir in diesem Glauben schenkst. Amen