Allein Jesus Christus, der Gekreuzigte

1.Korinther  2, 1 -9

1 Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.

Paulus führt seinen Gedanken weiter. Gott hat sich für die Niedrigen und Schwachen entschieden. Er ist den Weg bis in die Tiefe des Todes gegangen. Dem konnte, wollte, musste Paulus folgerichtig auch in der Art seiner Verkündigung entsprechen. Form und Inhalt müssen zusammen stimmen. Deshalb der Verzicht auf hohe Worte und hohe Weisheit. Auf überragende Worte und Weisheit – so eigentlich wörtlich περοχν.

Dieser Verzicht ist nicht der Unfähigkeit des Paulus geschuldet, der kein großer Redner ist. Er ist von seiner Botschaft her geboten. „Vom Gekreuzigten kann man nicht mit brillierender rhetorischer Eleganz sprechen, nicht nur aus Geschmacksgründen, sondern weil alle Konzentration dem Verkündigten und nicht dem Verkündiger zu gelten hat.“(W. Schrage, aaO. S. 225)

Und doch ist Paulus weit davon entfernt, sich mit diesem Verzicht klein zu machen. Denn er weiß von sich selbst: das, was ich verkündigt habe ist das Geheimnis Gottes. τ μυστριον το θεο. Das, was sich die Welt nicht denken und deshalb auch nicht erkennen kann, was sich keiner selbst sagen kann. In alten griechischen Ausgaben des NT steht noch ein anderes Wort: μαρτύριον. Das Martyrium, das Zeugnis. Schon mit dem nächsten Satz wird Paulus enthüllen, was der Inhalt dieses Zeugnisses, dieses Mysteriums ist. Mit diesem Wort sagt er nicht, dass er irgendetwas Geheimnisvolles von Gott weiß, das nur esoterisch Eingeweihten offensteht. Sondern er bezeichnet damit Christus, ihn, den Gekreuzigten. Es ist das Geheimnis Gottes, dass er im Martyrium des Sohnes das Heil der Welt vollbringt.

2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten.

Das allein ist sein Thema: Jesus Christus, und zwar als der Gekreuzigte. ἐσταυρωμένον. Er kennt ihn nur als gekreuzigt. Kein Leben Jesu. Kein Erzählen von seinen Zeichen und Wundern. Nichts von Jungfrauengeburt und Himmelsstimmen. Wir wissen nicht wirklich, wie die Missionspredigt des Paulus ausgesehen hat. Aber hier nennt er das Zentrum seiner Predigt. Wieder und wieder geht es um Jesus Christus als den Gekreuzigten. Nicht nur in Korinth, nicht nur in Rom – immer und überall – deutlich ablesbar in seinem Ausruf: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?“(Galater 3,1)

Von daher stimme ich zu: „Ist der Gekreuzigte Maß und Mitte, sind andere Inhalte nicht verdächtigt und verboten, wie die paulinischen Briefe selbst deutlich erkennen lassen, aber vom Kreuz her gewinnt alles eine andere Qualität und Perspektive.“(W. Schrage, aaO. S. 228) Hinter dieser Botschaft, dass im Kreuz durch den Gekreuzigten das Heil Gottes geschieht, muss alles andere zurück treten. Oder anders gesagt: „Für die Heilsbotschaft ist nicht der heute so viel traktierte „historische Jesus“, sondern der Christus am Kreuz oder das skandalöse, schaurige Ende dieses Verkündigers des Reiches Gottes das Zentrum.“(E. Fascher, aaO. S, 115)

3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Weil es um die Botschaft geht und nicht um den Botschafter, konnte Paulus es sich leisten. Auf die Kunst antiker Rednerschulen zu verzichten, kein Feuerwerk abzubrennen mit überredenden Worten menschlicher Weisheit. Er konnte sein, der er war, auftreten, wie es ihm entsprach: in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern. Dieses Auftreten ist nicht seine freie Wahl, sondern auferlegt: „Gott macht ihn äußerlich und innerlich seiner Predigt konform.“(H. Conzelmann, Der erste Brief an die Korinther, Göttingen 1969 S. 71)

Und doch: aller Schwäche, Furcht und allem Zittern zum Trotz: Seine Verkündigung hat Folgen. Sie geschah in Erweisung des Geistes und der Kraft. Wie anders hätte es auch geschehen können, dass Menschenherzen berührt werden, Menschen in Korinth zum Glauben kommen. Es bleibt festzuhalten: „Der Gekreuzigte und seine Predigt vertragen sich nicht mit religiös-vitalem Selbstwertgefühl und pneumatischer Kraftmeierei.“(W. Schrage, aaO. S. 229) Aber gleichwohl stimmt auch: Wo wirklich der Gekreuzigte gepredigt, vor Augen gemalt wird, da wirkt der Geist, da wirkt die Kraft Gottes. Beides ist nicht verfügbar – weder durch die Kunst der Predigenden noch durch die Anstrengung und Aufgeschlossenheit der Hörenden.

Ganz schlicht gesagt: Dass Menschen zum Glauben kommen, ist allemal die Tat Gottes. Wunder. Es ist schon viel, wenn wir mit unserem guten Willen, unserer Beredsamkeit, unserem Tun und Machen ihm dabei nicht im Weg stehen. Wir können in der Welt unendlich viel tun. Auch viel Gutes tun, leider auch manches Böse. Aber eines können wir nicht: Das Wunder des Glaubens bewirken. Das hat Gott sich und seiner Kraft vorbehalten.

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

Jetzt versucht Paulus zu erklären. Es geht nicht darum, Weisheit – Σοφα – grundsätzlich für unsinnig zu erklären. „Das Stichwort Weisheit bezieht sich nicht auf das menschliche Bemühen zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“(W. Klaiber, aaO. S. 41) Paulus ist nicht auf einem Anti-Vernunft-Weg unterwegs. Es gibt Weisheit, Klugheit, die lebenstüchtig macht, die auch in den Alltagsentscheidungen hilft. Aber das ist nicht das Thema des Paulus.

Sondern sein Thema ist die Weisheit, die vor Gott Bestand haben kann. Die aber kommt nicht aus der Weisheit dieser Welt. Nicht aus den Einsichten in die Ordnungen des Kosmos. Nicht aus dem Verstehen der Macht-Strukturen. Die Weisheit der Vollkommenen – das hat Paulus früh gelernt – kommt aus der Gottesfurcht. „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“(Sprüche 1,7) Die Vollkommenen – τελείοι – sind nicht irgendwie perfekte Leute – es sind die, die an Christus festgemacht sind, die in ihm Halt und ihre Zuflucht gefunden haben.

7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

Paulus geht er noch einen Schritt weiter: Die Weisheit, die vor Gott bestehen lässt ist die Erkenntnis des Geheimnisses Gottes, das sich in dem gekreuzigten Christus offenbart. Die Weisheit Gottes „verbirgt sich hinter dem Kreuz Christi, das ja nach außen hin als ein Wahnsinn erscheint.“(E. Stange, aaO. S. 25)Auf dieses Kreuz ist die Heilsgeschichte von Anfang an zugelaufen. Das ist Gottes Plan, vorherbestimmt vor aller Zeit. Es ist wohl so, dass Paulus seit seiner Christusbegegnung vor Damaskus seine hebräische Bibel anders liest – ausgerichtet auf den Christus. Er ist ihm zum Schlüssel seines Verstehens der prophetischen Botschaften geworden.

Hinter dem Geschehen am Kreuz steht also Gottes Voraussicht. Προορίζσεινvorausblicken, vorher sehen, Fürsorge tragen“(Gemoll, aaO. s. 638) Er weiß von Anfang an, was sein Weg ist. Es ist seine Fürsorge, dass er „schon in der Urzeit die Heilsgüter bereitet hat und sie bis zur Endzeit im Himmel verborgen bereithält.“(W. Schrage, aaO. S. 252)Weil ihm an seinen Menschen liegt, darum geht er diesen Weg in die tiefste Tiefe, an das Kreuz. Keiner soll mehr sagen müssen: in meinen Tiefen bin ich allein gelassen.In Jesus ist Gott in die Tiefe der Gottesferne gegangen, in den Abgrund des sinnlosen, weil das Leben zerbrechende Sterbens.

„Die Menschen durch Christi Kreuzestod zu retten war nicht ein Notplan, weil alles andere schief lief, sondern von Anfang an Gottes Plan, um so die Menschen in ihrer tiefsten Not und Gottesferne zu erreichen.“(W. Klaiber, aaO. S. 42) Und ganz besonders zum Staunen: Wir – die Leute in Korinth, Paulus und seine Gefährten sind im Blick – was da, gewollt von Anfang an, geschieht ist vorherbestimmt zu unserer Herrlichkeit. δξα – den Glanz, die Herrlichkeit sieht Paulus an seinen Leuten aufleuchten: Der helle Lichtschein Gottes fällt auf sie und enthüllt nun nicht erbarmungslos ihre Armseligkeit, sondern im Gegenteil ihre Seligkeit. Schreibt Paulus an die Leute, denen er zuvor noch gesagt hat: Guckt euch doch an – ihr seid nicht die Vorzeigefiguren, nicht die Klugen, Mächtigen, Angesehenen, Weisen. Aber die Heilsabsicht Gottes gilt genau euch!

Es ist die Tragik der Herrscher dieser Welt, dass sie für diese Wirklichkeit blind sind. Ihre Blindheit zeigt sich darin, dass sie Jesus gekreuzigt haben. Dass sie in ihm nur diesen etwas seltsamen Prediger des Reiches Gottes gesehen haben, der Ärger macht, die Ordnungen durcheinanderbringt, der nicht ins Schema passt. Hätten sie ihn erkannt als den Herrn der Herrlichkeit – das ist eine jüdische Gottesbezeichnung – , hätten sie seinen Weg als den Weg Gottes erkannt, auf dem er seinen Plan ans Ziel bringt – sie hätten ihn nicht gekreuzigt.

Diese Worte wirken wie eine Entschuldigung der Herrscher der Welt, nicht wie eine Anklage. Nicht Bosheit, sondern Blindheit bestimmt ihr Handeln. Eine Blindheit allerdings, die aus ihrem Vertrauen auf ihre Weisheit erwächst.

Die Gedanken hier sind nahe bei dem, was bei Lukas so gesagt wird: „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke; aber den Fürsten des Lebens habt ihr getötet. Den hat Gott auferweckt von den Toten; dessen sind wir Zeugen. ….. Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen.“(Apostelgeschichte 3, 14-15.17)

Ich lese hier den Versuch, auch den Mächtigen der Welt den Weg zum Glauben offen zu halten, indem sie nicht moralisch diskreditiert werden. Auch ihnen können die Augen geöffnet werden für die Wirklichkeit und Weisheit Gottes, die so anders ist als sie sich das gedacht haben.

9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«

Es ist bezeichnend für den Umgang des Paulus mit der hebräischen Bibel. So richtig lässt sich das Zitat nicht zuordnen, vielleicht, weil er aus dem Gedächtnis heraus zitiert? Bei Jesaja steht tatsächlich: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.“ Liest man nur dieses Zitat, so scheint es, dass Paulus sagen will: Was wir heute sagen, verkündigen, predigen – die Botschaft vom gekreuzigten Christus – das ist bis zu diesem Tag ungehört und ungesehen. Es ist der Anspruch: wir verkündigen das enthüllte Geheimnis Gottes.

Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war                                  und was sie geprophezeit ist erfüllt in Herrlichkeit.“          H. Held, 1658, EG 12

Zugleich schwingt im Buch des Propheten Jesaja auch noch eine andere Botschaft mit, die sich auch mit dem Denken des Paulus berührt. „Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein. Ich, ich bin der HERR, und außer mir ist kein Heiland. Ich hab’s verkündigt und habe auch geholfen und hab’s euch hören lassen; und es war kein fremder Gott unter euch. Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und ich bin Gott. Auch künftig bin ich derselbe, und niemand ist da, der aus meiner Hand erretten kann. Ich wirke; wer will’s wenden?“(Jesaja 43, 10b – 13) Gott erweist sich gerade darin als Gott, dass er enthüllt, was zukünftig sein wird, das er es zuvor gesagt hat. was im Gang ist.

Zum Weiterdenken

Geheimnis Gottes – τ μυστριον το θεο. nennt Paulus diesen Weg Gottes zum heil, seinen Weg mit dem Gekreuzigten. Geheimnisse sind keine Rätsel, die man lösen oder knacken kann. Sondern Geheimnisse wolle angeschaut sein, angestaunt werden. Es braucht das geduldige Ausharren vor dem Geheimnis, bis es sich selbst erschließen wird. Es bracht das geduldige Anschauen dieses Gekreuzigten, bis man hinter dem Erschrecken, hinter dem Schauer, hinter dem Schmerz Die Liebe sieht, die das alles auf sich nimmt. Wer rasch mit dem Gekreuzigten „fertig“ werden will, der wird rasch mit ihm fertig sein – gescheitert, ein Opfer der Gewalt der Mächtigen mehr. Mehr aber nicht. Wer mehr sehen will, muss Geduld lernen und „unter dem Kreuz bleiben.“

Es ist mit Händen zu greifen, wie sehr diese Einsicht des Paulus heutige Verkündigung herausfordert. Wie sie quer liegt zu so Vielem, was unter den Stichworten „Leuchtfeuer“, „Qualitätsmanagement“, „herausragende Predigtkirchen mit herausragenden Prediger*innen“ verhandelt wird. Auch das Bemühen, „nahe bei den Menschen zu sein“, darf nie und nimmer zu Lasten dieser Botschaft gehen: Das Heil des Menschen, auch des autonomen, des religiösen, des aufgeklärten Menschen hängt an diesem Gekreuzigten.

 

Herr Jesus, wie oft habe ich Dir wohl im Weg gestanden mit meinen Versuchen, den Glauben vernünftig erscheinen zu lassen, mit den vielen Worten, die ich gemacht habe. Wie oft habe ich über alles Mögliche geredet, aber dabei Dich verschwiegen: Dein Kreuz, die Tiefe, in die Du für uns gegangen bist. Wie oft bin ich Menschen diese eine Botschaft schuldig geblieben, dass Du der Gekreuzigte bist, uns zum Heil und Leben. Herr erbarme dich. Amen

 

4 Gedanken zu „Allein Jesus Christus, der Gekreuzigte“

  1. Hatten die Juden damals denn eine andere Möglichkeit, als Jesus zu kreuzigen, wenn die Erlösung so von Gott geplant (vorherbestimmt) war – von Anbeginn? Ähnlich tragisch die Rolle von Judas?

    1. Zunächst einmal: Es sind Römer, die Jesus kreuzigen. Nicht Juden. „Gelitten, unter Potius Pilatus gekreuzigt“ sagt unser Glaubensbekenntnis.
      Wenn wir vom Plan Gottes lesen, von seinem Vorherbestimmen, so geht es nicht um einen in grauer Vorzeit im Detail festgelegten Fahrplan. Das würe die Weltgeschichte und die Heilsgeschichte zur Theater-Aufführung verkommen lassen. Gott spielt aber nicht Theater. Es geht um Fürsorge. Das Ziel Gottes steht fest, aber der Weg dortin „entwickelt“ sich.

  2. Aber waren es nicht ein Teil der damaligen (!) Juden, die geschrien haben: „Kreuzige ihn“? Pilates wollte doch aus der Situation raus.

    1. Es ist ein bisschen schwierig. Ja, die Evangelien erzählen alle von einer aufgehetzten, aufgeheizten Menge vor dem Richthaus, die schreien: „Kreuzige ihn.“ Σταύρωσον σταύρωσον. Nur – das ändert nichts daran: es ist Pilatus, der ihn seinen Truppen übergibt, es ist ein römisches Hinrichtungskommando und es ist ein römische Hinrichtungsart. Wenn, dann waren Juden vor dem Richthaus beteiligt an diesem Tod, aber nicht „die Juden“.

      Ob Pilatus aus der Geschichte herauswollte? So könnte man das Johannes-Evangelium lesen. Da wirkt er erpresst. Wenn ich Markus lese, habe ich einen anderen Eindruck. Da ist ihm dieser ganze Fall Jesus nur lästig. Er hat nicht wirklich Interesse an ihm. Das scheint zu dem zu passen, was wir auch sonst von Pilatus wissen. Er war skrupellos und nur auf seine eigene Karriere bedacht. Er hat auch keine Hemmungen, Gewalt anzuwenden. Von daher denke ich – die Hinrichtung Jesu ist auch der Interesselosigkeit eines Römers geschuldet, dem diese ganzen jüdischen Querelen ziemlich gleichgültig sind. Jesus wird also Opfer einer aufgeputschten Menge, einiger Drahtzieher im Hintergrund, die um ihren Einfluss fürchten und der Gleichgültigkeit des Staatsbeamten.

      So kann man lesen. Die Deutung der jungen Christenheit: Gott macht aus diesem Gemisch das Beste, was uns passieren konnte, nämlich die Erlösung durch die Hingabe am Kreuz. Mir fällt auf, dass Paulus im Grunde nicht das geringste Interesse an der Frage hat, wer historisch am Kreuz Jesu beteiligt ist – er hat nur ein Interesse daran, zu sagen: Dieses Kreuz kommt uns zugute. Es ist das Zeichen der Liebe Gottes zu uns, tief verborgen in den Schrecken des gewaltsamen Todes.

      Für mich ist es noch einmal zusätzlich ein Gedanke, der tiefer geht als alle historischen Fragen:
      „Du großer Schmerzensmann, vom Vater so geschlagen,
      Herr Jesu, dir sei Dank für alle deine Plagen:
      für deine Seelenangst, für deine Band und Not,
      für deine Geißelung, für deinen bittern Tod.
      Ach das hat unsre Sünd und Missetat verschuldet,
      was du an unsrer Statt, was du für uns erduldet.
      Ach unsre Sünde bringt dich an das Kreuz hinan;
      o unbeflecktes Lamm, was hast du sonst getan?“
      Wir sind beteiligt an diesem Tod. Wir sind die Profiteure dieses Todes. Ich.
      Ein Letztes: Gestern war Holocaust-Gedenktag. Da kam es nicht zur Sprache, aber so manchem Täter hat es ein gutes Gewissen gemacht: es sind die „Christusmörder“, die wir vernichten. Wir befreien die Erde von diesem „Geschmeiß“. Diese Vernichtung hat einige reich werden lassen -es gab doch eine Menge zu holen bei diesen Juden. Wenn auch nicht bei allen. Der ist im Fall des Antisemitismus so alt wie Israel. Der Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung. Aber eine mit Scham erfüllende deutsche Erfahrung. Bis auf diesen Tag heute. Auch darum liegt mir daran, dass wir genau hinschauen – es sind die Römer, die hier kreuzigen.
      Es ist der immer gleiche Vorgang: Feindbilder werden gepflegt und es wird ein unfassbarer, mörderischer Hass freigesetzt. Das muss mit Sorge erfüllen, wenn nicht Angst machen. Diesem Denken gilt es zu widerstehen. Auch und gerade durch Christ*innen.

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