Gott sucht unten

1.Korinther  1, 26 -31

26 Seht doch, Brüder und Schwestern, auf eure Berufung.

Hat Paulus den Blick zunächst auf Christus gelenkt, so lenkt er ihn jetzt um, zurück auf seine Brüder und Schwestern in Korinth. Auf sich selbst sollen sie schauen. Auf ihre Berufung. Βλπετε – Schaut genau hin – so könnte man sagen. „Man soll sich in der Erinnerung vergegenwärtigen, wie es zu dieser Berufung, die ja ein allmähliches Anwachsen der Gemeinde aus verschiedener Art und verschiedenen Alters bedeutete, gekommen ist.“(E. Fascher, aaO. S. 106)

Vielleicht steckt in dem Satz auch die Aufforderung; Schaut darauf, was ihr gewesen seid, auch was ihr wäret ohne eure Berufung, ohne diesen Ruf, der euch getroffen hat, der euch gefunden hat. Nicht die Umstände der Erwählung sind Thema, sondern der Wechsel, der durch diese Berufung zustande gekommen ist. Ihre Wirkung.

Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen.

Kein Wunder: Die Weisen nach dem Fleisch halten das Wort vom Kreuz für Unsinn. Wie also sollten sie zuhauf in der Gemeinde zu finden sein? „Dasselbe gilt für die Einflussreichen und Mächtigen in Wirtschaft und Gesellschaft überhaupt: Was sollte sie veranlassen, die von Tradition her im Bereich griechischer und römischer Kultur verwurzelt sind, an die Göttlichkeit eines gekreuzigten jüdischen Handwerkers zu glauben?“(E. Fascher, ebda.)

So war das, so ist das. Der Blick in die Gemeinde lehrt: Prominent, herausragend in den Augen der Welt, nach ihren Maßstäben ist hier keiner. Das ist keine Vorzeigegesellschaft, die sich da trifft. Der Ruf Gottes hat keine Exzellenz-Offensive ausgelöst. Sondern in der Gemeinde sind vor allem die, denen es an Weisheit, Macht und Ansehen fehlt.

Kein Wunder also: wenn die Korinther sich in ihrer Gemeindeversammlung wechselseitig ansehen, sehen sie nicht die Creme der Gesellschaft, sondern eher das Fußvolk, nicht die Avantgarde, sondern eher die Fußkranken.

Nicht viele – sagt Paulus – und deutet damit doch verhalten an: Es gibt doch „einige wohlhabende und angesehene Leute in der Gemeinde: Hausbesitzer wie Stephanas (16,15) oder Gajus (Römer 16,23) einen Synagogenvorsteher wie Crispus (Apostelgeschichte 18,8) oder den städtischen Finanzbeamten Erastus (Römer 16,23) Aber sie sind die Ausnahme und prägen nicht das Bild der Gemeinde.“(W. Klaiber, aaO. S. 32)Die Mehrzahl der Gemeindeglieder kommt aus sozial niedrigen Klassen oder Milieus.

27 Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; 28 und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, 29 auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.

Der Grund für diese soziale Mischung der Gemeinde liegt im Handeln Gottes. Es ist also nicht die fehlende Attraktivität für die führenden Schichten, die sie so in der Gemeinde fehlen lässt. Sondern Gottes Erwählen geht einen anderen Weg. Er wählt, was töricht ist, was schwach ist, was vor der Welt nicht zählt. Gott hält sich nicht an die Logik, die in der Welt – hier steht jedes Mal κσμος, Kosmos – gilt. „Scheinbare und tatsächliche Realitäten der Welt werden endzeitlich außer Kurs gesetzt und beiseite geschoben.“(W. Schrage, aaO. S. 212)Gott lässt sich durch das Regelwerk der Weltordnung nicht in seiner Freiheit binden.

Dieses Wählen des Törichten, Schwachen, Geringen hat bei Gott Tradition. „Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.(5. Mose 7,7-8) Oder: „Fürchte dich nicht, du Würmlein Jakob, du armer Haufe Israel. Ich helfe dir, spricht der HERR, und dein Erlöser ist der Heilige Israels.“ (Jesaja 41,14)

Oder, aus dem Mund der jungen Frau in Galiläa, klingt es als Lob Gottes:

Er übt Gewalt mit seinem Arm                                                                                             und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.                                                 Er stößt die Gewaltigen vom Thron                                                                                   und erhebt die Niedrigen.                                                                                                       Die Hungrigen füllt er mit Gütern                                                                                       und lässt die Reichen leer ausgehen.                        Lukas 1, 51 – 53

So hat Israel Gott kennen gelernt, als den, der wählt, was in den Augen der Welt nicht zählt. Dieses Wählen Gottes aber ist nicht nur eine etwas schrullige Vorliebe, auch nicht nur die Affinität zum Schwachen und Minderwertigen – so hat Nietzsche das ja scharf als einen Grundzug des Christentums kritisiert: Paulus habe erraten, „wie man mit dem Symbol >Gott am Kreuze< alles Unten-Liegende, alles Heimlich-Aufrührerische, die ganze Erbschaft anarchistischer Umtriebe im Reich zu einer ungeheuren Macht aufsummieren könne“(F. Nietzsche, Der Antichrist, 58, zit. nach W. Schrage, aaO. S. 218) Sondern es ist zugleich Gericht: durch diese Wahl macht Gott zunichte, was stark ist, was etwas ist. Was allein aus sich selbst heraus – so lese ich – das Leben packen und meistern will.

Zunichte machenκαταργέω„vernichten, abschaffen, entfernen“(Gemoll, aaO. S. 420) ist ein hartes, starkes Wort. Aber es geht ja auch genau darum: Eine Existenzgrundlage, nämlich die durch die eigene Leistung, die eigene Persönlichkeit, das selbstbestimmte Leben vor Gott gut dazustehen, wird zerstört. „Wer sich darauf verlässt: „Ich bin etwas“ erfährt durch die Erwählung derer, die nichts sind, dass dies vor Gott nicht zählt.“ (W. Klaiber, aaO. S. 33) Aller Stolz auf sich selbst bekommt vor Gott den Boden entzogen.

Das ist das Ziel dieses so der Weltordnung widersprechenden Handelns Gottes: damit sich kein Mensch vor Gott rühme. Jedes Rühmen vor ihm soll ausgeschlossen sein. Anders gesagt: Es geht um die Einsicht, dass der Menschen vor Gott immer Empfangender ist, immer Geschöpf, immer auf Gnade angewiesen. „Durch das Kreuz ist alles Eigene durchkreuzt.“ (W. Schrage, aaO. S. 213)

30 Durch ihn aber seid ihr in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, 31 auf dass gilt, wie geschrieben steht (Jeremia 9,22-23): »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«

Es ist, so sollen die Korinther verstehen, die Tat Gottes: Ihm verdanken wir, dass wir in Christus Jesus sind. Alles, was Christus ist, ist er für uns – Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung. Das ist der Lebensraum der Gemeinde und wer in die Gemeinde eingefügt wird, dem eröffnet sich dieser Lebensraum. Damit ist aber zugleich auch gesagt: „Man ist nur so in Christus, dass man in der Gemeinde ist. Es gibt keine private christliche Existenz, sondern als Christuszugehöriger ist man zugleich Glied seines Leibes.“ (W. Schrage, aaO. S.214)

Diese Sätze lesen, sie bedenken, stellt vor die Frage: wie weit sind wir in unserer gelebten Volkskirchlichkeit, die wunderbar ohne die regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst, ohne die konkrete Versammlung zum Gespräch über den Glauben, zum Beten in den Nöten der Welt, zum Handeln zugunsten der Armen und Schwachen funktioniert, von dieser Sicht des Paulus entfernt. Wie oft habe ich den Satz gehört – auch aus Theologen-Mund: „Um Christ zu sein, brauche ich keine Gemeinde.“ Daran schließt sich für mich die Frage an: würde Paulus in unseren Kirchen und unserer Kirchlichkeit überhaupt noch den Leib Christi wieder erkennen?

Weil aber Gott diesen Lebensraum in Christus eröffnet hat, den Raum des Leibes Christi, darum kann das Lob Gottes angestimmt werden. Darum kann man sich auch rühmen – indem man das Lebensfundament benennt, auf dem man steht, den Lebensraum, in dem man atmet. „Auch Menschen, die ganz zu Gott gehören, müssen sagen, worauf sie ihr Leben bauen und worin sie seinen Sinn und seinen Wert sehen.“ (W. Klaiber, aaO. S. 36) Statt müssen sage ich: können.

Wie solches sich rühmen klingen kann, finde ich im Gesangbuch:

Stern, auf den ich schaue, Fels, auf dem ich steh,
Führer, dem ich traue, Stab, an dem ich geh,
Brot, von dem ich lebe, Quell, an dem ich ruh,
Ziel, das ich erstrebe, alles, Herr, bist du!                                                                                                                       F. W. Krummacher 1857, EG 407

Zum Weiterdenken

So ist es auch Heute: Es wimmelt in den christlichen Gemeinden nicht an Prominenz aus Film, Gesellschaft, Sport, Wirtschaft und Politik, aus den öffentlich-rechtlichen Medien. Wo immer Menschen es als das Grundmuster ihres Lebens internalisiert haben: Du bist, was Du aus dir machst. Du lebst von dem, was du leistest, kann die Botschaft der geschenkten Gnade, erst recht die Botschaft der prinzipiellen Erlösungsbedürftigkeit durch fremdes, Gottes Tun, doch nur Achselzucken hervor rufen.

Später, in einem anderen Brief formuliert Paulus die radikale Konsequenz seines Denkens, seines Blickes auf die Gemeinde. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(Galater 3,28)

Diese Sicht auf die Welt, diese Wirklichkeit, die Paulus will – für die Gemeinde aller Zeiten ist ein Angriff, der zwangsläufig Widerspruch auslösen muss. Sichtbar wird dieser Widerspruch beispielhaft im 18. Jahrhundert im Zusammenhang der Evangelisations-Arbeit John Wesleys in einem Brief der Herzogin von Buckingham an Lady Huntington: „Ich danke Euer Gnaden für die Mitteilungen betreffs der Methodistenprediger: Ihre Lehren sind zutiefst abstoßend und stark gefärbt von der Ungehörigkeit und Respektlosigkeit gegenüber ihren Oberen. Sie ersuchen ja unaufhörlich alle Stände gleich zu machen und Rang und Ansehen zu ignorieren. Es ist grotesk, wenn einem gesagt wird, man hätte genauso ein sündiges Herz wie ein gewöhnlicher armer Teufel, der über die Erde kriecht. So etwas ist äußert anstößig und beleidigend.“(G. Lean, John Wesley. Modell einer Revolution ohne Gewalt, Gießen 1969, S. 84)

 

Jesus, wie oft schwanke ich, bin hin und her gerissen. Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, finde mich gut und im nächsten Augenblick furchtbar. Da ist nichts mehr, zu dem ich stehen möchte.

Wie oft aber auch unterliege ich der Versuchung, mich zu präsentieren, mein Können vorzuführen, mich ins rechte Licht zu rücken.

Vor Dir habe ich das alles nicht mehr nötig. Du kennst mich. Du durchschaust mich. Du lässt Dich nicht blenden. Du lässt Dich nicht abbringen von Deiner Liebe, Deinem Erbarmen, nicht durch meine Schwächen und nicht durch meine Stärken. In Dir bin ich geborgen – so wie ich bin. Amen