Gottgewollt: Vielfalt

1.Korinther  1, 10-17

10 Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle mit einer Stimme redet und lasst keine Spaltungen unter euch sein, sondern haltet aneinander fest in „einem“ Sinn und in „einer“ Meinung. 11 Denn es ist mir bekannt geworden über euch, liebe Brüder, durch die Leute der Chloë, dass Streit unter euch ist.

Es ist ein kurzer Weg vom Danken für die Gemeinde zum Ermahnen der Brüder und Schwestern. Auch wenn im Griechischen die Schwestern nicht ausdrücklich benannt sind: „Da der Plural der männlichen Form des griechischen Wortes auch `Geschwister´ bedeutet, sind Brüder `und Schwestern´ angesprochen.“(W. Klaiber, aaO. S. 16)In Παρακαλ, ich ermahne euch kann mitklingen: „ich ermutige euch.“ Ich lege euch das ans Herz. Dann würde man nicht so sehr den erhobenen Zeigefinger sehen, sondern eher den Mut machenden Ton wahrnehmen. Wobei es schon so ist: Was folgt, ist dringlich gemeint, nicht nur als nette Empfehlung.

Aber immerhin: Was Paulus sagt, sagt er im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Die Frage stellt sich: Ist damit nur die Autorität benannt, auf die Paulus sich beruft, oder womöglich auch eine Vorgabe in der Form gemacht? Jedenfalls – mit Jesus ist es nicht zu machen, sich auf besitzergreifende Engführungen zu berufen: „Johannes sprach zu ihm: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister in deinem Namen aus, und wir verboten’s ihm, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus aber sprach: Ihr sollt’s ihm nicht verbieten. Denn niemand, der ein Wunder tut in meinem Namen, kann so bald übel von mir reden. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“(Markus 9,38-40) Jesus steht auf seinem Weg mit den Jüngern für eine große Weite

Doch das ist auch klar: Keine Spaltungen. σχσματα. Kein Schisma. Das griechische Wort macht es deutlich: es geht hier nicht um Gesangbuchfarben, um Nebensächlichkeiten. In der Kirchengeschichte ist das Wort „Schisma“ zum Kennzeichen von jahrtausendalter Spaltung geworden, von Entfremdung, in der einer dem anderen den rechten Glauben abgesprochen hat.

Darum geht es Paulus also um mehr als nur um zu unterbinden: `Mit dem rede ich nicht mehr. Die gehört nicht zu uns.´ Die Einheit des Glaubens steht auf dem Spiel, und damit auch die Wirkung des Zeugnisses für den Glauben. Einmütig, in einem Sinn, einer Meinung. Statt Meinung, was bei uns sprachlich ziemlich blass ist – jeder kann seine Meinung zu allem haben – kann γνμη auch mit „Einsicht, Erkenntnis, Urteil“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 174) wiedergegeben werden. Darum gefällt mir auch die Übersetzung besser: „Seid vielmehr ganz auf dasselbe Ziel ausgerichtet und haltet in völliger Übereinstimmung zusammen.“ (Neue Genfer Übersetzung)

Den Spaltungen, die drohen, setzt Paulus „eine grundsätzliche Übereinstimmung in der Ausrichtung des Denkens und Wollens (der Gesinnung) und der Überzeugung in Fragen des Glaubens und Handelns“ (W. Klaiber, aaO. S. 17)entgegen.

Solche Einmütigkeit hat nichts mit Gleichschaltung, Uniformität und Einförmigkeit zu tun. Es ist gut sich zu erinnern; „Es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirchen nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden.“ (Augsburger Bekenntnis, CA 7, EG 808)Auch nicht, dass alle das gleiche Bild davon haben, wie man sich in der „Kirche“, in der christlichen Gemeinde aufzuführen hat. Die Mahnung des Paulus eignet sich nicht dafür, das eigene Bild von gebotenem „Anstand“ durchsetzen zu können.

Paulus nennt seine Informanten über die Streitereien – die Leute der Chloë. Damit wissen die Korinther Bescheid, woher Paulus sein Wissen hat. Sie könnten ihrerseits bei ihnen nachfragen, wie sie zu ihrer Einschätzung – Streit, ριδες – kommen.

Vielleicht ist es wichtig: Paulus redet hier von Streit, noch nicht von Spaltungen. Die drohen aber am Horizont. Offensichtlich ist es Anliegen des Paulus zu verhindern, dass aus Streit Spaltungen werden. Das kann ja leicht kommen, weil man den Streit in seinen Wirkungen unterschätzt. Das Glück der Einmütigkeit unterschätzt?

12 Ich meine aber dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der Dritte: Ich zu Kephas, der Vierte: Ich zu Christus.

Jetzt benennt Paulus den Streit: Es gibt Parteiungen. Die sich um so etwas wie „Schulhäupter“ scharen. Die dabei sind, „sich durch die ausschließliche Betonung ihres Anschlusses an einzelne Apostel und Lehrer zu einer Art Personalgemeinden“(H.D. Wendland, aaO. S. 18) zu entwickeln. Jede Gruppe sieht nur noch ihren „Lehrer“.

Das kommt bekannt vor: Wir sind reformiert. Wir sind Lutheraner. Wir sind Katholisch. Wir sind „bibeltreu“. Und immer wird dabei vorausgesetzt: wir sind die, die mit ihrer Schulrichtung ganz dem Evangelium von Jesus Christus entsprechen. Nur wir. Paulus nennt diese Gruppierungen, aber er geht nicht auf ihr jeweiliges Profil ein. Auch nicht auf das, was ihre Lehrsätze sind. Auch nicht, ob die Schulhäupter durch ihre Art Anteil an dem Entstehen der Gruppen haben.

Was es mit den Christusleuten auf sich hat, wissen wir nicht wirklich. Ob es Leute waren, die sich darauf berufen, dass sie Jesus noch gehört haben, dass sie sich auf Verwandte oder Jünger Jesus und ihre Verkündigung berufen. Oder ob Paulus übertreibt und zuspitzt: „Es kommt noch so weit, dass man selbst Christus für sich und seine Gruppe reklamiert.“(W. Schrage, aaO. S. 148) Wir wissen es nicht, weil Paulus nichts daran liegt, unsere Wissenslücken zu schließen oder klein zu halten. Die Leute in Korinth werden seine schablonenartigen Worte wohl besser verstanden haben.

13 Wie? Ist Christus etwa zerteilt? Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft?

Nur eines beschäftigt ihn: diese Gruppenbildungen zerreißen den Christus-Leib. Es ist mehr als Ironie, die Paulus fragen lässt. Es ist ein tiefes Erschrecken. Das wird sichtbar darin, dass er die, die sich auf ihn berufen, an ihn binden wollen fragt: Ist denn Paulus für euch gekreuzigt? Die Erwartung hinter diesen Worten mag sein: Wenn er „seinen Leuten“ die Unsinnigkeit der Berufung auf ihn vor Augen stellt – vielleicht gewinnen die anderen dann auch eine andere Sicht.

Hinter den Fragen steht: Wer ist denn euer Herr? Wer ist der, auf den ihr vertraut? „Ihr seid doch nicht auf meinen Namen getauft, so dass ich euer Kyrios wäre?“(E. Fascher, aaO. S. 94)Es ist eben nicht so, dass man mit dieser Berufung auf Petrus, Apollos, Paulus einen tieferen Zugang zum Glauben gewinnt, sondern man verliert den aus den Augen, um den es in Wahrheit allein geht: um Christus.

14 Ich danke Gott, dass ich niemanden unter euch getauft habe außer Krispus und Gajus, 15 damit nicht jemand sagen kann, ihr wäret auf meinen Namen getauft. 16 Ich habe aber auch Stephanas und sein Haus getauft; sonst weiß ich nicht, ob ich noch jemanden getauft habe. 17 Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen – nicht mit klugen Worten, damit nicht das Kreuz Christi zunichte werde.

Jetzt bleibt Paulus an seinem selbsterwähnten Stichwort Taufe gewissermaßen hängen. Und entlastet sich selbst: Ich war nicht primär als Täufer unterwegs. Mein Auftrag war nicht taufen, sondern predigen. Immerhin – ein paar Leute fallen ihm ein. Mitglieder der Gemeinde, die jeder kennt. Krispus, Gajus, auch Stephanas und sein Haus. Das war es aber auch.

Hinter dieser Vorordnung Predigen statt Taufen steht „nicht Zeitnot, und nicht Geringschätzung der Taufe oder des „Organisatorischen“ gegenüber dem „Geistigen“, sondern rechte Selbsteinschätzung und Selbstbeschränkung des Paulus.“(W. Schrage, aaO. S. 157) Seine Treue gegen seinen Auftraggeber. Es ist der Auftrag Christi an ihn zu predigen. Das Evangelium zu bezeugen. Die Treue zu diesem Auftrag hat ihn geleitet und leitet ihn auch jetzt.

Das nächste Thema kündigt sich in dem knappen Nebensatz an: diese Predigt war und ist nicht dem Nachweis der Klugheit verpflichtet, sondern allein der Botschaft vom Kreuz.

Zum Weiterdenken

Nur eine witzige Anekdote? Oder doch ein Fünkchen Wahrheit? Ein katholischer Priester und ein evangelischer Pfarrer diskutieren über die richtige weise des Gottesdienstes. Es ist ein engagierter Disput: Erstaunlicherweise können sie sich nicht einigen. So bleibt nur die friedliche Trennung, die der katholische Priester – oder ist es etwa doch der evangelische Pfarrer? – mit den Worten kommentiert: „Wir werden uns nicht einig. Also dienen Sie dem Herrn auf Ihre Weise und ich ihm auf Seine Weise.“

Es ist – bis heute – eine Gratwanderung. Ich weiß um meine Prägung, um meine Lehrer, um die, denen ich meine Art zu glauben verdanke. Ich bin froh über meine Prägung und halte sie für „richtig“. Ich halte auch meinen Umgang mit der Bibel und meinen Glauben für eine authentische Antwort auf das Evangelium. So kann es aussehen – und: anders kann es für mich nicht aussehen! Aber ich habe im Lauf meines Lebens auch zu lernen gehabt, dass nicht alle in gleicher Weise wie ich auf das Evangelium reagieren und antworten müssen. Bei anderen fällt die Antwort anders aus. Das aber ist kein mühsam abgerungenes, halbherziges Zugeständnis, nach dem Motto: eigentlich müssten doch alle sein wie ich. Sondern es ist die Konsequenz aus dem Evangelium, das jeden anders – an seinem und ihrem Ort des Lebens – trifft und anders fordert.

 

 

Herr Jesus Christus, zu Dir gehören wir – Christen in allen Variationen, mit so unterschiedlicher Frömmigkeit. Du hast Dich hingegeben für uns alle, damit wir Dir glauben, durch Dich den Weg zum Vaterherzen Gottes finden, miteinander Deiner Liebe Raum geben, unsere Herzen zu wandeln.

Gib Du doch, dass wir das Geschenk bewahren, das uns eins macht in Dir, mit Dir. Amen