Berufen zur Gemeinde

1.Korinther  1, 1 -9

 1 Paulus, berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, und Sosthenes, unser Bruder,

             Antike Briefe folgen in ihrem Anfang einem festen Formular: Absender – Adressat –Grußformel. An dieses Formular hält sich auch Paulus in allen seinen Briefen. Ihm offensichtlich liegt nichts an Originalität, was die Form seiner Briefe angeht. Je nach Anlass und Adressaten variiert er allerdings frei mit der vorgegebenen Briefkopf-Form.

             Es ist, so wird sich sofort zeigen, ein Brief an Leute, die sich kennen, die der Brief-Schreiber Paulus kennt. Dennoch stellt er sich vor – nicht, um sich bekannt zu machen, sondern um die Autorität zu betonen, in der er das Wort nimmt: berufen zum Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes. Einfach gesagt: Hinter Paulus steht der Wille Gottes. Er ist, was er ist, aus dem Willen Gottes, aus seinem Berufen.  Das scheint wichtig: Nicht, was Paulus kann, stützt seine Autorität, sondern was er ist und wer hinter ihm steht.

Man kann sich nicht selbst berufen. κλητς. „Dieses Verbaladjektiv kommt im NT 10 bzw. 11 mal vor, …auch als Bezeichnung für den Christen überhaupt gebraucht.“(KL Schmidt, in: Theol. Wörterbuch zum NT. Bd III, Stuttgart 1938; S. 495) Das Wort steckt auch in der Bezeichnung der Gemeinde mit drin, in der Ekklesia. κκλησία Die Christen insgesamt sind ja die Herausgerufenen. So wenig man sich selbst zum Christen „machen“ kann, so wenig kann man sich auch selbst zum Apostel ernennen oder dazu hochqualifizieren. Berufen werden und Apostel werden ist Widerfahrnis und nie eigene Entscheidung.

Neben Paulus wird ein zweiter Absender genannt. Sosthenes, unser Bruder. Das legt nahe: Sosthenes ist den Korinthern, an die der Brief gerichtet ist, bekannt. „Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir in Sosthenes jenen Synagogenvorsteher wiedererkennen, der seinerzeit in Korinth, als Paulus vor dem Richterstuhl des Gallio stand, unerwartet Opfer einer antisemitischen Hetze geworden war (Apostelgeschichte 18,17).“(E. Stange, Der erste Korintherbrief, Bibelhilfe für die Gemeinde, Leipzig o.J. S. 14) Dass Paulus ihn erwähnt, wenn auch wohl nicht als Mit-Verfasser, ist ein erster Hinweis, dass der folgende Brief mehr ist als ein Privatschreiben.

  2 an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen samt allen, die den Namen unsres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, bei ihnen und bei uns:

             Jetzt werden die Adressaten genannt. Ihre Adresse ist gleichfalls gewichtiger als nur Postleitzahl und Ortsangabe: Der Brief geht an die Gemeinde Gottes in Korinth. So also sieht Paulus seine Briefleser: Geheiligte, berufen wie er selbst. Menschen,  die berufen sind und dieser Berufung antworten in ihrem Anrufen des Namens Jesu Christi. Sie, die Gemeinde in Korinth, gehören zusammen mit der Gemeinde an allen Orten – und zu allen Zeiten. Es ist das eine Wort, κκλησα,  ekklesia, das beides bezeichnet – die konkrete Gemeinde vor Ort und die Gemeinde aller Zeiten und an allen Orten. Die Gemeinde an dem einen Ort ist für Paulus nicht zu denken ohne die Gemeinde an allen Orten.

Es steckt in diesen wenigen Worten schon so viel. Es ist Gott, der an den Korinthern gehandelt hat, der sie geheiligt hat, „sie aus ihrer Gottesferne befreit hat“(W. Klaiber, Der Erste Korintherbrief, Neukirchen 2011, S. 7) So wie Paulus nur durch das Handeln Gottes ist, was er ist – Apostel und berufenκλήτος – so sind auch die Korinther nur durch das Handeln Gottes, was sie sind: Gemeinde, Geheiligte, Berufene, κλητόι. Das ist ihre gemeinsame Basis. Alles, was in diesem Brief später noch folgen wird, an Lehre, an Benennung von Konflikten, an Weisungen ist nur von daher verständlich, von diesem gemeinsamen Fundament.

Es wird nie um allgemein menschliche Themen gehen, um Wegweisung für alle, ob Christen, Juden, Heiden, sondern immer darum, was Paulus und die Korinther als gemeinsam an Jesus Christus Glaubende verbindet.  

  3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

             Es folgt das dritte Element des antiken Briefes – der Gruß. Gnade und Friedenχρις κα ερνη – spricht Paulus ihnen zu. Das ist mehr als ein frommer Wunsch. Die Gnade ist der Lebensraum, der den Christen eröffnet ist. Durch Christus sind sie in die Gnade hineingestellt, gehen sie ihren Weg unter der Gnade. Und der Friede „umfasst das Ganz-, Wohl- und Heilsein der Menschen und ihrer Verhältnisse bis zum endzeitlichen Heil“(W. Schrage, Der erste Brief an die Korinther, EKK VII/1 Neukirchen 1991, S. 106) Der Gruß ist also zwar in die Gegenwart gesprochen, aber er eröffnet zugleich Zukunft – nicht ungewisse Zukunft, sondern gewisse Zukunft, weil Gott unser Vater und der Herr Jesus Christus für sie einstehen.

 4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in aller Lehre und in aller Erkenntnis.

Paulus beginnt nun seinen inhaltlichen Teil mit dem Aufzählen von Gründen zum Danken. „Der Dank ist weder leere Formel noch diplomatische Liebenswürdigkeit. Nur so, dass der Dank in allem voransteht, was Christen miteinander zu reden haben, wird der Name Gottes geehrt.“(H.D. Wendland, Die Briefe an die Korinther, NTD 7, Göttingen 1968, S. 16) Er ist ein Zeichen der Wertschätzung – Paulus sieht, was Gott an den Korinthern getan hat. Er sieht an ihnen die Gnade am Werk. Er sieht, wie sie in der Lehre des Glaubens wachsen und sieht, wie sie reich gemacht sind auch in der Erkenntnis. Gemeint ist doch wohl: Gotteserkenntnis.

Lehre und Erkenntnis, λγος und γνσις sind Leitworte, die durch den ganzen Brief hin wichtig sein werden. Hier nur so viel: Lehre und Erkenntnis sind beides Gaben der Gnade Christi, sind nicht eigenständige Wege der Menschen zu tieferer Einsicht und größerer Frömmigkeit. „Gnade bleibt auf Christus bezogen und steht nicht wie ein Depot auch unabhängig von ihm selbst zur Verfügung.“(W. Schrage, aaO. S. 114) Der Weg zu Gott wird durch die Gnade in Jesus Christus geöffnet. Ohne diese Gnade bleibt er verschlossen.

Aber – man darf es nicht überlesen: gleich dreimal: in allen Stücken, aller Lehre, aller Erkenntnis. Der Brief geht an eine geistlich reiche Gemeinde und Paulus ist weit davon entfernt, diesen Reichtum nicht anzuerkennen. Oder ihn gering zu schätzen. Er hat eine Gemeinde vor sich, an der in ihren Begabungen Gottes Güte aufleuchtet.

  6 Denn die Predigt von Christus ist in euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.

             Das ist ihr Reichtum: Die Christuspredigt hat Glauben gefunden. Eigentlich steht da: das Zeugnis μαρτριον, Martyrion. Dieses Zeugnis besteht nicht nur in starken Worten, sondern es ist mitgeteiltes Leben. So ist das Leben mit ihnen geteilt worden, dass dieses Lebenszeugnis Wurzeln geschlagen hat, stark geworden ist. Glauben geweckt hat. Und jetzt, weil sie dieses Zeugnis gehört und angenommen haben, fehlt es ihn an nichts mehr, schon gar nicht an irgendwelchen Gaben. Hier steht χαρσματα, Charismata, ein Wort, das von χαρς, Charis, Gnade abgeleitet ist. Es „bezeichnet die konkrete Befähigung, die Gnade für sich und für die Gemeinschaft praktisch zu leben.“(W. Klaiber, aaO. S. 12) Ein Thema wird hier schon angezeigt, das den ganzen Brief durchziehen wird.

Dieser Reichtum ist ihnen zuteil geworden in der Gegenwart. Er weist über die Gegenwart hinaus und macht sie zu wartenden Leuten. Er ist wie ein Versprechen für eine größere Zukunft. Er richtet nach vorne aus, stellt in die Erwartung der Vollendung, in ein Warten auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Es ist die gerade erfahrene Fülle, die warten lässt, Hoffnung weckt – und nicht der erlebte Mangel.

Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut!

 Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.                                                      P.
Spitta 1833, EG 510

ἀποκάλυψις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ- die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Das bestimmt für Paulus das Christsein – sein eigenes und das der Gemeinde in Korinth. Paulus verbindet mit der Apokalypse, der Offenbarung kein Schreckensbild. Es ist vielmehr ein guter Moment, wenn die Herrschaft Jesu Christi sichtbar werden wird. Es wird ein guter Tag sein für die Welt, weil sich dann die Geschichte der Welt erfüllt. Der Tag, an dem endlich gelten wird, „dass Gott alles in allem ist.“(15,28) Christsein – so Paulus . Ist wesentlich warten auf diesen lieben Jüngsten Tag.

 8 Der wird euch auch fest erhalten bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. 9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Es ist dieses Warten aber kein Warten ins Ungewisse. Auch kein Warten unter der bangen Frage: werden wir denn durchhalten? Sondern es ist ein Warten, das gewiss sein kann – weil er treu ist, der sie jetzt gerufen hat. Er bringt sie auch ans Ziel. Sie sind als Christen angeschlossen an den, der sie fest erhält, stabil sein und werden lässt im Glauben, der mit ihnen durchhält. Die Kraft zum Durchhalten des Glaubens ist nicht Produkt einer wie auch immer gearteten seelischen Verfassung, sondern sie ist Gabe der Treue Gottes. „Darin liegt ja die „Treue Gottes“, dass er verwirklicht, was er zugesagt hat.“ (E. Fascher, Der erste Brief des Paulus an die Korinther, Theol. Handkommentar NT 7/1; Berlin 1980, S. 86)

Die Berufung zur Gemeinschaft seines Sohnes ist keine zeitweilige Angelegenheit, sondern eine ewige Berufung. Es geht auch nicht darum, dass jetzt Bewährungszeit wäre und dann der Lohn eingesammelt wird. Sondern die zeitliche Berufung, die Berufung in der Zeit ist eine Berufung für alle Ewigkeit. Darum auch kann alle Angst vor dem Tag unseres Herrn Jesus Christus weichen. Weil es ja der Tag ist, an dem wir vor dem stehen werden, der uns hier in seine Gnade berufen hat.

Zum Weiterdenken

Mit welchen Augen schauen wir auf die Gemeinde, in der wir leben? Sehen wir zuerst, was sie von Gott her ist, was er an Reichtum in sie hineingelegt hat? Oder sehen wir sie zuerst im Blick auf die Defizite, die sie hat – menschlich, geistlich, in ihrer Ausstrahlung und ihren Möglichkeiten? Und es ist ja so: Jede Gemeinde hat Defizite. Es hängt viel an unserem Sehen, ob wir einer Gemeinde gerecht werden können, sie als Gemeinde Jesu Christis dankbar anschauen oder ob wir sie immer nur mit unseren Forderungen konfrontieren.

Die andere Frage: Sind wir noch so wartende Leute? Ich habe die Melodie in Ohr: „Wir warten auf das Ereignis, das alles verändern soll.“ Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich wirklich so ein Wartender bin. Unter der Hand ist mein Christsein kein Warten mehr, sondern mehr Lebenshilfe, Lebensgrund. Einfach, weil ich nicht mehr damit rechne, dass plötzlich der Himmel aufgeht und er in den Wolken des Himmels kommt. Die Worte des Paulus sind Einspruch gegen ein Weltverständnis, das das All als einen sich selbst genügenden Raum begreift, ohne Wozu und ohne Wohin. Paulus glaubt diese Welt zielgerichtet auf das Kommen Christi hin und darin auch unser Leben sinnerfüllt. Was glauben wir?

 

Mein Gott, Du hast mich hinein gestellt in die Gemeinschaft der Glaubenden. Du hast mich gerufen, mir das Ohr geöffnet, den Glauben in mir geweckt. Dafür kann ich Dir nie genug danken.

Darüber lobe und preise ich Dich, dass Du mich mit anderen zusammen gerufen hast, mir Brüder und Schwestern gegeben hast. Weggefährten, die mich manchmal trösten, mahnen, manchmal kritisieren, die mit mir den Weg zu gehen suchen, der uns Dir nachfolgen lässt.

Stärke Du uns immer neu, dass wir Dir treu bleiben, dass wir das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Deine Herrlichkeit. Amen