Ihr seid meine Leute

Markus 3, 31 – 35

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

             Jesus ist immer noch im Haus. Aber draußen sind jetzt die Seinen, seine Mutter und seine Brüder, die ihn eben noch vor sich selbst schützen wollten, indem sie ihn für von Sinnen erklären. Unzurechnungsfähig. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen. Warum wird nicht gesagt. Halten sie an ihrer Absicht fest, ihn aus der Öffentlichkeit zu entfernen? Wohlwollend verstanden: „Sie suchen ihn, um ihn zu bergen im Schoß der Sippe.“ (P. Schütz, aaO.; S.260) Aber das wird nicht ausdrücklich gesagt. Es bleibt alles im Dunkel.

Nur so viel wird gezeigt: Sie bleiben draußen. Sie können nicht direkt Kontakt aufnehmen. Sie sprechen ihren Wunsch, ihn zu sehen und mit ihm zu reden, nur durch Mittelsmänner aus. Sie schickten zu ihm. Da bleibt Abstand, auch von ihnen her. 

32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

             Um Jesus sitzt das Volk, hört ihm zu, hängt an seinen Lippen, saugt alles auf, was er sagt. Das hindert aber nicht, dass das Volk dieses Suchen nach ihm mit bekommt. Dass es auch mit bekommt, es sind nicht irgendwelche Leute, sondern deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern. Man muss wohl verstehen: auch in den Augen des Volkes sind es die, die ihm natürlicherweise am nächsten stehen, die auch einen Anspruch auf ihn haben, seine Zuwendung, seine Aufmerksamkeit.

Die Familie zuerst – das ist doch die natürlichste Ordnung der Welt. Blut ist dicker als Wasser. Die Familie ist der Ort, an dem im Judentum der Glaube gelebt und eingeübt wird – in der häuslichen Sabbat-Feier, in der Unterweisung der Kinder. Im Ehren von Vater und Mutter.

 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!

 Jesus hört die Boten, die ihn informieren, wer da draußen nach ihm fragt und reagiert schroff. Mit einer Frage, die unverständlich genug ist. Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Das ist doch offenkundig: Sie stehen draußen. Sie suchen ihn, sie wollen, dass er zu ihnen kommt. Schon die Frage ist ein Affront – tut er doch so, als kennte er sie nicht. Es „klingt wie eine Verleugnung der Mutter und der Brüder.“ (W. Klaiber, aaO.;S.86) Schon die Frage ist eine Zurückweisung, ist Abweisung, Entwertung der primären Bindung an die Familie.

             Aber dann geht es noch einen Schritt weiter. An die Stelle der Herkunftsfamilie setzt er die, die um ihn im Kreise saßen. Man muss sorgfältig lesen: Sie  treten nicht an die Stelle der Mutter, Brüder, Schwestern. Sondern er setzt sie an ihre Stelle. Er sieht sie, die um ihn sitzen, so an. Indem er das über sie sagt, installiert er in ihnen seine neue Verwandtschaft. Diese Verwandtschaft „hat ihre Grundlage im Hören auf Jesus und sein Wort.“ (W. Klaiber, ebda.) Ich bin noch ein bisschen vorsichtiger: die Grundlage ist schlicht, dass sie bei Jesus sind. Um ihn. Das Johannes-Evangelium wird sagen: „Im Bleiben bei ihm.“ – „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“(Johannes 15, 9 – 11)

Mein Eindruck ist: wir haben uns so an diese Worte gewöhnt, dass wir ihr Ärgernis gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Die geistliche Gemeinschaft hat Vorrang vor der natürlichen Familie! Wer das heute laut in einer Kirche sagen wollte, hätte die Leute am Hals – vom Papst über Bischöfe und Kirchenpräsidenten und Kirchenvorstände bis hin zu den normalen Gemeindegliedern. Alle sind sich einig: Ohne Familie ist alles nichts. Das führt zu so irrwitzigen Formulierungen wie: „Jeder Mensch ist Familie, weil jeder Kind ist.“(EKHN-Brief Familienangelegenheit 2016) Auch der Alleinstehende. Auch der/die Single aus Überzeugung. Ich nenne das Zwangseinweisung in den Familien-Status.

Darum finde ich es ehrlicher und näher an den Worten Jesu: „Schalom Ben Chorin, Mutter Mirjam 99 weist zu Recht darauf hin, dass Jesu Haltung in jeder Gesellschaft ein Ärgernis darstellt, den außerordentlichen starken Familiensinn der Juden aber förmlich beleidigt.“ (E. Drewermann, aaO. S.321) Nur wo man sich diesem Ärger stellt, hat man ein offenes Ohr für die Zumutung, die in diesen Worten Jesu steckt. Eine Zumutung, die da auch heute noch spürbar wird, existentiell erfahren, wo Kinder, Söhne, Töchter, sich einem Orden anschließen, Nonne werden, Ordensfrau, Priester und auf die Familiengründung verzichten.

Es interessiert den Evangelisten Markus nicht: Wie sind diese Worte bei der Familie Jesu angekommen? Darüber verliert er kein Wort. Man kann also nur in gewissermaßen luftleerem Raum nachdenken. Sie können völlig brüskiert gesagt haben: Wir haben es ja geahnt – er ist von Sinnen (3,21). Sie können sich einfach zurück gesetzt gefühlt haben, sich zurückgezogen haben und aus sicherer Distanz abwarten, was wird. Geschichtlich gesichert ist jedenfalls, dass zu Lebzeiten Jesu keiner aus seiner Familie in dem Kreis der mitwandernden Jünger und Jüngerinnen dabei war.

Es ist also so: Er gewinnt geistliche Brüder und Schwestern und verliert darüber seine Familie. Es ist, als würde er in eigener Person ein Wort lebenspraktisch vorwegnehmen, das er später sagt:  „Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlässt um meinetwillen und um des Evangeliums willen,  der nicht hundertfach empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen – und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“(10,29-30)

35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Das kommt zum Bleiben bei Jesus dazu: Gottes Willen tun. Es geht nicht nur darum, sich als neue glückliche Familie der Gotteskinder um Jesus zu versammeln und das Zusammensein zu genießen. Sondern aus diesem Sein bei Jesus soll ein Tun erwachsen – ein Tun, das Menschen zugute kommt. „Mit Jesus verwandt ist, wer – wie Jesus selbst – aus dem Gottvertrauen heraus den Menschen hilft, ihre Menschlichkeit zu gewinnen: Not lindern, zuhören können, Mut zum Leben wecken; mit dem Glauben an Gott den Glauben an sich selbst und die eigene Würde stärken.“ (K. Hollmann, Glaube lässt sehen, Paderborn 1984, s. 161) Die Gemeinschaft mit Jesus hat gute Folgen in die Umwelt hinein.

 Auch hier bleibt es dabei: es ist Jesus, der spricht, der die Feststellung trifft: mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. Es ist sein Wort. „Er nennt uns Brüder. Das Neue Testament wagt es aber nie, ihn mit dem Namen „mein Bruder, unser Bruder“ anzureden.“(J. Schniewind, aaO. S. 58) Was der sorgfältige Exeget vor 50 Jahren noch wusste, scheint heute vergessen, liturgisch nicht mehr relevant. Wir ernennen uns in der liturgischen Anrede flugs eigenständig zu Brüdern und Schwestern Jesu. Vielleicht müssen wir an dieser Stelle wieder ein wenig vorsichtiger werden.

Zum Weiterdenken – aus einer Predigt

            Jesus hört, wer da draußen nach ihm fragt und reagiert schroff. Mit einer Frage, die unverständlich genug ist. Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Tut er so, als kennte er sie nicht? Als hätte er sich verhört? Es wird wohl so sein, dass sie, die um Jesus herum sitzen, nicht verstehen. Dass sie den Atem anhalten: was wird denn jetzt werden?

             Und dann wandert der Blick Jesu über die Leute in Haus – Männer Frauen, Greise, Junge. Arme und ein wenig besser Gestellte. Er sieht sie alle an, macht eine weite Handbewegung,  offen, einladend: Ihr seid mir Mutter, Ihr seid meine Brüder und Schwestern. Ihr, hier vor mir.

             Was werden das für Leute sein, die da vor ihm sitzen, um ihn sind? Seine Jünger. Einige Geheilte. Manche, die sich mit dem Leben abplagen. Gescheiterte, Verletzte, Resignierte.  Einige, die von ihm gehört haben und neugierig sind. Auch einige, die skeptisch sind, zögerlich – was ist an ihm dran? Der eine oder andere mag einfach gekommen sein, weil er gesehen hat: Da laufen so viele hin. Da ist was los. Seht, da waren  nicht nur überzeugte Jesus-Anhänger im Haus. Da waren Suchende, Fragend, Zweifelnde, Skeptiker. Aber sie waren da.

             Und heute? Dieses Wort Jesu  ist über die Zeiten hinweg ein Wort an uns, hier in der Schlitzer Stadtkirche: Siehe, das ist meine Mutter und meine Brüder. Ihr – ihr heute Morgen hier in diesem Gottesdienst. Meine Familie. 

             Ihr, die ihr manchmal glaubt, dass euer Glaube nicht genügt. Weil Ihr mehr Fragen habt als Antworten. Weil das, was Ihr einmal gelernt habt, irgendwie nicht mehr zu tragen scheint. 

            Ihr, die ihr nur zu gut wisst, wie viel gegen euch spricht. Weil in eurem Leben so manches schief gelaufen ist. Weil Pläne zerbrochen und Träume geplatzt sind. 

            Ihr, die Ihr schwer an den Lasten des Lebens tragt. Weil Ihr euch abtut über den Wegen, die Ihr gegangen seid oder die gehen, an denen ihr hängt. Weil Ihr nicht fertig werden damit, dass das Leben auch eine Verlustgeschichte ist.

            Ihr alle seid meine Familie, Schmerzens-Mütter, Schmerzens-Brüder, Schmerzen-Schwestern 

             Und zu denen, die so vor ihm sitzen sagt Jesus, was er ihnen zumutet und zutraut. Dass sie Gottes Willen tun. Es geht nicht nur darum, sich als neue glückliche Familie der Gotteskinder um Jesus zu versammeln und das Zusammensein zu genießen. Sondern aus diesem Sein bei Jesus soll ein Tun erwachsen – ein Tun, das Menschen zugute kommt.                                                                                           Schlitz         15. 9. 2019

 

Jesus, dafür danke ich Dir, dass Du uns Brüder nennst, Schwestern, dass Du uns ansiehst als die, die zu Dir gehören, dass Du nur dies Eine von uns willst, dass wir bei Dir bleiben.

Dafür danke ich Dir, dass Du keinen wegschickst, niemand zurück stößt, dass Du uns zutraust, dass wir dem Willen Gott entsprechen in unserem Tun, unserem Denken und Reden, unserer Liebe und Treue. Amen

 

 

2 Gedanken zu „Ihr seid meine Leute“

  1. Wieder so eine Momentaufnahme, um den Zuhörenden etwas zu erklären.
    Jesus war seine Mutter nicht egal, sonst hätte er sie nicht unter Schmerzen seinem Jünger Johannes anbefohlen.
    Viele der Gläubigen stehen auch heute in der Versuchung, sich durch die Familie von Jesus wegholen zu lassen.

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