Leite mich auf ewigem Wege

Markus 3, 20 – 30

20 Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, sodass sie nicht einmal essen konnten.

             Meer – Berg – Haus. Das sind die Orte, an denen Jesus sich aufhält, an denen er zu finden ist, an denen er wirkt. Jetzt also ein Haus. Man könnte auch lesen: „Jesus ging nach Hause.“(NGÜ)Dann wäre es nicht irgendein Haus, in das er einkehrt, sondern ein ihm vertrautes Haus. Der Kommentar weiß: „Gemeint ist das Haus des Simon in Kapharnaum.“ (W. Grundmann,  aaO. S. 107) Gesagt ist das aber nicht.

             Jesus bleibt dort im Haus nicht lange allein. Das Volk kommt nach, läuft dort zusammen. Für Jesus und die Jünger wird es so beengt, dass kein Platz mehr ist, nicht einmal um zu essen. Wohl auch keine Zeit mehr. Die Menschen drängen sich um ihn, bedrängen ihn und seine Jünger.

 21 Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.

             Szenenwechsel. Seine Leute, seine Familie hört vom Tun Jesu, seinem Reden, seinem Heilen. Es ist ihnen unheimlich. Möglicherweise ist es so: Sie haben „alles, was er sagte und tat, eben weil es die Macht hatte, Menschen aufzurichten, als eine Bedrohung gegen sich selbst empfunden.“(E. Drewermann, aaO. S. 312)Weil sie ihn nicht verstehen, weil ihnen dieser Sohn und Bruder aus ihrer Mitte so fremd ist, so anders als sie selbst, darum greifen sie nach der Erklärung, nach der in solchen Fällen gerne gegriffen wird: Er ist von Sinnen. Drastisch, aber eindeutig: „Total übergeschnappt und durchgeknallt.“(M. Dreyer, Volxbibel, München 2012; S. 1005)

Da ist nicht die geringste Spur von Verständnis für den Bruder, schon gar nicht von Verstehen des Bruders. Oder gar von Glauben. Es ist seine Freiheit, seine Güte, seine völlige Unabhängigkeit vom Urteil anderer, die sie sagen lässt: er ist von Sinnen.

Das spricht sich herum. Von Kapharnaum hinüber nach Nazareth. Und weil es den Seinen zu Ohren kommt, machen sie sich auf. Nehmen sie den Weg durchs Gebirge auf sich. Immerhin liegt ihnen so viel an diesem Sohn und Bruder, dass sie sich auf den Weg zu ihm machen.  Vielleicht steht auch das dahinter: „Jesus, der älteste Sohn der Familie, hat sich seinen Verpflichtungen entzogen und zieht ohne festen Wohnsicht predigend durch das Lad. Das war eine kritische Situation, die es zu bereinigen galt.“(W. Klaiber, aaO. S. 83) Wollen sie ihn womöglich vor sich selbst und seinen durchgedrehten Gedanken schützen?

 22 Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herab gekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.  

Auch andere, Schriftgelehrte, haben sich auf den Weg gemacht, noch weiter. Von Jerusalem kommen sie herab. Um sich ein Bild zu machen von diesem Menschen, über den so viel erzählt wird. Sie kommen herab – aus der Höhe Jerusalems in die Senke am See. Aber es ist auch ein Herkommen aus der Höhe der Stadt in die Provinz. Das Gefälle von der „gebildeten“ Stadt zur ungelehrten und ungebildeten Provinz spielt mit. Vielleicht schwingt sogar so etwas wie Herablassung mit in diesem Herabkommen.

 In den Worten der Schriftgelehrten findet das Urteil der Familie seine Fortsetzung und obendrein „geistliche Deutung“ Sie halten ihn nicht einfach für verrückt, sondern für gefährlich, weil er mit der dunklen Macht paktiert. Er hat den Beelzebul. Oder meinen sie: Der hat ihn? „Was einer besitzt, bestimmt ihn und so ist er von dem, was er besitzt, besessen.“(W. Grundmann, aaO. S. 109)Was sie aber mit diesem seltsamen und zutiefst herabsetzenden Vorwurf nicht bestreiten: Jesus hat Macht.

 Beelzebul kann man wahlweise übersetzten: „Herr der Wohnung“,„Mistgott“, „Fliegenbaal“ – von Beelezebub her – wie auch immer. Stets ist die Spitze der dämonischen Mächte gemeint.  Das setzt „die Vorstellung eines hierarchisch gegliederten Reichs der Dämonen voraus, an dessen Spitze ein oberster Dämon steht.“(W. Klaiber, aaO., S. 84)

 23 Jesus aber rief sie zusammen und sprach zu ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 24 Wenn ein Reich mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. 25 Und wenn ein Haus mit sich selbst uneins wird, kann es nicht bestehen. 26 Erhebt sich nun der Satan gegen sich selbst und ist mit sich selbst uneins, so kann er nicht bestehen, sondern es ist aus mit ihm.

             Die Antwort Jesu ist eine kurze Gleichnis-Rede. Das erste Gleichnis im Evangelium des Markus. Er wendet sich in seiner Entgegnung nicht an die Seinen, die wohl auch nicht vor Ort sind, sondern vor allen, die dabei sind, an die Schriftgelehrten aus Jerusalem. Ihnen deckt er den Widerspruch auf, der in ihren eigenen Worten liegt. Satan gegen Satan – das ist doch absurd. Das würde doch bedeuten, dass der Satan seine Macht gegen sich selbst wendet. So selbstzerstörerisch ist nicht einmal Satan unterwegs. Es ist ein Appell an den „gesunden Menschenverstand“: So verrückt ist der Satan nicht. Das ist auch eine Warnung, es sich nicht zu leicht zu machen, die Mächte des Bösen zu unterschätzen unter dem Motto: Sie zerlegen sich doch sowieso selbst.

 27 Niemand kann aber in das Haus eines Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus berauben.

             Zurück zu den Worten Jesu: Um den Starken zu besiegen, um ihm seinen Raub nehmen zu können, braucht es die größere Kraft. Die größere Stärke. Das ist der Anspruch Jesu: Seine Kraft ist größer als die Stärke des Starken, des Bösen. „Wenn ich aber die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“(Matthäus 12,28)

Es ist eine Aufforderung zu prüfen: Was sind das denn für Taten, die Jesus wirkt – tut er Gutes, richtet er Menschen auf, stärkt er sie, lässt er sie leben als geliebte Kinder des Vaters im Himmel, gibt er ihnen Rückenwind? So wie es Gottes Art ist! Oder säen seine Taten Zwietracht, ziehen Menschen nach unten, machen sie klein und unterwürfig – so wie es die Art der Werke des Bösen ist?

  28 Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben, auch die Lästerungen, wie viel sie auch lästern mögen; 29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig. 30 Denn sie hatten gesagt: Er hat einen unreinen Geist.

Was ist das – großzügiger Freispruch und angstmachendes Gerichtswort in einem Atemzug? Es gilt, zuerst und immer wieder den Freispruch zu hören: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben. Da gibt es nichts, was uns von Gott trennen könnte. „Keine Tatsünde, denn eine solche meint μαρτματα, die das Verhältnis von Mensch zu Mensch zerstört, und keine Lästerung, mit der der Mensch wider Gott frevelt ist unvergebbar.“(W. Grundmann, aaO. S. 112)

             Was für ein Aufatmen: Nichts,  nichts kann mich verdammen! Es ist dieses Aufatmen, das auch Paulus bezeugt: Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“(Römer 8,38-39) Das ist die unverrückbare Grundlage, der Zufluchtsort für alle erschrockenen Gewissen.

Direkt daneben – nicht als Einschränkung, nicht als Zurücknehmen dieser Weite, dieser Großzügigkeit: wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig. Ich stimme zu: „Es ist das furchtbarste Wort, dass er überhaupt gesprochen hat. Nämlich  dass derjenige, der den Geist lästere nicht mehr erreicht werde von der vergebenden Liebe Gottes.“(P. Schütz, aaO. S. 245) Ein Wort, aus dem Augenblick gesprochen, Antwort auf den Angriff, der gegen ihn geführt wird.

Nur hier, in dieser Situation hat dieses seinen Platz. Ich glaube, dass es nicht dazu taugt, eine immer gültige Grenze für die vergebende Liebe Gottes zu ziehen. Ich glaube auch, dass es Unheil angerichtet hat, wenn man diesen „Augenblicks-Satz“ zu einem immer und überall und jederzeit gültigen Satz erweitert hat, ihn sozusagen dogmatisiert hat. Es gehört zur geistlichen Aufgabe der Ausleger der Schrift, dass sie darauf achten: Es gibt Worte, auch Jesus-Worte, deren Bedeutung liegt allein im Augenblick, in dem sie gesprochen sind. Sie sind kein Material zur Lehrbildung. Sie dürfen nicht „dogmatisch verwertet“ werden. Jesus verkündigt hier keinen Glaubenssatz, der über die Einlass-Bedingungen im Himmel nachdenkt. Er reagiert in einem Konflikt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Es ist ein Kampfwort.

 Ich finde einen ersten Trost: „Unser Wort hat immer wieder im Lauf der Kirchengeschichte Menschen ins Grübeln geführt, ob seine Schärfe ihnen, unrettbar, gelte. Aber wer dies fürchtet, beweist eben damit, dass er nicht in unvergebbarer Sünde steht.“(J. Schniewind, Das Evangelium nach Markus, München 1968, S. 57)

Was aber ist gemeint? Wer lästert den Geist? Es geht ja nicht um spöttische Worte. Es wird wohl eher um ein sich Verweigern gehen, um den Widerstand, der sich, sehenden Auges gegen das stellt, was er sieht.  Gott am Werk sieht und doch Gottes Werk leugnet. Der gewonnen werden soll durch die Liebe, aber die Liebe von sich weist. Sie nicht will. Es stimmt wohl: „Die Lästerung des Geistes ist als Abweisung der umfassenden Amnestie und Entschuldung, die Jesus im Namen Gottes kund tut, noch nicht konkret genug gefasst.“(J. Gnilka, aaO. S. 151) Es steht noch mehr auf dem Spiel. Das Wort reicht noch tiefer.

 Ohne zu glauben, dass dieses Geheimniswort überhaupt zu entschlüsseln wäre – mich bewegt dieser Satz: „Einzig die Lethargie des Herzens hat uns Jesus nicht gestattet, dass wir uns um die Entscheidung unseres Lebens herum mogeln könnten. Wir müssen wählen zwischen der Wahrheit oder der Starrheit unseres Herzens.“(E. Drewermann, aaO, S. 321) Dann wäre die Verweigerung der Wahl, die Verweigerung des Schrittes in die Freiheit, die Jesus öffnet, die Sünde, die unvergebbar bleibt. Weil der Ruf in die Freiheit, einmal versäumt, nicht beliebig zurückgeholt werden kann.

Oder anders gesagt: es gibt eine Selbst-Immunisierung gegen den Ruf des Evangeliums. Gegen das Geschenk der Gnade. Gegen das Erbarmen als den Weg zum Vater. Sie besteht schlicht darin, dass ich sage: Ich will das nicht. Ich will mir das nicht gefallen lassen, dass  ich begnadigt bin, beschenkt werde, geliebt werde ohne Wenn und Aber. Ich will das nicht, obwohl alle Sehnsucht meines Herzens danach schreit. Wer das Schreien der eigenen Sehnsucht beharrlich übertönt, wird irgendwann nicht mehr hören können, wie es in ihm ruft.

Ach, wie viel Zeit vertan am Tresen,  mit Sprücheklopfen, witzig sein.                    Der falsche Weg. In seine Seele ließ er nicht mal sich selbst hinein.                      Jetzt würd‘ er gern noch einmal in sich gehen und stößt an Mauern,                    lässt betrübt auch diese Hoffnung fahren,                                                                          und muss sehen: Er hat den Weg zu sich noch nie geübt.                                                     K. Wecker, CD Wut und Zärtlichkeit, 2011

Das harte Wort Jesu trifft – daran ist kein Zweifel – die, die ihn so angehen: Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist. Πνεῦμα ἀκάθαρτον Das ist der Geist, den Jesus bei anderen austreibt und zum Schweigen bringt. Den er anherrscht und entmächtigt. Sie wissen nicht, was sie tun, die ihn so mit ihren Worten zurückweisen.Die ihn so als Teufelsknecht abstempeln.  Mit ihrem Abstempeln versperren sie sich selbst den Weg zur Umkehr. Das freilich ist nicht nur die Gefahr der Schriftgelehrten damals. Das ist eine bleibende Gefahr bis heute: Der Selbstausschluss aus dem Heil Gottes, dem Geschenk der Gnade. Sie wird niemandem gegen seinen Willen aufgenötigt, so nötig er sie auch haben mag.

Zum Weiterdenken

   Die ganze Passage wirkt zusammengestückelt, zusammengehalten darin, dass es um die Irritationen geht, die Jesus auslöst. Heute würde man sagen. Ein Fall für die Psychiatrie. Wegsperren. Ungeeignet für die Freiheit. Genau darum geht es – um die zuürkweisung eines möglichen Anspruches Jesu, der Wegweiser für Israel zu sein. Wenn die Berufung der zwölf verstanden weden kann als Anspruch, die neue Heilsgemeinde zu sammeln, dann sind diese Worte hier ein schroffer Widerspruch – ungeeignet und unfähig, Führer des Gottesvolkes zu sein. Es geht in ihnen nicht um seelische Befindlichkeiten Jesu, es gheht um hn als um den, der das Volk sammelt. Da sagen sie: Nein

Wir haben es heute nicht mehr so mit Dämonen. Wir setzten eher auf Verschwörungstheorien, sehen an vielen Stellen aber gleichwohl obskure dunkle Mächte am Werk. Aber es gibt auch in unserer Zeit einen seltsamen Sog, hinter dem, was geschieht, dunkle Kräfte zu suchen – Illuminati, Tempelritter. Kurz, Geheimbündler, die sich mit dem Bösen verbunden haben. Wobei relativ gleichgültig ist, ob das eine persönliche oder eine unpersönliche Macht ist.

Ich lese das in unserer Zeit noch einmal mit anderen Augen und angewendet auf eine andere Situation – auf den Staat: Mit der tiefen Besorgnis, dass sich die liberalen und demokratischen Kräfte in unserem Land seit Jahren auf einem geradezu selbstmörderischen Selbstzerstörungstripp bewegen. Sie lassen jede Klarheit vermissen. Sie hacken kleingeistig aufeinander herum und bleiben Lösungen schuldig. Und spielen so den radikalen Kräften, die in meinen Augen wirklich bösartig sind und einen anderen Staat Bundesrepublik wollen, in die Karten.

Ähnlich gilt für die Kirchen, zumindest für meine liebe evangelische Kirche: Sie sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie darüber die Nähe zu den normalen Menschen verlieren. Sie jagen hinter der Anerkennung der Medien und Meinungsmacher her und verlieren dabei die „Kirchentreuen“, die Hochverbundenen aus den Augen. Sie wollen in der virtuellen Welt der sozialen Medien präsent sein und verlieren darüber den Zugang zur Wirklichkeit. Darum werden sie immer entrückter vom Fußvolk, von der vetula, dem alten Weiblein, die für Thomas von Aquin noch die Adresse war, an der sich alle Theologie ausrichten muss.

 

Jesus, öffne mir die Augen, dass ich sehe, wie Du aus der Güte des Vaters lebst, aus dem Erbarmen handelst, durch die Gnade den Weg ins Vaterhaus öffnest.

Öffne Du mir das Herz, dass ich mich Dir anvertraue, dass ich mich der Liebe nicht verweigere, die Du schenkst, dass ich das Erbarmen nicht stolz ablehne, weil ich nicht glauben will, dass ich auf Dein Erbarmen angewiesen bin.

Schenke mir, schenke uns allen, dass wir uns Deinem Geist öffnen, dass wir so zu den Deinen werden für Zeit und Ewigkeit. Amen