Versprechen für die Zukunft: Der bunte Haufen

Markus 3, 13 – 19

13 Und er ging auf einen Berg und rief zu sich, welche er wollte, und die gingen hin zu ihm. 14 Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen 15 und dass sie Vollmacht hätten, die bösen Geister auszutreiben.

 Was für ein Kontrast. Eben noch tumultartige Szenen am See und jetzt geht Jesus auf einen Berg. Aus der Menge ruft er – die er will. „Markus ist die Souveränität des Handelns Jesu wichtig.“(W. Klaiber, aaO. S. 78) Oder noch einmal anders gesagt: „Die Zwölfe rief er heraus und in den Zwölf sein Volk. Die Zwölfe hatten ihn nicht erwählt. Hier gab es keine persönlichen Entscheidungen. Hier war der Herr. Und der erwählte, wen er wollte. Und nur der Gerufene kam.“(P. Schütz, aaO. S. 243)

Es fällt ja auf, wie sich die Erzählung des Markus beispielsweise von Lukas unterscheidet. Da heißt es: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger und erwählte zwölf von ihnen, die er auch Apostel nannte.“(Lukas 6, 12-13) Da ist die Berufung der Jünger Ergebnis einer Gebetsnacht, erwachsen aus dem Gespräch mit dem Vater. Hier bei Markus, der doch durchaus auch den betenden Jesus im Blick hat, kommt die Berufung allein daraus: er rief zu sich, welche er wollte.

 Es ist sein Wille, der diese Zwölf wählt und einsetzt und beauftragt: Merkwürdig genug, der erste Auftrag ist, dass sie bei ihm sein sollten. Nicht irgendetwas tun, sondern nur mit ihm sein. Ihn sehen, ihn hören, mit ihm essen und trinken, mit ihm unterwegs sein. Das hat mit dem zu tun, was der innere Kern dieser Wahl ist: „In der Auswahl der Zwölf spiegelt sich so etwas wie die Gestalt eines neuen oder besser: eines erneuerten Israels wider.“(E. Drewermann, aaO. S. 297) Die Zwölf sind nicht erst dann etwas, wenn sie etwas Gutes tun, Einsatz zeigen – sie sind schon jetzt dadurch Zeihen, dass sie gerufen sind. Zu ihm – und bei ihm bleiben. Das ist – auch heute – die Mitte des Glaubens: Bei Jesus sein und bleiben. Erst danach kommt das andere: ausgesandt werden um  zu predigen, mit Vollmacht begabt, um die bösen Geister auszutreiben. Die Arbeit Jesu zu tun. Aber diese Arbeit können sie nur tun aus dem Sein mit ihm.

Aber auch das ist wichtig: Das Sein bei Jesus wird nicht alles sein. Sie sollen und werden  hinausgehen zu den Menschen. Sie sind berufen, erwählt, aber eben nicht nur für sich, sondern –„für die draußen, für die Welt. Das ist der Anfang seiner Kirche. Hier liegt ihr Grundgesetz. Das Grundgesetz aber ist Dienst an der Welt. Predigen. Heilen. Bannen.“(P. Schütz, aaO. S. 244)

 Nie darf eine Gemeinde, darf die Kirche, dürfen wir als Einzelne das vergessen. Unsere Berufung meint immer beides – bei Jesus sein und uns auf den Weg machen zu denen, die uns brauchen. Zu denen er uns sendet.

   16 Und er setzte die Zwölf ein und gab Simon den Namen Petrus; 17 weiter: Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, und gab ihnen den Namen Boanerges, das heißt: Donnersöhne; 18 weiter: Andreas und Philippus und Bartholomäus und Matthäus und Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, und Thaddäus und Simon Kananäus 19 und Judas Iskariot, der ihn dann verriet.

             Jetzt erst, nachdem der Auftrag gegeben ist und nachdem die Grundstruktur geklärt ist – bleiben und sich senden lassen – werden die Namen der Zwölf genannt.  Simon zuerst, der den Namen Petrus empfängt. Unkommentiert, weil es ja klar ist für alle Lesenden: Dieser Name heißt Fels. Dann die beiden Brüder Jakobus und Johannes, Donnersöhne. „Der Name „Donnersöhne“ dürfte eher eine persönliche Kennzeichnung denn eine Funktionsbezeichnung gewesen sein.“(E. Drewermann, aaO. S. 308) Ehrlicherweise ist zuzugestehen: wir wissen nicht, ob das mehr ist als ein Spitzname und für was er steht. Ob für persönliche Eigenarten des Temperamentes oder ob sich doch anders dahinter verbirgt, dass sie „als Träger der Stimme Gottes zu verstehen seien, die vom Volk als Donner verstanden wird.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus, Theol. Handkommentar 2, Berlin, 1980, S. 103)

Nach diesen Dreien, die durch eine Namensverleihung hervorgehoben sind, kommen dann die anderen. Und am Ende der Reihe steht Judas Iskariot, der ihn verriet. „Als letzten legt er sich die Schlange mit eigener Hand an die Brust, der Liebende, der unbegreiflich Kühne.“(P. Schütz, ebda.)Weniger dramatisch: „Es ist, als wenn Jesus sein eigenes Scheitern in die Berufung der Zwölf mit aufgenommen hätte.“(E. Drewermann, aaO. S. 310)

 Wir müssen uns eingestehen: das Judas ihn verriet, ihn auslieferte – so das griechische  παρδωκεν – weiß Markus nur, weil er den Ausgang der Erzählung schon kennt. Es ist Vorsicht geboten, aus dieser Wendung heraus zu lesen: so war es von allem Anfang an bestimmt.

Zum Weiterdenken

Es ist so leicht, über diese Liste der jünger hinwegzulesen, sie einfach nur als historische Notiz wahrzunehmen. Das ist der Kreis, der namentlich genannt wird und der für den größeren Kreis derer steht, die Jesus um sich gesammelt hat. sie stehen für die ganze Gemeinde. Aber es ist doch wichtig, wahrzunehmen: hier werden Menschen, nur Männer, in  den Kreis der Repräsentanten gerufen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. ein Felsenmann, Donnerer, die dazwischenhauen, ein Dolchmann – so das Wurzelwort Sikarier für Iskariot, und manche, die auf den ersten Blick nur Mitläufer sind, weil wir nichts von ihnen wissen. Aus anderen Evangelien wissen wir, dass ein Thomas ein Skeptiker ist, ein Andreas ein Brückenbauer,  Philippus ein Fragensteller.  Es ist ein bunter Haufen – Vorbild und Vorwegnahme der heutigen Buntheit unter den Christ*innen. Gut, dass für so viele und so verschiedene Platz ist, auch im engsten Kreis der Zwölf.

Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn,                                  Sorgen, Freuden, Kräfte teilen und auf einem Wege gehn.                                       Gut, dass wir nicht uns nur haben, dass der Kreis sich niemals schließt                  und dass Gott, von dem wir reden, hier in unsrer Mitte ist. 

Keiner, der nur immer redet; keiner, der nur immer hört.                                        Jedes Schweigen, jedes Hören, jedes Wort hat seinen Wert.                                      Keiner widerspricht nur immer; keiner passt sich immer an.                                   Und wir lernen, wie man streiten und sich dennoch lieben kann 

Gut, dass wir einander haben…

 Keiner, der nur immer jubelt; keiner, der nur immer weint.                                         Oft schon hat uns Gott in unsrer Freude, unserm Schmerz vereint.                         Keiner trägt nur immer andre; keiner ist nur immer Last,                                      Jedem wurde schon geholfen; jeder hat schon angefaßt. 

Gut, dass wir einander haben… 

Keiner ist nur immer schwach, und keiner hat für alles Kraft.                                      Jeder kann mit Gottes Gaben das tun, was kein andrer schafft.                                    Keiner, der noch alles braucht, und keiner, der schon alles hat.                                      Jeder lebt von allen andern; jeder macht die andern satt.                                                  M.Siebald, CD Worte wie Brot 1994

 

Jesus, Du rufst wen Du willst. Du rufst zum Leben mit Dir, zum Bleiben bei Dir und dann auch zum Handeln wie Du, wie es Deinem Weg entspricht.

Ich danke Dir, dass Du mich gerufen hast, Deine Hand auf mich gelegt hast schon in meiner Taufe, als ich Dir noch nichts zu bieten hatte, auch nicht Glauben und Liebe, auch nicht Gehorsam und Treue.

Du rufst und wir dürfen kommen. Du wirst weiter rufen und erwählen bis ans Ende der Zeit. Amen