Der umdrängte Jesus

Markus 3, 7 – 12

7 Aber Jesus entwich mit seinen Jüngern an das Meer und eine große Menge aus Galiläa folgte ihm; auch aus Judäa 8 und Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Umgebung von Tyrus und Sidon kam eine große Menge zu ihm, da sie von seinen Taten hörten .

Haben sich die mörderischen Planungen bis zu Jesus herumgesprochen? Das Wort  entwich deutet darauf hin, dass Jesus sich bewusst diesen Plänen entzieht.  Aber sein Entziehen ist kein Verschwinden in die Einsamkeit, sondern an das Meer. Aus allen Himmelsrichtungen kommen sie zu ihm, eine große Menge aus Galiläa, aus Judäa und Jerusalem, aus Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Umgebung von Tyrus und Sidon. Eine bunte Mischung der Regionen – jüdisches Kernland, jüdische Provinz und Gegenden, die als heidnisch gelten. „Betont wird, dass Jesu Ruf grenzüberschreitend wirkt.“(W. Klaiber, aaO. S. 76) So krass kann auseinanderlaufen, was die „da oben“ denken und wie das Volk „da unten“ sich verhält. 

Was die Leute kommen lässt: Was sie von Jesus hören. Von seinen Taten. Es ist das Gerücht, was man sich über ihn erzählt. Es sind wohl, ohne dass das so gesagt wird, die Wunder, größer als beim Täufer,  die sie anlocken.

  9 Und er sagte zu seinen Jüngern, sie sollten ihm ein Boot bereithalten, damit das Volk ihn nicht bedränge. 10 Denn er heilte viele, sodass sie  über ihn herfielen, damit ihn anrührten alle, die geplagt waren.

             So viele sind es, die da am See zusammenkommen, dass Jesus Abstand braucht. Dafür sollen die Jünger sorgen. „Das Boot soll ihn als letzte Zuflucht vor der ihn bedrängenden Volksmasse schützen.“(J. Gnilka, , aaO.; S. 135) θλβωσιν steht da – sie bedrängten. Das gleiche Wort als Substantiv, θλίψις spielt eine große Rolle im Neuen Testament: Christenleben bewährt sich in der „Bedrängnis, der Trübsal, der Enge.“ 

Dass die Leute so um Jesus drängen, auf ihn eindrängen, hindert ihn nicht, viele zu heilen. Das Resultat dieses Heilens aber macht seine Bitte an die Jünger um ein Boot als Rückzugsort umso einleuchtender. „Die Leute stürzen sich auf ihn, fallen ihn geradezu an.“(W. Grundmann, aaO. S. 100) Nur berühren, nur anfassen – was für ein seltsamer Wunderglaube! Jesus hat „Star-Status“, Einen Status, den er nie wollte, dem er immer ausweicht und den er zurückweist. Wie verständlich, auch für uns heute: Es ist zum Angst bekommen in einer Menge, aus der tausend Hände nach einem greifen.

11 Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn! 12 Und er bedrohte sie hart, dass sie ihn nicht offenbar machten.

             Neben den Kranken stehen andere, von unreinen Geistern besetzt, besessen. Während die Kranken gewissermaßen handgreiflich, aber stumm geschildert werden, erheben die anderen lautes Geschrei. Sie fallen vor ihm nieder – „unterwerfen sich Jesus und anerkennen seine Vollmacht – vielleicht um so verschont zu werden.“(W. Klaiber aaO. S. 77) Markus vermeidet für dieses Niederfallen das Wort, das er sonst für ein anbetendes Niederfallen verwendet. Es ist eine Unterwerfung, die zwar die Wahrheit herausschreit: Du bist Gottes Sohn! Aber es ist ein Schreien ohne Vertrauen, ohne Glauben.

„Was anders sind „Dämonen“ als Geister und Gedanken, die Gott zu dienen meinen, indem sie nur zerstören und verwüsten können, was im Menschen leben möchte.“(E. Drewermann, aaO. S. 294) diese Dämonen suchen nicht Halt und Zuflucht bei Jesus – sie wollen sich in ihrem Eigenleben durch das vorgeführte „Bekenntnis“ von ihm abschirmen. Jesus aber will,  dass Menschen frei und unbesetzt leben können. Darum ist die Antwort Jesu auch: er bedroht sie. Er gebietet ihnen streng: Still! Seltsam: die Dämonen rufen die Wahrheit aus und werden doch zum Schweigen verdonnert. „Das „Messsiasgeheimnis“ ist so etwas wie ein offenes Geheimnis. Leser und Leserinnen des Evangeliums sollen erfahren, dass die Mächte des Bösen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Aber sie sollen auch erkennen, dass dieses Wissen noch kein echtes Bekenntnis zu Jesus, dem Sohn Gottes sein kann.“(W. Klaiber, ebda.) Es ist noch ein weiter Weg bis zu der vollen Christus-Erkenntnis und dem wahren Christus-Bekenntnis.   

 Zum Weiterdenken

Es ist nicht mit den richtigen Sätzen getan. Es ist nicht mit dem korrekt gesprochenen Glaubensbekenntnis, mit dem unfallfrei aufgesagten Vaterunser getan. Auch nicht mit dem Ja zu den Bekenntnisschriften. Es geht um mehr – um die Hingabe des eigenen Lebens, um das Anvertrauen der eigenen Angst, um das Loslassen der eigenen Sicherungs-Systeme. Das ist der erste Schritt: Ich kann das Leben nicht alleine meistern. Ich bin angewiesen. Auf Menschen, auf Hilfe, auf den Gott, der hilft. Jeschua.

 

Jesus, ich falle nicht über Dich her. Ich stürze mich nicht auf Dich, um bei Dir Hilfe zu suchen. So zudringlich, aufdringlich will ich nicht sein.Ich weiß, ich bin ja nur einer unter vielen, die Deine Hilfe brauchen,  Zuflucht bei Dir suchen, die Dir ihre innere Not der Seele hinhalten.

Ich will es glauben, dass Du Dir das gefallen lässt, das Rufen nach Dir, das Suchen nach Deiner Hilfe, den stummen Schrei und die leere Hand. So komme ich zu Dir, alle Tage wieder. Amen