Was geht am Sabbat?

Markus 3, 1 – 6

1 Und er ging abermals in die Synagoge.

Es bleibt dabei: Die Synagoge ist sein Ort. So wie das Ufer am See, so wie der Weg durch das Kornfeld, so wie die Kranken, unter die er tritt. πλιν. Abermals. Erneut. Wiederum. „Das „wieder“ zeichnet die Gewohnheit Jesu, regelmäßig die Synagoge zu besuchen.“ (W. Grundmann, aaO. S. 95) Wo sonst soll ein Mensch, erst recht der Menschensohn, denn am Sabbat sein, wenn nicht in der Synagoge?

Es ist bei uns aus der Mode gekommen, sonntags den Weg in die Kirche zu suchen. Wir brauchen das nicht, jeden Sonntag. Wir gehen bei Gelegenheit. Oder je nach empfundenen Bedürfnis. Aber die Gelegenheit und das Bedürfnis ergibt sich halt nicht so oft. „Dass mir etwas gefehlt hat, das habe ich erst hinterher gemerkt, als ich wieder gegangen bin.“ Dieser Satz einer früheren Konfirmandin hat mich nachdenklich gemacht.

Jesus also ist ein Wiederholungstäter.

 Und es war da ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. 2 Und sie gaben acht, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn verklagen könnten.

             Dort, in der Synagoge ist unter den vielen auch einer mit einer verdorrten Hand. Ein Mensch. Gleich dreimal in den wenigen Sätzen dieser Erzählung des Markus taucht dieses Wort auf: ein Mensch. νθρωπος. Viel deutlicher kann es nicht signalisiert werden: In dieser Geschichte geht es um einen Menschen. Und nicht um ein Prinzip.

Dieser Mensch hat eine verdorrte Hand. Muskelschwund. Es gibt in einem apokryphen Evangelium einen Text, der berichtet, was Markus nicht sagt, der „weiß“, was dieser Mann zu Jesus gesagt haben könnte: „Ich war ein Bauhandwerker, mit meinen Händen verdiente ich meinen Lebensunterhalt. Ich bitte dich, Jesus, stelle mir meine Gesundheit wieder her, damit ich nicht in Schimpf (des Bettlers) meine Speisen essen muss.(zit. Nach W. Grundmann, aaO. S. 95f) Wie verständlich ist das: ich will niemand zur Last fallen. Markus aber schweigt darüber, vielleicht, weil es ihm nicht wesentlich erscheint, ob der so gehandicapte voll Vertrauen zu Jesus spricht. Er erzählt nichts von einem Vertrauen dieses Mannes auf die Heilungskraft Jesu, so wie er auch nichts vom Vertrauen des Gelähmten, der durchs Dach zu Jesus gebracht worden ist, erzählt hat. Markus vermeidet es regelrecht, dieses Anfangsvertrauen eines Menschen zur Voraussetzung für das Handeln Jesu darzustellen. Seine Aufmerksamkeit gilt anderem. Darum lenkt er auch unsere Aufmerksamkeit auf anderes. Auf ihn, Jesus.

In der Synagoge sind mehr Leute als Jesus und der Mann mit der Hand-Lähmung. Gottesdienst-Besucher am Sabbat. Aber es ist merkwürdig verhalten: Sie aber – wer sind diese sie? Man erfährt erst zum Schluss – sie geben acht.  παρετήρουν  „Sie ließen Jesus nicht aus den Augen.“(K. Berger/C. Nord, aaO. S. 399) Sie liegen auf der Wacht. Sie sind Hüter der öffentlichen Ordnung. Die Hüter der religiösen Regeln. Die Hüter der kirchlichen Sitte. Diese Lauernden finden seitdem unermüdlich und unerschöpflich Nachahmende.

Die so lauern, sind auf Anklagepunkte aus. Gegen Jesus. Und sie rechnen in ihrem Lauern damit, dass er es nicht lassen kann, am Sabbat zu heilen. Und, merkwürdig genug: sie haben offenkundig keinen Zweifel daran, dass er es kann – Heilen.

  3 Und er sprach zu dem Menschen mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt in die Mitte!

Jesus holt den Menschen aus der Ecke. In die Mitte. Heraus aus dem Schatten, weg vom Rand, heraus aus der Verborgenheit, „Die Aufmerksamkeit aller Betroffenen richtet sich jetzt auf diesen Mittelpunkt.“ (J. Gnilka, aaO. S. 127) Um ihn wird es gehen. Um seine Hand. Das darf nicht aus den Augen und aus dem Sinn geraten, auch nicht durch den Wortwechsel der folgt.  

Mir geht durch den Kopf: wie muss das sein für einen, der nie beachtet worden ist, immer übersehen worden ist, wenn er so plötzlich in die Mitte gerufen wird. Aus der Ecke, in die er sich vielleicht selbst zurückgezogen hat, weil er sich abgehängt fühlt, an die Seite gedrängt. Und jetzt plötzlich: Nach Vorne. Vor aller Augen. Unübersehbar. Mit seiner verdorrten Hand, seinem Makel, der ihm anhaftet. Mit dem er sich abschleppt. Ob er sich als Gegenstand einer Diskussion nicht missbraucht fühlt, einmal mehr nur Objekt und nicht Subjekt seines eigenen Lebens?  

  4 Und er sprach zu ihnen: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes tun oder Böses tun, Leben retten oder töten?

             Wieder einmal stellt Jesus seinen Gesprächspartnern Fragen. Denen, die ihn belauern, gibt er eine Chance, Antworten zu finden. Menschliche Antworten, nicht nur gesetzliche Auskünfte. „Wozu ist der Gottestag da?Die Seele zu erhalten oder zu töten? Seele, sagt Christus und sieht dabei auf den emporgehobenen Gliederstumpf. Denn er sieht den Menschen ganz. Da ist alles eins. Er sieht den Leib und sagt: Seele! Er sieht die Seele und sagt: Leib. Noch einmal: Was ziemt sich für den Gottestag? Dass der Tod darin herrsche? Oder das Leben?“(P. Schütz, aaO. S. 240) Gutes oder Böses, Leben oder Töten? Dazwischen gibt es nichts.

So fragt Jesus und wartet. Auf Antwort. Sieht sie an und wartet.

  Sie aber schwiegen still. 5 Und er sah sie ringsum an mit Zorn, betrübt über ihr erstarrtes Herz und sprach zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und seine Hand wurde wieder gesund.

Es kommt aber nur Schweigen. Ein Schweigen, das sich verweigert. Ein Schweigen, das sich nicht entschließen kann, das Leben zu wählen.

Die Reaktion Jesu auf ihr Schweigen: Zorn. Und Betrübnis. συλλυπομενος  – Sich zu Herzen nehmen. Es geht ihm nahe, dass sie so verhärtete Herzen haben. Dass sie so gefangen sind in ihrem Denken, in ihrer festgelegten Sicht. Fast könnte man fragen:Sind nicht in Wahrheit sie die Kranken? Sie mit ihren verkümmerten Herzen? Die nicht herausfinden aus dieser Lauerhaltung. „Die Verstocktheit des Herzens, des Organs, das den Menschen zum Glauben befähigt, ist höchster Ausdruck des Unglaubens.“(J. Gnilka, aaO. S. 128) Und es ist zugleich Hinweis: Sie sind in ihrer Verstocktheit genauso auf Heilung angewiesen wie der Mensch mit der verdorrten Hand. 

       Ihm wendet sich Jesus zu – mit seinem Befehlswort: Strecke deine Hand aus! Und er gehorcht und ist geheilt. Wieder hergestellt. Das griechische Wort, das Markus verwendet, πεκατεστθη wird gebraucht, um die „Wiederherstellung aller Dinge“, ποκαταστσις πντων am Ende der Zeiten zu beschreiben. (Apostelgeschichte 3,21) Das könnte heißen: Das Heil, das am Ende der Zeiten sein wird, das hat hier an diesem Menschen schon sein sichtbares Vorspiel.

Einmal mehr: Das, was man Glauben, Vertrauen auf der Seite des Mannes nennen könnte, verbirgt sich in der Erzählung. Verbirgt sich darin, dass er tut, was er geheißen wird. Dass er dem Befehlswort Jesu gehorcht. Von daher kann man vielleicht auch sagen: Glauben, Vertrauen zeigt sich im Tun.

6 Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern des Herodes, dass sie ihn umbrächten.

Es wird keine Reaktion der Anwesenden berichtet. Kein Staunen, kein Entsetzen. Es fällt auf: Jetzt erst erfährt man, wer da noch mit in der Synagoge war, wer auf der Lauer lag, wer Antworten verweigert hat. Nur noch die Pharisäer sind im Blick und ihr Planen: Sie verlassen die Synagoge und werden außerhalb aktiv. Sie initiieren eine Versammlung, um zu beratschlagen, wie sie diesem Jesus-Spuk ein Ende machen können. Zusammen mit der Herodes-Leuten. Einen Rat halten – heißt: Pläne schmieden. Nicht mehr das „Ob“ ist eine Frage, sondern nur noch das „Wie“. Soweit sind die mörderischen Pläne schon gediehen.

Zum Weiterdenken

Es ist aufregend: das geschieht am Sabbat, an dem Tag,  der dem Leben dienen soll. An dem Gott, Liebhaber des Lebens geehrt werden soll. Es geschieht an dem Tag, der seit mehr als vierhundert Jahren das Erkennungsmerkmal von Juden ist: Juden halten den Sabbat, arbeiten nichts – die Heiden dagegen kennen keinen Sabbat. So verhärtet sind ihre Herzen, so verfangen, dass sie nicht spüren, wie sie am Tag des Lebens das Geschäft des Todes betreiben. Nur: Sind sie irgendwie anders als normale Leute? „Wir brauchen statt des Sabbats nur irgendeine tabuisierte Gesetzesbestimmung unserer Zeit zu nehmen, und  alsbald werden wir merken, wie leicht es ist, aus Gewohnheit, Denkfaulheit und Angst allen möglichen ideologischen Fixierungen aufzusitzen.“(E. Drewermann, aaO. S. 281)Man könnte einmal  versuchsweise die Frage Jesu in unsere Zeit transformieren: was ist wichtiger, freitags die 6. Stunde zu verdösen oder für eine Klimawende einzutreten?

            „Einst unterhielten sich drei chassidische Juden, welcher Rabbi der größte sei.  „Mein Rabbi“, erklärte der erste, „denn er heilte ein krankes Mädchen.“ „Nein, mein Rabbi, behauptete der zweite, „er vermehrte Brot, als das Volk hungerte.“ „Nein, sagt der dritte,“ hört das größte Wunder. Wir fuhren an einem Freitag von Lublin nach Lodz, als der Zug in eine Schneewehe geriet und die Gleise erst freigeschaufelt werden konnten, als fast schon der Sabbat anbrach. Kein Rad mehr durfte sich bewegen. Doch die Frauen froren und die Kinder wimmerten vor Hunger. Was tat da unser Rabbi? Er segnete uns alle, und dann – was soll ich sagen? Links stand der Sabbat und rechts stand der Sabbat, aber mitten dadurch führ der Zug.“(S. Landmann, Der jüdische Witz. München 1963, S. 98)  

 

Jesus, Ich will mich freuen an allem, was Gutes geschieht, was dem Leben dient, was Menschen auf die Beine hilft. Ich will Dich am Werk sehen, auch wenn manchmal Grenzen durchbrochen werden, die ich für lebenswichtig gehalten habe.

Ich will Dich am Werk sehen in Deiner unbedingten Liebe, auch da, wo sie mir fremd vorkommt, nicht angebracht, nicht regelkonform, wo sie mir erschreckend weit ist. Bewahre Du mein Herz davor zu erstarren aus Angst, hart zu werden. Schenke Du mir ein weiches Herz. Amen