Unbesorgt, weil Er da ist

Markus 2, 23 – 28

 23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.

             Jetzt ist wieder konkrete Zeit im Blick, wenn auch ohne geographisch klare Zuordnung. Am Sabbat führt der Weg Jesu und seiner Jünger durch ein Kornfeld. Es liegt nahe, anders zu lesen: an einem Kornfeld entlang. Es mag Hunger sein, oder schlicht gedankenverlorenes Tun: die Jünger rupfen Ähren aus. Wenn es Hunger ist, so ist das kein verbotenes Handeln: „Den Hunger zu stillen erlaubt die alttestamentliche Sozialgesetzgebung ausdrücklich.“(W. Klaiber aaO. S. 68) Das Problem entsteht durch den Zeitpunkt: Am Sabbat.  Oder noch einmal anders, es entsteht durch die und nur für die, die die Jünger beobachten.

 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?

             Woher die Pharisäer kommen, ist völlig unklar, auch nicht wichtig. Vielleicht sind sie mit auf dem Weg? Aber sie sehen, was sie sehen: Männer, die am Sabbat „arbeiten“! Noch dazu: Jesu Jünger. Jünger des Mannes, der das nahe Gottesreich ansagt. Das passt doch nicht zusammen – Gottes Nähe und der Verstoß gegen das heilige Sabbat-Gebot. Dass sie sich an Jesus wenden zeigt: Er wird verantwortlich gemacht für seine Jünger. Er hat zu haften für das, was seine Jünger tun. Was seine Jünger tun, fällt auf ihn zurück.

Man kann auch so sagen: Die Pharisäer sehen die Einheit zwischen Jesus und den Jüngern. Jesus wird später, positiv gewendet, sagen: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“(10,40) Von daher sind die Pharisäer mit ihrem Fragen an der richtigen Adresse. Sie machen Ernst mit der Einheit von Lehrer und Schüler, Meister und Jünger, Herr und Knecht.

25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?

        Ob diese Antwort sie zufrieden stellt? Es ist eine ausgesprochen an den Fragestellern orientierte Argumentationsweise – schriftgelehrt und auf ihre Hebräische Bibel gegründet. Der Bezugspunkt ist die Freiheit Davids. Er hat um der Not, willen, der eigenen und der seiner Gefährten, das Recht gebrochen. „Alle Lebensgefahr verdrängt den Sabbat.“(J. Gnilka, aaO. S. 121)

             Nur: hier ist keine Lebensgefahr. Die Jünger sind nicht auf der Flucht. Von Bedrohung durch Feinde kann keine Rede sein. Darum liegt der Vergleichspunkt wohl auch nicht auf der Not, die David zum Handeln bringt. Sondern hier werden David und der Davidssohn Jesus verglichen. „Wie David als Mann Gottes zu diesem freien Handeln autorisiert war, so kann Jesus die Freiheit geben, die sich im Essen der Jünger ausdrückt.“(J. Gnilka, aaO. S. 122) Oder anders gesagt: Hier ist einer, der ist größer als David.

 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

             Dass es darauf hinausläuft, zeigen diese so grundsätzlichen Worte. Ein regelrechte Lehrformel für den Unterricht in Sachen christlicher Glaube. Das ist der Zielpunkt: So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat. Das ist der Anspruch Jesu. „Sechs Tage sollst du arbeiten; der siebente Tag aber ist ein feierlicher Sabbat, heilige Versammlung. Keine Arbeit sollt ihr an ihm tun; denn es ist ein Sabbat für den HERRN, überall, wo ihr wohnt.“(3. Mose 23,3)

Es ist sein Wort, das den Sabbat deutet: Der Sabbat für die Menschen, nicht die Menschen für den Sabbat. Dabei gilt: der Sabbat wird nicht aufgelöst, nicht vergleichgültigt gegenüber den anderen Tagen. Er verschwindet nicht als der eine besondere Tag unter den anderen, so wie der Sonntag bei uns erst ins Wochenende verschwunden ist und jetzt immer mehr ausgehöhlt wird. Aber der Sabbat wird durch das Wort Jesu deutlich definiert: „Der Sabbat ist Gabe des Schöpfers an den Menschen und darum dazu bestimmt, alles zu fördern, was dem Wohl von Menschen dient.“(W. Klaiber, aaO. S. 69)

 Mag sein, es ist ein fast „erschreckend freier Satz“.(E. Schweitzer, aaO. S. 39) Aber er macht deutlich, was auf dem Spiel steht – oder anders gesagt: Er führt hin zu der Frage, wie man ihn sieht, der solche Sätze sagt: Der Sabbat „blieb der Gottestag – und doch war er ein anderer geworden. Er war von innen her anders geworden durch das Brot, das Christus am Sabbattage vom Acker genommen hatte. Er war von innen her anders geworden. Von dem her, was Christus in sein Gefäß hineintat, mit dem er es füllte. Brot der Liebe!… Ein herrscherlicher Mensch war aufgestanden, dessen Tun entweder die Vermessenheit eines Wahnsinnigen oder – das göttliche Tun selbst war.“(P. Schütz, aaO. S. 238) Jetzt tritt Jesus als der Herr des Sabbats auf. Sein Auslegen des Sabbats tritt gleichwertig neben Gottes Stiften des Sabbats.

Es scheint, dass das der Zielpunkt der ganze Passage ist: Jesus ist der Menschensohn, der Herr ist. Auch über den Sabbat. Auch über das heilige Regelwerk, das Israel mit dem Sabbat ein Identitätsmerkmal gegeben hat: Wir sind die, die den Sabbat achten. Jesus ist solchen Regelungen gegenüber frei. Er befolgt sie nur solange, wie sie dem Leben dienen und der Güte Gottes entsprechen.  Es ist eine Freiheit, die aus seiner Bindung entsteht. Ganz an Gott gebunden lebt er in der Freiheit dessen, der von seiner Gottesgewissheit geführt wird.

Zum Weiterdenken

Ich sehe in dieser Passage einen einigermaßen entspannten Jesus: Weil für ihn die Grundentscheidung klar ist. Der freie Tag des Sabbat ist kein Machtinstrument, sondern ein Zeichen der Freiheit. Menschen dürfen aufatmen, die Arbeit hat Pause. Der Sabbat in der Zeit ist Erinnerung und Vorspiel zugleich. Erinnerung an die Ruhe Gottes am siebten Tag der Schöpfung, an sein Wohlgefallen an dem, was er da geschaffen hat. Vorspiel für die Ruhe, die Freude, das Fest in der Ewigkeit Gottes. Beides aber, Erinnerung und Vorspiel wird verspielt, wenn man den Sabbat in das Regelwerk unserer Verbotskultur einzwängt. Zwang verträgt sich nicht mit der Ruhe Gottes.

Bei uns heute geht es nicht mehr um heilige Regeln. Obwohl auch heute noch oft genug die Regeln so hochgehalten werden, dass sie wichtiger erscheinen als die Menschen. Es ist noch nicht so lange her, dass die Kirchen peinlich genau zu regeln versucht haben, was die Sonntagsruhe erlaubt und was die Ruhe stört Und das Tanzverbot am Karfreitag feiert alle Jahre wieder fröhliche Debatten-Wiederkehr. Als ob auch nur einer mehr in die Kirche ginge, wenn dieses Verbot aufrecht erhalten wird. Es ist nur ein Ärgernis für die, die den Kirchen ohnehin Machtspiele unterstellen. Wer nicht an Christus glaubt, der soll doch getrost am Karfreitag tanzen gehen. Wer ihn als seinen Erlöser glaubt, wird wissen, wie er den Karfreitag zu begehen hat.

 Aber wir Christen glauben nicht mehr, dass uns die Einhaltung heiliger Regeln mit Gott eint. Sondern dass Gott sich mit uns geeint hat in dem Menschensohn. Was mich im Nachhinein erschreckt: Wie oft habe ich, ähnlich wie die Pharisäer, versucht, dieses große Geschenk durch kleinliche Regeln zu schützen.

 

Wann endlich werde ich es lernen? Bei Dir ist Freiheit. Bei Dir ist Ruhe. Bei Dir ist Aufatmen. Es sitzt so tief in mir drin, mein Herr und Heiland, dass es Gebote gibt, Regeln zu beachten sind, dass Übertretungen schlimm sind, uns den Weg zu Dir verschließen und uns Dir entfremden.

Aber Du willst, dass wir anders leben, unbesorgt, die Gaben Deiner Güte wie Kinder empfangen und ganz sicher sind, dass uns nichts von Dir trennen darf, dass alles gut ist, was wir dankbar aus Deinen Händen nehmen. Lehre Du mich neu die Dankbarkeit,die sich die leeren Hände füllen lässt. Amen