Von der Freude

Markus 2, 18 – 22

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?

             Der Satzanfang schwebt ein wenig. Es fehlen Angaben zu Zeit und Ort. Aber er gewährt so einen Einblick in die allgemeine religiöse Praxis der Zeit. Fasten ist angesagt. Bei so unterschiedlichen Gruppen wie den Jüngern des Täufers Johannes und den Pharisäern. Es geht um freiwillige „Sonderleistungen“. „Fasten war nur am Versöhnungstag oder in besonderen Notzeiten gefordert; doch übernahmen gewisse Gruppen es freiwillig.“(E. Schweitzer, aaO.  S 37)

             So weit so gut. Aber offensichtlich gibt es einen Konflikt: Die Jesus-Jünger fasten nicht!

Das wäre an sich nicht schlimm. Aber es scheint so, dass ihr Nicht-Fasten die anderen mit ihrem Fasten in Frage stellt. Dass sie mit ihrer Nicht-Praxis an dieser Stelle aus der Reihe tanzen. Weil sie sich so in Frage gestellt fühlen, stellen die, die Jesus nach dem Verhalten seiner Jünger fragen, deren Nicht-Fasten in Frage.

Was steht auf dem Spiel – für die Fragenden? Sind es Pharisäer oder doch Johannes-Jünger? Beides ist  ja denkbar, weil die Jesus-Jünger oofensichtlich beide Gruppen irritieren. „Die Welt des Täufers ist – wie die Menschenwelt schlechthin – Welt, die besteht durch das Gesetz…. Der Fastende ist der vom Gesetz Gezeichnete. Es fastet der Gläubige der Gesetzesreligion. Fastend bekennt er sich zu ihr. …Im Fasten wird die Unterwerfung unter das Gesetz geübt bis hinab in die Triebsphäre.“(P. Schütz, aaO; S. 231f.) Es geht um den Zugang zu Gott, der nicht anders möglich ist als durch Verzicht, durch Fasten, durch äußere und innere Reinigung. Durch Unterwerfung unter das Gebot.  

 19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.

            Dieser Sicht tritt Jesus entgegen. Mit einem in sich schlüssigen Argument: Bei einer Hochzeit gibt es kein Fasten. Was wären das für Hochzeitsgäste, die durch ihr Fasten beim Fest den Bräutigam brüskieren! Die ihm beim Festmahl zu verstehen geben würden: Wir fasten, um uns für dich vorzubereiten. Dabei gilt doch: Er hat sie eingeladen. Er hat ihnen sein Fest geöffnet. Sie sitzen an seiner Festtafel. Und dann bei jedem Angebot: Nein Danke!? Es ist die Gegenwart Christi, die alle Versuche überholt, sich Gott zu nähern, sich für Gott bereit zu machen. Er hat sich doch zu uns auf den Weg gemacht.

Paul Gerhardt hat es in seinem Advents-Lied auf den Punkt gebracht, was Jesus hier antwortet:

Ihr dürft euch nicht bemühen noch sorgen Tag und Nacht,
wie ihr ihn wollet ziehen mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust,
all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.                                                                                        P. Gerhardt 1653, EG 11

Es ist in sich geradezu widersinnig, eine Gegenwart erzwingen zu wollen, die geschenkt wird. Jesus überholt die Mühe des Fasten durch sein Da-Sein. Das Himmelreich muss nicht  herbei gefastet werden – es ist in ihm schon präsent. Oder, anders gesagt: „Gott schenkt den Menschen seine Gnade, die sich der Mensch in keiner Weise erwerben kann; drum ist Umkehr Glaube und nicht Buß- oder Reueleistung.“ (W. Grundmann, aaO.; S. 86)

             Nur – so schlüssig das Bild von der Hochzeit in sich ist, es bleibt eine Zumutung. Sollen sie, die Fragenden, in ihm den Bräutigam sehen – aber wer ist die Braut? Wo ist die Hochzeit? Sie sehen doch nur einen vor sich, der keinerlei Anstalten macht, wie es sich für einen jüdischen jungen Mann gehört, sich um eine Frau zu mühen. Was also soll diese Rede?

 20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

             Es wirkt wie ein Ausblick in eine ferne Zukunft. Vielleicht aber ist es zugleich eine Erklärung, warum die Christengemeinden nach Ostern doch auch wieder fasten. Die Hochzeit dauert nicht ewig. An jenem Tag, wenn der Bräutigam von ihnen genommen wird – das wirkt wie eine versteckte Anspielung auf den Karfreitag. Und da haben die ersten Christen wieder gefastet  im Gedenken an das Sterben Jesu.  Aber dieses Fasten ist kein Versuch, sich Gott näher zu bringen. Es ist „nur“ ein Erinnern an ihn, der sein Leben losgelassen hat.

 21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger. 22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.

Jesus verlässt das Bildwort von der Hochzeit und wechselt zu einem anderen Bild. In die Werkstatt eines Schneiders oder in das Tun einer Hausfrau. Wie auch immer – es geht um die Frage, wie alte Kleider und neue Lappen zueinander passen. Ein Problem, das in einer Gesellschaft, die nicht einfach wegwirft, was beschädigt ist, gang und gäbe ist. Direkt daneben der Blick in die Arbeit des Winzers: Kann man die Schläuche der vergangenen Jahre noch für den neuen Wein verwenden? Wenn der junge Wein ins Gären kommt, wird er doch die alten Schläuche zerreißen. Das ist nicht böser Wille. Das ist eher „Gesetzmäßigkeit“, wie sie jeder Winzer kennt.

             Zwei Worte, die beide das Gleiche zum Ausdruck bringen: Es ist nicht möglich, ein neues Verstehen des Glaubens in die alten Formen und Praktiken einzuspeisen. Wer die alten Formen behalten will, verliert den neuen Glauben.  Und umgekehrt; der neue Glaube wird die alten Formen sprengen.

Jesus wählt seine Worte mit Bedacht. Vom Wein spricht er als dem Getränk der Freude, die Getränk der Hochzeit. Der neue Wein ist das Symbol der Heilszeit – für manchen Christenmenschen wird das hörbar, wird es zum Schmecken im Abendmahl: „Nimm und trinkt vom Kelch des Heils.“ so die Spendeformel zum gereichten Kelch. „Das Neue, das Jesus gebracht hat, ist Gottes nahe gekommenes Heil.“(W. Klaiber, aaO.  S. 67) Es sprengt die alten Formen. Es macht sie im wahrsten Sinn des Wortes über-flüssig. Sie können diese neue Wahrheit nicht mehr aufnehmen und bewahren.

Zum Weiterdenken

Von der Freude redet Jesus, nicht von der Anstrengung. Vom Fest und nicht von der Arbeit. Vom Glück seiner Gegenwart. Die Worte Jesu atmen eine Leichtigkeit, die Sehnsucht weckt in einer Welt, die so oft nur die Arbeit zu kennen scheint. Das Fest allenfalls als Belohnung für durchgestandene Mühen. Bei Jesus scheint die Reihenfolge vertauscht: Zuerst das Fest, zuerst die Freude! Ob eine feiernde Kirche nicht doch anziehender für so manche Distanzierten wäre als eine, die immer nur von der Arbeit zu reden weiß?

 

Du, mein Gott, hast alle unsere frommen Anstrengungen überholt. Du kommst uns zuvor, kommst uns entgegen. Du gibst  uns zu verstehen: Du nimmst alle Mühe auf Dich, damit wir bei Dir sind.

Du willst uns bei Deinem Fest, willst uns festlich, fröhlich, befreit, vergnügt und heiter. Gib Du doch, dass wir aus dem Glauben nicht eine so bitterernste Angelegenheit machen, sondern lernen: Du lädst uns ein zu Deinem Fest. Amen