Wem Jesus nahe kommt

Markus 2, 13 – 17

 13 Und er ging wieder hinaus an das Meer; und alles Volk kam zu ihm und er lehrte sie.

             Es ist, als wäre das Haus ihm zu eng, als brauchte es mehr Raum. So geht er an das Meer, genauer wohl: am Meer entlang. Es ist die gleiche Wendung παρ τν θλασσαν wie bei der ersten Jünger-Berufung. Auch da ging er „am Meer entlang.“(1,18)

Dort, am Meer lehrt er – das Volk, das zu ihm kommt. Spricht zu allem Volk, zu der ganzen Menge, die sich dort einfindet. Es ist nicht das letzte Mal, dass das Meer-Ufer zum Predigt-Ort Jesu wird: „Ob die Predigt am See eine für Jesus geltende Eigenheit war, mag dahin gestellt bleiben. Auf jeden Fall war das Land um den See sein bevorzugtes Wirkungsgebiet.“ (J. Gnilka, aaO.; S.105) Jesus beschränkt sein Lehren nicht auf heilige Orte. Er lehrt dort, wo die Menschen leben und sie finden ihn dort, wo er lehrt.

 14 Und als er vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach.

             Dort, am Meer, sieht er Levi. Einen Zöllner. „Zöllner waren zur Zeit Jesu keine angesehenen Staatsbeamten, sondern standen in einem schlechten Ruf. Das geringe Ansehen der Zöllner hing vor allem mit dem System zusammen.“(W. Klaiber, aaO.;S.61) Sie waren Steuereintreiber auf eigenes Risiko und suchten dieses Risiko zu mindern durch überhöhte Beträge, die sie einforderten. „Das Tor zu Missbrauch und Zügellosigkeit bestand darin, dass die Höhe der Zölle oft sehr unbestimmt war. Diese Unbestimmtheit machten sich habgierige Zöllner willkürlich zunutze.“ (J. Gnilka, aaO. S. 106)

 So einen ruft Jesus in seine Nachfolge, fordert ihn auf: Hinter mir her. Und er lässt sich rufen auf einen Weg, den er nicht weiß und kennt. Von einem, von dem er auch nicht sonderlich viel weiß und den er noch nicht wirklich kennen kann. „Warum verzichtet ein solcher Mann, dem das Leben noch Füßen liegt, auf Karriere, Wohlstand und Besitz, um sich einem heimatlosen Wanderprediger mit einer ungesicherten Existenz und einer gefahrvollen Zukunft anzuschließen“(E. Drewermann, aaO. S. 239) Kein Wort zu diesem Warum! Weil es die falsche Frage ist? Es mag pathetisch klingen, aber es öffnet die Augen über die schlichte Szene hinaus: „Der Weg aber hat die Kraft, dem Wanderer Einfalt zu verleihen allein darin, das sein Ziel das eine, ausschließlich letzte Ziel hinter allen Zielen ist. … Das aber verleiht der Weg, der nichts anderes als die Fußspur des Gottessohnes ist und der aufhört, ein Weg zu sein, einen Fußbreit jenseits dieser Fußspur Gottes.“(P. Schütz, aaO. S. 218)   

15 Und es begab sich, dass er zu Tisch saß in seinem Hause, da setzten sich viele Zöllner und Sünder zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern; denn es waren viele, und sie folgten ihm nach.

             Es muss das Haus des Levi sein, in dem sich viele Zöllner und Sünder versammeln. Zu einem Abschiedsfest für Levi? Es ist eine stattliche Menschenmenge beieinander Jesus und seine Jünger, viele. Und alle folgten ihm nach. Sie gehen mit ihm, hinter ihm her – in das Haus des Levi. κολοθέω – „folgen, nachfolgen, mitkommen, hinter einem hergehen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 26) Das Wort hat im Griechischen einen Alltagsklang – und gewinnt erst im Kontext des Glaubens eine tief gefüllte Bedeutung. Aber es ist nie ablösbar von dem konkreten Schritt für Schritt einen Weg auf sich nehmen, hinter einem her, der vorangeht.

Immerhin – zum ersten Mal werden hier im Markus-Evangelium die Leute um Jesus Jünger, μαθητας,  genannt und das in der Nähe dieses „Allerweltswortes“ nachfolgen 

16 Und als die Schriftgelehrten unter den Pharisäern sahen, dass er mit den Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Isst er mit den Zöllnern und Sündern?

             Es scheint, das Haus des Levi ist ein offenes Haus. Nicht vor fremden Blicken geschützt durch hohe Mauern oder blickdichte Zäune. So kommt es dazu, dass die ganze Versammlung gesehen wird – von außen. Von Schriftgelehrten unter den Pharisäern. Von Leuten, die den Umgang mit den Zöllnern und Sündern meiden – weil schon damals gilt: „Sage mir, mit dem du umgehst, dich abgibst und ich sage dir, wer du bist.“ Und Jesus geht nicht nur mit ihnen um. Er isst sogar mit ihnen. Mehr Gemeinschaft geht nicht.

Es ist eine seltsame Frage: Isst er mit den Zöllnern und Sündern? Das sehen sie doch! Was fragen sie da noch. Vielleicht aber steckt in der Frage ein irritiertes Staunen: Was macht er da? Weiß er, was er tut? So zu fragen ist heimlich Kritik äußern. Es mag typisch sein: Sie melden ihre Kritik an Jesus bei den Jüngern an, nicht direkt bei Jesus. Ihnen sagen sie: das geht doch gar nicht. Und man muss wohl mithören: „Einer, der die Nähe der Herrschaft Gottes verkündigt, kann doch nicht mit Leuten verkehren, die offensichtlich nicht Gottes Willen tun.“(W. Klaiber, aaO.; S. 63)

Sie mögen es gar nicht bemerken. Aber sie unterwerfen alle anderen ihrer Sicht der Dinge, auch ihrer Sicht des richtigen Glaubens: Wer nicht ihre Worte spricht, wer nicht nach ihren Regeln lebt, wer nicht ihre Werte teilt, der ist nicht richtig. Unmerklich machen sie sich selbst zum Maßstab – und finden bis heute viele, die es nicht merken, wie sie in ihren Fußspuren unterwegs sind. Wertend und urteilend und oft genug entwertend und verurteilend.

17 Da das Jesus hörte, sprach er zu ihnen: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

             Ihre Frage kommt, obwohl an die Jünger gerichtet, bei Jesus an. Und er beantwortet sie. Mit einem Wort, das nicht den Arzt in den Mittelpunkt stellt, sondern die Kranken in ihrer Bedürftigkeit. „Der Redende tritt hinter seinem Auftrag zurück. In seiner Annahme der Hilfsbedürftigen wird sichtbar, dass  das Reich Gottes anbricht.“(J. Gnilka, aaO. S. 109) Jetzt. Mit diesem Fest. Es ist nicht Zukunftsmusik vom St. Nimmerleinstag. Es geschieht hier und heute.

Prägnant bringt Jesus seinen Auftrag auf den Punkt: Ich bin gekommen – anderswo heißt es: ich bin gesandt. Das darf man mitlesen: Hinter seinem Kommen steht der ihn sendende Gott. Und dieses Kommen und Gesandt-Sein gilt den Sündern. Denen, die den Weg Gottes verfehlt haben, die sich selbst verfehlt haben, die sich in ihrem Tun verfangen haben.  Die nicht mehr wissen, wie sie den Weg zu Gott finden können und ob es sich überhaupt lohnt, ihn  zu suchen. Gerade die sucht er. „Für Jesus waren Umkehr und Buße nicht die von den Menschen zu leistende Vorbedingung für die heilvolle Nähe Gottes, sondern deren Konsequenz.“ (W. Klaiber aaO. S. 64) Das verstehen zu lernen: Die suchende Liebe Gottes geht allem anderen voraus, erst recht allem frommen Tun, ist bis heute die große Herausforderung. Nicht nur, aber auch innerhalb der kirchlichen Lebensbezirke.

Zum Weiterdenken

Es ist eine kleine Geschichte der Zuwendung. Unaufgeregt, irgendwie fast normal. Zuwendung zu denen, die nicht in der ersten Reihe sitzen oder stehen. Zu denen, die sich gefälligst mit ihren moralischen Defekten hinten anstellen sollen. Sie alle rückt Jesus in die erste Reihe – ganz nah, an seinem Tisch.

„Vorhang auf für alle, die im Schatten stehn,                                                                   die täglich irgendwo zu einer Arbeit gehen,                                                                     die sich nicht im Applaus der andern baden,                                                                  sondern hilflos durch das Leben waten                                                                              für den Vater, der vor Sorgen nicht mehr schlafen kann                                           – Bühne frei für die Mutter ohne Mann.                                                                                Bühne frei für alle, die wir übersehn.“                                                                                                C. Bittlinger, Jeder Mensch braucht einen Menschen Abakus 1983

Es wird wohl stimmen: „Kaum jemand von ihnen hätte gewusst, wie er sein Leben äußerlich hätte ändern sollen, aber dass er sich nicht mehr verstoßen vorkam, dies allein machte aus ihm einen anderen Menschen und verlieh seiner Seele. Flügel.“(E. Drewermann, aaO. S. 246) Nichts davon steht im Text – da steht nur, dass Jesus sich zu ihnen setzt und sich vor sie stellt. Sie brauchen mich. Für sie bin ich da.

 

Jesus, Du fragst nicht danach, was einer für eine Vergangenheit hat, ob eine unbescholten ist, durch frommes Verhalten qualifiziert. Du siehst Menschen mit ihren Wunden, mit dem Makel, mit den tausend ungelösten Fragen und sagst: Zu euch stelle ich mich. Zu euch komme ich. Zu euch, wie ihr seid.

Darum: Komm Du nun auch zu mir. Amen