Aufstand aus verlegenen Jahren

Markus 2, 1 – 12

1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

             Die Wanderung durch Galiläa scheint beendet. Es folgt eine Rückkehr nach Kapernaum. Es spricht sich herum: Er ist wieder da. Im Haus – das hört sich nach einem bekannten Treffpunkt an – vielleicht ist das Haus des Simon gemeint. Gesagt wird es aber nicht.

Obwohl er im Haus ist, verborgen, zurück gezogen, hat er Zulauf ohne Ende. Nicht einmal vor dem Haus ist noch Platz. „Die Menschen stehen bis hinaus auf die Straße.“(P. Schütz, aaO. S. 210) Und Jesus spricht, sagt ihnen das Wort – das klingt neutraler als „predigen“. Für das Wort steht da λγος. Das ist nicht irgendein x-beliebiges Wort. „Es ist das Wort, das die Menschen hören müssen und sollen.“(W. Klaiber, Das Markusevangelium, Neukirchen 2010, S. 56) Wenn er bei seiner Anfangspredigt bleibt, dann sagt er ihnen, dass das Himmelreich genaht ist.

Später wird die urchristliche Gemeinde mit dieser Wendung: das Wort reden ihre Christusverkündigung beschreiben, nicht zuletzt, weil das Johannes-Evangelium sie lehrt, dass Christus nicht nur das Wort sagt, sondern das Wort ist. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“( Johannes 1,14)

  3 Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

       Der Menschenauflauf mag so groß sein, wie er will. Er kann die Vier nicht aufhalten. Sie haben eine schwere Last. Einen Gelähmtenπαραλυτικός. Einen Paralytiker. Ob angeboren oder auf einen Unfall zurückzuführen, spielt keine Rolle. Er kann nur liegen. Aber was für eine Aktion starten sie da! „Wie soll man sich das vorstellen, dass über eine in einem Zimmer versammelten Menge die Decke aufgegraben wird,  Brocken herabfallen und eine Matte mit einem Kranken herabgelassen wird, ohne dass die Leute ausweichen können?“(W. Grundmann, aaO. S. 75) Ja, wenn es nur Dachziegel wären – die kann man leicht aufdecken. Aber so ein Lehmboden als Dach!  Unmöglich. Mir scheint, dass es Markus darauf anlegt: Was hier geschieht, ist nicht alltäglich, gewiss nicht normal, sondern unmöglich.

Wenn man die Vier doch nur fragen könnte, was sie zu ihrem Tun bringt. Es wird nicht erzählt, in welchem Verhältnis sie zu dem Gelähmten stehen – ob sie Nachbarn, Verwandte, Freunde sind. Nur ihr Ziel wird sichtbar: dieser Gelähmte muss zu Jesus. „Man muss ihn Jesus überlassen, indem man ihn dem Mann aus Nazareth  ganz buchstäblich vor die Füße legt, unabweisbar, unübersehbar, zwingend. Mehr als diese Leute hier versuchen, kann kein Mensch, kein Seelsorger, kein Arzt, kein Priester für den anderen tun.“(E. Drewermann, aaO. S. 231)

Das Bett, κρβαττος, auf dem sie ihn herunterlassen, wird wohl eher eine Matte, eine Trage sein. Kein Bett, wie es heutzutage in unseren Häusern steht.

5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

Ihr stummes Bitten, ihren Glauben also sieht Jesus. πστις steht da. Dieser Glaube zeigt sich handfest, in ihrer Beharrlichkeit und Kühnheit, darin, dass sie den Widerspruch und die Aufregung des Hausherrn in Kauf nehmen, Schadensersatzforderungen riskieren. Kein Wort des Bekenntnisses. Aber eine Tat, die Bekenntnis ist. Auf diesen Glauben der Vier antwortet Jesus. Von einem Glauben des Gelähmten ist nicht die Rede.  

             Und dann: „Es geschieht, gestehen wir, etwas tief Enttäuschendes. Ein jeder wartet jetzt, dass er den Kranken wandeln heiße. Aber es geschieht nichts. Christus sagt nur etwas. Er sagt ihm, dass ihm seine Sünden vergeben seien.“(P. Schütz, ebda.) Jesu Antwort: Deine Sünden sind dir vergeben, passt nicht zusammen mit der spektakulären Aktion, passt vermutlich auch nicht zusammen mit den Erwartungen. Weder der Vier noch der Leute – noch des Gelähmten, der da so vor aller Augen transportiert wird. Ob ihm dieser Satz Jesu peinlich ist oder ihm zusetzt: Was sagt der da von mir?

      Das aber geschieht in diesen Worten: Jesus stellt sich zu diesem Kranken. Mein Sohn. Τκνον. Kind. Er tritt zu ihm, der sich ja nicht bewegen kann. Er nimmt ihn an. Ihn, von dem doch alle denken mussten: Wer so geschlagen ist, lahm gelegt, festgelegt, für den gibt es kein Wort mehr, das ihm eine neue Existenz eröffnet.

  6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin?

Prompt regt sich Widerspruch – in den Herzen. Merkwürdig allerdings: es ist ein Widerspruch, der nicht sagt: Das ist doch zu wenig gesagt. Sondern der ganz im Gegenteil sagt: Du nimmst den Mund zu voll, du Jesus aus Nazareth.  Das steht Dir nicht zu, was du hier sagst. Du überschreitest eine Grenze, die uns Menschen gesetzt ist.

Der Einwand der Schriftgelehrten ist ein Einwand mit jedem Recht! Wir können Fehler verzeihen, aber nicht aus eigener Ermächtigung Sünden vergeben. Beim Sündenvergeben geht es um die verletzte Gottesbeziehung: Weil Sünde – μαρταkein anderes Wort für Fehler oder Bösartigkeit ist sondern ganz streng diesen einen Inhalt hat: Sünde trennt von Gott, weil sie seinem Willen widerspricht. Weil sie den Weg Gottes verfehlt. Weil sie seine Ehre verletzt. Weil sie sein Gott-sein leugnet. Weil sie ihm Glauben, Hoffnung und Liebe schuldig bleibt.

Jesus aber erkennt diese Gedanken. Er ist ja der Herzenskenner. Und spricht sie auf ihre Gedanken an, auf ihre Herzen – καρδαι. Hat er zuvor den Gelähmten auf seine Vergangenheit angesprochen und frei gesprochen, so spricht er jetzt die Schriftgelehrten an, um ihnen den Weg in die Freiheit zu bahnen. Aus ihrem fest gelegten Denken.

Was würde ich antworten auf die Frage, was leichter ist?  Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass Jesus für seine Antwort, das Schwerere zuerst zu tun, es auch zum zentralen Inhalt seiner ganzen Sendung zu machen, den höchsten Preis bezahlen wird. In der Hingabe des eigenen Lebens. Das aber steht im Haus in Kapernaum noch nicht zur Debatte.

 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

             Ist das eine Demonstration seiner Vollmacht? Jedenfalls: Er zeigt ihnen, dass hinter seinen Worten Macht steht – ξουσα. Es ist die Macht Gottes. Daran kann kein Zweifel sein. Es ist die Macht, die er in Anspruch nimmt, um einen wie den Gelähmten neu in Beziehung zu Gott zu bringen. Ihn herauszulösen aus dem Gefängnis seiner verlegenen Jahre, ihn herauszulösen aus den Klagen und Anklagen, aus den Verwünschungen, aus dem resignierten Abwinken: Seid mir still von Gott, der Wunder tun kann. Mich hat er festgelegt, regelrecht festgenagelt auf mein Bett. Das ist doch kein Leben.

Jesus befiehlt. Es geht ihm nicht darum, in einer theologischen Debatte das letzte Wort zu behalten. In seinem Befehlen wendet er sich von den Diskussionspartnern ab, dem Gelähmten zu. Ihm gilt das letzte Wort. Das Wort, das ihn auf den Weg in die Freiheit stellt, in eine neue Zukunft. Auf den Heimweg. Ob man das mithören darf? παγεες τν οκν σου Geh dorthin, wo du erst wirklich Zuhause bist – in das Vaterhaus Gottes.

So will ich zwar nun treiben mein Leben durch die Welt,
doch denk ich nicht zu bleiben in diesem fremden Zelt.
Ich wandre meine Straße, die zu der Heimat führt,
da mich ohn alle Maße mein Vater trösten wird.                                                                                             P. Gerhardt, 1666/67   EG 529

 Das wird für mich mehr und mehr zum Zielpunkt dieser Erzählung. Das Wort und die Tat Jesu machen den Weg nach Hause für den, der so festgelegt war, bewegungsunfähig, wieder frei. Der Rest seines Lebens wird Heimweg sein können. Und nichts und niemand kann ihm diesen Weg mehr verwehren, den Jesus ihm hier geöffnet hat. Das ist das eigentliche Wunder, von dem hier erzählt wird: Der Heimweg ist wieder frei.

12 Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

             Seit Jahren denke ich darüber nach: Ist es nur Ordnungssinn, dass der Gelähmte die Matte nicht stehen und liegen lässt? Dass er nicht einfach losrennt. Mir scheint es anders. Jetzt kann er seine Vergangenheit, die verlegenen Jahren annehmen und tragen. Sie sind ihm nicht mehr Last, nicht mehr Quell einer stetigen Bitterkeit. Sie gehören zu ihm und er muss sie nicht wegwerfen. Nicht verleugnen, nicht aus seinem Leben auslöschen. Er kann sie tragen. Er kann sie mitnehmen auf den langen Heimweg, der jetzt vor ihm liegt. Weil es Jesus ihm in seinem Wort zutraut: nimm dein Bett und geh heim!

       Es ist dieses Zutrauen, das ihn aus dem Gefängnis seiner Vergangenheit löst und ihn jetzt frei sein lässt. Und alle, die es sehen, reiben sich die Augen. Staunen, verwundern sich, entsetzen sich. Und es ist wahr: Dass Vergeben so tief geht, dass Befreiung so lösen kann, das gibt es nicht alltäglich. Das gibt es nur hier. Bei Jesus.

Zum Weiterdenken

So oft ich diese Geschichte auch gelesen habe, so oft ich über sie gepredigt habe, erst heute ist es mir aufgefallen: Der Gelähmte, der geheilt wird, sogt in dieser ganzen, so detailreichen Erzählung kein Wort. Was in ihm vorgegangen sein könnte – wir erfahren nichts davon. Er ist irgendwie nur Objekt. Ob er gefragt worden ist von den Vieren, dass er einverstanden ist, wenn sie ihn zu Jesus bringen? Ob er sie darum gebeten hat? Ob er sich dagegen gewehrt hat? Ob ihm ihre Aktion mit dem Dach peinlich war? Alles offen. Auch die Debatte, die dann angezettelt wird – von wegen Sündenvergebung – erlebt er ungefragt und schweigend mit. Erst ganz am Ende darf und kann er aktiv werden, wenn er sein Bett nimmt und geht. Sein ganzer Kommentar zu diesem Geschehen besteht darin, dass er tut, was Jesus ihn tun heißt.

Vielleicht muss man nicht immer etwas sagen, nicht immer mit Worten eingreifen in das Geschehen. Es reicht, die neuen Schritte einfach zu tun. Loszugehen.

Es sind so viele, die lahm gelegt werden. Durch Schicksal. Durch Krankheit. Durch Lebensumstände. Gelähmt in der Seele und dann auch im Leib, im Leib und dann auch in der Seele. „Neben einer Gelähmtheit aus Schuldangst gibt es auch die umgekehrte Form der Lähmung: eine resignierte, antriebslose Passivität… Vielleicht ist diese Form der Gelähmtheit heute sogar am meisten verbreitet: Ein Sich-treiben-Lassen aus Angst vor jeder Form eines eigenen Leben.“(E. Drewermann, aaO. S. 228) Das bedenkend könnte man die Frage Jesu variieren: Was ist schwerer, der gelähmten Körper oder die gelähmte Seele zu heilen?

 

Gott das ist mein Leben. Tag um Tag angewiesen auf Hilfe, warten, wer Zeit hat, sich Zeit nimmt, die Ungeduld spüren bei mir selbst, mit mir selbst, bei ihnen die mir helfen, dass sie es aushalten mit mir.

Vergeblich der Kampf gegen die Krankheit, das Betteln, das Fluchen, das Schreien, das Schweigen. Innerlich vertrocknet, leer gelaufen, müde geworden spüre ich die Verlegenheit mir gegenüber, über mein verlegenes Leben.

Fort getragen, hin getragen, hinab gelassen, ins Blickfeld gerückt aus der Unsichtbarkeit. Fast wider Willen gehorchen meine Füße dem unsinnigen Befehl – Die ersten Schritte, zögernd, unsicher, tastend – und doch auf die eigenen Füße gestellt. Nicht mehr getrennt vom Leben, befreit aus der verlegenen Zeit zum Weg ins Offene, ins Ungewisse.

Gott, und ich gehe hinein  in das neue Leben, gehe den Weg ins Offene, Ungewisse, gehe Deinen Weg. Amen