Wenn das Herz überläuft

Markus 1, 40 – 45

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen.

             Ein wenig unbestimmt geht es weiter. Weder Zeit noch Ort des Geschehens sind benannt. Nur, dass jetzt ein Einzelner kommt, ein Aussätziger. Bittend. Heilung suchend. Und er fasst sein Vertrauen in Worte. Willst du, so kannst du mich reinigen.

             Um die Größe dieses Vertrauens zu ermessen, muss man wissen: „Wer vom Aussatz geschlagen war, galt als lebend tot. Seine Heilung kam der Auferweckung eines Toten gleich.“ (J. Gnilka, aaO. S. 92) Auch das schwingt mit: die Begegnung mit einem Aussätzigen ist gefährlich, weil sie unrein macht. Darum werden sie isoliert. Auch deshalb, weil ihre Krankheit „als göttliche Strafe für begangene Sünden“ (J. Gnilka, ebda.) gilt und die Aussätzigen damit als Sünder.

So riskiert also der Aussätzige in dieser Begegnung und mit seiner Bitte schroffe Zurückweisung und Jesus riskiert Ansteckung.

 41 Und es jammerte ihn und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will’s tun; sei rein! 42 Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein.

             Sein Bitten aber läuft nicht ins Leere. Es geht Jesus nahe, so nahe, dass man auch übertragen, wenn auch nicht übersetzen könnte: „Es drehte ihm das Herz im Leib um.“(W. Klaiber, aaO. S. 53) Dass er so bewegt wird, vom Erbarmen ergriffen, lässt ihn handeln. Er berührt den Unberührbaren: Ich will’s tun; sei rein! Kein Gebet, keine Anrufung Gottes: Ich will`s tun. Sein Wille wirkt. Sein Anrühren ist wie eine Ansteckung mit Gesundheit. Die Krankheit weicht. Einmal mehr: εθς, sofort. Da, wo Jesus sein Machtwort spricht, gibt es keine Zeitverzögerung.  

„Christus heilt den kranken Leib. Dass wir den Leib nicht verachten. Im Menschenleibe ist die ganze Welt enthalten.“(P. Schütz, aaO. S. 208) Szenen wie diese verhindern, dass aus dem Evangelium eine nur spirituelle Angelegenheit wird. Gott will Leiblichkeit und will Heil auch für den Leib, nicht nur für die Seele.

 43 Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich 44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 

Jetzt schafft Jesussich ihn vom Hals. Er bedroht ihn, drängt ihn weg.  ἐμβριμησμενος, anschnaubend“. Fast, als wäre er ihm lästig. Oder will er nur, dass der ihm nicht nachläuft und schreit: Er da hat mich geheilt!

Jesus schickt ihn zum „ordnungsgemäßen Gesundheitsamt.“ Es ist Aufgabe der Priester, seine Reinheit festzustellen. Und es ist seine, des Aussätzigen Aufgabe, die Dankbarkeit für diese Reinheit Gott gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Durch das Opfer.  So wird für ihn dann auch der Rückweg in die Gesellschaft wieder frei. Er gehört wieder zur Gemeinschaft, auch zur Gemeinschaft derer, die vor Gott stehen.

Ihnen zum Zeugnis. Das versteht sich nicht wie von selbst. Dahinter kann schlicht die Anerkennung stecken: Jesus will nicht einen Weg an den Geboten vorbei aufmachen. Er sieht sich mit seiner Kraft auch unter der Wegweisung des Gebotes. Vielleicht kann man auch über die erzählte Situation hinaus verstehen: die sich dem Gesetz verpflichtet fühlen, „sollen erkennen, dass die christliche Gemeinde, die sich hier auf Jesus beruft, das Gesetz nicht bricht.“ (J. Gnilka, aaO. S. 94)

45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

             Er aber, der geheilt worden ist, handelt, als hätte er nicht zugehört. „Er kann nicht schweigen. Sein Herz läuft über.“(P. Schütz, aaO. S. 209) Gegen den Willen seines Heilers erzählt er, macht die Geschichte bekannt. „Der bislang von der Gesellschaft Ausgeschlossene wird zum Verbreiter des Ruhmes des Wundertäters.“(J. Gnilka, ebda.) Bei wie vielen hat sich das im Lauf der Geschichte wiederholt: aus Außenseitern sind Boten Jesu geworden. „Auch später wird Jesu Auftrag zu begrenzter Publizität öfter übertreten.“(K. Berger/C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 199, S. 397)

Hier führt es zunächst einmal dazu, dass Jesus die Städte meiden muss. Er hält sich draußen auf, an einsamen Orten. Aber der Zulauf zu ihm wird davon nicht aufgehalten. Mir will es scheinen, als könnte auch darin eine tiefere Wahrheit stecken: Natürlich lässt sich Jesus auch im Gewühl der Großstadt finden. Aber es scheint doch häufiger so zu sein, dass es den Weg heraus aus dem Betrieb und dem Getriebe braucht, den Schritt in die Einsamkeit. Um die eigenen Bedürfnisse wirklich wahrnehmen zu können und auch, um die eigene Sehnsucht zu spüren. Die sich nicht lautstark, sondern leise meldet.

Zum Weiterdenken

Da sagt einer, was er erlebt hat – trotz des strengen Redeverbots. Sein Ungehorsam gegen den Befehl Jesu wird nichtdurch eine Rückkehr des Aussatzes bestraft! Sein Ungehorsam allerdings macht Jesus Schwierigkeiten.  Es ist so eine Sache mit dem Gehorsam und dem Ungehorsam: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“(D. Bonhoeffer) Es ist gut, solche Hoffnungen zu haben.

Leicht zu überlesen: Jesus entzieht sich dem ungewollten Zulauf durch Ausweichen. In die Einsamkeit. Auch weil er nicht auf das „Bad in der Menge“ aus ist, nicht süchtig nach Zulauf, nach Anerkennung. Er braucht nicht ständig Betrieb um sich. Es scheint, dass er, manchmal wenigsten, seine Ruhe wollte, Abstand, Zeit, um sich selbst zu sammeln. Es hat sicher Bedeutung, dass dieser Rückzug in die Einsamkeit im Anfang des Evangeliums gleich zweimal erzählt wird.

             Eine Frage schließt sich an: Kann es sein, dass Jesus manchmal regelrecht Angst hatte, wenn von allen Seiten Menschen auf ihn einströmten? Angst, dass er ihnen nicht gerecht werden könnte? Angst, dass er sie in ihren Erwartungen enttäuschen müsste, weil es über seine Kräfte geht? Weil sie von ihm erwarten, was nicht seinem Auftrag entspricht? Das ist eine Vorstellung, die sich wie von selbst zu verbieten erscheint – ein Jesus, der sich selbst überfordert fühlt und deshalb abblockt. So menschlich wollen wir den „Sohn Gottes“ nicht sehen. Und doch – gerade ihn so zu sehen könnte ja auch helfen, ihm nahe zu kommen

 

Manchmal, mein Gott, können wir nicht schweigen von dem, was Du an uns getan hast. Manchmal müssen wir es einfach weitersagen, weil wir überwältigt sind, uns das Herz sonst platzen würde.

Gib Du, dass unser Reden von Deinen großen Taten niemand den Weg zu Dir versperrt, dass es Dich nicht unmöglich macht, aus Dir einen Wundergott macht, der nichts mit dem Schmerz des Lebens zu tun hat.

Gib Du, dass der Überschwang über die erfahrene Güte nicht ins Leere läuft, dass wir auch dann an Dir festhalten, wenn die Wunder auf sich warten lassen, wenn Du auf Dich warten lässt. Amen