Der betende Heiland

Markus 1, 29 – 39

 29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Und die Schwiegermutter Simons lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr.

             Ging es vom See in die Synagoge, so geht es jetzt, wieder alsbald, ohne Aufenthalt, aus der Synagoge in ein Privathaus. In das Haus des Simon. Gleich mit aufgezählt werden sein Bruder Andreas und die beiden Zebedäus-Söhne, Jakobus und Johannes. Es sind also alle da, die Jesus zuvor am See gerufen hat.

Wie nebenbei erfährt die Leserschaft: Simon ist verheiratet. Seine Schwiegermutter wohnt mit im Haus und ist krank. Fieber. „Das galt in der Antike als lebensbedrohliche Krankheit.“ (W. Klaiber, aaO. S. 49) Wieder das Wort, das wie ein Lieblingswort des Markus wirkt: εθς, Sofort. Es wird wohl so sein, dass Jesus informiert wird. Vielleicht auch, weil sie als Gastgeberin dadurch ausfällt, dass sie ans Bett gefesselt ist. Ob in der Information irgendwie verborgen eine Erwartung an Jesus mitschwingt, lässt sich nicht sagen, unmöglich aber ist es nicht.

  31 Da trat er zu ihr, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen.

             Es ist ganz schlicht erzählt: Jesus tritt an das Lager der Kranken, ergreift ihr Hand, richtet sie auf. Die so aufgerichtet wird, wird fieberfrei. Jetzt kann sie, die an der Hand gefasst worden ist, selbst wieder anpacken. Vielleicht hat sie in der handgreiflichen Zuwendung gespürt:Ich bin als Person angesehen. Ich werde nicht nur als Gastgeberin gebraucht. Dann heißt es: Sie diente ihnen. διακνειν – dienen – unser schönes Wort „Diakonie“ hat hier seine Wurzel. In dem Dienst, den eine Frau an ihren Gästen übernimmt. Das ist noch weit weg von Professionalisierung, aber nah dran am persönlichen Bezug. Wie dieses Dienen an diesem Tag aussieht, wird nicht erzählt.   

 32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn.

            Es spricht sich herum. Vielleicht auch ist diese Fieber-Heilung im Haus der Auslöser  dafür, dass sie jetzt alle kommen, alle gebracht werden, Kranke und Besessene. Die ganze Stadt läuft zusammen vor dem Haus. Aber sie suchen nicht das Haus, sondern ihn. Jesus. Und er lässt sich suchen und finden. Er wendet sich den Kranken zu. Hilft, heilt, treibt Geister aus. „Die Unterscheidung, dass sich alle Kranken versammeln, von denen viele geheilt werden, darf wohl beachtet werden. Es bleiben Ungeheilte zurück.“(J. Gnilka, aaO.  S. 87) Das liest sich wie ein Hinweis: die Krankenheilungen Jesu sind keine Wunder, die beliebig reproduzierbar sind. Und sie sind kein Heilungsversprechen für alle, zu allen Zeiten. Auch heute.

„Aber-Geister“: δαιμνια. Dämonen. „Stimmen der Opposition und der Verneinung in uns, die auf dem Weg zum Glück, zu uns selbst, zu unserer Wahrheit immer wieder mit mechanischen Gegenreden und Einwänden sich zu Wort melden. Kaum meinen wir, mit Händen  greifen zu können, wozu wir berufen sind, da beginnen diese Geister in uns zu reden.“(E. Drewermann, Das Markusevangelium, Oltern 1987, S. 207)Es braucht nur ein wenig Lebenserfahrung, um zu verstehen, was gemeint ist. Diese inneren Stimmen, die sagen: „Das wird nie etwas. – „Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.“ – „Du hast noch nie Glück gehabt.“ Sie sind wie böse Geister und es braucht Macht, die Macht der Güte, um sie aus unserem Inneren zu vertreiben. Und er, Jesus, führt auch an dieser Stelle in die Freiheit.

Ein bisschen verwunderlich wirkt der Satz Er ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn und ist doch erklärlich. Jesus will keinen Beifall von der falschen Seite. Auch keine Bekenntnisse von der falschen Seite. Und vor allem: Er will kein Bekenntnis, das nur auf die Wunder aus ist, zur Unzeit.

  35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

Noch vor Tage – der Schritt ins Alleinsein. Niemand kann für andere wirklich da sein, der nicht sich selbst und seiner Seele Zeit gibt. Niemand kann anderen Gott nahe bringen, der nicht sich selbst in die Nähe Gottes hält. Es ist der Lebensgrund Jesu, dass er die Stille vor Gott sucht. Gott sucht in der Stille des Morgens.

 36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

             Fehlt es Simon – und den anderen, die bei ihm waren – am Gespür für das, was Jesus braucht? Oder ist Simon einer, der getrieben wird von dem Suchen anderer und deshalb selbst antreibt? „Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist“  Man muss es doch ausnützen: Jedermann sucht dich. Ihr „Suchen ist mit selbstsüchtigen Wünschen vermischt.“ (J. Gnilka, aaO. S.88) Aber Jesus ist nicht daran interessiert, seinen Zulauf auszunützen. Jetzt eine Krankenbehandlungsstation in Kafarnaum zu eröffnen.

Er handelt in einem anderen Auftrag. Er kennt seine Berufung. Er ist gekommen zu predigen. κηρσσω „Herold sein, öffentlich bekannt machen, ausrufen.“(Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S. 436) Das ist seine Berufung: Das Reich Gottes ausrufen. Seine Nähe ansagen – in Worten und in Werken.

 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

             So beginnt er nun „A Preaching Tour“(Überschrift Greek New Testament UBS5), seine Predigt-Reise durch die Synagogen Galiläas. „Galiläa ist die Verkündigungsprovinz Jesu.“ (J. Gnilka, aaO. S. 89) Jetzt erleben sie ihn in den Orten und Synagogen, von dem sie zuvor nur gerüchtweise Kunde  hatten. Sie hören ihn und erfahren: er führt in die Freiheit. Im „Galiläa der Heiden“(Jesaja 8,23) leuchtet ein großes Licht auf. Der Weg der Verkündigung führt Jesus zuerst zu denen, die in den Augen der Großen nicht zählen, die abgeschriebene Leute in einer armseligen Provinz sind.

Zum Weiterdenken

Der Weg Jesu an die einsame Stätte ist wie eine Vorlage für einen Brief – fast 1200 Jahre später:

„Damit Deine Menschlichkeit allumfassend und vollkomümen sein kann, musst Du also nicht nur für alle anderen, sondern auch für Dich selbst ein aufmerksames Herz haben. Denn was würde es Dir sonst nützen, wenn Du ‑ nach dem Wort des Herrn ‑ alle gewinnen, aber als einzigen Dich selbst verlieren würdest? Wenn also alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? Wie lange bist Du noch ein Geist, der auszieht und nie wieder heimkehrt? Wie lange noch schenkst Du allen andern Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber!(Bernhard von Clairvaux an Eugen III.)

             Wenn Jesus sich diese Rückzug in die Stille gönnt – weil er ihn nötig hat – wer sind wir, das wir auf diesen Rückzug so oft verzichten?

 

Herr Jesus, mit meinem Beten ist es nicht weit her. Viele Worte, aber das Herz bleibt oftmals stumm. Ich müsste eigentlich… Aber dann bin ich müde, verzagt, kleingläubig und mein Beten dreht sich im Kreis um sich selbst, um mich selbst.

Du Jesus, stehst vor dem Vater und bittest für mich, für uns, für alle Menschen, für Deines Vaters Welt. All mein armes Beten, all mein Scheitern im Beten ist gut aufgehoben bei Dir,, in Deinem Beten.

Du nimmst meine Worte, mein Stammeln, mein Schweigen, mein Verstummen, machst Dir mein Sagen und mein Unsagbares, machst Dir mich zu eigen und trägst zum Vater: Für ihn bitte ich.

Das danke ich Dir – von Herzen. Amen