Wirkendes Wort

Markus 1, 21 – 28

21 Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. 22 Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

             Der Weg führt vom See in die Synagoge. Man könnte meinen: weg vom rauen Alltag in die heile Welt des Gottesdienstes. Nicht irgendwann, sondern am Sabbat. Sabbat ist der Tag der Befreiung von der Alltagsarbeit, der Ausrichtung auf Gott. Dort fängt Jesus an zu lehren. „Lehre in der Synagoge bedeutet Auslegung der Heiligen Schriften. In diese Tradition reiht sich Jesus ein.“ (W. Klaiber, aaO., S.44)

 Aber anders als je einer vor ihm getan hat. Ob er besonders originell war? Das interessiert nicht. Wir erfahren alles nur aus dem Blick auf die Reaktion der Hörer. Sie entsetzen sich. Geraten aus der Fassung. Denn er lehrt mit Vollmacht. Genauer: wie ein Vollmacht Habenderξουσα  Ist das die innere Kraft, aus der er spricht? Dass man ihm abspürt: hier redet einer nicht nur Richtiges vor sich hin, sondern er ist richtig, wahrhaftig. Er ist, was er sagt. „In Jesu Lehre redet Gott wieder so mit den Menschen, dass die von Gott Geschiedenen dadurch wieder in die Gemeinschaft mit Gott zurückgeholt werden. Gnade geschieht.“ (E. Schweitzer, aaO.;  S.27)Jedenfalls: es ist kein sanftes Gesäusel. Es ist auch nicht nur Richtiges über alte, heilige Texte. Es ist spürbare Kraft. „Eine Lehre – mit Macht gepaart!“ (P. Schütz, aaO.; S.203)

  Und doch: diese Vollmacht wird sofort, εθς, subito, in Frage  und auf die Probe gestellt werden.

23 Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist; der schrie: 24 Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! 25 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! 26 Und der unreine Geist riss ihn hin und her und schrie laut und fuhr aus von ihm.

             Mancher mag gedacht haben: Nur schöne Worte. Aber es ist mehr als eine schöne Sprache. Wirklichkeit wird aufgedeckt – nicht analysierend, sondern durch die Lehre. Der Hintergrund wird sichtbar, manifest. Es ist, als würde die Gegenwart Jesu die Gegenwart durchsichtig machen – auf die Mächte, die lieber im Verborgenen sind.

Wir sind ratlos, wenn von unreinen Geistern, auch von bösen Geistern die Rede ist. πνεύματος ἀκαθάρτοςein ungereinigter Geist steht hier und nicht das übliche Wort für Dämonen. Man könnte auf die Idee kommen: ein verwirrter und verirrter Geist. Dennoch, es ist nicht einfach Krankheitsdiagnose. Damit kämen wir zurecht. Aber gemeint ist mehr: Wirklichkeit, die mit der Wirklichkeit Jesu im Kampf liegt, die sie als Angriff erfährt. Wo Jesus auftritt, ist kein Platz mehr für Dämonen, Geister. Für Mächte, die ihr eigenes Spiel spielen wollen und über Menschen verfügen. Auch nicht für Verwirrungen und Verirrungen. Es ist ein Kampfgeschehen, das sich hier ereignet.

Böse Geister sind auch heute reichlich am Werk. Der Geist der Selbstsucht. Der Geist der Gier. Der Geist, der Geld für heilig und den Besitz von möglichst viel Geld schon für das Heil hält. Der Geist, der keinen Respekt vor der Unverletzlichkeit des anderen kennt – vor seelischer und leiblicher Integrität. Der Geist, der übergriffig werden lässt, „Männer-Rechte“ einfordert, einfach, weil er Frauen als Freiwild sieht. Der Geist der Fremdenfeindlichkeit und der dumpfe Nationalstolz. Böse Geister zuhauf. Und die Frage heißt allemal: Sind wir als Kirchen bereit, ihnen entgegen zu treten, sie als Ungeister erkennbar zu machen, ihnen zu gebieten: Fahre aus! Weg mit Dir:

Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten! Das ist das Abwehrgeschrei des bösen Geistes. „Wer fragt, was er mit einem anderen zu schaffen habe, will mit ihm nichts zu schaffen haben.“ (J. Gnilka, aaO.; S.80) Es ist merkwürdig: aus dem Mund des Dämon kommt ein Bekenntnis – aber nicht als Anerkennung, sondern als Weh-Geschrei: du bist der Heilige Gottes! Das gibt es also: Christus-Bekenntnis, das nicht zum Glauben führt, sondern das den Glauben fürchtet. Das Christus wie einen Feind fürchtet. Weil es spürt: Seine Macht steht gegen meine Macht-Ansprüche.

Die Antwort Jesu: er bedroht ihn. Er gebietet ihm. Er vertreibt ihn. Jesu Wort, so zeigt es sich hier, ist eben nicht leeres Gerede. Es ist Machtwort. Es wirkt. Und der Kranke, der besetzte, besessene Mann wird frei. „Mit Jesus dringt Gottes Herrschhaft in den Bereich der Dämonen, des Satans, der Macht des Bösen und der Übel ein, um sie zu verderben…Das krankhafte unterjochte Ich des Besessenen wird frei und hat sich selbst wieder gefunden.“ (W. Grundmann, aaO., S.61)

Das also ist der Auftakt des Wirkens Jesu: er befreit. Er führt heraus aus der inneren Gefangenschaft. Aus der Knechtung unter scheinbar unausweichliche Mächte.

Jesus ist kommen, der starke Erlöser, bricht dem gewappneten Starken ins Haus,
sprenget des Feindes befestigte Schlösser, führt die Gefangenen siegend heraus.
Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser.
                                                                    J.L.K Allendorf 1736, EG 66

„Es ist kein Zufall, wenn Jesus sein Wirken in der Öffentlichkeit mit einem Exorzismus beginnt.“(J. Gnilka, aaO.; S.80) Mit einer Befreiungstat. Wir verstellen uns den Zugang zu diesem Geschehen, wenn wir bei Exorzismus gleich irgendwelche dubiosen religiösen Scharlatane hören und am Werk sehen. In Wahrheit geht es um Befreiung -–von den Sachzwängen, von der Logik, die sich alternativlos gebärdet, von den Festlegungen, in die wir hinein gepresst worden sind. Immer geht es um Befreiung aus Gefängnissen, die wir gar nicht mehr als solche wahrnehmen!

 27 Und sie entsetzten sich alle, sodass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern und sie gehorchen ihm!

             Wieder Entsetzen. Diesmal eine anderes griechisches Wort, bei dem auch verhalten das Staunen mitschwingt. Weil sichtbar wird: Sein Lehren ist Tat. „Das war sein Gewaltig-Lehren, dass sein Wort sofort umsprang in Wunder und Taten, dass es die Welt verwandelte in einem Augenblick, wo auch immer sein Hauch auftraf, dass es herrscherliches Wort war.“ (P. Schütz, aaO. S.204)

             Das sehen sie, die in der Synagoge sind, und geraten ins Fragen. Wir würden heute vielleicht sagen: Sie geraten ins Schleudern. Das alles ist so fremd, so unheimlich auch. Dass einer sich nicht abfindet mit der Herrschaft des Bösen, nicht klein beigibt, sondern widerspricht. Diese Herrschaft bricht. In der Synagoge!

Was für ein faszinierendes Bild: Die Synagoge als der Ort, wo nicht nur die Tradition gepflegt wird, sondern Neues anbricht. Aufbricht. Wenn das das Bild unserer Kirchen wäre!

 28 Und die Kunde von ihm erscholl alsbald überall im ganzen galiläischen Land.

             Wie könnte es auch anders sein. Was sich in Kapernaum, dem Kaf des Nahum, abgespielt hat, spricht sich herum. Wieder εθς alsbald. Wie  ein Lauffeuer. In ganz Galiläa. Das ist sicherlich einfach erst einmal eine Notiz, die die Wirkung von Wundern festhält. Wobei die Kunde – das Gerücht,  κο – ein durchaus vager Ausdruck ist. So richtig verstanden muss es nicht sein, was sie da weiter sagen. Aber Jesus ist im Gerede der Leute. Es ist aber zugleich auch die Hoffnung, die Markus hat: es soll sich herumsprechen, auch in der Gemeinde, die das Evangelium liest – damals und heute- dass mit ihm, Jesus, Neues auf dem Plan ist.

Zum Weiterdenken

Die Lehre Jesu ist kein Theorie-Modell. Er wirbt nicht um Zustimmung zu Sätzen über Gott. Seine Lehre ist die Vergegenwärtigung der Kraft Gottes. Handfeste Eröffnung neuer Lebenswege. Sie ist Befreiung aus Gefangenschaften, aus Bindungen, die eine*r vielleicht gar nicht einmal als solche bemerkt. Es ist mit Händen zu greifen, wie weit entfernt das von der gängigen Praxis heute ist. Wir versuchen, Menschen zur Zustimmung zu unseren Satz-Wahrheiten über Gott, Jesus und die Welt zu bewegen. Od er wir versuchen, sie zu einen Handeln zu bringen, das unseren ethischen Einsichten entspricht. Aber beides ist gleich weit entfernt von der Lehre Jesu in der Synagoge von Kapernaum. Da wird ein Mensch befreit. Frei zu neuem Leben. Selbstbestimmt und nicht mehr von wem auch immer getrieben.

Es fällt nur auf, wenn man die Texte in einem Fluss liest. Mit dem Auftreten Jesu bei der Taufe fängt es an – gleich sechsmal εθς. Alsbald. Sogleich. Es ist, als wäre ein Fluss in Bewegung gesetzt worden, ein Damm gebrochen, so sprudelt es heraus. Es ist nicht schlechter Stil – Deutschlehrer schreiben dann „Wiederholung“ an den Rand des Textes. Aber  es ist kein Stilmangel, sondern ein Stilmittel: Was hier als Geschehen angefangen hat, das geht nun seinen Gang. Unaufhaltsam.  Schritt für Schritt. sogleich, alsbald.

 „Es ist ein Wort ergangen, das geht nun fort und fort.                                                   Das stillt der Welt verlangen wie sonst kein ander Wort. 

Das Wort hat Gott gesprochen hinein in diese Zeit
Es ist hereingebrochen im Wort die Ewigkeit.
 

Du Wort ob allen Worten, du Wort aus Gottes Mund,
lauf und an allen Orten mach Gottes Namen kund.
 

Künd auf der ganzen Erde, dass Gott ihr Herre sei,
damit sie Gottes werde und andrer Herren frei.“                 A. Pötsch 1935

             Wenn man auf das Entstehungsjahr schaut – was für eine Kampfansage! Ganz au dem Geist dessen, der am Ufer des Sees sieht und ruft.

 

Jesus, Du brichst alte Bindungen auf. Du löst die Fesseln, die wir nicht lösen können. Du öffnest den Weg in die Freiheit, den wir uns nie zutrauen. Darüber lobe und preise ich Dich.

Wie viele Gebundene warten darauf, wie viele, die besetzt sind, beherrscht werden von Ängsten, Sorgen, gelerntem Verhalten, denen eingebläut worden ist, was nicht geht und was sich nicht gehört. Sie, wir alle warten auf das Wort, das freispricht, den Weg in die Freiheit öffnet.

Gib Du, dass unsere Worte befreien, aus Ängsten lösen, den Rücken stärken, dass sie ermutigen, sich an Dich zu binden, bei dem die Freiheit ist. Amen